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	<title>Radiogeschichte(n) &#8211; André Scheer</title>
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	<title>Radiogeschichte(n) &#8211; André Scheer</title>
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		<title>»Es gibt keinen unpolitischen Rundfunk«</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Jul 2023 19:23:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[8. Mai 1945]]></category>
		<category><![CDATA[Befreiung]]></category>
		<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 7: 1945 – Befreiung und Neubeginn In den frühen[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 7: 1945 – Befreiung und Neubeginn</strong></p>
<p>In den frühen Morgenstunden des 28. April 1945 war auf der Wellenlänge des bisherigen <em>Reichssenders München</em> Ungewöhnliches zu hören: »Achtung, Achtung! Hier spricht die Freiheitsaktion Bayern. Arbeiter, schützt eure Betriebe gegen Sabotage durch die Nazis! Sichert Arbeit und Brot für die Zukunft! Beseitigt die Funktionäre der nationalsozialistischen Partei! Die FAB hat heute Nacht die Regierungsgewalt erstritten.«</p>
<p>Angesichts der unaufhaltsam auf München vorrückenden Truppen der US-Armee hatten mehrere hundert Soldaten aus einer Jagdpanzerkompanie beschlossen, dem Krieg ein Ende zu setzen, um zumindest noch einen zerstörerischen Häuserkampf um die bayerische Landeshauptstadt zu verhindern. In der Nacht zum 28. April 1945 besetzten sie zwei Rundfunksender, verkündeten den Sturz von Gauleiter Paul Giesler und riefen zur »Fasanenjagd« auf – »Goldfasanen« war der Spottname für die mit unzähligen Orden und Abzeichen behängten Nazifunktionäre. Aufrufe richteten sie unter anderem in französischer Sprache an die Zwangsarbeiter, sich dem Aufstand anzuschließen.¹</p>
<h3>Gescheiterter Aufstand</h3>
<p>Der Aufstand scheiterte. Den Verschwörern gelang es nicht, die militärischen und politischen Schlüsselstellungen Bayerns zu besetzen, nur die Sender waren zunächst in den Händen der Freiheitsaktion. Doch schon am Vormittag rückten Einheiten der SS auf den Sender Ismaning vor. Um 10.46 Uhr war der letzte Aufruf der Freiheitsaktion zu hören, dann folgte nur noch Musik. Insgesamt wurden in der Folge der Ereignisse mindestens 100 Menschen von den Nazis als Beteiligte an dem Aufstand ermordet. Gegen Mittag verkündete Giesler dann, die Revolte der »Drückeberger«, die »nie Pulver gerochen haben in diesem Krieg«, sei »im Keim erstickt«. Er warnte: »Lasst euch darum in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen niemals mehr auch nur für wenige Augenblicke durch einen solchen verbrecherischen Missbrauch irgendeiner Ätherwelle in Verwirrung bringen.«²</p>
<p>Nur einen Tag nach der gescheiterten Rebellion wurde der <em>Reichssender München</em> endgültig abgeschaltet, am 30. April 1945 rückte die US-Armee in München ein.³ In der bayerischen Landeshauptstadt erinnert heute der Straßenname »Münchner Freiheit« im Stadtteil Schwabing an die Rebellion der Freiheitsaktion Bayern.</p>
<h3>Kampf um die Sender</h3>
<p>Der Rundfunk war nicht nur in München bis in die letzten Stunden des Krieges und noch darüber hinaus Schauplatz heftiger Kämpfe. Von dem 1939 als Einheitsprogramm geschaffenen <em>Großdeutschen Rundfunk</em> waren Anfang Mai 1945 nur noch Restbestände übrig. Der letzte funktionierende »Reichssender« war Hamburg, dessen Programm von den noch von den Deutschen besetzten Stationen in Oslo, Kopenhagen und Prag übernommen wurde.⁴ Auf diesem Weg erfuhren die verbliebenen Hörer am 1. Mai 1945 vom Selbstmord Hitlers und der Machtübernahme durch Karl Dönitz. Dieser meldete sich unmittelbar nach der verlogenen Todesmeldung, der »Führer« sei »bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen«, mit einer rund siebenminütigen Ansprache zu Wort, in der er die deutschen Soldaten zur Fortsetzung des Kampfes aufrief. Die Parolen des Großadmirals blieben nicht unwidersprochen. Offenbar schaltete sich auch in diese Ansprache die von Moskau aus betriebene »Geisterstimme« mit Zwischenrufen ein und forderte die Deutschen zu Streiks und zur Beendigung des sinnlosen Krieges auf.</p>
<p>Auch die Stunden des <em>Reichssenders Hamburg</em> waren angesichts der auf die Hansestadt vorrückenden britischen Truppen gezählt. Wenige Stunden bevor die Engländer die Elbe überquerten, hatte man in den Mittagsstunden des 3. Mai 1945 letzte Aufrufe des damaligen Staatsrats Georg Ahrens und von Gauleiter Karl Kaufmann gesendet. Es folgte das Deutschlandlied, dann war Stille. Nur 23 Stunden später meldete sich aus dem unzerstörten Funkhaus in der Rothenbaumchaussee dann »<em>Radio Hamburg</em> – ein Sender der alliierten Militärregierung«.</p>
<p>Dönitz hatte sich inzwischen mit seinem Stab nach Schleswig-Holstein abgesetzt und im Marinestützpunkt Flensburg-Mürwik auf dem Passagierschiff »Patria« sein Hauptquartier eingerichtet. Um noch ein Sprachrohr zu haben, bediente man sich eines drei Kilowatt starken Mittelwellensenders, den man großspurig <em>Reichssender Flensburg</em> nannte. Schon gut zwei Stunden nach der Abschaltung des Hamburger Senders am 3. Mai 1945 um 17.15 Uhr konnten so Sendungen der neuen »Reichsregierung« verbreitet werden. Als erster sprach Reichsrüstungsminister Albert Speer live gegen 20.30 Uhr, im Hintergrund waren die Sirenen des Bombenalarms zu hören. Noch immer rief er zur Fortsetzung des Krieges auf: »Es ist der einzige Sinn des Kampfes, der jetzt noch geführt wird, deutsche Menschen, die vor den Sowjetarmeen auf der Flucht oder von ihnen bedroht sind, nicht sterben zu lassen.«⁵</p>
<p>Solche Durchhalteparolen richteten sich unter anderem an die deutschen Besatzungstruppen in Prag. Rund 800.000 Soldaten der Heeresgruppe Mitte sahen sich einer mehr als doppelt so starken Roten Armee gegenüber, die auf die tschechoslowakische Hauptstadt vorrückte. Den Westen des Landes hatten bereits US-Truppen befreit.</p>
<p>Am 5. Mai 1945 erhob sich die Prager Bevölkerung bewaffnet gegen die deutsche Besatzung. Das Signal gab am frühen Morgen der Sprecher des Prager Senders, Zdenek Mancal, der sich mit einer in die Geschichtsbücher eingegangenen Mischung aus Deutsch und Tschechisch meldete: »Je prave sechs hodin« (Es ist genau sechs Uhr). Es war das letzte Zugeständnis an die Besatzer, die strikt ein zweisprachiges Programm verlangt hatten. Doch von nun an sendete Prag nur noch in tschechischer Sprache. Zu hören waren unter anderem bisher verbotene Lieder und Appelle, dem befreiten Rundfunk zu Hilfe zu kommen: »Wir bitten die tschechische Polizei, wir rufen die tschechische Armee, wir rufen alle Tschechen, kommt dem Rundfunk zu Hilfe. Kommt, so schnell ihr könnt. Wir rufen die tschechische Gendarmerie, Regierungstruppen, alles, was tschechisch ist, kommt zum Rundfunkgebäude. Die SS schießt auf Tschechen.« Auf Russisch und Englisch wandte man sich an die Alliierten: »Govorit Praga! Praga govorit! Prag ruft die Rote Armee! Wir brauchen eure Hilfe! Here is Prague! Here is Prague! Amerikaner und Engländer, helft uns! Wir brauchen Gewehre, die Deutschen sind zu viele!«⁶</p>
<p>Die Vorbereitungen für den Aufstand und die Befreiung des Senders hatten bereits im Herbst 1944 begonnen. Bei Außeneinsätzen, etwa bei der Übertragung von Orgelkonzerten aus einer Kirche, »vergaßen« die Techniker immer wieder Teile ihrer Ausrüstung. »So sammelte sich mit der Zeit das nötige Zubehör für ein Ersatzstudio an, das funktionieren würde, sollte es nicht möglich sein, vom Hauptgebäude zu senden.«⁷ Tatsächlich konnte so sichergestellt werden, dass das Radio sogar nach Luftangriffen der Deutschen auf das Rundfunkgebäude nach kurzer Unterbrechung weitersenden konnte.</p>
<h3>Doppelherrschaft im Äther</h3>
<p>Der Aufstand dauerte noch mehrere Tage, in den Straßen Prags wurde gekämpft. Während die Befreier den Sender Strasnice (<em>Prag II</em>) kontrollierten und damit weiter ihre Durchsagen verbreiten konnten, hatten die Deutschen die Station Liblice (<em>Prag I</em>) in ihrer Hand. So bestand auch im Äther eine Doppelherrschaft. Während die Besatzer über ihren Sender verkündeten, man kämpfe »gegen die Verrohung, die Versklavung, gegen den Bolschewismus und für die Kultur Europas«, kündigten die Tschechen die unmittelbar bevorstehende Befreiung an: »Sowjetische Panzer schlagen den letzten deutschen Widerstand nieder und nähern sich schnell dem Prager Zentrum. Die Bevölkerung bereitet ihre Begrüßung vor.«⁸</p>
<p>In der Nacht zum 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims die bedingungslose Kapitulation zum 8. Mai um 23 Uhr. Rund zehn Stunden später, um 12.45 Uhr, verkündete Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk als Mitglied der »Reichsregierung« über den Flensburger Sender das Kriegsende: »Nach einem fast sechsjährigen heldenmütigen Kampf von unvergleichlicher Härte ist die Kraft Deutschlands der überwältigenden Macht unserer Gegner erlegen.«⁹</p>
<p>Von sowjetischer Seite gab es für das Ende des Krieges zunächst keine Bestätigung, denn Moskau verlangte eine Ratifizierung der Kapitulationsurkunde durch den Oberkommandierenden der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, und die Chefs der deutschen Kriegsmarine und Luftwaffe. Diese Zeremonie fand erst in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst statt. Das mag die deutschen Besatzer in Prag dazu gebracht haben, die Ansprache von Krosigks für einen Trick der Alliierten zu halten. Über die von ihnen noch kontrollierte Prager Station verbreiteten sie am Abend des 7. Mai, die vom »Feindsender Flensburg« verbreitete Meldung, wonach die Reichsregierung bedingungslos gegenüber der Sowjetunion kapituliert habe, entspreche »in keiner Weise den Tatsachen«. Es handle sich »klar um feindliche Propaganda (…). In unserem Bereich wird der Kampf so lange fortgesetzt werden, bis die Deutschen im Osten gerettet sind und unser Weg zurück in die Heimat gesichert ist«.¹⁰ Erst in der Nacht zum 9. Mai 1945 zogen die sowjetischen Truppen in Prag ein, und der Krieg war auch hier beendet.</p>
<p>Am 9. Mai um 20.03 Uhr wurde über den Flensburger Sender der »letzte Wehrmachtsbericht dieses Krieges« verbreitet: »Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. Auf Befehl des Großadmirals hat die Wehrmacht den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt. (…) Wir brachten den Wortlaut des letzten Wehrmachtsberichts dieses Krieges. Es tritt eine Funkstille von drei Minuten ein.«¹¹ Anschließend ging der Spuk weiter. Obwohl inzwischen britische Offiziere in Flensburg präsent waren, tagten im Machtbereich der »Reichsregierung Dönitz« noch immer Kriegsgerichte, wurden Marineangehörige wegen »Fahnenflucht« zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auch der <em>Reichssender Flensburg</em> blieb auf Sendung. Die Briten erlaubten den Deutschen den Weiterbetrieb und verlangten nur, dass ihnen die Manuskripte der Sendungen zur Genehmigung vorzulegen seien. Erst am 13. Mai 1945 wurde die letzte Stimme Nazideutschlands endgültig abgeschaltet.¹²</p>
<h3>Neubeginn auf Wellenlänge 356</h3>
<p>Am gleichen Tag begann in Berlin ein neuer Abschnitt der Geschichte. Mit der Ansage »Achtung, Achtung! Hier spricht Berlin auf Wellenlänge 356 Meter« und den Nationalhymnen der Siegermächte ging der <em>Berliner Rundfunk</em> am 13. Mai, nur elf Tage nach der endgültigen Besetzung der Hauptstadt durch die Rote Armee und fünf Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, auf Sendung. Mit der Leitung war Hans Mahle beauftragt worden. Der 1911 in Hamburg geborene Funktionär des Kommunistischen Jugendverbandes hatte nach seiner Emigration in die Sowjetunion für das Jugendprogramm von <em>Radio Moskau</em> gearbeitet und ab 1941 die Leitung des Senders <em>Sturmadler</em>, des Jugendprogramms des <em>Deutschen Volkssenders</em>, übernommen. 1943 war er schließlich technischer Leiter des <em>Senders Freies Deutschland</em> geworden. Bereits am 30. April 1945 wurde er zusammen mit neun weiteren Genossen der »Gruppe Ulbricht« nach Berlin gebracht, um sofort nach Kriegsende den Wiederaufbau in Angriff zu nehmen.</p>
<p>Da der große Sender Königs Wusterhausen, über den die Nazis den <em>Deutschlandsender</em> übertragen hatten, durch die Kämpfe zerstört worden war, musste man auf den deutlich kleineren 100-Kilowatt-Sender in Tegel zurückgreifen. Die sowjetischen Truppen hatten ihn bereits am 24. April besetzt und damit den Nazirundfunk zum Schweigen gebracht. Auch das Funkhaus in der Masurenallee war nicht betriebsbereit, die Verbindungskabel zum Sender in Tegel waren defekt. Die Lösung waren ein Raum direkt am Sender und ein notdürftig hergerichteter Übertragungswagen, um direkt von der Anlage aus senden zu können.</p>
<p>Am 13. Mai riegelte eine Postenkette sowjetischer Soldaten das Gebiet um Studio und Sendemast weiträumig ab, um Störungen zu verhindern, denn schalldicht war das provisorische Studio nicht. Die Türen fehlten und waren notdürftig mit Pappe verschlossen worden, in den Fenstern fehlte das Glas. Doch das Wagnis gelang, pünktlich um 20 Uhr sprach Pfarrer Matthäus Klein die ersten Worte. Er war als Unteroffizier der Wehrmacht in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten, hatte sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland angeschlossen und der Redaktion von dessen Sender angehört. Neben ihm saß Artur Mannbar, der von den sowjetischen Truppen erst kurz zuvor aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden befreit worden war. Abwechselnd verlasen beide die Botschaft Josef Stalins an die Völker der Sowjetunion aus Anlass der siegreichen Beendigung des Krieges, den Wortlaut der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte, die Proklamationen der Besatzungsmächte, die Rede des sowjetischen Vertreters auf der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen in San Francisco und schließlich Nachrichten aus aller Welt, die man in der Nacht zuvor bei anderen Sendern abgehört hatte. Die letzten Minuten füllte eine Reportage vom Volksfest der Moskauer auf dem Roten Platz.¹³ Was zunächst in der Anspannung niemandem aufgefallen war: In der ersten Ausstrahlung wurde kein Name für den neuen Sender genannt. In der ab dem 21. Mai 1945 erscheinenden <em>Berliner Zeitung</em> wurde das Programm zunächst unter dem Namen »Rundfunksender Berlin« abgedruckt, erst nach und nach setzte sich der Namen <em>Berliner Rundfunk</em> durch.</p>
<p>In den folgenden Tagen wurde das Programm ständig weiter ausgedehnt, schon nach einer Woche wurde 19 Stunden pro Tag gesendet, von sechs Uhr morgens bis nachts um ein Uhr. Um das möglich zu machen, hatten sowjetische Soldaten eine Feldtelefonleitung vom Funkhaus in der Masurenallee über die Trümmer hinweg bis zum Sender in Tegel gespannt. Mehrere Wochen lang konnte so der Betrieb aufrechterhalten werden, bis die regulären Kabelwege wieder instand gesetzt waren.¹⁴</p>
<p>Gemeinsam hatten die vier Siegermächte zunächst beschlossen, den Deutschen jeden Betrieb eigener Rundfunksender zu verbieten. Deswegen stieß die Tatsache, dass der Betrieb des <em>Berliner Rundfunks</em> offenkundig von Deutschen kontrolliert wurde, bei den Westmächten auf Protest. Daraufhin stellte die Rote Armee ab Anfang Juni 1945 Kontrolloffiziere ab. In ihren Erinnerungen waren die Berliner Rundfunkpioniere noch Jahrzehnte später voll des Lobes für diese uniformierten Kollegen, die sich nicht als Zensoren verstanden hätten, sondern mit freundschaftlichen Ratschlägen zu einem besseren Programm beigetragen hätten. Zu diesem Zeitpunkt sendete der <em>Berliner Rundfunk</em> bereits ein Vollprogramm mit Musik, Nachrichten aus aller Welt und Informationen aus Berlin. Eine wichtige Funktion hatte der Rundfunk auch dabei, durch den Krieg auseinandergerissene Familien wieder zusammenzubringen. Werner Klein etwa, der als Reporter von unzähligen Veranstaltungen berichtete, erinnerte sich Jahrzehnte später an eine, die am 11. November 1945 im Großen Sendesaal des Funkhauses stattfand: »Ich interviewte bei dieser Veranstaltung Waisenkinder, deren Eltern im KZ umgekommen waren. Da stand auch ein kleines Menschlein vor dem Mikrofon und sagte (…): ›Die Mutter starb an Typhus im KZ. Vater und ich kamen durch. Von Stettin aus bin ich zu Fuß gelaufen.‹ Und dann mit aufflackernder Hoffnung: ›Vielleicht hört mein Vater mich …‹ Erich Herrmann hieß dieser elfjährige Junge, der mit seiner Mutter zugleich seine vier Geschwister im KZ Sachsenhausen verloren hatte. Und tatsächlich, sein Vater hörte ihn und erfuhr so, dass sein Sohn lebte.«¹⁵</p>
<h3>Kein Privatfunk</h3>
<p>Die Vorstellungen über den künftigen Rundfunk in Deutschland gingen unter den Alliierten spürbar auseinander. Einig war man sich, dass es einen grundlegenden Bruch nicht nur mit den Strukturen der Nazipropaganda geben müsse, sondern auch mit dem staatlich organisierten Rundfunk der Weimarer Republik. Das Oberkommando der Alliierten Streitkräfte erließ bereits am 24. November 1944 das Gesetz Nr. 191, das zunächst den Deutschen den Betrieb aller Rundfunksender und anderer Medien untersagte, aber bereits erste Pflöcke für die Nachkriegsordnung einschlug. So wurde die Zuständigkeit der Post, die sich in der Weimarer Republik als Einfallstor für die Einflussnahme von Staat und Regierung auf den Rundfunk erwiesen hatte, stark beschränkt. Die Sendeanlagen sollten in den Besitz der einzelnen Rundfunkanstalten übergehen, die auch für Betrieb und Technik zuständig sein sollten. Die Tätigkeit der Post sollte sich auf den Einzug der Gebühren (nicht deren Verwendung), die Sicherung eines störungsfreien Empfangs und die Bekämpfung des Schwarzhörens beschränken.¹⁶</p>
<p>Die Briten präferierten das ihnen von der <em>BBC</em> bekannte Modell öffentlich-rechtlicher Anstalten, die von Staat und Regierung weitgehend unabhängig funktionieren sollten. Auch die französische Besatzungsmacht orientierte sich am Modell öffentlich-rechtlicher Anstalten, zögerte aber spürbar länger als die Briten, den Deutschen unkontrollierten Zugriff auf den Rundfunk zu gewähren. Den US-Amerikanern hingegen war das öffentlich-rechtliche Modell fremd. In ihrem Land war der Rundfunk von Anfang an privatrechtlich und kommerziell organisiert worden, staatliche Einflussnahme hatte kaum stattgefunden. Erst während des Krieges war mit der <em>Stimme Amerikas</em> ein staatlicher Sender geschaffen worden. Doch in Deutschland nach US-Vorbild Privatsender aufzubauen, kam nicht in Frage. Sollte in Deutschland überhaupt jemand über die für den Betrieb notwendigen Mittel verfügen, müsste die Frage gestellt werden, wie er in deren Besitz gekommen war und ob er im Sinne des Aufbaus eines demokratischen Rundfunks geeignet sein könnte. Noch bestritt in Deutschland niemand ernsthaft die Verantwortung des Großkapitals für die Machtübertragung an die Faschisten.</p>
<p>Die Sowjetunion und die aus der Emigration zurückkehrenden deutschen Kommunisten ihrerseits griffen auf die inzwischen gesammelten Erfahrungen zurück und strebten einen parteilichen antifaschistisch-demokratischen Rundfunk an. So erklärte Hans Mahle im Mai 1946 bei einer Festveranstaltung zum ersten Jahrestag der Gründung des <em>Berliner Rundfunks</em> mit Blick auf Vorwürfe, dass sein Sender zu politisch sei: »Ja, wir sind politisch. Es gibt keinen unpolitischen Rundfunk.« Die einzige Orientierung des größten Senders in der sowjetischen Zone sei »Deutschland«, er diene keiner Partei, sondern »will nur der Nation dienen, und er will denen Helfer, Berater und Unterhalter sein, die am Neubau Deutschlands tätig sind«.¹⁷ An die Organisation und Trägerschaft des Rundfunks ging man in der sowjetischen Zone zunächst pragmatisch heran. Am 21. Dezember 1945 übertrug die Sowjetische Militäradministration die Zuständigkeit für den <em>Berliner Rundfunk</em>, den inzwischen in Leipzig gestarteten <em>Mitteldeutsche</em><em>n</em> <em>Rundfunk</em> und alle weiteren Sender der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung.¹⁸</p>
<p>Es fehlte zunächst auch nicht an Versuchen, eine Zusammenarbeit zwischen den Rundfunksendern in den verschiedenen Besatzungszonen zu entwickeln. Zu gemeinsamen Sendungen kam es nach einem ersten Auftakt 1946 mit der Übertragung der deutschen Boxmeisterschaft im Schwergewicht¹⁹ allerdings nur noch zu besonderen Anlässen. So ordneten die vier Besatzungsmächte 1946 an, dass alle deutschen Rundfunkstationen die zwei Tage dauernde Urteilsverkündung im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in einer gemeinsamen Ringsendung zu übertragen hatten. Jede Besatzungszone stellte dafür je einen Reporter, die Sendezeiten für Berichte, Reportage und Abschlusskommentar waren genau aufgeteilt.²⁰ Der junge Reporter, der für den <em>Berliner Rundfunk</em> aus Nürnberg berichtete, war Markus Wolf, der spätere Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes. Hans Mahle, der als Generalintendant für alle Sender in der sowjetischen Zone verantwortlich war, würdigte die gemeinsame Ringsendung bei einer Zusammenkunft mit Vertretern der Rundfunkstationen in allen vier Besatzungszonen, die vom 25. bis 27. November 1946 in Berlin stattfand, um wirtschaftliche und finanzielle Fragen zu diskutieren. In seiner Begrüßungsansprache als Gastgeber äußerte Mahle den Wunsch, dass es künftig möglich sein möge, »nicht nur die kaufmännischen Vertreter zwecks Erfahrungsaustausch zusammenzubringen, sondern auch die Intendanten und Programmgestalter, mit dem Ziel, dem neuen deutschen Rundfunk ein einheitliches demokratisches Gesicht zu geben«.²¹</p>
<h3><strong>Der Kalte Krieg zieht ein</strong></h3>
<p>Das gelang auch weiterhin nur selten, etwa als von April bis August 1947 vor einem US-Militärgericht, das im ehemaligen KZ Dachau tagte, der Prozess gegen die SS-Wachmannschaften des Konzentrationslagers Buchenwald geführt wurde. Für alle Sender, auch die in den westlichen Zonen, berichtete Werner Klein vom <em>Berliner Rundfunk</em> in 35 Reportagen unter dem Titel »Prozesse der Zeit« über die Untersuchungen und das Urteil – von den 31 Angeklagten wurden 22 zum Tode verurteilt. Allerdings wurden die meisten dieser verurteilten Mörder spätestens von westlichen Gerichten begnadigt.²²</p>
<p>Doch das Tischtuch zwischen beiden Seiten war zu diesem Zeitpunkt praktisch schon zerschnitten. Bereits ab 1947 hatten die Sender in den Westzonen begonnen, linke und vor allem kommunistische Redakteure hinauszudrängen. Umgekehrt hatten im Osten diejenigen keinen Platz mehr im Rundfunk, die sich zu sehr gegen den von der Sowjetunion und der SED eingeschlagenen Kurs stellten. Der Kalte Krieg hatte auch im Äther begonnen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 <a class="western" href="https://www.br.de/import/audiovideo/sendung-freiheitsaktion-bayern-100.html">https://www.br.de/import/audiovideo/sendung-freiheitsaktion-bayern-100.html</a></p>
<p>2 <a class="western" href="https://www.spiegel.de/geschichte/widerstand-zum-kriegsende-1945-muenchner-freiheit-die-freiheitsaktion-bayern-a-ef0cace2-7070-4290-bf9d-ef2739bbed67">Christoph Gunkel: Jagd auf die Goldfasane, in: <em>Spiegel Geschichte</em>, 27. April 2020</a></p>
<p>3 Petra Behrens u. a.: »Tod den Nazi-Verbrechern!« Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Kriegsende, Berlin 2020, S. 75 ff., <a class="western" href="https://kurzelinks.de/widerstand_kriegsende" target="_blank" rel="noopener">https://kurzelinks.de/widerstand_kriegsende</a></p>
<p>4 Gerhard Paul: »Wir brachten den letzten Wehrmachtsbericht dieses Krieges«; in: <em>Rundfunk und Geschichte</em> (2000), H. 3, S. 127</p>
<p>5 Zit. n. ebd., S. 129</p>
<p>6 Radio Prague International: The Battle of the Airwaves: the extraordinary story of Czechoslovak Radio and the 1945 Prague Uprising; https://english.radio.cz/battle-airwaves-extraordinary-story-czechoslovak-radio-and-1945-prague-uprising-8073626; abgerufen am 31. Mai 2023</p>
<p>7 Katrin Bock: Der Kampf um den Rundfunk (7. Mai 2005), <a class="western" href="https://deutsch.radio.cz/der-kampf-um-den-rundfunk-8098634">https://deutsch.radio.cz/der-kampf-um-den-rundfunk-8098634</a></p>
<p>8 Zit. n. Bock, ebd.</p>
<p>9 Zit n. Paul, (Anm. 4), S. 131</p>
<p>10 Das Kriegsende 1945 …, a.a.O., S. 147 (?)</p>
<p>11 Zit. n. Paul (Anm. 4), S. 132</p>
<p>12 Ebd., S. 133</p>
<p>13 Katharina Riege: <a class="western" href="https://www.vsa-verlag.de/uploads/media/VSA_Riege_Einem_Traum_verpflichtet.pdf">Einem Traum verpflichtet. Hans Mahle – eine Biographie</a>, Hamburg 2003, S. 199 ff.</p>
<p>14 Hans Mahle: So fing es an; in: Erinnerungen sozialistischer Rundfunkpioniere, Berlin 1975, S. 15</p>
<p>15 Werner Klein: Reportagen, von denen man sprach; in: ebd., S. 43</p>
<p>16 Robert Heinze: <a class="western" href="https://kops.uni-konstanz.de/server/api/core/bitstreams/97512741-199d-48b8-a6eb-d05fe0f51f98/content">Radio Stuttgart, 1945–47. Ein Rundfunk im Aufbau</a>, Konstanz 2004, S. 57</p>
<p>17 <em>Neues Deutschland</em>, 14.5.1946, S. 1</p>
<p>18 Mahle (Anm. 14), S. 19</p>
<p>19 Willi A. Boelcke: Die Macht des Radios, Frankfurt/M. 1977, S. 533</p>
<p>20 Markus Wolf: Nürnberg bleibt aktuell; in: Erinnerungen sozialistischer Rundfunkpioniere (Anm. 14), S. 55; siehe auch: <em>Berliner Zeitung</em>, 28.9.1946, S. 2</p>
<p>21 Niederschrift über die 1. Zusammenkunft von Vertretern der Rundfunkstationen in der englischen, amerikanischen, französischen und sowjetischen Besatzungszone Deutschlands vom 25.–27.11.1946 im Hause des Berliner Rundfunks, Berlin-Charlottenburg, Masuren-Allee, Bundesarchiv: BA DR 2/1090, S. 133, <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/3f60f6a2-ad75-4188-b19b-959a13ad9ae7/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/3f60f6a2-ad75-4188-b19b-959a13ad9ae7/</a></p>
<p>22 Klein (Anm. 15), S. 44</p>
<p>Erschienen am 5. Juli 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/454137.radiogeschichte-es-gibt-keinen-unpolitischen-rundfunk.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>»Niemand wird vergessen und nichts«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/niemand-wird-vergessen-und-nichts/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Jun 2023 11:29:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Leningrad]]></category>
		<category><![CDATA[Radio Leningrad]]></category>
		<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[Zweiter Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 6: Während der Blockade Leningrads wandte sich der Sender[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 6: Während der Blockade Leningrads wandte sich der Sender der Stadt auch an die deutschen Soldaten</strong></p>
<p>Die 872 Tage dauernde Blockade der Millionenstadt Leningrad durch die Wehrmacht war eines der großen Verbrechen der deutschen Faschisten im Zweiten Weltkrieg. Im heutigen St. Petersburg, der zweitgrößten Metropole Russlands, lebten damals mehr als drei Millionen Menschen. Als Hafenstadt am Finnischen Meerbusen war sie über Jahrhunderte eine wichtige Handelsmetropole und Standort der russischen bzw. sowjetischen Marine gewesen, galt als »Wiege« der Oktoberrevolution von 1917 und hatte auch 1941 eine wichtige strategische Bedeutung als Tor zur Ostsee.</p>
<p>Schon wenige Wochen nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 rückte die faschistische Wehrmacht im August auf Leningrad vor. Als am 8. September das am Ufer des Ladogasees gelegene Schlüsselburg von den deutschen Truppen besetzt wurde, war Leningrad umstellt, alle Landverbindungen unterbrochen. Es folgten schwere Luftangriffe auf zivile Ziele in der Stadt, etwa Wasser- und Elektrizitätswerke oder Lebensmittellager, aber auch Schulen und Krankenhäuser. Eine Besetzung Leningrads strebten die Nazis allerdings nicht an, wie Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch schrieb: »Es erscheint notwendig, dass diese Stadt überhaupt verschwindet. Wir könnten auch, wenn wir diese Stadt eroberten, gar nicht die dort zusammengepferchte Fünf-Millionen-Masse überhaupt ernähren. Woher sollten wir die Lebens- und Transportmittel dazu nehmen? Von dieser Stadt ist der Bolschewismus ausgegangen, und in dieser Stadt wird der Bolschewismus endgültig zerschmettert werden.«¹ Und der Stab der deutschen Kriegsmarine ordnete am 22. September 1941 in einer geheimen Direktive an: »Sich aus der Lage der Stadt ergebenden Bitten um Übergabe werden abgeschlagen werden. Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht (…) unsererseits nicht.«²</p>
<h3>Eine Million Tote</h3>
<p>Die Blockade dauerte insgesamt 872 Tage, rund zweieinhalb Jahre. Schätzungen zufolge starben mindestens eine Million Menschen, die meisten von ihnen verhungerten oder fielen den Bombenangriffen der Nazis zum Opfer. Auf dem Gedenkfriedhof Piskarjowskoje in St. Petersburg sind rund eine halbe Million Opfer der Blockade in Massengräbern beigesetzt. Ihre letzte Ruhestätte ist ein Mahnmal, das an die unmenschlichen Verbrechen der Faschisten erinnert. Die Gräber liegen an einer langen Allee, an deren Ende sich die Statue der »Mutter Heimat« erhebt. Hinter dem Denkmal zieht sich eine Granitmauer entlang, auf dem das Gedicht »Hier liegen Leningrader« zu lesen ist:</p>
<p>»Hier sind die Bürger, Männer, Frauen, Kinder. / Neben ihnen Soldaten der Roten Armee … / Mein ganzes Leben / Sie haben dich beschützt, Leningrad, / Wiege der Revolution / Wir können ihre edlen Namen hier nicht auflisten: / Viele von ihnen stehen also unter dem ewigen Schutz des Granits. / Aber wisse, höre diesen Steinen zu, / Niemand wird vergessen, und nichts wird vergessen!«³</p>
<p>Die Verfasserin dieser Verse war Olga Bergholz. Sie wurde 1910 im damaligen St. Petersburg geboren und arbeitete als Schriftstellerin und Journalistin. Unmittelbar nach Kriegsbeginn 1941 begann sie, für den Rundfunk zu arbeiten, wo Ersatz für Redakteure benötigt wurde, die zur Armee einberufen worden waren. In den langen Monaten der Blockade wurde ihre Stimme für die Eingeschlossenen zu einer Stimme des Lebens und der Hoffnung. Fast täglich machte sie ihren Hörerinnen und Hörern mit ihren Gedichten und Ansprachen Mut, unterbrochen nur wenige Wochen im März und April 1942, als sie gegen ihren Willen zur ärztlichen Behandlung nach Moskau gebracht wurde, von wo sie so schnell wie möglich zurückkehrte. Während sie überlebte, gehörte ihr Mann Nikolai Molchanow zu den Opfern der Blockade, er starb im Januar 1942.</p>
<p>Seit 1931 nutzte <em>Radio Leningrad</em> einen 100 Kilowatt starken Langwellensender, der in der 15 Kilometer südöstlich der Millionenmetropole gelegenen Stadt Kolpino stand.⁴ Der Ort mit seinen ursprünglich etwa 37.000 Einwohnern und damit auch der Rundfunksender lagen während der Blockade innerhalb des von den deutschen Besatzern gezogenen Belagerungsrings. Deshalb konnte er rechtzeitig in Sicherheit gebracht und am Primorski-Prospekt im Nordwesten Leningrads gut getarnt wieder in Betrieb genommen werden.⁵</p>
<p>Das war für die Menschen in der eingeschlossenen Stadt lebenswichtig, auch wenn sie das Programm zumeist über Lautsprecher oder im Drahtfunk über die Telefonleitungen empfingen. Bereits ab dem 26. Juni schaltete <em>Radio Leningrad</em> nicht mehr, wie bis dahin üblich, um Mitternacht ab, sondern blieb in Betrieb. Wenn das reguläre Programm beendet war, hörte man rund um die Uhr das Ticken eines Metronoms, wie es sonst Musikern den Taktrhythmus angibt. Wurde die Geschwindigkeit des Taktgebers schneller, drohte Gefahr durch deutsche Flugzeuge oder Artilleriebeschuss – die Menschen suchten Schutz in Kellern und Bunkern. War der Angriff vorüber, verlangsamte sich der Rhythmus wieder. Später verglichen die Leningrader das ständige Ticken mit einem Herzschlag, der ihnen zeigte, dass ihre Stadt noch am Leben war.</p>
<p><em>Radio Leningrad</em> war in dieser Zeit praktisch die einzige Verbindung der Bürger zum Rest der Welt. Zeitungen kamen nur noch selten und mit langen Verspätungen an. Doch über den Sender erfuhr die Stadt, was an den Fronten und in ihrem Land passierte. Und umgekehrt war <em>Radio Leningrad</em> die Stimme, die den Menschen in der Sowjetunion zeigte, dass die Stadt nicht gefallen war und Widerstand leistete. Regelmäßig übertrug man Programme, die sich an das ganze Land richteten und von <em>Radio Moskau</em> mit seinen starken Anlagen übernommen und weiterverbreitet wurden. Sie begannen stets mit den gleichen Worten: »Hier ist <em>Radio Leningrad</em>! Die Stadt Lenins ruft das Land.« Olga Bergholz erinnerte sich später: »Das war in der verzweifeltsten Phase des Krieges, als die deutschen Armeen vorwärts stürmten und wir gezwungen waren, eine Stadt nach der anderen aufzugeben. Doch da war Leningrad, das die Deutschen zum Stehen brachte. Leningrad hielt stand, und live übertragene Stimmen von Leningradern verkündeten, dass die Stadt weder heute noch morgen noch jemals kapitulieren werde. Und am nächsten Tag sprach die Stadt erneut.«⁶</p>
<p>Im Dezember 1941 musste <em>Radio Leningrad</em> zeitweilig abgeschaltet werden, weil die Stromversorgung unterbrochen war. Nur in einigen Vierteln der Stadt funktionierte die Übertragung per Lautsprecher noch. In dieser Zeit schleppte sich einem Bericht zufolge ein alter Mann auf zwei Stöcke gestützt zum Rundfunkgebäude, um eine Wiederaufnahme der Sendungen zu erreichen: »Solange es sich nur darum handelt, mutig zu sein, ist alles gut. Auch eine Kürzung der Lebensmittelrationen lässt sich ertragen. Aber lassen Sie das Radio sprechen. Wenn das aufhört, ist das Leben zu fürchterlich. Dann ist es, als läge man im Grab.«⁷</p>
<h3>»Man muss lesen«</h3>
<p>Ab Februar 1942 sprach das Radio wieder. Ein auf dem Grund des Lagodasees verlegtes Kabel stellte die Stromversorgung sicher. Aber die Arbeits- und Lebensbedingungen waren auch für die Beschäftigten des Senders dramatisch. Sie litten und hungerten ebenso wie die, für die sie Programm machten. Weil sich viele Sprecher kaum noch auf den Beinen halten konnten, wurde im Studio ein hölzernes Gestell in T-Form errichtet, das an eine Harke ohne Zähne erinnerte. Vom Schriftsteller Lew Uspenski darauf angesprochen, erläuterte der Direktor des Senders, Jakow Babuschkin, dass dies eine Stütze sei, um sich vor dem Mikrofon aufrecht halten zu können, wenn man zu schwach war, um noch alleine stehen zu können. Doch das Programm müsse weitergehen, so Babuschkin: »Man muss lesen. In vielen tausend Wohnungen warten die Menschen auf die Stimme des Sprechers, und diese Stimme erhält sie vielleicht am Leben.«⁸</p>
<p>Zu denen, die sich in Leningrad zu Wort meldeten, gehörte Dmitri Schostakowitsch. Der 1906 in St. Petersburg geborene Komponist hatte sich bei Kriegsbeginn als Freiwilliger zu den Milizen gemeldet, um sich an der Verteidigung seiner Heimatstadt zu beteiligen. »Man sagte mir jedoch, ich solle warten«, erinnerte er sich am 19. April 1942 in einem Beitrag für den <em>Moskowski Bolschewik</em>. »Ein Kommissar sprach mit mir. Er meinte, dass sich meine Tätigkeit auf das Schreiben von Musik beschränken sollte.«⁹ So konzentrierte er sich auf seine musikalische Arbeit, während er zugleich als Mitglied der Feuerwehr bei der Brandbekämpfung half. Mitte September 1941, als der Lärm von Bomben und Flugabwehrgeschützen durch die Straßen hallte und die <em>Leningradskaja Prawda</em> vor dem unmittelbar bevorstehenden Sturm der Faschisten auf die Stadt warnte, sprach der Komponist über das Mikrofon. Er berichtete von der Arbeit an seiner 7. Sinfonie, die später als die »Leningrader« in die Geschichte einging: »Vor einer Stunde habe ich die Partitur von zwei Sätzen einer großen Sinfonie fertiggestellt. Wenn ich beim Schreiben dieser Komposition gut vorankomme und ich den dritten und vierten Satz vollenden kann, wird es möglich sein, sie die siebte Sinfonie zu nennen. Warum sage ich das? Damit die Radiohörer, die mich jetzt hören, wissen, dass das Leben in unserer Stadt normal verläuft. Wir erfüllen jetzt alle unsere militärische Pflicht.«¹⁰</p>
<p>Obwohl er lieber in Leningrad geblieben wäre, wurde Schostakowitsch mit seiner Familie im Oktober 1941 aus der Stadt ausgeflogen und setzte seine Arbeit in Kuibyschew, dem heutigen Samara, fort. Die Zeit in der Stadt nutzte der Komponist, um seine Sinfonie zu vollenden. Am 5. März 1942 wurde sie durch das ebenfalls evakuierte Orchester des Bolschoi-Theaters in Kuibyschew uraufgeführt, wenige Wochen später folgten Aufführungen in Moskau und in Nowosibirsk, wohin man das Orchester der Leningrader Philharmonie in Sicherheit gebracht hatte. Auch in London erklang die Sinfonie, und in New York führte das Rundfunkorchester der <em>NBC</em> unter der Leitung von Arturo Toscanini das Stück auf, live übertragen über die Sender der Gesellschaft. Doch am wichtigsten wurde die Premiere im belagerten Leningrad.</p>
<p>Ein Flugzeug der sowjetischen Luftwaffe durchbrach den Belagerungsring der Deutschen und brachte die Partitur in die Stadt. Der Leiter des Leningrader Rundfunkorchesters, Karl Elias­berg, erhielt die Aufgabe, die Sinfonie einzustudieren. Doch den Musikern fehlte die Kraft, und anstatt der fast 100 Musiker, die für eine Aufführung von Schostakowitschs Sinfonie notwendig waren, hatte Eliasberg nur noch 15 zur Verfügung. Um das Orchester aufzufüllen, wurden Bürger, die ein Instrument spielen konnten, über <em>Radio Leningrad</em> aufgerufen, sich beim Rundfunkkomitee zu melden, es winkte eine Sonderration Haferbrei. Zudem wurden Soldaten von der Front zum Musizieren abkommandiert.</p>
<p>Am 9. August schließlich erklang die Sinfonie erstmals im vollen Saal der Philharmonie, übertragen von <em>Radio Leningrad</em>. »Das Publikum bestand aus Arbeitern, die die Waffen zur Verteidigung geschmiedet hatten, Architekten, die bereits die Auferstehung der Stadt planten, Lehrern, die Kinder in den Luftschutzkellern unterrichteten, Schriftstellern und Dichtern, die auch in den herausfordernden Monaten des vergangenen Winters ihre Stifte nicht aus der Hand gelegt hatten, Soldaten, Offizieren, Parteifunktionären und Vertretern der Stadtverwaltung«, berichtete Bergholz. »Die Musiker des zusammengewürfelten Orchesters kamen auf die riesige Bühne der Philharmonischen Gesellschaft und füllten sie aus. Wir konnten in seiner Mitte die Musiker des Rundfunkorchesters sehen, Musiker in Armeeuniformen und Jacken der Marine. Wir sahen vor uns die Verteidiger von Leningrad, immer bereit, jederzeit ihr Leben für ihre Heimatstadt, ihr Land und ihr Volk zu geben.«¹¹</p>
<h3>Wichtiges Lebenszeichen</h3>
<p>Schon in den Monaten zuvor waren die im Radio übertragenen Konzerte wichtige Lebenszeichen gewesen. So spielten die Musiker am 7. Dezember 1941 Beethovens 5. Sinfonie – ein mutiges Statement, dass man den deutschen Komponisten nicht den deutschen Faschisten überlassen wollte.¹² Über den Leningrader Sender und die Lautsprecher nahe der Front waren die Konzerte auch bei den deutschen Soldaten in den Schützengräben zu hören. Elias­berg wurde Jahre nach Kriegsende von einem inzwischen älteren Deutschen angesprochen, der in jenen Monaten in den Schützengräben vor Leningrad gelegen hatte. Er zeigte dem Dirigenten ein kleines Tagebuch, in dem die übertragenen Konzerte des Leningrader Rundfunkorchesters verzeichnet waren, Beethoven besonders hervorgehoben. »Wissen Sie, als ich all das hörte, habe ich schon am Ende dieses Jahres begriffen, wir werden Leningrad niemals nehmen. Wenn in einer belagerten Stadt so etwas passieren kann, werden wir niemals in Leningrad einmarschieren.«¹³</p>
<p><em>Radio Leningrad</em> wandte sich auch in deutscher Sprache an die Soldaten der Wehrmacht. Bereits seit Herbst 1939 hatte man eine Nachrichtensendung in deutscher Sprache eingeführt, die täglich ab 23 Uhr für 20 Minuten ausgestrahlt wurde. Nach Beginn der Blockade wurden die deutschsprachigen Sendungen ab Oktober 1941 ausgebaut. Elfmal täglich wandte man sich nun mit jeweils zehn- bis 15minütigen Sendungen vor allem an die deutschen Soldaten:¹⁴ »Achtung! Achtung! Deutsches Volk und deutsche Soldaten! Hört uns an! Wir sagen euch die Wahrheit!«¹⁵</p>
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<p>Die Gestapo notierte in ihren Abhörprotokollen, der Leningrader »Hetzsender«, der sich mit der Bezeichnung »Deutscher Soldat! Höre uns!« melde und vor allem in der Nacht und am frühen Morgen aktiv sei, ziele auf die »Untergrabung der Autorität in der Wehrmacht und der Kampfmoral der deutschen Soldaten im Osten« ab. »So werden mehrfach Hinweise auf die Aussichtslosigkeit des Kampfes der deutschen Armee gebracht, das Kriegspotential der Gegner herausgestellt und riesige Menschenverluste im Operationsgebiet im Osten behauptet. Der Beeinflussung der Stimmung dient weiter die Verlesung erbeuteter Feldpostbriefe, in denen über angebliche Kriegsmüdigkeit, wirtschaftliche Not und seelische Niedergeschlagenheit in der Heimat berichtet wird.«¹⁶</p>
<p>Chefredakteur und Hauptsprecher der deutschsprachigen Sendungen war der Österreicher Friedrich »Fritz« Fuchs. Nach der Niederlage der Antifaschisten seines Heimatlandes bei den Februarkämpfen 1934 war er in die Sowjetunion gegangen, wo er von den Behörden ebenso wie sein Bruder Ernst nach Leningrad geschickt wurde. Als ausgebildete Zahntechniker arbeiteten sie im Stomatologischen Institut der Stadt und lernten im Kontakt mit ihren Kollegen die russische Sprache.</p>
<p>Was dann geschah, beschrieb Fuchs in einem kurz nach seinem Tod 1988 veröffentlichten Artikel in der Wiener Zeitschrift <em>Medien &amp; Zeit</em>: »Am 22. Juni 1941 drangen deutsche Truppen ohne Kriegserklärung in die Sowjetunion ein. (…) Anfang August kam ein Vertreter aus dem Smolny in unser Institut und ließ mich zum Direktor rufen. Dort gab er mir bekannt, dass die Kommunistische Partei Leningrads von mir verlange, meine Arbeit hier im Institut aufzugeben und in den Leningrader Rundfunk zu übersiedeln, um dort die Arbeit des Chefredakteurs der deutschsprachigen Sendung zu übernehmen. Auf meinen Einwand, ich hätte doch keine Ahnung, welche Arbeit man im Rundfunk ausüben müsse, ja ich wisse nicht einmal, wie man ein Mikrophon halten müsse, erwiderte er, all das seien Kleinigkeiten, die ich in einer Minute lösen werde. Ich möge mich schon morgen früh im Rundfunk melden. Man erwarte mich dort zu einer sehr wichtigen Arbeit. Ich möge also nicht absagen, sondern meine Pflicht als österreichischer Kommunist in der Sowjetunion erfüllen.«¹⁷</p>
<p>In der Anfangszeit bestanden die Sendungen aus Übersetzungen sowjetischer Zeitungsartikel und Zusammenfassungen von Flugblättern, die über den deutschen Stellungen abgeworfen wurden. Das Material musste von der Parteileitung im Smolny freigegeben werden und durfte erst dann über den Sender gehen. Das stellte sich aber als wenig praktikabel heraus, wollte man schnell auf aktuelle Nachrichten reagieren. Fuchs erinnerte sich: »Am Vormittag hörte ich aus dem Radioapparat, den man mir gegeben hatte, eine Rede des deutschen Propagandaministers Goebbels. Sie war so aufreizend und blöde, dass ich mich hinsetzte und darauf eine Antwort schrieb, in der ich die ganzen Dummheiten der Rede aufzeigte und den Hörern meiner Sendung klarmachte, wie die Lage an der Front tatsächlich war und was sie zu erwarten hätten, wenn sie nicht bald die Gefangenschaft als Rettungslager für ihr Leben in Anspruch nehmen würden.« Der Österreicher ließ seinen Kommentar ins Russische übersetzen und brachte ihn zu seinem Vorgesetzten, dem stellvertretenden Chefredakteur Viktor Chodarenko. Dieser sagte zu, den Beitrag zur Bestätigung der Parteileitung vorzulegen. »Also begab ich mich wieder in mein Zimmer und wartete. Eine halbe Stunde vor Beginn meiner Sendung ging ich wieder in die Direktionsetage, wo mir Viktor Antonowitsch sagte, es sei aus dem Smolny noch keine Antwort gekommen.«</p>
<p>Daraufhin sagte Fuchs seinem Chef, dass die Sendung in wenigen Minuten beginne. »Ich muss meinen Artikel heute bringen, denn morgen oder übermorgen weiß kein Deutscher mehr, was Goebbels im Rundfunk gesagt hat. Sie und der Direktor haben meinen Artikel für gut befunden. Ich übernehme daher allein die Verantwortung dafür, dass ich ihn heute veröffentliche.« Damit war der Bann gebrochen, und Fuchs konnte von nun an schreiben, was er für richtig und wichtig hielt.«¹⁸</p>
<p>In Berlin beobachtete man mit Sorge den möglichen Einfluss der Sendungen aus Leningrad auf die Moral der Truppe. Eberhard Taubert – damals unter anderem Leiter der »Abteilung Ost« des Propagandaministeriums und Chef der »Antikomintern«, nach dem Krieg Vizechef des vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen finanzierten antikommunistischen »Volksbundes für Frieden und Freiheit«¹⁹ – verlangte im Namen von Goebbels vom Oberkommando der Wehrmacht, zumindest die Sendeanlagen von <em>Radio Leningrad</em> zum Schweigen zu bringen. Doch das OKW teilte am 3. September 1942 mit, dass »eine wirksame Bekämpfung des Senders Leningrad zur Zeit aus militärischen Gründen weder von der Erde aus noch aus der Luft möglich ist«.²⁰</p>
<h3>Belagerung durchbrochen</h3>
<p>Und so konnte <em>Radio Leningrad</em> in der Nacht zum 19. Januar 1943 melden, dass der Blockadering der Deutschen durch die Rote Armee durchbrochen worden sei. Alles, was dann geschah, war »spontan, unvorbereitet und ungeplant«, erinnerte sich Olga Bergholz an diese Stunden. »Musik, hier und dort geschriebene Gedichte, Reden – es war ein beständiger, unaufhörlicher Strom freudiger Erregung, der von der Wolchow-Front, dem ganzen Land, der ganzen Welt gehört wurde. Und die größte Auszeichnung für uns im Studio war in dieser Nacht des Feierns, dass die Leningrader in Scharen zu uns strömten. (…) Obwohl die ­Blockade noch ein weiteres Jahr anhielt, nachdem der Durchbruch erreicht worden war, mit weiteren erschöpfenden Angriffen, Bombardierungen und neuen Prüfungen für die Menschen, obwohl der glückliche Tag der letzten Erlösung der Stadt erst ein Jahr später kam, erinnern sich die Leningrader der Nacht des 18. Januar 1943 als des Gipfels der Freude, als einer Nacht, in der sich alle Herzen einander geöffnet haben«, schrieb Olga Bergholz. »Und einen unverzichtbaren Anteil an dieser Nacht hatte die Stimme des Radios, das zum ersten Mal nach langen Monaten die Nacht hindurch bis zum Morgengrauen sang und sprach, damit alle Welt den Jubel Leningrads hören konnte.«²¹</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Joseph Goebbels: Tagebücher, Bd. IV, München 2003, S. 1671 (­Eintrag v. 24. September 1941)</p>
<p>2 <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/340408/leningrad-niemand-ist-vergessen/">https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/340408/leningrad-niemand-ist-vergessen/</a></p>
<p>3 <a href="https://ik-ptz.ru/de/literature/ya-govoryu-nas-grazhdan-leningrada-ya-govoryu-s-toboi-pod-svist.html">https://ik-ptz.ru/de/literature/ya-govoryu-nas-grazhdan-leningrada-ya-govoryu-s-toboi-pod-svist.html</a></p>
<p>4 Hansjörg Biener: »Goworit Leningrad« (1941–1944). In: <em>Rundfunk und Museum</em> (2021), H. 101, S. 28–37</p>
<p>5 Ebd., S. 29</p>
<p>6 Olga Bergholz: »This is Radio Leningrad«. In: Moscow – Stalingrad, 1941–1942, Moskau 1970, S. 166</p>
<p>7 Biener (Anm. 4), S. 32</p>
<p>8 Ebd., S. 31</p>
<p>9 Jürgen Meier: »Für alle ist irgendwo ein Lächeln …«. In: <em>Streifzüge</em>, 9. September 2006. <a href="https://www.streifzuege.org/2006/fuer-alle-ist-irgendwo-ein-laecheln">https://www.streifzuege.org/2006/­fuer-alle-ist-irgendwo-ein-laecheln</a></p>
<p>10 <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Khby544gyGw">https://www.youtube.com/watch?v=Khby544gyGw</a></p>
<p>11 Bergholz (Anm. 6), S. 176</p>
<p>12 David B. Dennis: Beethoven in German Politics, 1870–1989, New Haven 1996, S. 170</p>
<p>13 Lev S. Marchasev, Marianna Butenschön, Gabriele Leupold: Beethoven gegen Hitler: Das Leningrader Radio in der Blockade. In: <em>Osteuropa</em> 61 (2011), H. 8/9, S. 223 f.</p>
<p>14 Conrad Pütter: Rundfunk gegen das »Dritte Reich«, München 1986, S. 270</p>
<p>15 <a href="http://militera.lib.ru/h/rubashkin_ai/09.html">http://militera.lib.ru/h/rubashkin_ai/09.html</a></p>
<p>16 Bundesarchiv, R 58/3106, S. 111f.; <a href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/09aa4381-05b5-435e-b240-d6f7cf728468/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/09aa4381-05b5-435e-b240-d6f7cf728468/</a></p>
<p>17 Friedrich Fuchs: Wie ich ein Leningrader wurde. In: <em>Medien &amp; Zeit,</em> 2/88, S. 14, <a href="https://medienundzeit.at/wp-content/uploads/2015/02/MZ_digital_1988-02_ocr-.pdf">https://medienundzeit.at/wp-content/uploads/2015/02/MZ_digital_1988-02_ocr-.pdf</a></p>
<p>18 Ebd., S. 15 f.</p>
<p>19 Vgl. Klaus Körner: Erst in Goebbels’, dann in Adenauers Diensten, <em>Die Zeit</em><em>,</em> Nr. 35/1990, <a href="https://www.zeit.de/1990/35/erst-in-goebbels-dann-in-adenauers-diensten/komplettansicht">https://www.zeit.de/1990/35/erst-in-­goebbels-dann-in-adenauers-diensten/komplettansicht</a></p>
<p>20 Willi A. Boelcke: Die Macht des Radios, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1977, S. 272</p>
<p>21 Bergholz (Anm. 6), S. 176 f.</p>
<p>Erschienen am 3. Juni 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/451733.rundfunkgeschichte-niemand-wird-vergessen-und-nichts.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>»Hört Moskau!«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/hoert-moskau/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Feb 2023 08:22:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Radio Moskau]]></category>
		<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[Weimarer Republik]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 2: Die Weimarer Republik Ein Jahr nach dem Sturz[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 2: Die Weimarer Republik</strong></p>
<p>Ein Jahr nach dem Sturz der Monarchie und der Ausrufung der Repu­blik war der revolutionäre Aufbruch des November 1919, als Soldatenräte die Kontrolle über die Funkstationen übernommen hatten, abgewürgt. Der Staat in Gestalt der Reichspost war wieder Herrscher über die Sendeanlagen, die vom Soldatenrat in Königs Wusterhausen gebildete »Zentrale Funkleitung« war zwischen den Ministerien und Interessenverbänden zerrieben worden.</p>
<p>Die Erfahrung des »Funkerspuks«, wie die bürgerliche Presse die Monate der Doppelherrschaft über das neue Medium bald nannte, bestimmten in den folgenden Jahren und Jahrzehnten den von Misstrauen geprägten Umgang von Regierung und Behörden mit allem, was mit der drahtlosen Kommunikation zu tun hatte. Bis 1923 wurde den Bürgerinnen und Bürgern der Empfang von Funksendungen generell untersagt. Selbst Nachrichtenagenturen durften nur unter großen Restriktionen für sie relevante Meldungen aufnehmen. Zwar nutzten einige von ihnen im Testbetrieb die drahtlosen Dienste der Reichspost zur Verbreitung ihrer Nachrichten, doch selbst in den Redaktionsräumen der Tageszeitungen durften keine Empfangsgeräte aufgestellt werden. Das Reichspostministerium machte gegenüber entsprechenden Anträgen »schwerste Bedenken« geltend, »zumal keinerlei Gewähr dafür geschaffen werden kann, dass den Zeitungen nur bestimmtes Nachrichtenmaterial zugeführt wird und nicht auch andere Nachrichten durchsickern«.¹ In den Redaktionen sorgte das für Unmut, denn in anderen europäischen Staaten wurden zu dieser Zeit bereits »an alle« adressierte sogenannte »CQ-Sendungen« verbreitet. Ein Schlupfloch war nur das <em>Hollandsch Nieuws-Bureau</em>, eine Nachrichtenagentur aus den Niederlanden, die in Berlin eine Niederlassung unterhielt.² Sogar noch kurz vor der offiziellen Freigabe des Funkempfangs und dem Beginn regelmäßiger Rundfunksendungen 1923 gab es in ganz Deutschland nur rund 1.300 genehmigte Empfangsstellen.³</p>
<h3>Schwarzhörer</h3>
<p>Die Zahl der »Schwarzhörer«, die sich nicht um behördliche Verbote scherten, dürfte bereits zu dieser Zeit beträchtlich gewesen sein. Vor allem ehemalige Militärfunker, die ihre Kenntnisse einsetzen konnten, sowie talentierte Bastler verfolgten mit selbstgebauten Empfangsgeräten die Entwicklungen im Äther. Einer von ihnen war der damals noch keine 20 Jahre alte Manfred von Ardenne, der später eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Fernsehens spielen sollte. Als Kind hatte er 1917 in einer Wetterstation in Münster am Stein die vom Eiffelturm in Paris aus gefunkten Morsezeichen hören dürfen. »Der kinderliebe Wetterwart konnte damals nicht ahnen, welch ein zukunftsträchtiges Samenkorn er mit seinem Handeln in das so aufnahmebereite Gehirn eines zehnjährigen Kindes senkte«, schrieb von Ardenne in seiner Autobiographie.⁴ 1921 kaufte sich der von den Naturwissenschaften faszinierte Jugendliche in einem Elektrogeschäft in Berlin billige Bauteile aus Heeresbeständen zusammen und bastelte daraus seinen ersten Detektorempfänger, dem viele weitere und immer leistungsfähigere folgten.</p>
<p>Auch an anderen Stellen scherte man sich kaum um die Verbote der Obrigkeit. Als die Oberpostdirektion Berlin im Dezember 1921 Hausdurchsuchungen bei einer Reihe von Verdächtigen veranlasste, denen der Betrieb »geheimer Funkanlagen« unterstellt wurde, entdeckten die Polizisten in den Gebäuden großer Berliner Verlage insgesamt zwölf Radiogeräte, allein fünf davon beim Dammert-Verlag. Auf eine Beschlagnahmung verzichteten die Beamten. Da es sich bei den »Schwarzhörern« um »angesehene Presseunternehmen« handelte, nahm man lieber »Rücksicht auf die (…) möglichen politischen Weiterungen«, die das Einziehen der Geräte und etwaige Strafverfolgung hätte haben können.⁵ Soviel Toleranz konnten jedoch nur bürgerliche Medienkonzerne erwarten, gegen linke oder gar revolutionäre Bestrebungen wurde die ganze Macht des Staates eingesetzt, besonders wenn es nicht nur um das Empfangen, sondern um das Senden ging.</p>
<p>In Deutschland wurde der Besitz von Radiogeräten im Privatbesitz erst im Herbst 1923 freigegeben. Ausschlaggebend dafür war letztlich die Einsicht, auch durch Verfolgungsmaßnahmen den Funkempfang nicht verhindern zu können. Statt dessen sollte, wie Hans Bredow in seinen Memoiren einräumt, durch die Verbreitung von Nachrichten und Unterhaltungsprogrammen dafür gesorgt werden, »dass die Hörer kein Interesse mehr an dem Abhören des öffentlichen und militärischen Funkverkehrs«⁶ hätten. Konsequent umgesetzt wurde dieser Ansatz zunächst jedoch nicht. Vielmehr waren die Voraussetzungen für den Erwerb einer Empfangsgenehmigung so kompliziert und teuer, dass sich nur wenige Hörer um eine Legalisierung kümmerten. Am 1. Dezember 1923 waren erst 467 gebührenzahlende Hörer registriert, und ihre Zahl stieg nur langsam. Noch am 5. März 1924, mehr als vier Monate nach Aufnahme des regulären Rundfunkprogramms, beklagte das <em>Leipziger Tageblatt</em>, dass in Berlin »derzeit etwas über 500 Teilnehmer des Rundfunks bei der Post angemeldet« seien, die Zahl der sogenannten Schwarzhörer jedoch »um ein Vielfaches größer« sein dürfte. »Diese ›Schwarzhörer‹ sind, selbst wenn man von dem entgangenen Gewinn für die Reichskasse absieht, eine öffentliche Gefahr, vor allem deshalb, weil sie vielfach, um nicht zu sagen meist, über Apparate verfügen, die von der Reichstelegraphenverwaltung nicht zugelassen sind und auch nicht zugelassen werden können, weil sie den Bedingungen für einen geordneten Rundfunkbetrieb nicht entsprechen.«</p>
<p>Zwischen den Zeilen wird deutlich: Es ging weniger um den Verlust von Einnahmen, sondern um die Angst, dass Nutzer die Geräte mit wenigen Handgriffen zu Sendern umbauen und eigene Programme verbreiten könnten. Tatsächlich wird die Zahl nicht genehmigter Sender Mitte der 1920er Jahre auf bis zu 2.000 geschätzt, wobei die meisten von Funkamateuren betrieben wurden, die keine politischen Absichten verfolgten und deshalb auch weitgehend in Ruhe gelassen wurden.</p>
<p>Größeren Einfluss übten die ab 1923 entstandenen »Funkvereine« aus, die zu Jahresbeginn 1924 bereits etwa 15.000 Mitglieder zählten – während nur einige hundert Menschen offiziell registrierte »Rundfunkteilnehmer« waren. Diese durchweg bürgerlichen Klubs schlossen sich zum »Deutschen Funkkartell« zusammen und waren gerngesehene Gäste von Staatssekretär Hans Bredow, der sie als Regulativ gegen radikale Bestrebungen, aber auch als Lobbyisten für den noch immer misstrauisch beäugten Rundfunk schätzte. Mit der ersten vorsichtigen Liberalisierung der Regeln zum Rundfunkempfang ab Mai 1924 wurden die Verbände sogar zu Torwächtern, an denen kein Hörer vorbeikam, der eine Genehmigung erwerben wollte. Die neuen Vorschriften sahen nämlich vor, dass nun auch selbstgebaute Empfänger benutzt werden durften, sofern die Hörerinnen und Hörer eine »Audion-Versuchserlaubnis« erwarben. Notwendig dafür war neben der Entrichtung einer Gebühr der Nachweis technischer Kenntnisse. Die Prüfungen durften nur vom Reichspostministerium anerkannte Vereine abnehmen, in deren Vorständen Beamte der Behörde vertreten sein mussten.</p>
<h3>Arbeiterradiobewegung</h3>
<p>Aus dem exklusiven Kreis dieser Verbände ausgeschlossen blieben von Anfang an die Arbeiterradioklubs (ARK), die ab 1923 zunächst in Berlin und dann in weiteren Großstädten wie Leipzig, Chemnitz und Hamburg entstanden waren. Das »Funkkartell« verweigerte ihnen die Aufnahme, weil sie sich als Zusammenschlüsse der am Rundfunk interessierten werktätigen Bevölkerung definierten und damit eine »Standesorganisation« seien. Die Reichspost wiederum lehnte die ARK aufgrund ihrer politischen Ausrichtung ab. Von Anfang an musste sich die Arbeiterradiobewegung zudem mit Schikanen, Verfolgungen und Publikationsverboten auseinandersetzen. Als etwa der Berliner Arbeiterradioklub im April 1924 offiziell als eingetragener Verein gegründet wurde, war das für das preußische Innenministerium Grund genug, Ermittlungen gegen die Gründer Ewald Blau, Erich Heintze und Heinrich Farwig aufzunehmen, zumal diese der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) angehörten.</p>
<p>Ebenso wie die Mitglieder der bürgerlichen Funkvereine interessierten sich auch die der Arbeiterradioklubs zunächst vor allem für die technische Seite des neuen Mediums. Zudem ging es ihnen darum, selbst Empfangsgeräte bauen zu können, denn der Kauf fertiger Radios war für die wenigsten erschwinglich. Der Zwang, die selbstgebauten Geräte genehmigen zu lassen, und die Weigerung des »Funkkartells« und der Post, den Arbeiterklubs das Privileg der Prüfungsabnahme zu gewähren, zwang die ARK halb in die Illegalität. Dadurch sei aber »die bürgerliche Gegnerschaft klargestellt und die Notwendigkeit einer völlig selbständigen Arbeiterradiobewegung immer deutlicher erkennbar« geworden, hieß es rückblickend in einer 1926 veröffentlichten Analyse. »Von nun ab kam Kampfstimmung in die Arbeiterradiobewegung. Überall begannen die Gruppen um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen.«⁷ Als im Herbst 1925 der Zwang zur Genehmigung von Radiogeräten aufgehoben wurde, verbuchten die Arbeiterradioklubs dies als ersten politischen Erfolg für sich. Die Zahl der Mitglieder im ARK wuchs von zunächst etwa 3.000 bei der Gründungsversammlung in Berlin bald auf mehrere zehntausend an.</p>
<p>Die Arbeiterradiobewegung kritisierte von Anfang an die von den Rundfunksendern gebotenen Inhalte. Auch fortschrittliche Künstler und Intellektuelle äußerten sich zur Entwicklung des Rundfunks. So wies etwa Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel 1926 in der <em>Weltbühne</em> die Illusion vom »unpolitischen Rundfunk« zurück: »Nun gibt es selbstverständlich nichts Unpolitisches, und man kann darauf schwören, hinter diesem Getue allemal einen Hugenberg-Redakteur, einen mittleren Bürger, einen Patrioten zu finden, der entweder schwindelt oder dem seine Lebensauffassung so zur Natur geworden ist, dass er gar nicht begreift, wie grade sie einen Streitpunkt abgeben kann. So ist’s auch mit dem Rundfunk.«</p>
<p>Bei Bertolt Brecht wurde die Faszination von den neuen Möglichkeiten schnell von der Verwunderung darüber abgelöst, wie von ihnen Gebrauch gemacht wurde. »Die Resultate des Radios sind beschämend«, schrieb er 1927 in einem Aufsatz, der zunächst unveröffentlicht blieb. Künftige Generationen würden staunen, »wie hier eine Kaste dadurch, dass sie es ermöglichte, das, was sie zu sagen hatte, dem ganzen Erdball zu sagen, es zugleich dem Erdball ermöglichte, zu sehen, dass sie nichts zu sagen hatte«. Brecht forderte, aus dem Rundfunk »eine wirklich demokratische Sache zu machen«.</p>
<p>Die Realität in Deutschland sah anders aus. Der Rundfunk behauptete von sich zwar, »unpolitisch« und »überparteilich« zu sein, tatsächlich jedoch übte der Staat die entscheidende Kontrolle aus. 1924 hatte sich die Reichsregierung den direkten Zugriff auf die »Drahtloser Dienst AG« (Dradag) gesichert, die als einzige Gesellschaft berechtigt war, die Rundfunksender mit politischen Nachrichten zu beliefern. Die Redakteure wurden vom Reichsinnenministerium ernannt, an der Überwachung der Tätigkeit waren auch die Presseabteilung der Reichsregierung und das Reichspostministerium beteiligt.</p>
<p>Schon zuvor war die KPD aus dem Programm ausgeschlossen worden. Während im Vorfeld der Reichstagswahl im März 1924 das Zentrum, die Deutschnationalen, die Deutsche Volkspartei, die Deutsche Demokratische Partei und die SPD täglich über je eine Viertelstunde Sendezeit verfügen konnten, um ihre Programme vorzustellen, wurde dies den Kommunisten verweigert. Das wiederholte sich bei der Präsidentenwahl 1925. Während der von SPD und DDP unterstützte Zentrumspolitiker Wilhelm Marx sowie der ehemalige Reichsfeldmarschall Paul von Hindenburg als Kandidat der deutschnationalen Rechten im Rundfunk sprechen durften, bekam der von der KPD nominierte Ernst Thälmann wegen dessen »Republikfeindlichkeit« keinen Zugang zu den Mikrofonen. Der kommunistische Abgeordnete Ernst Torgler kommentierte das am 29. April 1925 im Reichstag: »Es ist sehr bezeichnend, dass man in der Frage der Kandidatenreden Herrn Marx selbstverständlich Reden durch den Rundfunk gestattet und dass man auch von Herrn Hindenburg selbstverständlich annimmt, dass er auf dem Boden dieser Verfassung steht, trotzdem doch jedes Kind in Deutschland weiß, dass er ein überzeugter Monarchist ist, dass man es aber dem Kommunisten Thälmann natürlich verweigert.« Nötig sei, den Arbeiterradiovereinen das Betreiben eigener Sender zu erlauben.</p>
<h3>Einseitige Einrichtung</h3>
<p>Auf seiner zweiten Reichskonferenz am 6. und 7. März 1926 erhob auch der Arbeiterradioklub die Forderung nach einem eigenen Sender. »Unser Ziel muss sein, eigene Arbeitersendegesellschaften zu schaffen«, hieß es dazu etwa im Nachrichtenblatt der Kölner ARK-Bezirksgruppe, denn, so die Begründung, »durch den Rundfunk, der in alle Städte, Dörfer, Häuser, Familien eindringt, bekommt die besitzende Klasse ein neues Mittel in die Hand, euch, eure Frauen und Kinder, kurz die breitesten Schichten der arbeitenden Bevölkerung einseitig in ihrem Sinne zu beeinflussen und zu erziehen …«⁸</p>
<p>Selbst Rundfunkkommissar Bredow schrieb 1926 in einem Brief an den ARK, den die Verbandszeitschrift <em>Der neue Rundfunk</em> abdruckte: »Jedenfalls können Sie sicher darauf rechnen, dass der Arbeiterradioklub einen oder mehrere Sender bekommt. Die Bedingungen werden jetzt ausgearbeitet.«⁹ Daran erinnerte Torgler den Staatssekretär, als am 25. März 1926 im Reichstag über den Etat des Postministeriums diskutiert wurde. Es sei ein berechtigter Wunsch, »dass der Zusage, die der Herr Staatssekretär Dr. Bredow gemacht hat, auch recht bald die Tat folgen möge«, entweder besondere Sender für die Arbeiter einzurichten oder aber die bestehenden Sender zu verpflichten, den Arbeitern »teilweise, vielleicht getrennt nach Tagen«, Sendezeit zur Verfügung zu stellen. Der Rundfunk, »wie er heute seine Programme auswählt«, sei »eine einseitige Einrichtung für das Bürgertum«.¹⁰</p>
<p>Unmittelbar zuvor hatte Reichspostminister Karl Stingl allerdings erklärt, dass man die geforderte Einrichtung »besonderer Arbeiterrundfunksender zur Verbreitung einer bestimmten Weltanschauung (…) grundsätzlich ablehnen« müsse, weil es notwendig sei, dass die Post als »Anstalt des öffentlichen Vertrauens« von politischen Einflüssen »losgelöst« bleibe.¹¹ Bredow verfolgte die Debatte von der Regierungsbank aus, ohne sich zu äußern. Tatsächlich hatte er in seinem Brief offenbar keinen Rundfunksender gemeint, sondern eine Kurzwellenversuchsstation, wie ihn auch die bürgerlichen Vereine und Amateurfunker anstrebten. Allerdings blieb sein Schreiben so oder so ein leeres Versprechen, denn der Arbeiterradioklub und seine Nachfolgeverbände erhielten nie einen eigenen Sender. Noch 1929 erklärte Stingls Nachfolger Georg Schätzel, der wie ersterer der Bayerischen Volkspartei angehörte, dass die Verhandlungen mit dem Reichsinnenministerium über eine Freigabe der Kurzwellensender »leider« noch nicht abgeschlossen seien.</p>
<p>Die parteiübergreifende Arbeiterradiobewegung war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits zerbrochen, und ein zentraler Grund dafür war gerade die Forderung nach einem eigenen Sender. Der ab 1928 als Reichsinnenminister amtierende Sozialdemokrat Carl Severing hatte zwar nichts dagegen einzuwenden, wenn seine Genossen oder auch bürgerliche Kräfte als Amateurfunker den Umgang mit der neuen Technik ausprobierten, aber den Kommunisten und anderen linken Kräften wollte er den Zugang versperren, weil diese eine Gefahr für die innere Ordnung seien.</p>
<p>Severings Ausweg war die Spaltung des Arbeiterradiobundes (ARB), wie sich die ARK seit 1928 nannten. Sein Plan war, Sendelizenzen nur an Funkervereinigungen auszugeben, deren politische Loyalität gegenüber der Reichsregierung klar sei. Bei der dritten Reichskonferenz der Arbeiterradioklubs im März 1927 war es dem sozialdemokratischen Flügel gelungen, mit einer knappen Mehrheit die Führung im Vorstand zu übernehmen und den bisherigen kommunistischen Vereinsvorsitzenden Wilhelm Hoffmann durch das SPD-Mitglied Curt Baake zu ersetzen. Baake war bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal Mitglied der ARK gewesen und musste erst in den Verband aufgenommen werden. Er erwies sich aber als treuer Gefolgsmann der sozialdemokratischen Rundfunkpolitik.</p>
<h3>SPD gegen KPD</h3>
<p>Anfang 1928 benannten sich die ARK in »Arbeiterradiobund Deutschlands« (ARBD oder ARB) um. Das sollte deutlich machen, dass man inzwischen den Status einzelner »Klubs« verlassen und eine stabile Organisation aufgebaut hatte. Viele Mitglieder des ARB begrüßten, dass die SPD nach der Reichstagswahl im Mai 1928 in einer Koalition mit liberalen und konservativen Parteien zurück in die Regierungsverantwortung kam. Unter dem sozialdemokratischen Reichsinnenminister Severing, der auch für den Rundfunk und dessen Zensurinstanzen zuständig war, müssten doch Reformen der bisherigen Strukturen möglich sein. Nur wenige Wochen nach dem Amtsantritt des neuen Kabinetts, im August 1928, legte der Vorstand des ARBD einen Programmentwurf vor, in dem sich diese Illusion widerspiegelte: »Entscheidend für den Einfluss der Arbeiterklasse auf die Sender ist ihre politische Macht. Ist diese Macht stark genug, so vermag sie auch den bestehenden Rundfunk in seiner Gesamtheit so zu ändern, dass in allen Rundfunkstellen, einschließlich der Sendeleitungen, die Vertreter der Arbeiterschaft die gebührende Einwirkung ausüben.«¹²</p>
<p>Das stieß prompt auf Widerspruch des linken Flügels. Eine Mitgliederversammlung des Berliner Ortsvereins, der fünf Jahre zuvor die Keimzelle der Arbeiterradiobewegung in Deutschland gewesen war, wies den Entwurf des Vorstandes zurück: »Die Versammlung lehnt die Auffassung ab, wonach durch persönliche Beeinflussung und Verhandlungen mit einzelnen amtlichen Stellen und Ministerialräten das Rundfunkprogramm geändert werden kann. Nur die einheitliche Kampffront aller Arbeiterhörer unter Führung des ARB wird in der Lage sein, Schritt für Schritt die Forderungen der Arbeiterklasse zu verwirklichen.«¹³</p>
<p>Die Spaltung des Arbeiterradiobundes verfestigte sich bei der vierten Reichskonferenz des ARBD, die im September 1928 parallel zur Funkausstellung in Berlin stattfand. Der linke Flügel ging aus ihr geschlagen hervor, der neue Vorstand war nun nahezu komplett in der Hand der Sozialdemokraten. Überschattet wurden die innerverbandlichen Auseinandersetzungen durch eine Aktion der Kommunisten. Am 6. Oktober 1928 sollte Wolfgang Schwarz, Redakteur des SPD-Organs <em>Vorwärts</em>, im Rundfunk über »Probleme der Friedenssicherung« referieren. Abgeholt wurde er mit einem Auto, auf dem die Worte »Gästewagen der Funkstunde AG« geschrieben waren. Am Steuer saßen jedoch Mitglieder der KPD, die mit dem Journalisten Berlin verließen und ihn nach Groß-Ziethen in Brandenburg brachten, wo sie ihn unverletzt freiließen. An seiner Stelle erschien im Studio Karl Schulz, der für die KPD im Preußischen Landtag saß und die damals gerade laufende Kampagne gegen den Panzerkreuzerbau koordinierte. Live auf Sendung erklärte er: »Das Volksbegehren, der Volksentscheid ist eine Sammlung der Massen gegen den Imperialismus und seine Kriegspläne. Der <em>Vorwärts</em>-Redakteur Herr W. Schwarz sollte heute an dieser Stelle sprechen. Die KPD hat seine Rede jedoch abgesetzt, weil es wichtiger ist, die Arbeitenden Deutschlands über das Volksbegehren zu informieren.«¹⁴ Die SPD schäumte vor Wut.</p>
<p>Zum offenen Bruch führte schließlich die Auseinandersetzung um die Zeitschrift der Berliner Ortsgruppe des ARB. Die hatte lange ein einfaches Mitteilungsblatt unter dem Titel <em>Der aktive Radiogenosse</em> herausgegeben. 1929 benannten die Berliner das Blatt in <em>Unser Sender</em> um, füllten es mit mehr Inhalt und begannen, es weit über Berlin hinaus zu verbreiten. Der Vorstand des ARB verlangte von der Berliner Gruppe, die Zeitschrift wieder einzustellen, da sie dem Verbandsorgan <em>A</em><em>rbeiterfunk</em> Konkurrenz mache und Anzeigenkunden abwerbe. Als das von den Berlinern zurückgewiesen wurde, beschloss der ARB-Vorstand Anfang Mai 1929, ein Ausschlussverfahren gegen alle 20 Mitglieder des Berliner Gruppenvorstandes einzuleiten. Dieses führte dann schließlich einen Monat später zum Ausschluss von 18 Mitgliedern. Zudem ließ der Vorstand der Gruppe gerichtlich untersagen, sich weiterhin »Bezirk Berlin des ARB« zu nennen.</p>
<p>Die Kommunisten entschieden daraufhin, sich als eigenständige Organisation unter dem Namen »Freier Radiobund Deutschlands« (FRBD) zu konstituieren. In einer am 11. September 1929 in Berlin veröffentlichten Erklärung rief man »alle klassenbewussten Freunde der Arbeiterradiobewegung auf, mit in unseren Reihen gegen Saboteure des proletarischen Kampfes um den Rundfunk aktiv mitzuarbeiten. Die Schaffung des FRB ist die logische Folge der frivolen Spaltung der sozialdemokratischen Organisationszerstörer.«¹⁵ Die Losung des Freien Radio-Bundes war: »Vergiss es keinen Tag, Prolet, dass hinter deinem Funkgerät, ob Spiel, ob Ernst, von früh bis spät der Gegner deiner Klasse steht.«</p>
<h3>Roter Sender an rotes Berlin</h3>
<p>1932 eröffnete sich für den linken Flügel der Arbeiterradiobewegung eine Alternative, denn <em>­Radio Moskau</em> nahm deutschsprachige Sendungen auf. Der sowjetische Rundfunk hatte für viele Aktivisten von ARB und FRB einen Vorbildcharakter, denn zunächst hatte das neue Medium im revolutionären Russland mit neuen Formen und Inhalten experimentiert und den einfachen Menschen des Landes eine Stimme gegeben. In der Wahrnehmung des Freien Radiobundes nahm der Moskauer Gewerkschaftssender, wie das sowjetische Programm in deutscher Sprache bis weit in die 1930er Jahre hinein meist genannt wurde, zusehends die Rolle ein, die man sich von einem eigenen Arbeitersender versprochen hatte. Mit Wandparolen wurde aufgerufen: »Hört Moskau!«, der FRBD veröffentlichte in seiner Zeitschrift die Programmpläne von <em>Radio Moskau</em> und gab Broschüren mit Anleitungen heraus, wie man auch einfache Empfangsgeräte so verbessern konnte, dass Moskau zu kriegen war. Schließlich wurden sogar Sendungen des sowjetischen Rundfunks bei Kundgebungen über Lautsprecherwagen des FRBD verbreitet.</p>
<p>Was für die einen die Hoffnung war, nun doch im fortschrittlichen Sinne auf die Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland einwirken zu können, sorgte bei den anderen für Unruhe. Die Reichsregierung befasste sich wiederholt mit der Frage der deutschsprachigen Sendungen aus Moskau und versuchte auf diplomatischem Wege (erfolglos), die »Einmischung in die inneren Angelegenheiten« zu beenden. Zeitweilig wurden Störsender auf die Frequenzen des Moskauer Senders gelegt, doch als die Sowjetunion ihrerseits begann, den <em>­Deutschlandsender</em> zu überlagern, beendete man dieses Experiment. Statt dessen versuchte man, über spezielle Sendungen im deutschen Rundfunk die sowjetische Propaganda zu entkräften.</p>
<p>Die Aktivisten des Freien Radiobundes beließen es aber nicht dabei, auf den sowjetischen Rundfunk auszuweichen. Immer wieder kam es auch zu Protestaktionen gegen die als zynisch empfundenen Programme der deutschen Sender. Diese referierten zum Beispiel über »Karpfen und Gans, ein edler Wettstreit«, während Millionen Menschen arbeitslos waren und hungerten. Als in Berlin aus dem Café Wien Tanzmusik übertragen wurde, unterbrachen vier Erwerbslose die Sendung mit Rufen »Gegen die Reichen! Für die Armen!«</p>
<p>Schließlich griff man zur Selbsthilfe und baute sich selbst den Sender, den die Arbeiterbewegung so lange gefordert hatte. Im Dezember 1932 meldete sich abends mehrfach der »Rote Sender an das Rote Berlin«: »Die Knebelung unserer Presse, Außerbetriebsetzung unserer Rotationsmaschinen, die Verbote unserer Versammlungen haben uns gezwungen, uns auf diesem Wege Gehör zu verschaffen. Keine Knebelung der Presse, kein Redeverbot, keine Rundfunksperre können uns abhalten, regelmäßig zu gegebenen Zeiten unsere Meinung in die Lautsprecher der werktätigen Hörer zu funken.«¹⁶</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Winfried B. Lerg: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland. Frankfurt am Main 1965, S. 105</p>
<p>2 Ebd., S. 104</p>
<p>3 Hans Bredow: Im Banne der Ätherwellen, Bd. 2. Stuttgart 1956, S. 189</p>
<p>4 Manfred von Ardenne: Ein glückliches Leben für Technik und Forschung. Frankfurt am Main 1976, S. 40</p>
<p>5 Lerg, a. a. O., S. 156</p>
<p>6 Bredow, a. a. O., S. 202</p>
<p>7 Zit. nach: Klaus-Michael Klingsporn: Die Einführung des Rundfunks in Deutschland und die Reaktion der organisierten Arbeiterradiobewegung auf das neue Medium. Berlin (West) 1988, S. 47</p>
<p>8 Nachrichtenblatt ARK Bezirksgruppe Köln am Rhein, ohne Datum; zit. nach: Horst Hanzl: Der Rundfunk der Weimarer Republik als Klasseninstrument der Bourgeoisie und der Kampf der Arbeiterklasse um das Mitbestimmungsrecht. Leipzig 1961, S. 70 f.</p>
<p>9 <em>Der neue Rundfunk</em>, Jg. 1, Nr. 3, 18.4.1926; zit. nach: Peter Dahl: Arbeitersender und Volksempfänger. Frankfurt am Main 1978, S. 44</p>
<p>10 Verhandlungen des Reichstages, Bd. 389 (1924). Berlin 1926, S. 6688</p>
<p>11 Verhandlungen des Reichstages, Bd. 389 (1924). Berlin 1926, S. 6665</p>
<p>12 Zit. nach: Klingsporn, a. a. O., S. 91</p>
<p>13 Zit. nach: Ebd., S. 96</p>
<p>14 Peter Dahl, a. a. O., S. 57</p>
<p>15 Zit. nach: Hanzl, a. a. O., S. 81</p>
<p>16 Peter Dahl, a. a. O., S. 80</p>
<p>Erschienen am 1. Februar 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/444013.rundfunkgeschichte-hört-moskau.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>Freies Radio in New York</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/freies-radio-in-new-york/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Nov 2020 13:07:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[New York]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Milton Allimadi nimmt vor dem Mikrofon kein Blatt vor den Mund: »Wir senden keine Werbung, deshalb denkt darüber nach, Geld für uns zu spenden. Ich kann euch garantieren, dass es sehr gut eingesetzt werden wird.« Jeden Dienstag nachmittag präsentiert er eine Stunde lang seine »Black Star News« auf <em>WBAI </em>(ursprünglich World Broadcast Associates, Inc), dem einzigen New Yorker Alternativsender. Der Ruf nach Geld ist typisch, denn die Station finanziert sich durch freiwillige Beiträge. Wer mindestens 25 Dollar spendet, kann in den Senderausschuss, das »Local Station Board«, gewählt werden und dort die Entwicklung des Programms mitbestimmen.<span id="more-4584"></span></p>
<p>Das auf UKW 99,5 MHz und im Internet zu hörende <em>WBAI</em>, dem Konkurrent <em>NBC</em> bescheinigt, eine der »lautesten progressiven Stimmen des Landes« zu sein, hat bereits eine lange und bewegte Geschichte hinter sich. 1957 hatte der russischstämmige Industrielle Louis Schweitzer für 34.000 Dollar die Lizenz für einen 1941 gegründeten Radiosender erworben, der zwei Jahre zuvor den Betrieb eingestellt hatte. Der je nach Sichtweise als idealistisch oder exzentrisch beschriebene Millionär entschied, dass Profit und Journalismus nicht zusammenpassen. 1959 rief er deshalb bei der Pacifica Foundation an, einer 1946 von Pazifisten gegründeten Organisation nicht-kommerzieller Radiostationen, und bot dieser die Übernahme von <em>WBAI</em> an, die ab Januar 1960 vollzogen war.</p>
<p>Das war der Beginn eines Alternativsenders, in dem zeitweilig mehr als 300 Menschen arbeiteten, die meisten von ihnen ehrenamtlich. Die <em>New York Times</em> beschrieb die Station in den 70er Jahren als »anarchistischen Zirkus«. Soldaten erfuhren dort, wie sie einem Einsatz im Vietnamkrieg entgehen konnten, und als sich 1979 im Atomkraftwerk »Three Mile Island« in Harrisburg der GAU ereignete, unterbrach <em>WBAI</em> für drei Tage sein reguläres Programm und berichtete nonstop über die Ereignisse.</p>
<p>Geldprobleme hatten die Radiomacher ständig. Es kam vor, dass ein Handwerker von der Elektrizitätsgesellschaft erschien und wegen nicht bezahlter Rechnungen den Strom abdrehte. Bislang jedoch konnte man sich immer am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Der jüngste Angriff kam aber aus den eigenen Reihen: Am 7. Oktober 2019 schaltete die Pacifica Foundation als Eigentümerin das Lokalprogramm von <em>WBAI</em> ab. Bis auf zwei Techniker wurde die gesamte Mannschaft entlassen, und über die Sendeantenne wurde das landesweite Rahmenprogramm »Pacifica Across America« ausgestrahlt.</p>
<p>Doch die Mannschaft reichte Klage ein und bekam nach einigem Hin und Her recht. Am 7. November 2019 konnte <em>WBAI</em> seine eigenen Sendungen wieder aufnehmen. Obwohl Pacifica damals gewarnt hatte, dass das die Existenz der Foundation gefährden könnte, scheint man sich inzwischen dort mit der Niederlage abgefunden zu haben. Auf der Homepage des Netzwerks gibt es jedenfalls keinen Kommentar zum Ausgang der Auseinandersetzung.</p>
<p>In New York können die Hörer seither wieder Sendungen wie das auch in Deutschland bekannte Magazin »Democracy Now!« empfangen, das zweimal am Tag auf <em>WBAI</em> läuft. Andere Sendereihen sind das feministische »Joy of Resistance« oder das von Native Americans präsentierte »Resistance Radio«. Und am Samstagabend läuft »Working Class Heroes«. In der Sendung befassen sich bekennende Sozialisten und Gewerkschafter mit den täglichen Problemen der Werktätigen.</p>
<p>Erschienen am 5. November 2020 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/389872.laute-progressive-stimme-freies-radio-in-new-york.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>News für den Klassenfeind</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/news-fuer-den-klassenfeind/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Oct 2020 12:15:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Soldatensender]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 1. Oktober 1960 meldete sich auf Mittelwelle 935 Kilohertz (kHz) zum ersten Mal der Deutsche Soldatensender (DSS) zu Wort.[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am 1. Oktober 1960 meldete sich auf Mittelwelle 935 Kilohertz (kHz) zum ersten Mal der <em>Deutsche Soldatensender</em> (<em>DSS</em>) zu Wort. Er richtete sich an die Uniformierten der Bundeswehr, wurde jedoch von der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR betrieben. Mit dem erst im Juni 1960 beschlossenen Start kam der Nationale Verteidigungsrat der DDR seinen westlichen Gegnern zuvor: Im Jahr zuvor hatte Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) angeordnet, regelmäßige Rundfunksendungen zu starten, die sich an die Soldaten der NVA wenden sollten. Als Termin dafür hatte »FJS« gerade jenen 1. Oktober 1960 angepeilt und am 4. November 1959 in Rengsdorf im Westerwald die »Radiokompanie 993« aufstellen lassen. Im September 1960 wurde diese mit einem 20 Kilowatt starken Mittelwellensender der Firma Telefunken ausgestattet. Doch der von Strauß erhoffte Propagandasender blieb in den Anfängen stecken. Nur 1962 und 1963 gab es offenbar einige nächtliche Rundfunksendungen, mit denen versucht wurde, auf die Uniformierten der NVA einzuwirken.<span id="more-4590"></span></p>
<p>Zu diesem Zeitpunkt hatte der aus der DDR funkende <em>Deutsche Soldatensender</em> schon eine treue Hörergemeinde gewinnen können. 1965 schrieb der <em>Spiegel</em> unter Berufung auf Gewährsleute im Bundesverteidigungsministerium, dass nicht weniger als 86 Prozent der Bundeswehr-Soldaten morgens vor Dienstbeginn den <em>Soldatensender</em> einschalteten. Die Radiomacher richteten ihre Studios im früheren Funkhaus Berlin-Grünau ein. Gegenüber ihrer westlichen Konkurrenz verfügten sie über einen vielleicht entscheidenden Vorteil: Bereits seit 1956 wurde in der DDR der <em>Deutsche Freiheitssender 904</em> betrieben. Er hatte sich zum ersten Mal unmittelbar nach dem Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands gemeldet, als »einziger Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht« (siehe <em>jW</em> vom 16. Januar 2020). Er erfreute sich gerade bei Soldaten der Bundeswehr großer Beliebtheit, woran die NVA-Station anknüpfen sollte.</p>
<p>Beide Stationen teilten sich dieselbe, Medienberichten zufolge 250 Kilowatt starke Sendeanlage in Burg bei Magdeburg. Der <em>Soldatensender</em> meldete sich fünfmal täglich, um 6.15, 12.30, 18.00, 20.15 und 23.30 Uhr. Für die dazwischenliegenden Sendungen des <em>Freiheitssenders</em> mussten Techniker die Antenne auf dessen Frequenz umschalten. Wohl auch deshalb lagen der <em>Freiheitssender</em> auf 904 kHz und der <em>Soldatensender</em> auf 935 kHz eng nebeneinander auf der Skala – und vielen Hörern war es sowieso gleich, welchen von beiden sie gerade empfingen. Beide fesselten ihr meist junges Publikum mit aktueller Tanzmusik, die auch in den öffentlich-rechtlichen Westsendern kaum zu hören war. Jahrzehnte später erzählten Beteiligte schmunzelnd, wie sie in Westberliner Geschäften die neuesten Platten erworben oder auf kommerziellen Sendern wie <em>Radio Luxemburg</em> mitgeschnitten hatten.</p>
<p>Die Hörer in Uniform interessierten außerdem die vom <em>Soldatensender</em> verbreiteten und erstaunlich oft zutreffenden Informationen über angesetzte Nachtübungen, Schikanen von Vorgesetzten oder auch schlüpfrigen Details um Vorgänge in den Kasernen. So berichtete <em>DSS</em> einmal, wie sich die Soldaten der Luftlandeschule Altenstadt mit der Tochter des Wirts vergnügten: »Wenn wir schon nicht die Kantinenpreise drücken können, dann wenigstens das Maskottchen«. Über den Sender gingen auch Kontaktanzeigen junger Frauen, die sich »Brieffreunde« wünschten, sowie Geburtstagsglückwünsche an Wehrpflichtige. Für solche Anliegen nannte der <em>Soldatensender</em> die Adresse Werner Schütz, Postfach 116, Berlin W 8. Das stand für das Hauptpostamt W 8 in der Französischen Straße 9–12 – in der Hauptstadt der DDR. Im <em>Soldatensender</em> nahm man aber gern in Kauf, dass die Adresse nach Westberlin klang.</p>
<p>Zu einem Ritual wurde offenbar auch, die häufigen Abstürze der berüchtigten »Starfighter«-Kampfjets der Luftwaffe zu zelebrieren: Wenn wieder ein Pilot ums Leben gekommen war, wurde auf 935 das Soldatenlied »Ich hatt’ einen Kameraden« gespielt.</p>
<p>Noch 1971 bescheinigte der damalige Leiter des Presse- und Informationszentrums des Bundesverteidigungsministeriums, Brigadegeneral Carl-Gero von Ilsemann, gegenüber dem <em>Spiegel</em> den Funkern aus dem Osten, diese hätten zu Beginn noch geklungen wie die Landser im Zweiten Weltkrieg, das habe sich aber bald geändert: »Mittlerweile haben sie sich eingeschossen.«</p>
<p>Wenige Monate später war Schluss: Im Sommer 1972 verschwand der <em>Deutsche Soldatensender</em> aus dem Äther. In der letzten Sendung, die am 1. Juli gelaufen sein soll, kündigte das Moderatorenpaar »Kathrin« und »Martin« nur an, dass der Sender »aus technischen Gründen« für einige Tage pausieren werde. Tatsächlich war die Einstellung eine Folge der unter Bundeskanzler Willy Brandt eingeleiteten Entspannungspolitik zwischen Ost und West. Wie der <em>Spiegel</em> damals berichtete, hatten sich die Unterhändler Egon Bahr (BRD) und Michael Kohl (DDR) auf ein »Tauschgeschäft« geeinigt: Die Bundeswehr hörte auf, Luftballons mit Propagandamaterial über die Grenze in die DDR zu schicken, dafür schaltete die NVA ihren Sender ab.</p>
<p>Erschienen am 1. Oktober 2020 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/387535.mediales-störfeuer-news-für-den-klassenfeind.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Lügen aus Johannesburg</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/luegen-aus-johannesburg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Sep 2020 12:18:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[Apartheid]]></category>
		<category><![CDATA[Radio RSA]]></category>
		<category><![CDATA[Südafrika]]></category>
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					<description><![CDATA[Als Radiogeräte noch serienmäßig über ein Kurzwellenteil verfügten, erschien in der Programmzeitschrift Hörzu regelmäßig eine Kolumne mit Hinweisen auf empfangbare[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Als Radiogeräte noch serienmäßig über ein Kurzwellenteil verfügten, erschien in der Programmzeitschrift <em>Hörzu</em> regelmäßig eine Kolumne mit Hinweisen auf empfangbare Sender aus fernen Ländern. Ihr Autor, der 1993 verstorbene Fachjournalist Hermann Jäger, machte darin keinen Hehl aus seiner Vorliebe für <em>Radio RSA</em>, das sich selbst als »Stimme Südafrikas« bezeichnete. Während in dem Land am Kap der Widerstand gegen die Apartheid immer stärker wurde und sich immer mehr Menschen weltweit mit dem Freiheitskampf solidarisierten, fand sich in dem Springer-Blatt kein kritisches Wort über den Sender aus Johannesburg – dafür um so mehr Hinweise auf die Frequenzen, auf denen man <em>Radio RSA</em> am besten hören konnte.<span id="more-4592"></span></p>
<p>Der Kurzwellendienst war 1965 gegründet worden, um der angeblich falschen Darstellung der südafrikanischen Regierungspolitik im Ausland die eigene Sichtweise entgegenzustellen. Zur Verfügung standen <em>Radio RSA</em> dafür bis zu 500 Kilowatt starke Kurzwellensender, die in Europa problemlos zu empfangen waren. In zwölf Sprachen, unter anderem in Deutsch, präsentierte sich Südafrika so als »Bollwerk der westlichen Zivilisation« gegen Kommunisten und schwarze Nationalisten. Die Befreiungsbewegung ANC (­African National Congress) wurde als Terrororganisation verleumdet, man rühmte sich eigener Wohltaten für Südafrika und das besetzte Namibia, das nur als »Südwestafrika« bezeichnet wurde.</p>
<p>In Europa stießen solche Lügen auf offene Ohren. Stolz verlasen die Redakteure des deutschen Programms in Hörerpostsendungen die unter anderem aus der Bundesrepublik zahlreich eintreffenden Briefe, in denen die Politik des Apartheidregimes gelobt wurde. Die Hörer pflegten schon damals eifrig ihr eigenes Weltbild: War der Empfang mal schlecht – was auf Kurzwelle unvermeidlich vorkommt –, mussten natürlich die »Kommunisten« schuld gewesen sein, die »mal wieder einen Störsenderwettbewerb« gegen <em>Radio RSA</em> gefahren hätten. Das mussten sogar die Redakteure dementieren, denn gezieltes »Jamming« der Sendungen aus Johannesburg gab es nicht. Es blieb bei einzelnen Versuchen, innerhalb der Szene von Kurzwellenhörern zu einem Boykott der »Stimme der Apartheid« aufzurufen. Sie blieben weitgehend erfolglos, im Unterschied zu den Solidaritätskampagnen für <em>Radio Freedom</em>, den Sender des ANC (siehe <em>jW</em> vom 10. Oktober 2019).</p>
<p>Das Ende des Rassistensenders kam mit dem Ende der Apartheid. Die letzte deutschsprachige Sendung ging am 30. April 1990 über den Äther, am 30. September 1992 wurde <em>Radio RSA</em> endgültig geschlossen. Als Nachfolger nahm einen Tag später <em>Channel Africa</em> als Auslandsprogramm der Südafrikanischen Rundfunkgesellschaft <em>SABC</em> den Betrieb auf. Heute sendet man auf Kurzwelle, via Satellit und im Internet in sechs Sprachen: Chichewa, Silozi, Kisuaheli, Englisch, Französisch und Portugiesisch.</p>
<p>Erschienen am 3. September 2020 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/385633.rassistenproaganda-lügen-aus-johannesburg.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>Piratensender im Friedenskampf</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/piratensender-im-friedenskampf/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Aug 2020 17:42:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Irak-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Januar 1991 begann der Golfkrieg. Um Kuwait zu »befreien«, zerbombten die USA und ihre Verbündeten den Irak. Für viele[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Im Januar 1991 begann der Golfkrieg. Um Kuwait zu »befreien«, zerbombten die USA und ihre Verbündeten den Irak. Für viele Menschen hierzulande war das ein böses Erwachen aus einem kurzen Traum. War nach dem »Mauerfall« und dem Ende der Blockkonfrontation in Europa doch von einer »Friedensdividende« die Rede gewesen. Doch kein halbes Jahr nach der umjubelten »Wiedervereinigung« war wieder Krieg – und Hunderttausende gingen dagegen auf die Straße.<span id="more-4579"></span></p>
<p>Die großen Massenmedien machten sich zu Sprachrohren der Kriegstreibenden, in den Truppen »eingebettete« Reporter sprachen gesiebte Informationen in die Kameras, <em>CNN</em> zeigte Leuchtstreifen am Nachthimmel über Bagdad – Krieg im Stil eines Computerspiels. Doch es gab Widerspruch: auf Flugblättern, in alternativen Zeitungen – und im Radio. Auf Kurzwelle 7290 kHz sagte ein namentlich nicht genannter Sprecher Anfang Februar 1991: »Wir hatten uns schon der Hoffnung hingegeben, in die Köpfe der Weltpolitiker sei mit der Ost-West-Entspannung ein bisschen mehr Vernunft eingezogen, und vertrauten darauf, dass die Eskalation der Gewalt nicht mehr zwangsläufig ist – ein Trugschluss.« Der Radio<em>sender Peace in Action</em> (<em>PIA</em>) versuchte mit monatlichen Sendungen als »internationales Radioprojekt von Frauen und Männern für alle Menschen« die faktische Zensur zu durchbrechen.</p>
<p>Neben Kommentaren zum aktuellen Geschehen und Antikriegstexten etwa von Erich Fried spielte <em>PIA</em> Musik, die von den anderen deutschen Rundfunksendern als »unpassend« aus dem Programm verbannt worden war. So wollte der norddeutsche Kommerzfunk <em>Radio Schleswig-Holstein</em> nicht einmal mehr Nenas »99 Luftballons« spielen – bei <em>PIA</em> liefen derweil »We Shall Overcome« und John Lennons »Give Peace a Chance«. Auch nach Ende der Kampfhandlungen setzte <em>Peace in Action</em> seine Sendungen zunächst monatlich fort, dann immer unregelmäßiger. Letztlich hielt man rund drei Jahre durch.</p>
<p><em>PIA</em> wurde als Kurzwellensender allerdings nur wenigen Enthusiasten bekannt. Spektakulärer war da das Agieren eines anderen Piratensenders. In Köln überlagerte <em>Radio Back Datt</em> immer montags und freitags um 18 Uhr das Programm von <em>SWF 3</em> und verbreitete in den jeweils nur wenige Minuten langen Sendungen Termine von Aktionen der Friedensbewegung, Berichte von gelaufenen Demos und Kommentare über das Agieren der Polizei.</p>
<p>Die Musikwelle des <em>Südwestfunks</em> aus Rheinland-Pfalz hatten sich die Piraten ausgesucht, weil sie auch in Köln vor allem bei jüngeren Hörern beliebt, das Signal aber schwächer als das des <em>WDR</em> war. So war das Programm für einen Piratensender leichter zu überlagern. »Ärgerlich und bitter« fand das der damalige <em>SWF</em>-Pressesprecher Horst Walker. »Schlimm finde ich, dass die Chaoten besonders die Nachrichtensendungen stören.« Die Post machte mit ihren Peilwagen Jagd auf die Schwarzfunker, bekamen sie jedoch nicht zu fassen: »Die senden höchstens vier Minuten, außerdem wechseln sie ständig den Standort«, beklagte ein Behördensprecher.</p>
<p>Mit dem Ende der Antikriegsproteste verschwand <em>Radio Back Datt</em> aus dem Äther. Doch man hatte ein Beispiel gegeben – und nur ein Jahr später kopierte ein anderer Piratensender das Modell. Auch <em>Radio Karies</em> überlagerte zeitweilig die Frequenz von <em>SWF 3</em> und rief zu Aktionen gegen Rassismus und Polizeigewalt auf. Im April 1992 berichtete <em>Karies</em>, dass in Spanien die Polizei auf Menschen geschossen habe, die gegen die Weltausstellung in Sevilla protestierten. Die Hörer wurden aufgerufen, beim spanischen Konsulat in Bonn anzurufen und um weitere Informationen zu bitten. Prompt sah sich der <em>SWF</em> gezwungen, ein Dementi zu senden. Es habe sich um die Mitteilung eines »Störsenders« gehandelt, der <em>Südwestfunk</em> habe nichts damit zu tun.</p>
<p>Erschienen am 13. August 2020 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/384208.blockadebrecher-piratensender-im-friedenskampf.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>»Don’t fence me in«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/dont-fence-me-in/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Jul 2020 17:44:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Berliner Mauer]]></category>
		<category><![CDATA[Berliner Welle]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
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					<description><![CDATA[In den 1960er Jahren strahlte der Rundfunk der DDR zwei Programme aus, die sich auch an Hörer im Westen wandten:[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In den 1960er Jahren strahlte der Rundfunk der DDR zwei Programme aus, die sich auch an Hörer im Westen wandten: das des <em>Deutschlandsenders</em> und das der <em>Berliner Welle</em>. Die letztere war – wie es in einer offiziellen Selbstdarstellung hieß – »mit ihrem Sendeanliegen vor allem an die Bürger in Westberlin« gerichtet, mit Themen »die den politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Belangen der besonderen politischen Einheit Westberlin entsprechen«.<span id="more-4581"></span></p>
<p>Werktags war die <em>Berliner Welle</em> nur nachmittags und abends zu hören, ansonsten wurde das Programm des <em>Berliner Rundfunks</em> übernommen, der in den Wochen nach der Abriegelung Westberlins am 13. August 1961 rund um die Uhr sendete. Am 26. August 1961 überraschte die <em>Berliner Welle</em> dann um 23.45 Uhr mit ungewohnten Klängen. Zu hören waren – ansonsten im DDR-Rundfunk verpönte – Hits aus US-amerikanischer Produktion, und in englischer Sprache richteten »Bob« und »Barbara« Grüße an die GIs aus, die an der zwei Wochen zuvor geschlossenen Systemgrenze patrouillieren mussten. Dabei wurden die nordamerikanischen Soldaten manchmal sogar mit Nennung ihres Namens und Dienstgrades aufgefordert, die sie begleitenden »Westberliner Polypen« doch mal zu fragen, »was sie im letzten Krieg gemacht haben«.</p>
<p>Das Programm nannte sich <em>OPS</em> und war in den folgenden Monaten täglich rund 30 Minuten auf UKW und Mittelwelle in Berlin zu hören. Nicht nur die Musik glich der des US-Soldatensenders <em>AFN</em>, auch der Slogan war dem gegnerischen Kanal nachempfunden. Meldete sich dieser als »Stimme der Information und Bildung«, nahm <em>OPS</em> für sich in Anspruch, die »echte Stimme« zu sein. Und den Hörern wurde ein »schöner Preis« versprochen, wenn sie errieten, wofür das Kürzel OPS stehen könnte.</p>
<p>Die Auflösung war »Out Post Station«, was man mit »Außenposten« übersetzen könnte. Und auch die Antwort auf die Frage, warum die Moderatoren ihre erhofften Hörer namentlich begrüßen konnten, stellte sich als recht einfach heraus, wie der <em>Spiegel</em> im Januar 1962 schrieb: Die US-Soldaten trugen ihren Namen deutlich lesbar an der Uniform, und »Volkspolizisten an der Friedrichstraße bekämpften ihre Langeweile gelegentlich damit, die Namen der Besatzung des US-Checkpoints Charlie mit Feldstechern auszuspähen und an den Soldatensender weiterzuleiten«.</p>
<p>In Erinnerung blieb, mit welchem Signal sich <em>OPS</em> täglich meldete. Die Sendungen begannen und endeten mit einem alten Song von Cole Porter: »Don’t Fence Me In« – Zäune mich nicht ein.</p>
<p>Erschienen am 23. Juli 2020 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/382804.außenposten-don-t-fence-me-in.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>Piraten an der Saar</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/piraten-an-der-saar/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Jun 2020 13:09:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[Europe 1]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich]]></category>
		<category><![CDATA[Saarland]]></category>
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					<description><![CDATA[Rundfunk war in der Bundesrepublik lange die exklusive Domäne der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Wenn man mal von Ausnahmen wie den US-amerikanischen,[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Rundfunk war in der Bundesrepublik lange die exklusive Domäne der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Wenn man mal von Ausnahmen wie den US-amerikanischen, britischen und französischen Soldatensendern absieht, hatten die Stationen der <em>ARD</em> faktisch das alleinige Sagen über die Frequenzen. Erst Mitte der 1980er Jahre wurden dann auch Privatsender zugelassen. Doch eine Ausnahme gab es: Bereits seit 1955 sendete im Südwesten eine kommerzielle Rundfunkstation. <em>Europe 1</em> betrieb im Saarland einen Langwellensender und funkte in französischer Sprache ins Nachbarland.<span id="more-4568"></span></p>
<p>Möglich wurde das durch die besondere Situation des Saarlands zwischen beiden Ländern. Nach der Befreiung vom Faschismus 1945 war es unter französische Besatzung gekommen und ab 1946 wirtschaftlich Frankreich angegliedert worden, behielt jedoch eine gewisse Autonomie. Das nutzte der französische Geschäftsmann Charles Michelson, um im Saarland einen kommerziellen Sender zu gründen, der nach Frankreich funken sollte. Ein ähnliches Konzept hatte sich in den Jahren zuvor schon in Monaco bewährt, von wo aus <em>Radio Monte Carlo</em> sendete, und auch <em>Radio Luxemburg</em> stand Pate.</p>
<p>Allerdings bestand auch im Saarland ein Rundfunkmonopol, nur das offizielle <em>Radio Saarbrücken</em> war legal. Doch Michelson fand einen Verbündeten. Denn der damalige saarländische Ministerpräsident Johannes Hoffmann (Christliche Volkspartei des Saarlandes, CVP), träumte nicht nur von der Eigenstaatlichkeit des kleinen Landstrichs, sondern auch von einem eigenen Fernsehprogramm. So entstand 1953 <em>Telesaar</em>, der wohl erste kommerzielle Fernsehsender Europas, betrieben von Michelsons »Saarländischer Fernseh-AG«.</p>
<p>Hoffmann hatte sie mit »dem absonderlichsten Vertrag« ausgestattet, »der je zwischen einer Regierung und einem privaten Rundfunkunternehmer abgeschlossen worden ist«, wie es der <em>Spiegel</em> 1958 formulierte. Das Unternehmen erhielt nicht nur das Recht, 50 Jahre lang einen Fernseh- und einen Rundfunksender zu betreiben. Der offizielle saarländische Rundfunk wurde außerdem verpflichtet, die gesamte Technik gegen Barzahlung zu übernehmen, wenn das Unternehmen »durch Einwirkungen von dritter Stelle« gezwungen werden sollte, den Betrieb einzustellen. Außerdem sollte in diesem Fall für jedes an der Vertragslaufzeit fehlende Jahr eine Entschädigung in Höhe von fünf Prozent des investierten Kapitals fällig werden. Es drohten also Strafgelder in Millionenhöhe.</p>
<p>Trotzdem bedeutete die Rückkehr des Saarlands in die Bundesrepublik nach der Volksabstimmung 1957 das Ende für <em>Telesaar</em>, das im Juli 1958 den Betrieb einstellen musste. <em>Europe 1</em> allerdings funkte weiter – und nicht wenige Beobachter gingen schon damals davon aus, dass es Michelson und seinem inzwischen als »Europäische Rundfunk- und Fernseh-AG« firmierenden Unternehmen ohnehin nur um das Radioprogramm gegangen war. Während der TV-Kanal defizitär blieb, erreichte <em>Europe 1</em> Millionen Menschen in Frankreich und konnte Werbezeit teuer verkaufen. Dazu hatten nicht nur flotte Musik und lockere Moderation beigetragen, sondern auch eine gewisse journalistische Unabhängigkeit. So berichtete <em>Europe 1</em> über die Foltermethoden der französischen Kolonialtruppen in Algerien – ein Tabuthema für den offiziellen Rundfunk.</p>
<p>Rechtlich war der Betrieb des in Saarlouis stehenden Langwellensenders jedoch »Piraterie im Äther«, wie der <em>Spiegel</em> 1961 einen Artikel überschrieb. <em>Europe 1</em> verletzte das sowohl in Westdeutschland als auch in Frankreich geltende Verbot von Privatsendern. Paris allerdings hatte schon 1956 auf die eigenen Gesetze gepfiffen und über die staatliche Gesellschaft Sofirad rund die Hälfte der Aktien von <em>Europe 1</em> übernommen, während Michelson ausgebootet worden war. Und bei <em>Radio Saarbrücken</em>, dem Vorläufer des <em>Saarländischen Rundfunks</em>, hoffte man auf die vertraglich zugesicherten Abgaben, denn – so der <em>Spiegel</em> – nur mit den Geldern der Privatgesellschaft könne der finanziell angeschlagene Saarfunk bestehen. Zähneknirschend akzeptierten die bundesdeutschen Behörden schließlich die Existenz des Senders, allerdings nur unter der Auflage, dass es keine deutschsprachigen Programme geben dürfe.</p>
<p>1986 verkaufte der französische Staat seine Anteile an <em>Europe 1</em>, das so wieder komplett in Privatbesitz war. Inzwischen setzte man nicht mehr nur auf die antiquierte Langwelle, sondern betrieb fast 200 UKW-Sender in Frankreich, wo man längst als rein einheimischer Kanal wahrgenommen wird. Am 31. Dezember 2019 wurde schließlich der Sender in Saarlouis abgeschaltet. <em>Europe 1</em> ist seither nur noch über UKW, Satellit und Internet zu empfangen. Und ein Stück Rundfunkgeschichte ist wirklich Geschichte.</p>
<p>Erschienen am 25. Juni 2020 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/380935.extrawurst-piraten-an-der-saar.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>Piratensender als Zeitzeuge</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/piratensender-als-zeitzeuge/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2020 13:13:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[Atomkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Gorleben]]></category>
		<category><![CDATA[Piratensender]]></category>
		<category><![CDATA[Radio Freies Wendland]]></category>
		<category><![CDATA[Republik Freies Wendland]]></category>
		<category><![CDATA[Wendland]]></category>
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					<description><![CDATA[Zeugen waren unerwünscht, als 10.000 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz am 4. Juni 1980 die »Republik Freies Wendland« räumten. Ziemlich[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zeugen waren unerwünscht, als 10.000 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz am 4. Juni 1980 die »Republik Freies Wendland« räumten. Ziemlich genau einen Monat zuvor hatten Tausende Atomkraftgegner auf dem Gelände bei Gorleben im Nordosten Niedersachsens ein Hüttendorf errichtet, um gegen den dort geplanten Bau eines Endlagers für Atommüll zu protestieren. Die »Freie Republik« war eine Kampfansage an die herrschende Ordnung der westdeutschen Bundesrepublik. Man grenzte sich ab, und das mit allen Hoheitszeichen, die ein unabhängiger Staat brauchte: Ein Schlagbaum markierte die Grenze, Pässe wurden ausgegeben, eine eigene Fahne gehisst. Es entstanden Gemeinschaftshäuser, Unterkünfte, eine Kirche, ein Friseursalon, eine Sauna. Und natürlich besaß die Republik am Bohrloch 1004 auch einen eigenen Rundfunksender, <em>Radio Freies Wendland</em>. Durch ein Windrad mit Energie versorgt, berichtete man auf UKW 101,0 MHz über die Entwicklungen, sendete Musik und übertrug Diskussionen.<span id="more-4571"></span></p>
<p>In den etablierten Medien herrschte die Sichtweise der Regierenden vor, und die sah in den Umweltschützern nur Terroristen und Radikalinskis. Von »Hochverrat« sprach Niedersachsens damaliger Innenminister Egbert Möcklinghoff (CDU) den Journalisten in die Mikrofone. Trotzdem war auch der <em>NDR</em> nicht wohlgelitten, als sich die Staatsmacht zum Angriff auf das Hüttendorf anschickte. Der Reporter, der live im Radio berichten sollte, wurde des Platzes verwiesen. »Anweisung von oben«, teilt ihm die Polizei mit.</p>
<p>Viele waren trotzdem per Radio dabei. Neun Stunden lang übertrug <em>Radio Freies Wendland</em> das Vorrücken der Uniformierten, während sich die Besetzer wegtragen ließen. Auf UKW hört der ganze Landkreis: »Die Leute, die abgeräumt werden, machen gar nichts und werden trotzdem zusammengetreten. (&#8230;) Es ist ein Wunder, dass sich der Rest noch an die Abmachung hält und nicht zurückschlägt, keinen Widerstand leistet.«</p>
<p>Während die Polizei immer näher auf das Zentrum des Hüttendorfs rückte, rissen Bulldozer schon die Hütten ein. Es wurde keine Rücksicht darauf genommen, ob sich noch Menschen in den Holzgebäuden befanden, und viele Beteiligte sehen es heute als reines Glück, dass damals niemand ums Leben kam. Kurz vor Ende der Polizeiaktion kündigte ein Sprecher auf <em>Radio Freies Wendland</em> an, man müsse jetzt das Mikrofon vergraben und die Sendung abbrechen: »Der Kampf geht weiter!«</p>
<p><em>Radio Freies Wendland</em> überlebte das Ende der Freien Republik. Regelmäßig jeden Sonnabend meldete man sich in den folgenden Monaten und Jahren mit kurzen Sendungen aus dem Untergrund, gejagt von den Peilwagen der Post und der Polizei. Wenn ein Sender entdeckt wurde, kam kurz darauf ein neuer zum Einsatz. Und auch während der Atommülltransporte der 1990er und 2000er Jahre meldete er sich – inzwischen ganz legal über den lokalen Bürgerfunk <em>Radio Zusa</em> und per Livestream im Internet über <em>Indymedia</em>. Der Originalsender kann heute im Deutschen Technikmuseum in Berlin betrachtet werden.</p>
<p>Erschienen am 4. Juni 2020 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/379573.gegenöffentlichkeit-piratensender-als-zeitzeuge.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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