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	<title>Weimarer Republik &#8211; André Scheer</title>
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		<title>»Trotz Gestapo!«</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Mar 2023 10:10:39 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Serie Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 3.1: Im Kampf gegen den Faschismus Eine »Machtergreifung« der[...]]]></description>
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<div class="teaser lead"><strong>Serie Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 3.1: Im Kampf gegen den Faschismus</strong></div>
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<p>Eine »Machtergreifung« der Nazis im Rundfunk war 1933 nicht notwendig. Auch wenn die Übernahme der Regierungsgewalt durch Hitler im Radio mit einer pathetischen Übertragung des Fackelmarsches der SA am 30. Januar zelebriert wurde und die neuen Machthaber sofort darangingen, Führungsposten mit treuen Gefolgsleuten zu besetzen – der Boden für die faschistische Gleichschaltung war schon Monate zuvor bereitet worden.</p>
<p>Die Weimarer Republik hatte schon seit den ersten Rundfunksendungen peinlich genau darauf geachtet, den Einfluss des Staates auf das junge Medium zu bewahren. Kontrollausschüsse, in denen Vertreter von Reich und Ländern vertreten waren, wirkten als staatliche Zensurinstanzen. Unter Reichskanzler Franz von Papen wurde die Unabhängigkeit der Sender dann komplett beseitigt. Nur zwei Wochen nach seiner Ernennung durch Reichspräsident Paul von Hindenburg wurden alle deutschen Rundfunksender per Erlass vom 11. Juni 1932 verpflichtet, eine »Stunde der Reichsregierung« auszustrahlen, in der ohne redaktionelle Mitbestimmung politische Verlautbarungen verbreitet werden konnten.¹</p>
<h3>Nazirundfunkdiktator</h3>
<p>Als nächster Schritt wurde dann im August 1932 mit Erich Scholz erstmals ein NSDAP-Mitglied zum neuen Rundfunkkommissar des Reichsinnenministeriums ernannt. Über mehrere Tage vermied das Ministerium eine offizielle Bestätigung der Personalie, was die SPD-Zeitung <em>Vorwärts</em> süffisant kommentierte: »Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass schon aus den Besprechungen der Reichsregierung mit den Nationalsozialisten über eine Tolerierung des Kabinetts Herr Scholz als Rundfunkdiktator hervorgegangen ist. Seine amtliche Ernennung zum Reichsrundfunkkommissar wäre wohl auch längst bekanntgegeben, wenn nicht der offizielle Übertritt des ehemaligen Volksparteilers, dann Deutschnationalen Erich Scholz zu den Nationalsozialisten der Freiherrenregierung ungelegen gekommen wäre, weil er allzu deutlich in die Untergründe dieses Rundfunkkuhhandels hineinblicken lässt.«² Tatsächlich war Ministerialrat Scholz erst wenige Tage zuvor von der DNVP zu den Nazis übergetreten.</p>
<p><em>Die</em> <em>Rote Fahne</em>, das Organ der KPD, warnte am 13. August 1932 vor dem »Faschismus im Äther« und kommentierte »die ersten Taten des Nazirundfunkdiktators«. Dieser habe das Medium zu einem »der wichtigsten Propagandainstrumente des Faschismus« gemacht: »Noch nie ist der Rundfunk trotz aller entsprechenden demokratischen Kulissen arbeiterfreundlich gewesen, aber erst unter der jetzigen Junkerregierung wurde ganz offiziell der Ausnahmezustand gegen die Kommunistische Partei im Rundfunk erklärt – wurde die revolutionäre Arbeiterschaft vollkommen vom Rundfunk ausgeschlossen und den Nazibanditen das Mikrophon schrankenlos zur Verfügung gestellt.«³</p>
<p>Unter Scholz’ Führung wurden die schon seit mehreren Jahren vorbereiteten Pläne für eine »Neuordnung des Rundfunks« in die Tat umgesetzt. Mit ihrem Inkrafttreten am 18. November 1932 wurde die direkte Verstaatlichung des Mediums besiegelt. Alle regionalen Rundfunkgesellschaften wurden in der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) zusammengefasst, deren Anteile zu 51 Prozent bei der Reichspost und zu 49 Prozent bei den Ländern lagen.⁴ Die Kontrolle über das Medium übten zwei Rundfunkkommissare aus: Hans Bredow war als Vertreter des Postministeriums für Organisation, Wirtschaft und Technik zuständig, während Scholz selbst im Auftrag des Innenministeriums das Programm kontrollierte. Ein öffentlicher Protest Bredows gegen das Vorgehen Scholz’ ist nicht bekannt – auch nicht, als dieser begann, Rundfunkmitarbeiter aus politischen oder rassistischen Gründen zu entlassen. Die Satirezeitschrift <em>Simplicissimus</em> veröffentlichte damals eine Karikatur, auf der Scholz die Worte in den Mund gelegt wurden: »Meine Herren, sorgen Sie dafür, dass ab morgen statt der Hertzschen Wellen rein arische Wellen verwendet werden. Ich habe erfahren, dass Hertz einen jüdischen Vater hatte!«⁵</p>
<p>So fiel den Nazis die volle Kontrolle über den Rundfunk direkt am Tag der Machtübertragung an Hitler in den Schoß. Auch wenn sich der Chef des von den Nazis kontrollierten Reichsverbandes Deutscher Rundfunkteilnehmer, Eugen Hadamovsky, später eine Legende bastelte, nach der er am 30. Januar 1933 mit einer »Garde der ältesten Kämpfer« die Studios besetzt habe, steckte hinter der unterwürfigen Liveübertragung des von den Nazis an jenem Tag organisierten Fackelmarsches ein normaler bürokratischer Vorgang. Sie wurde beim politischen Überwachungsausschuss beantragt und genehmigt, Personal und Ausrüstung für die Reportage wurden regulär dienstlich gestellt.⁶</p>
<p>Der Widerstand gegen den Faschismus kam auch im Rundfunk meist von außen. So gelang es am 15. Februar 1933 vier jungen Kommunisten, die Übertragung einer Rede Hitlers in der Stuttgarter Stadthalle zu sabotieren. Während zwei von ihnen – Wilhelm Bräuninger und Eduard Weinzierl – das Wachpersonal ablenkten, kletterte Alfred Däuble auf die Schulter seines Freundes Hermann Medinger und durchtrennte mit einer Axt das in vier Metern Höhe angebrachte Übertragungskabel. Die vier Männer konnten zunächst unerkannt entkommen, wurden aber ein Jahr später infolge einer Denunziation verhaftet und zu Haftstrafen von bis zu zwei Jahren verurteilt.⁷</p>
<p>Unter Verdacht, in die Sabotageaktion verwickelt zu sein, geriet zunächst auch der Leiter der technischen Abteilung der Süddeutschen Rundfunk AG, Rudolf Formis. Möglicherweise deshalb versuchte er eilig, seine Treue zum neuen Regime zu beweisen. Am 7. März 1933 – zwei Tage nach der Reichstagswahl – beteiligte er sich in SA-Uniform an der Besetzung des Funkhauses in Stuttgart und begrüßte in einer Rede die Übernahme der Kontrolle über den Sender durch die Faschisten. Den neuen Machthabern erschien sein Auftritt in Uniform und mit umgeschnallter Pistole aber suspekt. Nachdem auch noch bekannt wurde, dass Formis jüdische Vorfahren hatte, wurde er einige Tage inhaftiert. Nach seiner Freilassung floh er aus Deutschland und lernte in Prag Otto Strasser kennen. Dieser hatte bis 1930 an führender Stelle der NSDAP angehört, die Partei aber nach einem Richtungsstreit mit Hitler und Goebbels verlassen und eine eigene Partei, die »Schwarze Front«, gegründet. Nach deren Verbot am 15. Februar 1933 emigrierte Strasser zunächst nach Wien und anschließend nach Prag.</p>
<h3>Anschlag in der CSR</h3>
<p>Formis schloss sich der illegal gewordenen »Schwarzen Front« an und übernahm den Vertrieb der von Strasser herausgegebenen Zeitung <em>Die deutsche Revolution</em>. Wahrscheinlich ab September 1934 betrieben Formis und Strasser zusammen von Prag aus einen illegalen Rundfunksender, der sich als <em>Landschaftssender Berlin der Schwarzen Front</em> meldete und vorgab, in der deutschen Hauptstadt zu stehen. Tatsächlich war der selbstgebaute Sender im Dachgeschoss des Hotels »Zahori« im gut 30 Kilometer von Prag entfernten Slapy nad Vltavou versteckt. Dort bereitete Formis im Alleingang die täglichen Sendungen vor, zu denen Strasser den Kommentar beisteuerte. Teilweise wurden Strassers Beiträge offenbar auch in der tschechoslowakischen Hauptstadt auf Schallplatte gesprochen, die Formis dann mehrfach abspielen konnte.⁸</p>
<p>Die Nazis erkannten schnell, dass der Schwarzsender nicht in Berlin, sondern in der Tschechoslowakei stand. Zudem konnte Formis anhand seines starken schwäbischen Dialekts identifiziert werden. Nachdem diplomatische Interventionen bei den Prager Behörden erfolglos geblieben waren, schickte Gestapo-Chef Reinhard Heydrich drei Agenten, um den Sender zum Schweigen zu bringen. Alfred Naujocks, Werner Göttsch und Edith Kersbach reisten als Touristen getarnt in das Nachbarland. Angeblich lautete ihr Auftrag, Formis zu entführen und ihn lebend nach Berlin zu bringen, während der Sender zerstört werden sollte. Was jedoch am 23. Januar 1935 in Formis’ Hotelzimmer genau geschah, ist nie vollständig aufgeklärt worden. Offenbar drangen Naujocks und Göttsch damals in das Zimmer ein, und übergossen ein dort stehendes Gerät, das sie für den Sender hielten, mit Säure. Dabei wurden sie von Formis überrascht, es kam zu einem Handgemenge, Schüsse fielen, Formis wurde tödlich getroffen. Die Attentäter entkamen nach Deutschland, wurden von Heyd­rich belobigt und mit Urlaub belohnt.⁹ Das Gerät, das sie zerstört hatten, war allerdings nicht der Sender gewesen, sondern ein Empfangsgerät. Der Sendeapparat ist heute im Besitz des Technischen Nationalmuseums in Prag. Formis’ Mörder wurden für ihre Tat nie belangt. 1966 übermittelte das tschechoslowakische Justizministerium den westdeutschen Behörden einen ausführlichen Strafantrag wegen Mordes gegen Naujocks, der unbehelligt in Hamburg lebte.¹⁰ Zu einer Verurteilung kam es jedoch nicht, der Naziagent starb am 4. April 1966.</p>
<p>Mit dem Mord hatten die Nazis ihr Ziel erreicht, der Schwarzsender schwieg. Strasser selbst versuchte später nur noch von Südamerika aus, seine Positionen über den Rundfunk zu verbreiten. Dort betrieben Gefolgsleute seit 1935 in Uruguay einen nach Europa gerichteten Kurzwellensender <em>Pampero</em> und einen für deutschsprachige Hörer in Südamerika bestimmten Langwellensender <em>Lasso</em>. Die Wirkung blieb aber gering. Das Reichsluftfahrtministerium stellte fest, dass die dreimal wöchentlich ausgestrahlten Sendungen »zu schwach und amateurhaft« seien, um in Deutschland gehört werden zu können.¹¹</p>
<p>Für Antifaschisten in Deutschland waren die Sendungen der »Schwarzen Front«, sofern sie davon überhaupt wussten, nur von geringem Nutzen – weil Strasser und seine Leute zwar Nazigegner, aber eben keine Antifaschisten waren. Für Anhänger der in die Illegalität getriebenen KPD oder anderer linker Bewegungen lag es näher, die Sendungen von <em>Radio Moskau</em> zu hören, das seit 1929 Programme in deutscher Sprache verbreitete. So nutzte am 26. August 1934 eine Gruppe der Roten Studenten, die im Untergrund Widerstand leistete, die Große Deutsche Funkausstellung in Berlin, um mit einer spektakulären Aktion auf den »Feindsender« hinzuweisen. Auf einem blumengeschmückten Balkon oberhalb der Ausstellungshalle versteckten sie einen zeitgesteuerten Sprengsatz, der mit Hunderten Sternen aus Seidenpapier gefüllt war, auf denen der Slogan »Achtung! Rotfunk und Rote Studenten schalten um auf Moskau« stand. Gegen 17.30 Uhr explodierte die Blechbüchse und die Flugblätter verteilten sich über die dichtgedrängte Besuchermenge. Trotz intensiver Fahndung konnte die Gestapo die Urheber nicht dingfest machen.¹²</p>
<p>Doch schon das Einschalten des Moskauer Rundfunks war gefährlich, obwohl das Abhören ausländischer Sender von den Nazis erst unmittelbar nach dem Überfall auf Polen 1939 offiziell verboten wurde. Schon kurz nach der Machtübernahme wurde das kollektive Abhören kommunistischer Rundfunkstationen als »Vorbereitung zum Hochverrat« unter Strafe gestellt. In einem internen Rundschreiben des Postministeriums hieß es unter Berufung auf ein Urteil des Volksgerichtshofs: »Ob auch das Anhören des Moskauer Senders unter den Tatbestand der Vorbereitung zum Hochverrat fällt, ist vor allem Frage der inneren Tatseite. Der Vorsatz des Hörers muss hierbei irgendwie darauf gerichtet sein, die Ziele der KPD zu fördern. (…) Eine Förderung der Ziele der KPD liegt an sich aber auch schon dann vor, wenn sich der Hörer des Moskauer Senders auf diese Weise nur selbst in seiner kommunistischen Gesinnung festigen, seine Kenntnis der Umsturztaktik der KPD erweitern und damit ihre revolutionäre Stoßkraft stärken will.«¹³</p>
<h3>Was anderes hören</h3>
<p>Trotzdem fanden die Sendungen aus Moskau ihre Hörer, wie auch die von der Exilführung der SPD herausgegebenen »Deutschland-Berichte« wiederholt feststellten. So hieß es am 10. Januar 1935 in einem Report aus Niederschlesien: »In einem Fall wollte sich unser Vertrauensmann verabschieden, da sagt der Gutsbesitzer: ›Bleiben Sie noch, in einer halben Stunde kommt der Moskauer Sender‹. Unser Freund ist erstaunt und versichert, dass er Moskau noch nie gehört habe. Darauf der Gutsherr: ›Gott, man will doch auch mal was anderes hören.‹ Auf Nachfrage ergänzt er, dass er mit dieser Methode keine unrühmliche Ausnahme unter seinen Kollegen sei.«¹⁴ Am 19. August 1935 informierten die »Deutschland-Berichte« über den Werkmeister einer westpreußischen Schuhfabrik, der fristlos entlassen worden sei, weil er den Moskauer Sender gehört habe. »Seine Klage wurde vom Arbeitsgericht Marienwerder als unbegründet abgewiesen, da ›schon das planmäßige Abhören derartiger Sendungen das Vertrauensverhältnis zwischen dem Gefolgschaftsmitglied und dem Führer des Betriebes so erschüttert, dass diesem die Weiterbeschäftigung nicht zugemutet werden kann.‹«¹⁵ Und 1936 notiert ein Berichterstatter frustriert aus Nordwestdeutschland: »Da und dort auch im Bürgertum vereinzelter passiver Widerstand, aber keine Spur einer einheitlichen Linie, keinerlei aktiver Wille. Man wartet auf die Arbeiterschaft und sieht trotz der Wünsche, das jetzige System vernichtend zu treffen, diesen Aktionen der Arbeiterschaft mit wenig Freude entgegen. Diese zwiespältige Haltung hat ihre Ursache darin, dass sich sowohl die Propaganda des Systems wie die einzige von außen bemerkbare Gegenpropaganda in der Alternative treffen: Faschismus oder Bolschewismus. Gerade das Bürgertum, das meist bessere als Volksempfänger-Radioapparate besitzt, hört sehr eifrig Moskau und ist bereit, aus der alltäglichen eigenen Erfahrung heraus alles zu glauben, was von dort mitgeteilt wird. (…) Immer wieder wird gegen die westeuropäischen Demokratien der Vorwurf erhoben, warum sie das Land ausschließlich der faschistischen und bolschewistischen Propaganda überlassen.«¹⁶</p>
<p>Die »westeuropäischen Demokratien« hielten sich zumindest bis Kriegsbeginn tatsächlich weitgehend zurück, wenn es darum ging, über den Rundfunk auf die deutsche Bevölkerung einzuwirken. Die <em>BBC London</em>, die später zur wichtigsten ausländischen Informationsquelle aufsteigen sollte, nahm erst im September 1938 deutschsprachige Sendungen auf. Einen gewissen Einfluss zumindest im Südwesten hatten <em>Radio Strasbourg</em> aus Frankreich, das bereits seit 1930 deutschsprachige Programme verbreitete, die sich offiziell nur an die Bevölkerung in Elsass-Lothringen richteten, sowie die von Paris aus arbeitende <em>Radiodiffusion Française</em>. In den Sendungen aus der französischen Hauptstadt kamen ab 1936 auch Emigranten zu Wort, für die – als Reaktion auf die französische Niederlage bei der Saarabstimmung 1935 – eine spezielle Redaktion eingerichtet wurde, die Einfluss auf die deutsche Bevölkerung nehmen sollte. In Deutschland wurden die Sendungen viel gehört, allerdings führten schwerwiegende politische Fehleinschätzungen, falsche Informationen über die tatsächlichen Verhältnisse in Nazideutschland sowie die permanente Beschönigung der französischen Positionen nach Ansicht des Rundfunkhistorikers Conrad Pütter zu einem »publizistischen Debakel«, das letztlich der Glaubwürdigkeit der französischen Sender erheblich geschadet habe.¹⁷</p>
<p>Auch die deutschsprachigen Rundfunksender aus der Tschechoslowakei fanden Hörer im »Reich«, vor allem in Sachsen. Die Tschechoslowakei hatte erst 1936 mit der Verbreitung von Auslandssendungen begonnen, zuvor waren fremdsprachige Sendungen nur gelegentlich im Rahmen der Inlandsprogramme verbreitet worden. In den ersten Jahren bestanden die Sendungen überwiegend aus Musik, die von Ansagen und Nachrichten in mehreren Sprachen unterbrochen wurden. Auch nach einer Ausweitung der Sendezeiten im ersten Halbjahr 1938 auf neun Stunden täglich machte Musik rund drei Viertel des Inhalts aus. Die Programme für Europa begannen stets mit Nachrichten in tschechischer Sprache, gefolgt von einem halbstündigen Musikprogramm, dann deutschen Nachrichten, einer »Vorlesung« in Englisch, Deutsch oder Französisch sowie, nach einer erneuten halbstündigen Musikunterbrechung, Nachrichten in französischer und englischer Sprache.¹⁸ Nach Einschätzung der Exil-SPD fand besonders das Programm des erst 1938 gestarteten <em>Senders</em> <em>Melnik</em> Hörer in Deutschland: »Für die Aufklärung über die wahre Lage in der Tschechoslowakei kommt dem neu errichteten <em>Sender</em> <em>Melnik</em> bei Prag eine besondere Bedeutung zu. (…) Er wird von den Arbeitern verhältnismäßig viel gehört. Dieser Sender hat den Vorteil, dass er gut zu hören ist, täglich dreimal Nachrichten durchgibt und nicht gestört wird. Die Arbeiter sagen: ›Wenn wir von der Arbeit heimkommen, sind wir derartig müde, dass wir kaum in der Lage sind, zu warten, bis der <em>Sender Strassburg</em> deutsche Nachrichten bringt oder die Moskauer Sendungen kommen, die ja immer stark gestört werden.‹ (…) Man wünscht noch mehr aufklärende Vorträge und eine entschiedenere Stellungnahme gegen die lügenhaften Meldungen der Goebbelschen Propaganda.«¹⁹</p>
<p>Nur schwer in Deutschland zu empfangen waren dagegen die Rundfunksender der spanischen Regierung und der diversen republikanischen Organisationen. Mit Beginn des Bürgerkriegs und der Intervention durch die deutschen Faschisten verbreiteten der offizielle Auslandssender <em>La Voz de España Republicana</em> (Die Stimme des republikanischen Spaniens) aus Madrid – dessen Auslandssendungen von Kurt Hager geleitet wurden –, der Sender der katalanischen Regionalregierung <em>Generalitat</em> aus Barcelona sowie die Sender der verschiedenen Linksparteien auch Sendungen in deutscher Sprache. Oft standen deutsche Interbrigadisten an den Mikrofonen, die über ihren Kampf sprachen. Zu hören waren sie aufgrund der schwachen Leistung und der massiven Störungen durch deutsche Sender im Zielgebiet allerdings kaum. Die Programme richteten sich deshalb letztlich oft eher an die eigenen Genossen in den Internationalen Brigaden und an die faschistischen Söldner der »Legion Condor«. So kommt denn auch Dimitri Agüero in einer ausführlichen Studie über die Rolle des Rundfunks im Spanischen Bürgerkrieg hinsichtlich der Auslandssendungen zu dem ernüchternden Schluss: »Die Wirkung der Radiosendungen auf die ausländische öffentliche Meinung war begrenzt. Die Sendungen waren kurz und hatten nicht die notwendige Stärke, um einen Effekt zu erzielen, der den Verlauf der Geschichte hätte ändern können.«²⁰</p>
<h3>Stimme der KPD</h3>
<p>All diese ausländischen Sender hatten für die Hörer in Deutschland ohnehin den Nachteil, dass sie klar erkennbar die Stimmen fremder Regierungen waren. Deshalb weckte das Auftauchen eines von Deutschen betriebenen und (den Mutmaßungen nach) in Deutschland stehenden antifaschistischen Senders besondere Begeisterung.</p>
<p>Ab dem 10. Januar 1937 war auf der Kurzwelle 29,8 Meter (10.060 kHz) – und damit direkt neben der Frequenz des Berliner <em>Deutschlandsenders</em> ein neuer Sender zu empfangen, der offenkundig nicht unter Kontrolle der Nazis stand. Die Sendungen begannen mit den ersten Takten der »Internationale«, dann folgte die Ansage: »Achtung, Achtung! Hier spricht der antifaschistische Sender, die Stimme der Kommunistischen Partei Deutschlands! Trotz Gestapo!«²¹</p>
<p>Gut einen Monat später berichtete die in Paris erscheinende <em>Deutsche Volks-Zeitung</em> erstmals: »Aus allen Teilen des Reiches kommen seit geraumer Zeit Nachrichten, dass eine kommunistische Radiostation jeden Tag zwischen 22 Uhr und 23 Uhr sendet. Gestern konnte ich mich selbst davon überzeugen. Unter anderem wurde ein Aufruf von Heinrich Mann an die deutschen Mütter durchgegeben und ein Appell an die Jugend, sich nicht für den blutigen Franco nach Spanien anwerben zu lassen. Der Ansager kündigte an, dass er am folgenden Tag wieder Punkt 22 Uhr senden würde. Zum Schluss wurde die Internationale auf Schallplatte gespielt. (…) Bemerkenswert ist, dass die Gestapo bisher sich noch nicht zu diesem Geheimsender geäußert hat, trotzdem er unter der arbeitenden Bevölkerung bereits Stadtgespräch ist.«²²</p>
<p>Die Wirkung sei »wahrhaft sensationell« gewesen, notierten auch die »Deutschland-Berichte« der Exil-SPD in ihrer Ausgabe vom 8. Mai 1937. »Was der Sender sagt, ist dabei gar nicht so sehr wichtig, sondern viel wichtiger ist die Tatsache seines Auftretens überhaupt. (…) Dazu wird herumgeraten, wo der Sender stehen mag. Die meisten vermuten ihn tatsächlich in Deutschland und freuen sich, dass ›sie ihn immer noch nicht haben‹.« Der Sender habe »die Nazis in helle Aufregung versetzt«. Sie hätten alle Einrichtungen der Telefunken »geradezu verrückt gemacht«, damit sie den Kurzwellensender endlich anpeilen können. In einem Bericht aus Bayern heißt es in derselben Ausgabe: »Ich arbeite in einem großen (…) Verarbeitungsbetrieb. Ende März gab es unter der ganzen Belegschaft keinen Menschen mehr, der nicht von der Existenz dieses Senders wusste. Eines Tages stand sogar im Pissoir mit Bleistift an die Mauer geschrieben: ›Hört jeden Tag um 10 die Welle 29,8.‹«²³</p>
<p>Bemängelt wurde von den Sozialdemokraten allerdings die politische Ausrichtung: »Es ist ein Unglück, dass der Sender als KPD-Sender auftritt. Warum nicht Sender der Volksfront, an dem sich auch die SPD beteiligen kann? Versucht doch unbedingt, dass ein illegaler Volkssender daraus wird, er hätte viel mehr Wirkung.«²⁴</p>
<p>Anmerkungen:</p>
<p>1 Florian Huber: Re-education durch Rundfunk. Die Umerziehungspolitik der britischen Besatzungsmacht am Beispiel des NWDR 1945–1948; in: <em>Nordwestdeutsche Hefte zur Rundfunkgeschichte</em> (2006), Sonderheft, S. 14</p>
<p>2 <a class="western" href="https://kurzelinks.de/Vorwaerts" target="_blank" rel="noopener"><em>Der Abend</em>. Spätausgabe des <em>Vorwärts</em>, 9.8.1932</a></p>
<p>3 <a class="western" href="https://dfg-viewer.de/show?tx_dlf%5Bdouble%5D=0&amp;tx_dlf%5Bid%5D=https%3A%2F%2Fcontent.staatsbibliothek-berlin.de%2Fzefys%2FSNP24352111-19320813-0-0-0-0.xml&amp;tx_dlf%5Bpage%5D=10&amp;cHash=99c262d40a4fabe256156dd30086731b" target="_blank" rel="noopener"><em>Die Rote Fahne</em>, 13.8.1932</a></p>
<p>4 Vgl. Winfried B. Lerg: Vom Kulturinstrument zum Führungsmittel – Rundfunkkontrolle in Deutschland bis 1945, Zweiter Teil; in: <em>Studienkreis Rundfunk und Geschichte – Mitteilungen</em> (1981), Nr. 3, S. 161 f.</p>
<p><em>5 <a class="western" href="http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/37/37_25.pdf" target="_blank" rel="noopener">Simplicissimus, 25/1932, S. 299</a></em></p>
<p>6 Peter Dahl: Arbeitersender und Volksempfänger. Proletarische Radio-Bewegung und bürgerlicher Rundfunk bis 1945, Frankfurt/M. 1978, S. 104</p>
<p>7 <a class="western" href="https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-album-90-jahrestag-des-kabelattentats-wie-vier-junge-maenner-eine-hitler-rede-sabotiert-haben.13e5b949-ed69-4c30-933e-1638ea19a95f.html" target="_blank" rel="noopener">Uwe Bogen: Wie vier junge Männer eine Hitler-Rede sabotiert haben, <em>Stuttgarter Nachrichten</em>, 14.2.2023</a></p>
<p>8 Conrad Pütter: Rundfunk gegen das »Dritte Reich«. Ein Handbuch, München 1986, S. 35 ff.</p>
<p>9 <a class="western" href="https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2016_3-4.pdf" target="_blank" rel="noopener">Andreas Morgenstern: »Hier ruft die Schwarze Front!« Der Weg des Rundfunkpioniers Rudolf Formis; in: <em>Rundfunk und Geschichte</em> (2016), Nr. 3/4, S. 20</a></p>
<p>10 Frantisek Hrdlicka: Im Schatten der Nazis: Der Sender <em>Schwarze Front</em>; in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1980), Nr. 2/3, S. 36</p>
<p>11 <a href="https://publications.iai.spk-berlin.de/servlets/MCRFileNodeServlet/Document_derivate_00000049/BIA_051.pdf" target="_blank" rel="noopener">Karl Kohut; Patrik von zur Mühlen (Hg.): Alternative Lateinamerika. Das deutsche Exil in der Zeit des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1994, S. 184 f.</a></p>
<p>12 Horst Taleikis: Aktion Funkausstellung, Berlin/DDR 1988, S. 91 ff.</p>
<p>13 Zit. n. Wladimir Ostrogorski: 40 Jahre des deutschsprachigen Auslandsdienstes des Moskauer Rundfunks; in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1969), Nr. 4, S. 30</p>
<p>14 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP01008&amp;page=16" target="_blank" rel="noopener">Deutschland-Berichte der Sopade, 10.1.1935, S. 17</a></p>
<p>15 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP02007&amp;page=84" target="_blank" rel="noopener">Ebd., 19.8.1935, S. 85</a></p>
<p>16 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP03010&amp;page=10" target="_blank" rel="noopener">Ebd., 10.11.1936, S. 11</a></p>
<p>17 Pütter (Anm. 8), S. 55 ff.</p>
<p>18 <a class="western" href="https://archiv.radio.cz/de/static/geschichte-von-radio-prag" target="_blank" rel="noopener"><em>Radio Prague International</em>: Die Geschichte von <em>Radio Prag</em></a></p>
<p>19 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP05005&amp;page=15" target="_blank" rel="noopener">Deutschland-Berichte der Sopade, 30.7.1938, S. 16</a></p>
<p>20 <a class="western" href="https://crisol.parisnanterre.fr/index.php/crisol/issue/view/8/Crisol%2011%20-%20Dimitri%20Ag%C3%BCero" target="_blank" rel="noopener">Dimitri Agüero: La Radio en la Guerra Civil Española; in: <em>Crisol</em> (2007), Nr. 11, S. 183</a></p>
<p>21 Hans Maaßen: »29,8« in aller Munde; in: Erinnerungen sozialistischer Rundfunkpioniere, Berlin/DDR 1975, S. 191</p>
<p>22 <a class="western" href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k93789002/f8.item" target="_blank" rel="noopener"><em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 14.2.1937, S. 8</a></p>
<p>23 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP04004&amp;page=35" target="_blank" rel="noopener">Deutschland-Berichte der Sopade, 8.5.1937, S. 36 ff.</a></p>
<p>24 Ebd., S. 37</p>
<p>Erschienen am 22. März 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/447338.rundfunkgeschichte-trotz-gestapo.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>»Hört Moskau!«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/hoert-moskau/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2023 08:22:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 2: Die Weimarer Republik Ein Jahr nach dem Sturz[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 2: Die Weimarer Republik</strong></p>
<p>Ein Jahr nach dem Sturz der Monarchie und der Ausrufung der Repu­blik war der revolutionäre Aufbruch des November 1919, als Soldatenräte die Kontrolle über die Funkstationen übernommen hatten, abgewürgt. Der Staat in Gestalt der Reichspost war wieder Herrscher über die Sendeanlagen, die vom Soldatenrat in Königs Wusterhausen gebildete »Zentrale Funkleitung« war zwischen den Ministerien und Interessenverbänden zerrieben worden.</p>
<p>Die Erfahrung des »Funkerspuks«, wie die bürgerliche Presse die Monate der Doppelherrschaft über das neue Medium bald nannte, bestimmten in den folgenden Jahren und Jahrzehnten den von Misstrauen geprägten Umgang von Regierung und Behörden mit allem, was mit der drahtlosen Kommunikation zu tun hatte. Bis 1923 wurde den Bürgerinnen und Bürgern der Empfang von Funksendungen generell untersagt. Selbst Nachrichtenagenturen durften nur unter großen Restriktionen für sie relevante Meldungen aufnehmen. Zwar nutzten einige von ihnen im Testbetrieb die drahtlosen Dienste der Reichspost zur Verbreitung ihrer Nachrichten, doch selbst in den Redaktionsräumen der Tageszeitungen durften keine Empfangsgeräte aufgestellt werden. Das Reichspostministerium machte gegenüber entsprechenden Anträgen »schwerste Bedenken« geltend, »zumal keinerlei Gewähr dafür geschaffen werden kann, dass den Zeitungen nur bestimmtes Nachrichtenmaterial zugeführt wird und nicht auch andere Nachrichten durchsickern«.¹ In den Redaktionen sorgte das für Unmut, denn in anderen europäischen Staaten wurden zu dieser Zeit bereits »an alle« adressierte sogenannte »CQ-Sendungen« verbreitet. Ein Schlupfloch war nur das <em>Hollandsch Nieuws-Bureau</em>, eine Nachrichtenagentur aus den Niederlanden, die in Berlin eine Niederlassung unterhielt.² Sogar noch kurz vor der offiziellen Freigabe des Funkempfangs und dem Beginn regelmäßiger Rundfunksendungen 1923 gab es in ganz Deutschland nur rund 1.300 genehmigte Empfangsstellen.³</p>
<h3>Schwarzhörer</h3>
<p>Die Zahl der »Schwarzhörer«, die sich nicht um behördliche Verbote scherten, dürfte bereits zu dieser Zeit beträchtlich gewesen sein. Vor allem ehemalige Militärfunker, die ihre Kenntnisse einsetzen konnten, sowie talentierte Bastler verfolgten mit selbstgebauten Empfangsgeräten die Entwicklungen im Äther. Einer von ihnen war der damals noch keine 20 Jahre alte Manfred von Ardenne, der später eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Fernsehens spielen sollte. Als Kind hatte er 1917 in einer Wetterstation in Münster am Stein die vom Eiffelturm in Paris aus gefunkten Morsezeichen hören dürfen. »Der kinderliebe Wetterwart konnte damals nicht ahnen, welch ein zukunftsträchtiges Samenkorn er mit seinem Handeln in das so aufnahmebereite Gehirn eines zehnjährigen Kindes senkte«, schrieb von Ardenne in seiner Autobiographie.⁴ 1921 kaufte sich der von den Naturwissenschaften faszinierte Jugendliche in einem Elektrogeschäft in Berlin billige Bauteile aus Heeresbeständen zusammen und bastelte daraus seinen ersten Detektorempfänger, dem viele weitere und immer leistungsfähigere folgten.</p>
<p>Auch an anderen Stellen scherte man sich kaum um die Verbote der Obrigkeit. Als die Oberpostdirektion Berlin im Dezember 1921 Hausdurchsuchungen bei einer Reihe von Verdächtigen veranlasste, denen der Betrieb »geheimer Funkanlagen« unterstellt wurde, entdeckten die Polizisten in den Gebäuden großer Berliner Verlage insgesamt zwölf Radiogeräte, allein fünf davon beim Dammert-Verlag. Auf eine Beschlagnahmung verzichteten die Beamten. Da es sich bei den »Schwarzhörern« um »angesehene Presseunternehmen« handelte, nahm man lieber »Rücksicht auf die (…) möglichen politischen Weiterungen«, die das Einziehen der Geräte und etwaige Strafverfolgung hätte haben können.⁵ Soviel Toleranz konnten jedoch nur bürgerliche Medienkonzerne erwarten, gegen linke oder gar revolutionäre Bestrebungen wurde die ganze Macht des Staates eingesetzt, besonders wenn es nicht nur um das Empfangen, sondern um das Senden ging.</p>
<p>In Deutschland wurde der Besitz von Radiogeräten im Privatbesitz erst im Herbst 1923 freigegeben. Ausschlaggebend dafür war letztlich die Einsicht, auch durch Verfolgungsmaßnahmen den Funkempfang nicht verhindern zu können. Statt dessen sollte, wie Hans Bredow in seinen Memoiren einräumt, durch die Verbreitung von Nachrichten und Unterhaltungsprogrammen dafür gesorgt werden, »dass die Hörer kein Interesse mehr an dem Abhören des öffentlichen und militärischen Funkverkehrs«⁶ hätten. Konsequent umgesetzt wurde dieser Ansatz zunächst jedoch nicht. Vielmehr waren die Voraussetzungen für den Erwerb einer Empfangsgenehmigung so kompliziert und teuer, dass sich nur wenige Hörer um eine Legalisierung kümmerten. Am 1. Dezember 1923 waren erst 467 gebührenzahlende Hörer registriert, und ihre Zahl stieg nur langsam. Noch am 5. März 1924, mehr als vier Monate nach Aufnahme des regulären Rundfunkprogramms, beklagte das <em>Leipziger Tageblatt</em>, dass in Berlin »derzeit etwas über 500 Teilnehmer des Rundfunks bei der Post angemeldet« seien, die Zahl der sogenannten Schwarzhörer jedoch »um ein Vielfaches größer« sein dürfte. »Diese ›Schwarzhörer‹ sind, selbst wenn man von dem entgangenen Gewinn für die Reichskasse absieht, eine öffentliche Gefahr, vor allem deshalb, weil sie vielfach, um nicht zu sagen meist, über Apparate verfügen, die von der Reichstelegraphenverwaltung nicht zugelassen sind und auch nicht zugelassen werden können, weil sie den Bedingungen für einen geordneten Rundfunkbetrieb nicht entsprechen.«</p>
<p>Zwischen den Zeilen wird deutlich: Es ging weniger um den Verlust von Einnahmen, sondern um die Angst, dass Nutzer die Geräte mit wenigen Handgriffen zu Sendern umbauen und eigene Programme verbreiten könnten. Tatsächlich wird die Zahl nicht genehmigter Sender Mitte der 1920er Jahre auf bis zu 2.000 geschätzt, wobei die meisten von Funkamateuren betrieben wurden, die keine politischen Absichten verfolgten und deshalb auch weitgehend in Ruhe gelassen wurden.</p>
<p>Größeren Einfluss übten die ab 1923 entstandenen »Funkvereine« aus, die zu Jahresbeginn 1924 bereits etwa 15.000 Mitglieder zählten – während nur einige hundert Menschen offiziell registrierte »Rundfunkteilnehmer« waren. Diese durchweg bürgerlichen Klubs schlossen sich zum »Deutschen Funkkartell« zusammen und waren gerngesehene Gäste von Staatssekretär Hans Bredow, der sie als Regulativ gegen radikale Bestrebungen, aber auch als Lobbyisten für den noch immer misstrauisch beäugten Rundfunk schätzte. Mit der ersten vorsichtigen Liberalisierung der Regeln zum Rundfunkempfang ab Mai 1924 wurden die Verbände sogar zu Torwächtern, an denen kein Hörer vorbeikam, der eine Genehmigung erwerben wollte. Die neuen Vorschriften sahen nämlich vor, dass nun auch selbstgebaute Empfänger benutzt werden durften, sofern die Hörerinnen und Hörer eine »Audion-Versuchserlaubnis« erwarben. Notwendig dafür war neben der Entrichtung einer Gebühr der Nachweis technischer Kenntnisse. Die Prüfungen durften nur vom Reichspostministerium anerkannte Vereine abnehmen, in deren Vorständen Beamte der Behörde vertreten sein mussten.</p>
<h3>Arbeiterradiobewegung</h3>
<p>Aus dem exklusiven Kreis dieser Verbände ausgeschlossen blieben von Anfang an die Arbeiterradioklubs (ARK), die ab 1923 zunächst in Berlin und dann in weiteren Großstädten wie Leipzig, Chemnitz und Hamburg entstanden waren. Das »Funkkartell« verweigerte ihnen die Aufnahme, weil sie sich als Zusammenschlüsse der am Rundfunk interessierten werktätigen Bevölkerung definierten und damit eine »Standesorganisation« seien. Die Reichspost wiederum lehnte die ARK aufgrund ihrer politischen Ausrichtung ab. Von Anfang an musste sich die Arbeiterradiobewegung zudem mit Schikanen, Verfolgungen und Publikationsverboten auseinandersetzen. Als etwa der Berliner Arbeiterradioklub im April 1924 offiziell als eingetragener Verein gegründet wurde, war das für das preußische Innenministerium Grund genug, Ermittlungen gegen die Gründer Ewald Blau, Erich Heintze und Heinrich Farwig aufzunehmen, zumal diese der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) angehörten.</p>
<p>Ebenso wie die Mitglieder der bürgerlichen Funkvereine interessierten sich auch die der Arbeiterradioklubs zunächst vor allem für die technische Seite des neuen Mediums. Zudem ging es ihnen darum, selbst Empfangsgeräte bauen zu können, denn der Kauf fertiger Radios war für die wenigsten erschwinglich. Der Zwang, die selbstgebauten Geräte genehmigen zu lassen, und die Weigerung des »Funkkartells« und der Post, den Arbeiterklubs das Privileg der Prüfungsabnahme zu gewähren, zwang die ARK halb in die Illegalität. Dadurch sei aber »die bürgerliche Gegnerschaft klargestellt und die Notwendigkeit einer völlig selbständigen Arbeiterradiobewegung immer deutlicher erkennbar« geworden, hieß es rückblickend in einer 1926 veröffentlichten Analyse. »Von nun ab kam Kampfstimmung in die Arbeiterradiobewegung. Überall begannen die Gruppen um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen.«⁷ Als im Herbst 1925 der Zwang zur Genehmigung von Radiogeräten aufgehoben wurde, verbuchten die Arbeiterradioklubs dies als ersten politischen Erfolg für sich. Die Zahl der Mitglieder im ARK wuchs von zunächst etwa 3.000 bei der Gründungsversammlung in Berlin bald auf mehrere zehntausend an.</p>
<p>Die Arbeiterradiobewegung kritisierte von Anfang an die von den Rundfunksendern gebotenen Inhalte. Auch fortschrittliche Künstler und Intellektuelle äußerten sich zur Entwicklung des Rundfunks. So wies etwa Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel 1926 in der <em>Weltbühne</em> die Illusion vom »unpolitischen Rundfunk« zurück: »Nun gibt es selbstverständlich nichts Unpolitisches, und man kann darauf schwören, hinter diesem Getue allemal einen Hugenberg-Redakteur, einen mittleren Bürger, einen Patrioten zu finden, der entweder schwindelt oder dem seine Lebensauffassung so zur Natur geworden ist, dass er gar nicht begreift, wie grade sie einen Streitpunkt abgeben kann. So ist’s auch mit dem Rundfunk.«</p>
<p>Bei Bertolt Brecht wurde die Faszination von den neuen Möglichkeiten schnell von der Verwunderung darüber abgelöst, wie von ihnen Gebrauch gemacht wurde. »Die Resultate des Radios sind beschämend«, schrieb er 1927 in einem Aufsatz, der zunächst unveröffentlicht blieb. Künftige Generationen würden staunen, »wie hier eine Kaste dadurch, dass sie es ermöglichte, das, was sie zu sagen hatte, dem ganzen Erdball zu sagen, es zugleich dem Erdball ermöglichte, zu sehen, dass sie nichts zu sagen hatte«. Brecht forderte, aus dem Rundfunk »eine wirklich demokratische Sache zu machen«.</p>
<p>Die Realität in Deutschland sah anders aus. Der Rundfunk behauptete von sich zwar, »unpolitisch« und »überparteilich« zu sein, tatsächlich jedoch übte der Staat die entscheidende Kontrolle aus. 1924 hatte sich die Reichsregierung den direkten Zugriff auf die »Drahtloser Dienst AG« (Dradag) gesichert, die als einzige Gesellschaft berechtigt war, die Rundfunksender mit politischen Nachrichten zu beliefern. Die Redakteure wurden vom Reichsinnenministerium ernannt, an der Überwachung der Tätigkeit waren auch die Presseabteilung der Reichsregierung und das Reichspostministerium beteiligt.</p>
<p>Schon zuvor war die KPD aus dem Programm ausgeschlossen worden. Während im Vorfeld der Reichstagswahl im März 1924 das Zentrum, die Deutschnationalen, die Deutsche Volkspartei, die Deutsche Demokratische Partei und die SPD täglich über je eine Viertelstunde Sendezeit verfügen konnten, um ihre Programme vorzustellen, wurde dies den Kommunisten verweigert. Das wiederholte sich bei der Präsidentenwahl 1925. Während der von SPD und DDP unterstützte Zentrumspolitiker Wilhelm Marx sowie der ehemalige Reichsfeldmarschall Paul von Hindenburg als Kandidat der deutschnationalen Rechten im Rundfunk sprechen durften, bekam der von der KPD nominierte Ernst Thälmann wegen dessen »Republikfeindlichkeit« keinen Zugang zu den Mikrofonen. Der kommunistische Abgeordnete Ernst Torgler kommentierte das am 29. April 1925 im Reichstag: »Es ist sehr bezeichnend, dass man in der Frage der Kandidatenreden Herrn Marx selbstverständlich Reden durch den Rundfunk gestattet und dass man auch von Herrn Hindenburg selbstverständlich annimmt, dass er auf dem Boden dieser Verfassung steht, trotzdem doch jedes Kind in Deutschland weiß, dass er ein überzeugter Monarchist ist, dass man es aber dem Kommunisten Thälmann natürlich verweigert.« Nötig sei, den Arbeiterradiovereinen das Betreiben eigener Sender zu erlauben.</p>
<h3>Einseitige Einrichtung</h3>
<p>Auf seiner zweiten Reichskonferenz am 6. und 7. März 1926 erhob auch der Arbeiterradioklub die Forderung nach einem eigenen Sender. »Unser Ziel muss sein, eigene Arbeitersendegesellschaften zu schaffen«, hieß es dazu etwa im Nachrichtenblatt der Kölner ARK-Bezirksgruppe, denn, so die Begründung, »durch den Rundfunk, der in alle Städte, Dörfer, Häuser, Familien eindringt, bekommt die besitzende Klasse ein neues Mittel in die Hand, euch, eure Frauen und Kinder, kurz die breitesten Schichten der arbeitenden Bevölkerung einseitig in ihrem Sinne zu beeinflussen und zu erziehen …«⁸</p>
<p>Selbst Rundfunkkommissar Bredow schrieb 1926 in einem Brief an den ARK, den die Verbandszeitschrift <em>Der neue Rundfunk</em> abdruckte: »Jedenfalls können Sie sicher darauf rechnen, dass der Arbeiterradioklub einen oder mehrere Sender bekommt. Die Bedingungen werden jetzt ausgearbeitet.«⁹ Daran erinnerte Torgler den Staatssekretär, als am 25. März 1926 im Reichstag über den Etat des Postministeriums diskutiert wurde. Es sei ein berechtigter Wunsch, »dass der Zusage, die der Herr Staatssekretär Dr. Bredow gemacht hat, auch recht bald die Tat folgen möge«, entweder besondere Sender für die Arbeiter einzurichten oder aber die bestehenden Sender zu verpflichten, den Arbeitern »teilweise, vielleicht getrennt nach Tagen«, Sendezeit zur Verfügung zu stellen. Der Rundfunk, »wie er heute seine Programme auswählt«, sei »eine einseitige Einrichtung für das Bürgertum«.¹⁰</p>
<p>Unmittelbar zuvor hatte Reichspostminister Karl Stingl allerdings erklärt, dass man die geforderte Einrichtung »besonderer Arbeiterrundfunksender zur Verbreitung einer bestimmten Weltanschauung (…) grundsätzlich ablehnen« müsse, weil es notwendig sei, dass die Post als »Anstalt des öffentlichen Vertrauens« von politischen Einflüssen »losgelöst« bleibe.¹¹ Bredow verfolgte die Debatte von der Regierungsbank aus, ohne sich zu äußern. Tatsächlich hatte er in seinem Brief offenbar keinen Rundfunksender gemeint, sondern eine Kurzwellenversuchsstation, wie ihn auch die bürgerlichen Vereine und Amateurfunker anstrebten. Allerdings blieb sein Schreiben so oder so ein leeres Versprechen, denn der Arbeiterradioklub und seine Nachfolgeverbände erhielten nie einen eigenen Sender. Noch 1929 erklärte Stingls Nachfolger Georg Schätzel, der wie ersterer der Bayerischen Volkspartei angehörte, dass die Verhandlungen mit dem Reichsinnenministerium über eine Freigabe der Kurzwellensender »leider« noch nicht abgeschlossen seien.</p>
<p>Die parteiübergreifende Arbeiterradiobewegung war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits zerbrochen, und ein zentraler Grund dafür war gerade die Forderung nach einem eigenen Sender. Der ab 1928 als Reichsinnenminister amtierende Sozialdemokrat Carl Severing hatte zwar nichts dagegen einzuwenden, wenn seine Genossen oder auch bürgerliche Kräfte als Amateurfunker den Umgang mit der neuen Technik ausprobierten, aber den Kommunisten und anderen linken Kräften wollte er den Zugang versperren, weil diese eine Gefahr für die innere Ordnung seien.</p>
<p>Severings Ausweg war die Spaltung des Arbeiterradiobundes (ARB), wie sich die ARK seit 1928 nannten. Sein Plan war, Sendelizenzen nur an Funkervereinigungen auszugeben, deren politische Loyalität gegenüber der Reichsregierung klar sei. Bei der dritten Reichskonferenz der Arbeiterradioklubs im März 1927 war es dem sozialdemokratischen Flügel gelungen, mit einer knappen Mehrheit die Führung im Vorstand zu übernehmen und den bisherigen kommunistischen Vereinsvorsitzenden Wilhelm Hoffmann durch das SPD-Mitglied Curt Baake zu ersetzen. Baake war bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal Mitglied der ARK gewesen und musste erst in den Verband aufgenommen werden. Er erwies sich aber als treuer Gefolgsmann der sozialdemokratischen Rundfunkpolitik.</p>
<h3>SPD gegen KPD</h3>
<p>Anfang 1928 benannten sich die ARK in »Arbeiterradiobund Deutschlands« (ARBD oder ARB) um. Das sollte deutlich machen, dass man inzwischen den Status einzelner »Klubs« verlassen und eine stabile Organisation aufgebaut hatte. Viele Mitglieder des ARB begrüßten, dass die SPD nach der Reichstagswahl im Mai 1928 in einer Koalition mit liberalen und konservativen Parteien zurück in die Regierungsverantwortung kam. Unter dem sozialdemokratischen Reichsinnenminister Severing, der auch für den Rundfunk und dessen Zensurinstanzen zuständig war, müssten doch Reformen der bisherigen Strukturen möglich sein. Nur wenige Wochen nach dem Amtsantritt des neuen Kabinetts, im August 1928, legte der Vorstand des ARBD einen Programmentwurf vor, in dem sich diese Illusion widerspiegelte: »Entscheidend für den Einfluss der Arbeiterklasse auf die Sender ist ihre politische Macht. Ist diese Macht stark genug, so vermag sie auch den bestehenden Rundfunk in seiner Gesamtheit so zu ändern, dass in allen Rundfunkstellen, einschließlich der Sendeleitungen, die Vertreter der Arbeiterschaft die gebührende Einwirkung ausüben.«¹²</p>
<p>Das stieß prompt auf Widerspruch des linken Flügels. Eine Mitgliederversammlung des Berliner Ortsvereins, der fünf Jahre zuvor die Keimzelle der Arbeiterradiobewegung in Deutschland gewesen war, wies den Entwurf des Vorstandes zurück: »Die Versammlung lehnt die Auffassung ab, wonach durch persönliche Beeinflussung und Verhandlungen mit einzelnen amtlichen Stellen und Ministerialräten das Rundfunkprogramm geändert werden kann. Nur die einheitliche Kampffront aller Arbeiterhörer unter Führung des ARB wird in der Lage sein, Schritt für Schritt die Forderungen der Arbeiterklasse zu verwirklichen.«¹³</p>
<p>Die Spaltung des Arbeiterradiobundes verfestigte sich bei der vierten Reichskonferenz des ARBD, die im September 1928 parallel zur Funkausstellung in Berlin stattfand. Der linke Flügel ging aus ihr geschlagen hervor, der neue Vorstand war nun nahezu komplett in der Hand der Sozialdemokraten. Überschattet wurden die innerverbandlichen Auseinandersetzungen durch eine Aktion der Kommunisten. Am 6. Oktober 1928 sollte Wolfgang Schwarz, Redakteur des SPD-Organs <em>Vorwärts</em>, im Rundfunk über »Probleme der Friedenssicherung« referieren. Abgeholt wurde er mit einem Auto, auf dem die Worte »Gästewagen der Funkstunde AG« geschrieben waren. Am Steuer saßen jedoch Mitglieder der KPD, die mit dem Journalisten Berlin verließen und ihn nach Groß-Ziethen in Brandenburg brachten, wo sie ihn unverletzt freiließen. An seiner Stelle erschien im Studio Karl Schulz, der für die KPD im Preußischen Landtag saß und die damals gerade laufende Kampagne gegen den Panzerkreuzerbau koordinierte. Live auf Sendung erklärte er: »Das Volksbegehren, der Volksentscheid ist eine Sammlung der Massen gegen den Imperialismus und seine Kriegspläne. Der <em>Vorwärts</em>-Redakteur Herr W. Schwarz sollte heute an dieser Stelle sprechen. Die KPD hat seine Rede jedoch abgesetzt, weil es wichtiger ist, die Arbeitenden Deutschlands über das Volksbegehren zu informieren.«¹⁴ Die SPD schäumte vor Wut.</p>
<p>Zum offenen Bruch führte schließlich die Auseinandersetzung um die Zeitschrift der Berliner Ortsgruppe des ARB. Die hatte lange ein einfaches Mitteilungsblatt unter dem Titel <em>Der aktive Radiogenosse</em> herausgegeben. 1929 benannten die Berliner das Blatt in <em>Unser Sender</em> um, füllten es mit mehr Inhalt und begannen, es weit über Berlin hinaus zu verbreiten. Der Vorstand des ARB verlangte von der Berliner Gruppe, die Zeitschrift wieder einzustellen, da sie dem Verbandsorgan <em>A</em><em>rbeiterfunk</em> Konkurrenz mache und Anzeigenkunden abwerbe. Als das von den Berlinern zurückgewiesen wurde, beschloss der ARB-Vorstand Anfang Mai 1929, ein Ausschlussverfahren gegen alle 20 Mitglieder des Berliner Gruppenvorstandes einzuleiten. Dieses führte dann schließlich einen Monat später zum Ausschluss von 18 Mitgliedern. Zudem ließ der Vorstand der Gruppe gerichtlich untersagen, sich weiterhin »Bezirk Berlin des ARB« zu nennen.</p>
<p>Die Kommunisten entschieden daraufhin, sich als eigenständige Organisation unter dem Namen »Freier Radiobund Deutschlands« (FRBD) zu konstituieren. In einer am 11. September 1929 in Berlin veröffentlichten Erklärung rief man »alle klassenbewussten Freunde der Arbeiterradiobewegung auf, mit in unseren Reihen gegen Saboteure des proletarischen Kampfes um den Rundfunk aktiv mitzuarbeiten. Die Schaffung des FRB ist die logische Folge der frivolen Spaltung der sozialdemokratischen Organisationszerstörer.«¹⁵ Die Losung des Freien Radio-Bundes war: »Vergiss es keinen Tag, Prolet, dass hinter deinem Funkgerät, ob Spiel, ob Ernst, von früh bis spät der Gegner deiner Klasse steht.«</p>
<h3>Roter Sender an rotes Berlin</h3>
<p>1932 eröffnete sich für den linken Flügel der Arbeiterradiobewegung eine Alternative, denn <em>­Radio Moskau</em> nahm deutschsprachige Sendungen auf. Der sowjetische Rundfunk hatte für viele Aktivisten von ARB und FRB einen Vorbildcharakter, denn zunächst hatte das neue Medium im revolutionären Russland mit neuen Formen und Inhalten experimentiert und den einfachen Menschen des Landes eine Stimme gegeben. In der Wahrnehmung des Freien Radiobundes nahm der Moskauer Gewerkschaftssender, wie das sowjetische Programm in deutscher Sprache bis weit in die 1930er Jahre hinein meist genannt wurde, zusehends die Rolle ein, die man sich von einem eigenen Arbeitersender versprochen hatte. Mit Wandparolen wurde aufgerufen: »Hört Moskau!«, der FRBD veröffentlichte in seiner Zeitschrift die Programmpläne von <em>Radio Moskau</em> und gab Broschüren mit Anleitungen heraus, wie man auch einfache Empfangsgeräte so verbessern konnte, dass Moskau zu kriegen war. Schließlich wurden sogar Sendungen des sowjetischen Rundfunks bei Kundgebungen über Lautsprecherwagen des FRBD verbreitet.</p>
<p>Was für die einen die Hoffnung war, nun doch im fortschrittlichen Sinne auf die Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland einwirken zu können, sorgte bei den anderen für Unruhe. Die Reichsregierung befasste sich wiederholt mit der Frage der deutschsprachigen Sendungen aus Moskau und versuchte auf diplomatischem Wege (erfolglos), die »Einmischung in die inneren Angelegenheiten« zu beenden. Zeitweilig wurden Störsender auf die Frequenzen des Moskauer Senders gelegt, doch als die Sowjetunion ihrerseits begann, den <em>­Deutschlandsender</em> zu überlagern, beendete man dieses Experiment. Statt dessen versuchte man, über spezielle Sendungen im deutschen Rundfunk die sowjetische Propaganda zu entkräften.</p>
<p>Die Aktivisten des Freien Radiobundes beließen es aber nicht dabei, auf den sowjetischen Rundfunk auszuweichen. Immer wieder kam es auch zu Protestaktionen gegen die als zynisch empfundenen Programme der deutschen Sender. Diese referierten zum Beispiel über »Karpfen und Gans, ein edler Wettstreit«, während Millionen Menschen arbeitslos waren und hungerten. Als in Berlin aus dem Café Wien Tanzmusik übertragen wurde, unterbrachen vier Erwerbslose die Sendung mit Rufen »Gegen die Reichen! Für die Armen!«</p>
<p>Schließlich griff man zur Selbsthilfe und baute sich selbst den Sender, den die Arbeiterbewegung so lange gefordert hatte. Im Dezember 1932 meldete sich abends mehrfach der »Rote Sender an das Rote Berlin«: »Die Knebelung unserer Presse, Außerbetriebsetzung unserer Rotationsmaschinen, die Verbote unserer Versammlungen haben uns gezwungen, uns auf diesem Wege Gehör zu verschaffen. Keine Knebelung der Presse, kein Redeverbot, keine Rundfunksperre können uns abhalten, regelmäßig zu gegebenen Zeiten unsere Meinung in die Lautsprecher der werktätigen Hörer zu funken.«¹⁶</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Winfried B. Lerg: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland. Frankfurt am Main 1965, S. 105</p>
<p>2 Ebd., S. 104</p>
<p>3 Hans Bredow: Im Banne der Ätherwellen, Bd. 2. Stuttgart 1956, S. 189</p>
<p>4 Manfred von Ardenne: Ein glückliches Leben für Technik und Forschung. Frankfurt am Main 1976, S. 40</p>
<p>5 Lerg, a. a. O., S. 156</p>
<p>6 Bredow, a. a. O., S. 202</p>
<p>7 Zit. nach: Klaus-Michael Klingsporn: Die Einführung des Rundfunks in Deutschland und die Reaktion der organisierten Arbeiterradiobewegung auf das neue Medium. Berlin (West) 1988, S. 47</p>
<p>8 Nachrichtenblatt ARK Bezirksgruppe Köln am Rhein, ohne Datum; zit. nach: Horst Hanzl: Der Rundfunk der Weimarer Republik als Klasseninstrument der Bourgeoisie und der Kampf der Arbeiterklasse um das Mitbestimmungsrecht. Leipzig 1961, S. 70 f.</p>
<p>9 <em>Der neue Rundfunk</em>, Jg. 1, Nr. 3, 18.4.1926; zit. nach: Peter Dahl: Arbeitersender und Volksempfänger. Frankfurt am Main 1978, S. 44</p>
<p>10 Verhandlungen des Reichstages, Bd. 389 (1924). Berlin 1926, S. 6688</p>
<p>11 Verhandlungen des Reichstages, Bd. 389 (1924). Berlin 1926, S. 6665</p>
<p>12 Zit. nach: Klingsporn, a. a. O., S. 91</p>
<p>13 Zit. nach: Ebd., S. 96</p>
<p>14 Peter Dahl, a. a. O., S. 57</p>
<p>15 Zit. nach: Hanzl, a. a. O., S. 81</p>
<p>16 Peter Dahl, a. a. O., S. 80</p>
<p>Erschienen am 1. Februar 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/444013.rundfunkgeschichte-hört-moskau.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>Widerstand auf Mittelwelle</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/widerstand-auf-mittelwelle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Dec 2019 13:10:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
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					<description><![CDATA[Im April 1934 standen 24 Kommunisten aus Celle vor dem Berliner Kammergericht, angeklagt des Hochverrats. Die Generalstaatsanwaltschaft warf ihnen unter[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Im April 1934 standen 24 Kommunisten aus Celle vor dem Berliner Kammergericht, angeklagt des Hochverrats. Die Generalstaatsanwaltschaft warf ihnen unter anderem vor, dass sie 1932 in der niedersächsischen Stadt einen »Schwarzsender« betrieben hätten: »Am 5. November 1932 wurde der Sender in Betrieb gesetzt, und zwar erfolgte die Besprechung durch den Angeschuldigten Hoßbach, der sich mit den Worten ›Achtung, Achtung, hier ist der <em>Rote kommunistische Radiosender</em> des Roten Frontkämpferbundes in Celle‹ meldete.« Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, die auf der Internetseite »Celle im Nationalsozialismus« dokumentiert ist, waren die Einzelteile des Senders Anfang 1933 bei einem der Angeklagten beschlagnahmt worden. Die Bastler hatten die Anlage auseinandergenommen, weil sie nicht einwandfrei funktionierte. Deshalb wollte man sie umbauen, doch dazu kam es nicht mehr. Die Angeklagten wurden zu zum Teil langjährigen Haftstrafen verurteilt.<span id="more-4537"></span></p>
<p>Seit 1923 in Deutschland die erste öffentliche Radiosendung ausgestrahlt worden war, setzten sich Arbeiter mit dem neuen Medium Rundfunk auseinander. 1924 wurde der »Arbeiter-Radio-Bund Deutschlands« gegründet. Von diesem spaltete sich 1929 der kommunistische »Freie Radio-Bund« ab, weil die sozialdemokratisch orientierte Mehrheit die Forderung nach Errichtung eines eigenen Arbeitersenders aufgegeben hatte. Viele Mitglieder waren technisch versiert. Da sich kaum jemand die teuren Geräte kaufen konnte, baute man sich seine Radios möglichst selbst – obwohl dies zeitweilig gesetzlich verboten war.</p>
<p>Die Entscheidung, nicht nur einen Empfänger, sondern auch einen Sender zu basteln, fiel vielen dann nicht mehr schwer. Am 9. Februar 1933 meldete der Oberpräsident der Rheinprovinz, der Zentrumspolitiker Johannes Fuchs, dem seit dem 30. Januar als Innenminister Preußens amtierenden Naziführer Hermann Göring, dass allein im Ruhrgebiet und am Niederrhein sechs illegale Sender aktiv seien.</p>
<p>Schon am 12. November 1932 war die Berliner Polizei alarmiert worden, weil im Norden des Stadtgebiets eine Station »kommunistische Wahlreden« verbreitete. Die Beamten versuchten, die Schwarzfunker mit Peilgeräten aufzuspüren, Kriminalpolizisten standen für eine Razzia bereit. Doch die Fahndung blieb erfolglos, und im Dezember meldete sich der <em>Rote Sender für das rote Berlin</em> erneut: »Keine Knebelung der Presse, kein Redeverbot, keine Rundfunksperre können uns davon abhalten, regelmäßig unsere Meinung in die Lautsprecher werktätiger Hörer zu funken«, teilten die anonymen Betreiber mit. »Ganz besonders bedanken wir uns bei der Politischen Polizei. Die Welt würde lachen, wenn sie erführe, wie deren Schergen uns dabei geholfen haben, unsere Apparate zu transportieren. Es ist nicht so einfach, Schwarzsender unschädlich zu machen, wie eine Klebekolonne festzunehmen.«</p>
<p>Erschienen am 19. Dezember 2019 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/369099.rote-sender-widerstand-auf-mittelwelle.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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