Rundfunk in der DDR

Rundfunk in der Deutschen Demokratischen Republik

Rundfunk in der DDRHier findet Ihr den Text meiner Broschüre über den Rundfunk in der DDR, die im August 1991 im Kurzwellen-Pressedienst erschienen ist.

 

Anfänge in Trümmern

Berlin liegt in Trümmern. Der Zweite Weltkrieg ist erst seit Stunden beendet, erst zwei Tage sind seit dem Ende des Krieges vergangen, der ganz Europa in Trümmern legte und über Millionen und Abermillionen von Menschen Tod und Elend brachte.

Es ist der 10. Mai 1945. Gerade 48 Stunden sind seit der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation Deutsch­lands vergangen. An diesem Tage unterzeichnet der sowjet­ische Generaloberst N.E. Bersarin, seit der Eroberung Berlins durch sowjetische Truppen am 28. April 1945 Stadtkomm­andant, die Erlaubnis für die Errichtung eines Rundfunk­senders durch deutsche Antifaschisten – Kommunisten und Mitglieder des "Nationalkomitees Freies Deutschland", das bereits während des Krieges von der Sowjetunion aus den Sender Freies Deutschland betrieben hatte.

"Hier spricht Berlin! Hier spricht Berlin auf Wellenlänge 356 Meter! Wir beginnen unsere Sendung!"

Mit diesen Worten ist am 13. Mai 1945, nur fünf Tage nach Ende von zwölf Jahren des Grauens, wieder ein deutscher Sender zu hören.

Alles ist provisorisch. Ein heiles Studio gibt es in der zerstörten Stadt naturgemäß nicht. Der Sprecher dieser ersten Sendung sitzt in einem notdürftig hergerichteten Raum im Gebäude des Senden Berlin-Tegel. Mit Balken ist die brüchige Decke abgestützt, durch die zerbrochenen Scheiben klingt vom Hof Stimmengewirr herauf. Unmittel­bar vor Beginn der ersten Sendung um 20.00 Uhr stürzt der Sprecher an das Fenster und ruft in den Hof herunter, man möge ruhig sein, er beginne jetzt mit der Sendung.

70 Minuten dauert diese Sendung, bis der Sprecher sich um 21.10 Uhr mit der Ankündigung verabschiedet, man würde sich am nächsten Tag um 12.00 Uhr wieder melden.

Die Sendar sind zuvor von sowjetischen Nachrichten-Offizieren geschaltet worden. Eine Leitung zwischen Studio und Sender gibt es nicht. Die erste Sendung wird direkt am Sender gesprochen, nach dem Umzug in die notdürftig instandgesetzten Räumlichkeiten im Funkhaus an der Masurenallee werden die vorproduzierten Bänder mit dem Auto zum Sender transportiert.

In den folgenden Tagen legen sowjetische Pioniere ein Telefon-Feldkabel zwischen dem Funkhaus und dem Sender. Dank dieser Verbindung kann die Sendezeit ausgeweitet werden, die in den ersten Tagen nur zwei tägliche Stun­den betragen hatte. Innerhalb einer Woche steigt die Sende­zeit auf 19 Stunden täglich, so daß man zwischen 6.00 und 1.00 Uhr sendet. Doch noch sind Störungen häufig. Das eiligst über die Trümmer verlegte Kabel wird durch herabstürzende Trümmer beschädigt oder scheuert sich durch. Immer beheben sowjetische Soldaten die Schäden, so daß der Sendebetrieb fortgesetzt werden kann.

Die Aufgaben des jungen Rundfunks werden ihm von der Militärregierung gestellt. Er soll dazu beitragen, die Deutschen im Sinne einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung zu erziehen. Das beinhaltet die Berichterstattung über die Bildung demokratischer Parteien gemäß dem Befehl Nummer 2 der sowjetischen Militärregierung, das heißt, daß der neue Rundfunk dazu beiträgt, die Überreste des Hitlerregimes zu beseitigen, den Kampf gegen Hunger und Obdachlosigkeit anzugehen. Er propagiert den Aufbau demo­kratischer Selbstverwaltungsorgane, die Enteignung der Kriegsverbrecher und Nazibonzen und die Schaffung eines Blocks von antifaschistisch-demokratischen Parteien. Wie dieser Ansatz endete, wissen wir.

Nach dem Beginn der Sendungen stellt sich nun die Aufgabe, alle Teile der sowjetischen Besatzungszone mit dem Rundfunkprogramm des Berliner Rundfunks zu erreichen. Und das bedeutet natürlich den Aufbau eines Sendernetzes.

Am 29. August 1945 überträgt der Sender Leipzig erstmals probeweise das Programm aus Berlin, der reguläre Sende­betrieb beginnt am 15. September. In Magdeburg geht ein schwacher Gleichwellensender in Betrieb und am 15. Novem­ber beginnt ein 300-Watt-Mittelwellensender in Weimar mit der Ausstrahlung des Berliner Programmes. Dresden beginnt am 7. Dezember, Schwerin am 24. Dezember und der Langwellensender Königs Wusterhausen am 25. Dezember mit der Ausstrahlung des Berliner Rundfunks. So stehen am Ende des Jahres 1945 sieben Sender für die Ausstrahlung des neuen Rundfunks zur Verfügung.

Am 21. Dezember 1945 unterstellt der Stellvertreter des Leiters der Propagandaabteilung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), Oberst Tulpanow, den gesamten Rundfunk der Zentralverwaltung für Volks­bildung, die am 10. August 1945 gebildet worden ist. Gleichzeitig beginnen Vorbereitungen, neben den Funkhäusern in Berlin und Leipzig, in dem schon seit dem 22. Septem­ber 1945 eine Außenstelle des Berliner Rundfunks besteht, in allen Landesteilen selbständige Landessender in Betrieb zu nehmen. Diese Landessender in Dresden, Halle, Schwerin und Weimar sollen die deutschen Verwaltungen unterstützen und die Autorität der Landesregierungen stärken.

Ein Rundfunkstudio in Weimar ist am 1. Dezember 1945 feierlich eingeweiht worden und am 1. Januar 1946 sagt der Berliner Rundfunk erstmals den Landessender Weimar als angeschlossene Station an.

Die erste Sendung des Dresdener Senders geht am 7. Dezember über den Äther. Dieser Tag ist der Geburtstag des Mitteldeutschen Rundfunks mit Sendern in Dresden und Leipzig. Die Sendungen bestehen zunächst aus 15 bis 20 Minuten Nachrichten aus dem mitteldeutschen Raum. Damit ist der Mitteldeutsche Rundfunk die zweite Senderkette, die in der Sowjetischen Besatzungszone ein Programm ausstrahlt, das keine Übernahme aus Berlin ist.

Vom ersten Tage des Bestehens des Senders Schwerin gibt es auch Sendungen des Landessenders Schwerin.

Am 20. Juni 1946 spricht um 6.20 Uhr der Vizepresident der Provinzialverwaltung der Mark Brandenburg, Heinrich Rau, die Eröffnungsworte des Landessenders Potsdam.

Die Gründungsphase der fünf Landessender wird abgeschlossen, als am 24. Dezember 1946 der Landessender Halle sein erstes Programm ausstrahlt. Mit der Inbetriebnahme des Senders Bernburg wird der zu schwache Gleichwellensender in Magdeburg abgeschaltet.

In der Folge werden leistungsfähigere Sender aufgebaut und einige Landessender ziehen in bessere Funkhäuser um. Ab 1947 werden die Sendekapazitäten ausgebaut und weitere Sender in Betrieb genommen, so Leipzig II, der das Programm des Berliner Rundfunks übernimmt.

Am 3. Oktober 1948 beginnen die Sendungen des Deutsch­landsenders, der sich an Hörerinnen und Hörer in "ganz Deutschland" wendet – die Wiedervereinigung ist noch Ziel der DDR-Politik.

Die Zeit der eigenständigen Landessender, die relativ unabhängig von der Zentrale in Berlin ihre Programme produzieren können – wenn auch immer unter der Kontrolle der Staatsorgane -, währt jedoch nicht lange. Schon bald nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1949 wird ein Kurs der Zentrali­sierung eingeschlagen, der seinen Höhepunkt in der Auf­lösung der Länder und der Schaffung von Regierungsbe­zirken findet.

Von dieser Zentralisierung wird auch der Rundfunk nicht verschont. Im September 1952 werden alle Landessender, der Deutschlandsender und der Berliner Rundfunk zum Deutschen Demokratischen Rundfunk zusammengeschlossen.

Ab dem 7. September 1952 gibt es nur noch drei Programme, die zentral in Berlin produziert werden. Die westdeutsche Zeitschrift "Rundfunk und Fernsehen" nennt in der Mitte der 50er Jahre die drei Programme Berlin I, Berlin II und Berlin III.

Bei Berlin I handelt es sich um den Deutschlandsender, der sein "gesamtdeutsches Kampfprogramm" ausstrahlt über die Mittelwellensender Berlin-Köpenick (220 kW – 782 kHz), Schwerin (20 kW – 728 kHz), Erfurt (20 kW -801 kHz) und über die Kurzwellensender in Königs Wusterhausen auf 6115 und 7150 kHz. Darüberhinaus ist in Berlin der UKW-Sender 94,5 MHz in Betrieb.

Bei Berlin II dürfte es sich um einen Vorläufer des später startenden Radio DDR handeln. Das Programm be­handelt "Fragen des Marxismus-Leninismus" und das über den Langwellensender Königs Wusterhausen (100 kW – 185 kHz) und über die Mittelwellensender Dresden I (2 kW – 910 kHz), Dresden II (2 kW – 1016 kHz) und Bernburg (20 kW -1196 kHz).

Der "Pflege des Nationalen Kulturerbes" widmet sich das Programm von Berlin III, wobei es sich hier um den Berliner Rundfunk handeln dürfte. Neben dem Berliner UKW-Sender 92,5 MHz läuft Berlin III über die Mittel­wellensender Leipzig I (70 kW – 1042 kHz), Plauen (20 kW -1484 kHz), Potsdam (20 kW – 1570 kHz) und über den Kurz­wellensender Leipzig II auf 9730 kHz.

In der Woche vom 21.9. bis zum 27.9.1952 sah der Anteil von Wort- und Musiksendungen bei den Programmen der DDR so aus:

  Berlin I Berlin II Berlin III
Wortsendungen 3072 Min. 3072 Min. 3439 Min.
38,06% 37,65% 30,71%
Musiksendungen 4891 Min. 5101 Min. 5477 Min.
59,50% 63,44% 67,61%

Die Bezeichnung "Berlin I/II/III" ist ansonsten ungebräuchlich.

Seit dem 14. August 1952 unterstehen alle Rundfunksender in der DDR dem Staatlichen Komitee für Rundfunk, dessen Vorsitzender bis zum 1. August 1958 Kurt Heiß (natürlich SED) ist. Er wird von Prof. Herman Ley abgelöst.

 

 

Deutschlandsender

Deutschlandsender
Sender (1968): UKW Sonneberg 94,2 MHz 1 kW
Schwerin 95,25 MHz 10 kW
Leipzig 96,6 MHz 10 kW
Marlow 96,65  
Dequede 96,9 MHz 1 kW
Karl-Marx-Stadt 97,05 MHz 1 kW
Inselsberg 97,15 MHz 10 kW
Brocken 97,4 MHz 10 kW
Berlin-Köpenick 97,65 MHz 3 kW
MW Burg 782 kHz 250 kW
Schwerin 728 kHz 250 kW
Suhl 692 kHz 250 kW
LW Königs Wusterhausen 185 kHz 200/1000 kW
KW Berlin 6115 kHz 20 kW
Berlin 7185 kHz 5 kW

Der Deutschlandsender ist als "gesamtdeutsches Kampfpro­gramm" konzipiert und wendet sich sowohl an Hörer in der DDR als auch in der Bundesrepublik. Sein Sendestart ist am 3. Oktober 1948 als zweites Programm für die gesamte damalige Sowjetische Besatzungszone.

Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt über die Programme des Deutschlandsenders:

"Der Deutschlandsender besteht seit 1949. Seitdem funkte er täglich 24stündig über Lang-, Mittel- und Kurzwelle Agitationsnachrichten gen Westen, gestützt auf Berichte von Korrespondenten, die mehr im trüben denn im Licht der Bundesrepublik fischten. Seine 'operative' Arbeit hatte rein subversiven Charakter. Gelenkt vom Zentralkomitee der SED, 'westlich' aufgemacht, versuchte der Deutschlandsender Meinung zu manipulieren, ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt der Nachricht.
(…) Nie scheut man vor lügen­haften Verdrehungen zurück. Ein Meister dieser Taktik ist der Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler. Er ist der geisti­ge Urheber der antiwestlichen Argumentation. Ihm kam nur noch der zeitweilige Vorsitzende des Rundfunkkomitees, Gerhart Eisler, gleich. Der inzwischen gestorbene Agitator nannte bei­spielsweise Adenauer einen 'lächer­lichen, bösartigen Zwerg', den ehemaligen NATO-General Norstad einen 'niederträchtigen Halunken', wie überhaupt seiner Meinung nach in Bonn nur 'politische Mißgeburten' saßen.
Der Stil hat sich inzwischen ein wenig gewandelt. Man gibt sich sach­licher, doch nicht ohne Schärfe. Der Hörer wird stets höflich begrüßt: 'Einen wunderschönen Abend wünsche ich Ihnen, meine Hörerinnen und Hörer.' Oft werden Heine und Goethe strapaziert. Auch das Funktionärsdeutsch ist aus den Nachrichten und Kommentaren ver­schwunden. Morgens 'leichtes Frühpro­gramm', vormittags Jugend-, Schul- und Kinderfunk sowie Sendungen für die Hausfrau." (SZ, 8. 11. 1971)

Bei seinem Sendestart kriegt der Deutschlandsender seinen Auftrag mitgeteilt. Danach soll er als einziger Sender, der in ganz Deutschland gehört werden kann, vor allem an die westdeutschen Hörer wenden. "In seiner Aufklärungs­arbeit", heißt es in dem Programmauftrag, "bekämpft er die Lügenhetze und widerlegt sie durch Tatsachen aus dem Leben der Werktätigen im östlichen Deutschland." Eine seiner ersten Sendungen heißt "Wir sprechen für Westdeutschland", Grußsendungen wie "Von Hafen zu Hafen" oder "Für die Kumpel an Ruhr und Saar" sollen Einfluß auf die Menschen in der Bundesrepublik nehmen. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt in ihrem bereits oben zitierten Artikel weiter:

"Lange Zeit verstand er sich als Parteisender der KPD. Nie verheimlichte er, daß er die Ablösung der Gesell­schaftsordnung in der Bundesrepublik vorbereiten sollte. Keine Unruhe war ihm zu klein, keine Unzufriedenheit zu gering, um sie nicht politisch auszuschlachten. Seine Korrespondenten vermittelten stets ein düsteres Bild der Zerrissenheit und des gesellschaft­lichen Niedergangs in der Bundesrepublik. Reportagen von Demonstrationen und Kundgebungen, von Streiks und Preisbe­wegungen wurden tagelang hintereinander wiederholt, so daß der Eindruck ent­stehen mußte, als sei die Unruhe in der Bundesrepublik ein Dauerzustand."

Pausenzeichen des Deutschlandsenders ist die Auftaktmelodie zu Wagners Meistersingern.

Ein Beispiel für die Sendungen des Deutschlandsenders ist eine Sondersendung über die Ostermärsche, die am Ostermontag 1966 ausgestrahlt wird:

"Guten Abend, meine Hörer. Der große Marsch der Vernunft geht zu Ende. In den heutigen Nachmittagsstunden fanden in dreizehn großen Städten der Bundesrepublik mmachtvolle Abschlußkundgebungen statt. Wir werden im Verlaufe dieser Sendung davon berichten. 145.000 waren dabei. So die offizielle Zahl der Kampagne für Abrüstung, die wir soeben erhielten. Die Anziehungs­kraft der Ideen des Ostermarsches hat sich also auch in diesem Jahr, 1966, erneut bewiesen. (…) Zu den Tausenden, die unterwegs waren, gesellten sich ausländische Atomwaffen­gegner: Belgier, Amerikaner, Franzosen, Griechen, Spanier…, wer zählt die Völker, nennt die Namen? Junge Franzosen verteilten während des Marsches rote Freundschaftsnelken. In Heidelberg fanden sich am Sonntag­abend amerikanische, spanische, japa­nische und deutsche Studenten zusammen, sangen ihre Lieder. Im Ruhrgebiet marschierte der Sohn Willy Brandts, Peter Brandt, im Zug der Demonstranten mit. Was sich vor dem Marsch mit der Unterzeichnung des Aufrufes schon andeutete, unter den 10.000 SPD-Mit­gliedern waren 14 Landtagsabgeordnete, die mit ihrer Unterschrift die Ziele der Kampagne für Abrüstung unterstützten, was sich, wie gesagt, vor dem Marsch andeutete, das fand während der Ostertage nun seine Bestätigung. Der Ostermarsch 1966 war eine Demonstration der friedliebenden Menschen in der Bundesrepublik, einer Macht, die dem Atomstreben einiger Herren in Bonn ein lautstarkes Veto entgegensetzt."

Ein weiteres Beispiel ist die Sendung "Denken ist die erste Bürgerpflicht – eine Sendereihe des Deutschlandsen­ders für westdeutsche Hörer". Ebenfalls am Ostermontag 1966 klang das so:

"Von einer Gruppe sozialdemokratischer Genossen, die sich in der Woche vor Ostern in der Hauptstadt der DDR aufhielten, wurde der Briefwechsel zwischen SPD und SED lebhaft begrüßt. Sie stimmten zu, daß im Mittelpunkt der Gespräche zwischen beiden Parteien die Kernfragen der deutschen Politik stehen müssen. Doch hielten es einige von ihnen gleichzeitig für opportun, daß der SPD-Fraktionsvorsitzende Fritz Erler bei seinen Unterredungen in Washington eine nukleare Teilhabe der Bundesrepublik befürwortet hat. (…)
Der stellvertretende SPD-Vorsitzende, Erler, hat nun sogar geäußert, daß ein wiedervereinigtes Deutschland nicht neutral sein, sondern sich an den Westen anlehnen solle. Damit macht er es uns mehr als schwer, einen Unterschied zwischen seiner Auffassung und den Eroberungsplänen zu entdecken, wie sie von Erhardt oder von Rassel im Namen der westdeutschen Imperialisten vorgetragen werden. Erler geht offensichtlich davon aus, daß die sozialistische DDR liquidiert werden müsse. Damit widerspricht er der in der offenen Antwort der SPD gegebenen Zusicherung: 'Eine Lösung der Deutschlandfrage, von der abhängt, daß Europa zum Frieden kommt, wird aber erst dann und nur dann möglich werden, wenn keine poli­tische Partei einer anderen politischen Partei unter Ausnutzen von Gewalt ihre Auffassung aufzwingt.'
Wir sind jedoch nach wie vor davon überzeugt, daß auch die Mehrheit der Sozialdemokraten alles getan wünscht, damit kein neuer Krieg von deutschem Boden ausgeht."

Der Deutschlandsender hat ausgedient, als sich die DDR immer weiter gegen den Westen abschottet und das Ziel der Wiedervereinigung zu den Akten gelegt wird. Im Rahmen einer größeren Umstrukturierung stellt der Deutschlandsender am 14. November 1971 seine Sendungen ein – zu­sammen mit der Berliner Welle. Aus ihnen entsteht am darauffolgenden Tag die Stimme der DDR.

Erst nach der Wende im November 1989 erhält die Stimme der DDR wieder den alten Namen Deutschlandsender, als die Mitarbeiter des Senders – von den Fesseln gelöst – dem deutsch-deutschen einsetzenden Vereinigungsprozeß Rechnung tragen wollen.

 

 

 

Berliner Welle

Berliner Welle
Sender (1968): UKW Berlin-Köpenick 99,7 MHz 10 kW
MW Berlin-Köpenick 1358 kHz 50 kW

Die Berliner Welle ist das Berliner Gegenstück des Deutschlandsenders. Während dieser sich vornehmlich an Höror in der Bundesrepublik wendet, sendet die Berliner Welle für Menschen in Westberlin.

Auch in der Programmstruktur ist die Berliner Welle mit dem Deutschlandsender vergleichbar, da auch sie ihr Programm in westlichem Stil präsentiert und besonders Berichte von Westberliner Widerstandsaktionen sendet.

Am 14. November 1971 – dem gleichen Tag wie – dem gleichen Tag wie der Deutschlandsender – stellt die Berliner Welle ihren Betrieb ein. Am nächsten Tag meldet sich auf ihren Frequenzen, wie auch auf den Wellen des Deutschlandsenders, die bis zur Wende sendende Stimme der DDR.

 

 

Berliner Rundfunk

Berliner Rundfunk
Sender (1968): UKW Karl-Marx-Stadt 89,8 MHz  
Dresden 90,1 MHz
Inselsberg 90,2 MHz
Leipzig 90,4 MHz
Berlin 91,4 MHz
Brocken 91,55 MHz
Sonneberg 91,7 MHz
Marlow 93,5 MHz
Schwerin 98,55 MHz
Dequede 98,9 MHz
MW Karl-Marx-Stadt 602 kHz 20 kW
Berlin-Köpenick 611 kHz 500 kW
Potsdam 656 kHz 20 kW
Reichenbach 917 kHz 20 kW
Plauen 1079 kHz 20 kW

Der Berliner Rundfunk ist der älteste Rundfunksender der DDR und sendet seit dem 13. Mai 1945, fünf Tage nach Kriegsende.

Nachdem mit dem Fortschreiten des Ausbaus des DDR-Sen­dernetzes weitere Programme für die Information über das Geschehen in der DDR und für die DDR-weite Propa­ganda der SED und ihrer Blockparteien CDU, LDPD, NDPD und DBD genutzt werden können, entwickelt sich der Ber­liner Rundfunk immer mehr zu einem Berliner Regional­sender, der nichtsdestotrotz im gesamten DDR-Gebiet ausgestrahlt wird.

Im Gegensatz zu den Informationssendern Berliner Welle und Deutschlandsender ist der Berliner Rundfunk zum einen mehr auf die Unterhaltung eingestellt und beschränkt sich zudem hauptsächlich auf die Berichterstattung aus der DDR. Die Hörer im Westen peilt man nicht an, was schon durch die Frequenzwahl deutlich wird (im Gegensatz zum Deutschlandsender keine Kurzwellen).

Der Berliner Rundfunk hat ein ausgeprägtes Jugendprogramm, das praktisch als Sendung des Zentralrates der FDJ be­zeichnet werden kann. Ab dem Deutschlandtreffen 1964 und den damit verbundenen ausgeweiteten Jugendsendungen heißen die Programme Jugendstudio DT 64 und werden mehrere Stunden täglich über die Sender geschickt.

Wie alle Sender der DDR propagiert natürlich auch der Berliner Rundfunk die offizielle Politiklinie. So heißt es in einem Kommentar – gesprochen von Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler -, als in Berlin und der gesamten DDR Arbeiter gegen Normerhöhungen auf die Straße gehen, am 17. Juni 1953:

"Amerikanische Offiziere in voller Uniform dirigierten mitten in der Demonstration Unter den Linden die faschistischen Trupps zur Aufwiegelung der Bevölkerung. Aus amerikani­schen Funkwagen wurde diesen faschist­ischen Banden Weisung erteilt. Aus amerikanischen Flugzeugen wurden über dem demokratischen Sektor Flug­blätter abgeworfen mit der Aufforderung zum Aufruhr und zur Fortsetzung des Streiks. Über die Sektorengrenze wollten die Provokateure vorgestern den Zug der Bauarbeiter führen. Das gelang ihnen nicht. Über die Sekto­rengrenze schließlich verschleppten Burschen mit halblangen Ami-Hosen und bunten Texas-Hemden den greisen aber ungebrochenen Stellvertreter des Ministerpräsidenten, Otto Nuschke. Wir sind Zeugen des Versuchs geworden, einen Anschlag auf den Frieden zu unternehmen, eine internationale Verwicklung herbeizuführen. Mit dem Einzug sowjetischer Panzer in die Straßen des demokratischen Sektors ist nach der Verwirrung der für Stun­den aufgewiegelten Werktätigen, nach den Ausschreitungen des faschistischen Pöbels und der Gefahr von Zwischen­fällen, die das Pulverfaß Berlin und damit Deutschland erneut zum Ausgangspunkt eines Krieges hätte machen können, das Element der Ruhe eingezogen, die feste, öffentliche Ordnung."

Im Laufe der Zeit entwickelt sich der Berliner Rundfunk immer mehr zu einem kulturellen Sender der DDR, immer von der Warte der Hauptstadt aus berichtend.

 

 

Radio DDR

Radio DDR
Sender (1968) Radio DDR 1 Radio DDR 2
UKW Inselsberg 87,85 MHz   92,55 MHz 1 kW
Marlow 88,25 MHz 91,05 MHz 10 kW
Leipzig 88,45 MHz 93,85 MHz 10 kW
Brocken 88,95 MHz 94,6 MHz 1 kW
Schwerin 89,2 MHz 92,75 MHz 10 kW
Dequede 89,4 MHz 94,9 MHz  
Berlin 95,8 MHz 97,05 MHz
Helpterberg 95,95 MHz  
Reinsberg   90,5 MHz 10 kW
Dresden 92,25 MHz  
Karl-Marx-Stadt 92,85 MHz 10 kW
Görlitz 95,4 MHz  
Cottbus 98,6 MHz
MW Schwerin 529 kHz 220 kW  
Greifswald 557 kHz 5 kW
Leipzig 575 kHz 120 kW
Erfurt 629 kHz 20 kW
Cottbus 746 kHz 20 kW
Berlin 881 kHz 100 kW
Dresden 1043 kHz 220 kW
Suhl 1052 kHz 20 kW
Seelow 1546 kHz 5 kW
Bernburg 1570 kHz 20 kW

Reine Inlandsprogramme ohne Ausrichtung auf den Westen sind Radio DDR l und Radio DDR 2. Sie sind für Aufgaben wie regionale Berichterstattung, ernste Musik und Schulfunk sowie für ausführliche Berichte über Paraden und Massenaufmärsche von SED und DDR-Staatsinstitutionen zuständig.

Im Rahmen von Radio DDR l finden wir leichte Musik, Nachrich­ten und andere Informationssendungen sowie Magazine. Das Programm von Radio DDR l ist – ähnlich wie das des Berliner Rundfunks, aber für das gesamte DDR-Gebiet – auf Unterhal­tung ausgerichtet, die die Botschaft – die Politik der DDR – transportieren soll. Wie in allen Rundfunkprogrammen der DDR – ausgenommen natürlich die Geheimsender – muß auch im Radio DDR l der Anteil inländischer Musik am Musik­programm die Hälfte betragen. Rock-, Jazz-, Beat- und andere westliche Musik ist ohnehin als "bourgeois" und "imperialistisch" verpönt.

Radio DDR 2 strahlt über seine Sender am Vormittag die Sendungen der Regionalsender der DDR aus. Es sind dies: der Sender Rostock, der Sender Schwerin, der Sender Neu­brandenburg, der Sender Potsdam, der Sender Frankfurt/Oder, die Sender Magdeburg und Halle, der Sender Cottbus, der auch Sendungen in sorbischer Sprache für die in diesem Bezirk lebende sorbische Minderheit ausstrahlt, der Sender Leipzig, der Sender Dresden, der Sender Karl-Marx-Stadt und schließlich der Sender Weimar mit dem ihm angeschlos­senen Studio Gera. Alle Regionalsendungen bestehen fast ausschließlich aus Regionalnachrichten und Geburtstags­gruß- und Wunschkonzertsendungen.

In den Schulfunksendungen wird viel Wert auf die Vermitt­lung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung ge­legt. Besonders die Leben deutscher kommunistischer Führer werden beleuchtet, beispielsweise Rosa Luxemburg und Ernst Thälmann – wobei Schwachpunkte und Fehler dieser "genialen Führer" verharmlost, ganz verschwiegen oder als "den ge­schichtlichen Bedingungen entsprechend" abgehandelt werden, wenn sie nicht der damaligen "jugendlichen Unerfahrenheit" oder der "noch nicht gefestigten Ideologie" zugeschrieben werden.

Ansonsten ist Radio DDR 2 vor allem der Sender für ernste Musik – wenn nicht gerade zum 1. Mai stundenlang alte Arbeiterkampflieder gespielt werden. Besonders beliebt dabei: "Die Partei, die Partei, die hat immer Recht".

Ist Radio DDR 2 zunächst noch ein Ergänzungsprogramm zu Radio DDR l so wird es im Laufe der Zeit immer weiter zu einem eigenständigen Vollprogramm ausgebaut.

 

 

 

Radio DDR Ferienwelle

Sender (1985) UKW Marlow 91,05 MHz
Schwerin 88,55 MHz
Putbus 88,6 MHz
MW Rostock 558 kHz
Neubrandenburg 558 kHz
Putbus 729 kHz
Güstrow 1602 kHz

Ab dem 1. Mai 1967 sendet die Radio DDR Ferienwelle alljährlich zwischen dem "Internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse" und dem 1. September, dem Ende der DDR-weiten Sommerferien, ein Unterhaltungs­programm für die Urlauber an der Ostseeküste. Neben viel Musik gibt es auf der Ferienwelle natürlich auch die Nachrichten mit den diversen Plan(über)erfüllungen und Selbstverpflichtungen. Ab 1973 gibt es auch Infor­mationen in polnischer und tschechischer Sprache.

QSL-Karte der Radio DDR Ferienwelle 

 

Deutscher Freiheitssender 904

Sender: MW Burg 904 kHz 100 kW
möglicherweise auch: 908 kHz 250 kW

Der Deutsche Freiheitssender 904 ist eine Rundfunksta­tion der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und sendet seit deren Verbot am 18. August 1956. Der Frei­heitssender gibt vor, von einem illegalen Sender inner­halb der Bundesrepublik betrieben zu werden, läuft aber über den Mittelwellensender Burg bei Magdeburg mit einer Sendeleistung von 100 kW (andere Angaben sprechen von einer Sendeleistung von 250 kW und der Frequenz 908 kHz).

Mit einem auf die Frequenz gelegten Brummton soll bei den Hörern der Eindruck erweckt werden, die Bundesregie­rung versuche, den Freiheitssender zu stören. Auch wer­den in der Anfangszeit des Sendebetriebes manchmal die Sendungen mit dem Hinweis unterbrochen, man müsse kurz abschalten, da ein Peiltrupp der Bundespost vor der Tür stehe oder um den Standort zu wechseln.

In den Sendungen werden verschlüsselte Durchsagen ge­bracht. Bis heute ist umstritten, ob es sich dabei tat­sächlich um Durchsagen für KPD-Gruppen im Untergrund handelt, oder ob diese Durchsagen eher ein Reklamegag des Senders sind. So heißt es am 22. April 1959:

"Hier ist der Deutsche Freiheitssender 904. Achtung, wir melden uns mit einer wichtigen Durchsage: Wir rufen den Stellvertreter von Drosselbart. Die Karawane trifft zwei Stunden früher ein. Besondere Maßnahmen nicht er­forderlich. Ende der Durchsage."

Auch in den Beiträgen versucht der Freiheitssender immer wieder den Eindruck zu erwecken, seine Mitarbeiter be­fänden sich nicht im Exil in der DDR, sondern hätten ständigen Kontakt mit der westdeutschen Bevölkerung:

"Als ich mich gestern nachmittag im Hamburger Stadtpark auf einer Bank ein wenig vom Getriebe der Stadt ver­schnaufen wollte, kam ich mit einem vielleicht zwanzigjährigen – wie sich später herausstellte – Motorenschlos­ser ins Gespräch. Wir unterhielten uns gerade über die Vor- und Nachtei­le seiner ziemlich neuen DKW-Maschine, als ein Unteroffizier und ein Gefreiter in Bundeswehruniform an uns vorüber­gingen."

Die Sendezeiten des Freiheitssenders werden mehrfach geändert. So wird angesagt:

"Hier ist der Deutsche Freiheitssen­der 904! Wir senden morgens von 5 bis 6 Uhr und abends um 19 Uhr, um 21 Uhr und um 22 Uhr."

Dagegen heißt es in einer Untergrundschrift der KPD, daß der Freiheitssender um 4.30 Uhr, 5.00 Uhr, 5.30 Uhr« 19.00 Uhr, 21.00 Uhr und 22.30 Uhr senden würde.

Im Gegensatz zu allen offiziellen DDR-Rundfunksendern – mit Ausnahme der für Westdeutschland bestimmten Sen­dungen des Deutschlandsenders – ist das Programm de« Freiheitssenders sehr "westlich" aufgemacht. In der DDR verpönte Jazz- und Tanzmusik geht über den Äther.

Bevor wegen des Erfolges des Freiheitssenders bei jun­gen Soldaten sein Kollege, der Deutsche Soldatensender, seinen Betrieb aufnimmt, wendet sich 904 vor allem an die Bundeswehr. Dabei verblüfft er – wie später der Soldatensender – durch eine detaillierte Kenntnis von Vorgängen in den Kasernen.

Nachdem der Soldatensender seinen Betrieb aufgenommen hat, kann sich 904 mehr um die Zivilbevölkerung küm­mern. So setzt man sich sehr für die Mobilisierung zu den DGB-Demonstrationen am 1. Mai ein, so 1966:

"Es ist 5.30 Uhr, halb sechs. Hier ist der Deutsche Freiheitssender 904, der einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht.
Für die Hörer, die sich erst jetzt eingeschaltet haben, einen Blick auf den Kalender: Heute ist Sonntag, der 1. Mai 1966, internationaler Kampf­und Feiertag der Arbeiterklasse. In unserer Frühsendung hören Sie nun als nächstes Informationen.
Wie überall in der Welt, rüsten sich auch in der Bundesrepublik in diesen Stunden die Arbeiter zu den Maikund­gebungen und Demonstrationen der Ge­werkschaften. Allein in Bayern finden heute 500 Maiveranstaltungen des DGB statt. In Baden-Württemberg und Nieder­sachsen werden je 200 Maikundgebungen durchgeführt.
Eine scharfe Absage an die Maßhalte­forderungen des Bundeskanzlers und sein Verlangen nach Mehrarbeit erhob gestern auf der Maifeier des DGB-Kreises Dinslaken der zweite Vorsitzende der IG Bergbau und Energie, Heinz Vetter. …"

Als Adresse gibt der Freiheitssender ein Wiener Postfach an. Viele Briefe, die an diese Adresse gehen, werden von der österreichischen Post allerdings zurückgeschickt. Massive Drohungen sind auch über 904 kHz zu hören:

"Wer sich in die Dienste der Bonner Schnüffelzentralen begibt oder an deren Verfolgung aufrechter Kämpfer für Frieden, Demokratie und gesellschaftlichen Fortschritt teilnimmt, muß wissen, daß er als Volksfeind und Verräter betrachtet und schließlich auch zur Verantwort gezogen werden wird."

 

 

 

 

Deutscher Soldatensender

Deutscher Soldatensender
Sender: MW Burg 935 kHz 100 kW
  möglicherweise auch: 250 kW

Der Deutsche Soldatensender wird in Betrieb genommen, als der große Erfolg des Deutschen Freiheitssenders 904 bei Soldaten der Bundeswehr bekannt wird. Im Sep­tember 1960 geht die erste Sendung des DSS über den Äther. Ausgestrahlt werden die Sendungen von Freiheitssender und Soldatensender über den gleichen Mittelwellensender in Burg/DDR. Dies wird offensichtlich, da beide Stationen nie gleichzeitig in der Luft sind und zwischen ihren Sendungen immer eine ümschaltpause von 15 Minuten liegt. Wie zuvor schon der Freiheitssender, so verfügt auch der Deutsche Soldatensender über verblüffende Kenntnis­se aus den Kasernen, die bis zu Wissen über bevorstehende Versetzungen und Beförderungen vor deren offizieller Bekanntgabe reichen. In Berlin ist der Soldatensender nicht zu hören, da hier AFN Berlin, der amerikanische Soldatenfunk, die Frequenz 935 kHz belegt. Offiziell ist auf 935 kHz außerdem der sowjetische Sender Lemberg registriert, der seine Sendungen in der Abendstun­den aber reduziert, um nicht den Soldatensender zu stö­ren. Für die KPD ist der Soldatensender augenscheinlich eine Nebensache, zumindestens wird er in in der DDR herausge­gebenen Publikationen der KPD kaum erwähnt – im Gegen­satz zu 904. Im Zeichen der zunehmenden Entspannung ist im Sommer 1972 auch für den Soldatensender kein Platz mehr und so muß er seinen Betrieb – ohne jede Vorankündigung – einstellen.

 

 

DDR statt Deutschland

Während immer mehr Staaten der Welt die Deutsche Demokra­tische Republik anerkannt haben und auch in der Bundes­republik der Kurs der Anerkennung eingeschlagen wird, legt man in der Staats- und Parteiführung der DDR das politische Ziel der deutschen Einheit zu den Akten. Man ist nun dabei, eine eigenständige Identität als DDR als eigenständiges Land mit eigenständiger Nation und nicht mehr eine Identität als "besserer Teil Deutsch­lands" herauszubilden.

Im Zuge dieser Abschottung gegen alle Vereinigungsbe­strebungen wird das Wort "Deutschland" überall getilgt, wo es nur möglich ist. Die Nationalhymne "Auferstanden aus Ruinen" mit Zeilen wie "Deutschland einig Vaterland" und "Deutschland unser Vaterland" wird nur noch gespielt und nicht mehr gesungen. Der Deutsche Fernsehfunk wird zum Fernsehen der DDR und alle "zu deutschen" Rundfunk­sender werden eingestellt und durch neue Stationen er­setzt.

Der Deutschlandsender und die für ganz Berlin sendende Berliner Welle verschwinden, dafür kommt die Stimme der DDR. Auch die für die Bundesrepublik sendenden Untergrundsehder Deutscher Freiheitssender 904 und Deut­scher Soldatensender verschwinden ersatzlos. Auch spe­zielle Sendungen für westdeutsche Hörer gibt es nicht mehr.

Themenschwerpunkte sind nun noch verstärkt das Geschehen in der DDR und den "sozialistischen Bruderstaaten". Über das Leben im Westen hören die Menschen in der DDR vor allem Stichworte wie Arbeitslosigkeit, Berufsver­bote, Drogen. Während Katastrophen und Unfälle im Westen breit erörtert werden, geschieht dies bei gleichen Ereig­nissen im "sozialistischen Lager" nur nach starken Ver­zögerungen und wenn es sich nicht vermeiden läßt, z.B. weil die Westmedien bereits ausführlich über die Ereig­nisse berichten. Ein sehr gutes Beispiel hierfür sind die Unglücke in Harrisburg, daß von der DDR sehr ausge­schlachtet wird, und Tschernobyl, was in den Medien zwischen Rostock und Dresden nur am Rande behandelt wird.

Lediglich die Stimme der DDR wahrt etwas das Zielgebiet Bundesrepublik, was sich dadurch ausdrückt, daß über Ereignisse in der BRD ausführlicher berichtet wird, als in den anderen Sendern: Radio DDR l, Radio DDR 2, Ber­liner Rundfunk und ab 1987 Jugendradio DT 64.

 

 

Internationale Programme

STIMME DER WAHRHEIT
(Radiofonikos Stathmos i Foni tis Alithias)

Die Stimme der Wahrheit sendet ab 1958 als Sender der griechischen Kommunisten in griechischer Sprache nach Griechenland und Zypern. Das Programm, das ab 1969 nach einer Programmerweiterung um 86,5 Prozent wöchentlich 35 Stunden 35 Minuten lang ausgestrahlt wird, kommt über den Kurzwellensender Leipzig und wahrscheinlich zusätzlich über einen rumänischen Sender.

BIZIM RADYO
(Unser Radio)

Bizim Radyo sendet ab 1958 als Stimme der verbotenen Türkischen Kommunistischen Partei in türkischer Sprache für die Türkei und Zypern. Sein Wochenprogramm hat die Dauer von 21 Stunden 30 Minuten und kommt über den Leip­ziger Kurzwellensender und wahrscheinlich auch über einen rumänischen Sender.

AMERICAN FORCES NETWORK

Während der Berlin-Krise um den Bau der Mauer wendet sich aus Ost-Berlin ein falsches AFN an die in den Konflikt verwickelten amerikanischen Soldaten auf der Welle von AFN Berlin (und dem Deutschen Soldatensender) 935 kHz. Seine Kennmelodie: "Don't fence me in" (Zäune mich nicht ein).

RADIO VLTAVA

Radio Vltava meldet sich vom ersten Tag des Einmarsches von Truppen des Warschauer Vertrags in die Tschechoslo­wakei an und sendet sechs Monate lang 1968 in tschechischer und slowakischer Sprache. Radio Vltava benutzt haupt­sächlich die Mittelwellenfrequenz 1430 kHz. Am 13. Febru­ar 1969 beendet der Propagandasender plötzlich seine Sendungen. Wenige Stunden später ist auf dieser Welle Radio Berlin International zu hören.

RADIO IRAN-KURIER
(Radio Peyk-e Iran)

Zwischen 1957 und 1961 (hierüber gibt es unterschied­liche Angaben) beginnen Sendungen der iranischen Kommu­nisten über die Anlagen von Radio Berlin International. Ab 1963 wird Radio Iran-Kurier, dessen iranischer Name in Deutschland nicht unbekannt ist, von bulgarischen Sendern ausgestrahlt. Die iranische kommunistische Tudeh-Partei sendet über diesen Sender wöchentlich 25 Stun­den 40 Minuten.

RADIO VOLGA

Der Sender der sowjetischen Streitkräfte in der DDR sendet über einen 100 kW starken Langwellensender in Königs Wusterhausen auf 263 kHz. Unter der Ansage "Govorit Volga" gibt es täglich zwischen 19 und 20 Uhr, am Wochenende zusätzlich vormittags, Musik und Infor­mationen für die sowjetischen Soldaten. In der übrigen Zeit wird das erste Programm des Moskauer Inlandsrund­funks übertragen.

RADIO MOSKAU
SENDER FRIEDEN UND FORTSCHRITT

Die sowjetischen Sender Radio Moskau und ab 1964 der Sender Frieden und Fortschritt nutzen neben dem Sender von Radio Volga auch einen eigenen Relaissender in Leipzig auf der Mittelwellenfrequenz 1323 kHz mit einer Sende­leistung von 150 kW

QSL-Karte von Radio Moskau 

 

 

 

 

Stimme der DDR

Stimme der DDR
Sender (1987): UKW Berlin 97,65 MHz 100 kW
Brocken 97,4 MHz 100 kW
Dequede 96,9 MHz 10 kW
Dresden 97,25 MHz 100 kW
Helpterberg 97,15 MHz 30 kW
Inselsberg 97,15 MHz 100 kW
Karl-Marx-Stadt 97,0 MHz 100 kW
Leipzig 96,6 MHz 100 kW
Marlow 96,65 MHz 10 kW
Schwerin 95,3 MHz 100 kW
Sonneberg 94,2 MHz 100 kW
MW Burg 783 kHz 1000 kW
Wachenbrunn 882 kHz 250 kW
Berlin 1170 kHz 5 kW
Burg 1575 kHz 250 kW
LW Oranienburg 177 kHz 750 kW
KW Berlin 6155 kHz 50 kW
(Über 1575 kHz und die Kurzwelle werden zeitweise die Sendungen von Radio Berlin International ausgestrahlt)

1971 stellen der Deutschlandsender und die Berliner Welle ihre Sendungen ein. Auf ihren Wellen meldet sich ab dem 15. November 1971 die Stimme der DDR "aus der DDR für die DDR und ihre Freunde im Ausland", wie es im Programmauftrag heißt.

Das Programm besteht aus Informations- und Musiksendungen, außerdem aus den obligatorischen Nachrichten, Kommentaren und anderen Zeitfunksendungen. Ein bißchen stärker als die anderen Sender des Rundfunks der DDR orientiert man sich auch gen Westen und greift Themen aus der Bundesrepublik immer etwas ausführlicher auf als die Kollegen.

Natürlich ist man sich in der Nalepastraße 18-50, genau wie von allen Stationen auch Sitz der Stimme der DDR, im Klaren darüber, daß es nicht gelingen kann, ein breites Publikum in der Bundesrepublik zu erreichen. Man ist sich bewußt, daß vor allem Gesinnungsfreunde aus dem Westen die Stimme der DDR hören, um etwas über die offizielle Position der DDR zu diesem oder jenem Thema zu erfahren. Und so befriedigt die Stimme der DDR auch diese speziellen Informationsbedürfnisse, zum Beispiel bei Berichten über die Parteitag der DKP:

"Mit lang anhaltendem Beifall begrüßten die Delegierten dieses Parteitages Hermann Axen, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, als er ans Rednerpult trat:
'Liebe Genossinnen und Genossen! Es ist für unsere Delegation eine tiefe Freude, euch, den Delegierten des 8. Parteitages der Deutschen Kommu­nistischen Partei, die herzlichsten, brüderlichen Kampfesgrüße der Kommunisten der Deutschen Demokratischen Repu­blik, des Zentralkomitees der Sozialist­ischen Einheitspartei Deutschlands und seines Generalsekretärs, Genossen Erich Honecker, zu übermitteln! (…) Das Banner Ernst Thälmanns führt die revolutionäre Vorhut der Arbeiter­klasse und des Volkes der Bundesrepu­blik Deutschland, die Deutsche Kommunist­ische Partei, mit unbesiegbarer Kraft voran im Kampf um Frieden, Demokratie und Sozialismus!"

In einer kleinen Werbeschrift "Rundfunk der DDR sendet für Sie!" wird die Stimme der DDR gefeiert:

"Ein Programm nach Hörerwunsch – Stimme der DDR. Spritzige Morgenmusik, Infor­mationen und polemische Einblicke, Vormittagsmagazin 'Bunte Welle', popu­läre Unterhaltung zum Feierabend, festliches Konzert am Samstagabend, Pop-mobil zum Muntermachen in der Nacht. Jährliche Solidaritätsaktion 'Dem Frieden die Freiheit'."

Die angesprochene Solidaritätsaktion "Dem Frieden die Freiheit" ist tatsächlich jedes Jahr einer der Höhepunkte des Rundfunks der DDR, speziell der Stimme der DDR. Bei dieser Aktion werden Spenden für die nationalen Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt" und für den Aufbau gerade befreiter Länder gesammelt. In den letzten Jahren der DDR sind vor allem die Sandinisten Nicaraguas und die Befreiungsbewegung SWAPO von Namibia Ziel der Solidarität. Die Aktion wird regelmäßig durch große Kon­zerte begleitet, die von Stimme der DDR und dem DDR-Fernsehen direkt übertragen werden.

Andere Ereignisse, bei denen Stimme der DDR und ihre Mitfunker auf Hochtouren laufen, sind diverse Festivals der FDJ und der SED, so das "Festival des politischen Liedes", die FDJ-Pfingsttreffen, die regelmäßig stattfindenden "FDJ-Liedersommer" und viele andere, außerdem natürlich immer wieder die Feierlichkeiten am 1. Mai und 7. Oktober (Geburtstag der DDR).

 

 

Jugendradio DT 64

Jugendradio DT 64
Sender (1987): UKW Schwerin 88,5 MHz 1 kW
101,3 MHz  
Berlin 93,1 MHz 10 kW
Brocken 101,4 MHz 1 kW
Dequede 101,0 MHz 1 kW
Dresden 96,2 MHz 1 kW
Inselsberg 102,2 MHz 100 kW
Karl-Marx-Stadt 100,0 MHz 1 kW
Leipzig 98,5 MHz 10 kW
Löbau 91,8 MHz 1 kW
Marlow 95,5 MHz 1 kW
Putbus 91,5 MHz 1 kW
Sonneberg 102,7 MHz 1 kW

1987 versuchen SED und FDJ der Tatsache entgegenzusteuern, daß immer mehr Jugendliche auf westliche Rundfunksender umschalten, bei denen es keine Regel gibt, daß die Hälfte der gespielten Musik aus der DDR sein muß. Vor allem RIAS 2 erfreut sich wachsender Beliebtheit. So fast man im Zentral­rat der FDJ den Entschluß, die Jugendsendungen des Berli­ner Rundfunks, Jugendstudio DT 64, und der Stimme der DDR, Hallo – Das Jugendjournal, aus dem Programm auszugliedern und ihnen eine eigene Senderkette zu geben. Es entsteht das Jugendradio DT 64, eine Einrichtung, die tatsächlich viele junge Menschen in der DDR anspricht, ohne den Sendern aus der Bundesrepublik und Westberlin ihre Basis zu ent­ziehen. Das gelingt dem Sender, der seinen Namen vom "Deutsch­landtreffen der Jugend 1964", einem Treffen von FDJ und westdeutschen Jugendlichen mit mehreren hunderttausend Teilnehmern, herführt, vor allem dadurch, daß er schon vor der Wende im Vergleich zu den anderen Sendern relativ offen berichtet und auch viel unkonventionelle Musik spielt, so auch Punkrock der "Toten Hosen" und der DDR-Band "Die Skeptiker" mit sehr kritischen Texten:

"Alle wollen mit dem Arsch an die Wand,
Schleimer und Kriecher gibt's in jedem Land,
die erste Bürgerpflicht heißt Ord­nung und Ruh',
schlaft gut und macht die Augen nur fest zu."

Dazu kommt ein sehr auf die Jugend ausgerichtetes Programm­format. Nachrichten sind meist sehr kurz gehalten und ver­fügen meist sogar über Inhalt – im Gegensatz zu den vor Selbstverpflichtungen und Normerfüllungen triefenden Nach­richten der alten DDR-Sender.

Aber natürlich steht auch DT 64 voll unter Kontrolle von SED und FDJ und die Offenheit findet ihre Grenzen, wenn es um Kritik an den Grundlagen des Systems und an schweren Mängeln geht.

In der Werbebroschüre "Rundfunk der DDR sendet für Sie" klingt die Einrichtung des Jugendsenders so:

"In dem Bemühen, den Ansprüchen der Hörer nach vielseitiger Infor­mation und Unterhaltung noch besser gerecht zu werden, wurden Ende 1987 die nationalen Programme des DDR-Rundfunks weiter profiliert:
Seit dem 1. Dezember 1987 sendet Jugendradio DT 64 – das seit März 1986 als selbständiger Sender be­steht – auf eigenen Frequenzen täg­lich von 4.00 bis 24.00 Uhr für junge Leute. Damit konnten der Ber­liner Rundfunk und die Stimme der DDR, die bis dahin umfangreiche Jugendsendungen ausstrahlten, eine Reihe neuer Programmvorhaben – vor allem auf dem Gebiet der Musik und der Ratgeberreihen – verwirklichen."

Kurz vor und während der Wende in der DDR gehört DT 64 zu denjenigen, die am schnellsten schalten. Schon vor Honeckers Sturz hört man auf DT 64 bereits vereinzelt kri­tische Beiträge, beispielsweise Interviews mit Teilnehmern der Montagsdemonstration. Nach Honeckers Sturz ist das Jugendradio der Sender, der am schnellsten auf die neue Situation umschaltet. Kritik und Offenheit gehört nun fest zum Programm. Doch im Gegensatz zu den meisten Journalisten beweisen die Jugendradio-Mitarbeiter kein Wellenlinienbe­wußtsein. Auch als die meisten Journalisten – in Angst um ihren Posten – plötzlich der Marktwirtschaft das Wort reden, die sie vorher verdammt haben, bleibt DT 64 eine kritisch fragende Instanz.

Schwerin, 29. Februar 1992: 5000 meist junge Menschen demonstrieren f
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