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	<title>Frankreich &#8211; André Scheer</title>
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	<title>Frankreich &#8211; André Scheer</title>
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		<title>Unter falscher Flagge</title>
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		<pubDate>Wed, 12 Apr 2023 09:00:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 4: »Linke« Nazipropaganda gegen Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion[...]]]></description>
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<div class="teaser lead"><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 4: »Linke« Nazipropaganda gegen Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion</strong></div>
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<p>Mitte Januar 1940. Deutschland und Frankreich befinden sich seit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 im Kriegszustand. Doch an der Grenze zwischen beiden Ländern herrscht weitgehend Ruhe. Zwar hatten französische Truppen am 9. September 1939 die Grenze überschritten und waren im Saarland einige Kilometer weit auf deutsches Gebiet vorgerückt, aber bereits am 21. September ordnete das französische Oberkommando den Rückzug der Truppen auf das eigene Staatsgebiet an. Seither herrschte an der Grenze ein »Sitzkrieg«, der als »Drôle de ­guerre« (»Seltsamer Krieg«) in die Geschichte einging. Auf deutscher Seite war der Entschluss zum Überfall auf Frankreich jedoch längst gefallen.</p>
<h3>»Radio Humanité«</h3>
<p>Die Aggression wurde propagandistisch vorbereitet. Neben den offiziellen Sendungen aus Deutschland für Frankreich, die von <em>Radio Stuttgart</em> ausgestrahlt wurden, meldeten sich ab Dezember 1939 mehrere Schwarzsender, die vorgaben, illegal von Frankreich aus zu arbeiten. Neben einer vorgeblich pazifistischen »Stimme des Friedens« (La Voix de la Paix) und einem antienglischen Sender namens »Erwachen Frankreichs« (Poste du Réveil de la France) gewann »Radio Humanité« eine besondere Bedeutung. Nicht zufällig hatte dieser den Namen der Zeitung der Französischen KP gewählt, denn man gab sich als Sender der Kommunistischen Partei aus. Diese Maskerade funktionierte, weil die Partei am 26. September 1939 von der Regierung in Paris verboten und in den Untergrund gedrängt worden war. Begründet worden war das mit der Unterstützung der Französischen KP für den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und den Einmarsch sowjetischer Truppen im Osten Polens.</p>
<p>Tatsächlich stand »Radio Humanité« natürlich nicht in Frankreich, sondern arbeitete zunächst über einen mobilen Sender, der in Schopfheim nahe der Schweizer und französischen Grenze stationiert worden war. Am 14. Januar 1940 hieß es dort: »Genossen, dieser Krieg ist nicht unser Krieg. Es ist im Gegenteil ein Krieg gegen uns, gegen unsere Ideen, gegen unsere materiellen Interessen, gegen unsere Familien, gegen alles, was den Armen wert ist, gegen alles, worauf die werktätigen Massen stolz sind. (…) Sie appellieren an unseren guten Willen und unsere Geduld, um die Demokratie zu retten. Es handelt sich um die gleiche Demokratie, in deren Namen dem Parlament das Maul gestopft, die Kommunistische Partei verboten, die organisierten Arbeiter geschlagen, die Gewerkschaften zerbrochen und die Armen verraten werden. Nein, Daladiers und Chamberlains Krieg hat nichts mit der Verteidigung der Freiheit zu tun. Es ist ein Krieg unter imperialistischen Räubern, die sich um die Beute ihrer Plünderung und ihrer Ausbeutung streiten.«¹</p>
<p>Diese Argumentation war für sich genommen nicht weit entfernt von der Linie der Kommunistischen Internationale, die den Krieg zu diesem Zeitpunkt analog zum Ersten Weltkrieg als Auseinandersetzung zwischen imperialistischen Mächten bewertete. Genutzt wurde eine Langwellenfrequenz, die nach internationaler Vereinbarung der Sowjetunion zugeteilt worden war. Prompt machte die rechtsnationalistische Wochenzeitung <em>Gringoire</em> ein geheimes Abkommen zwischen Moskau und Berlin über gemeinsame Radiopropaganda aus: Die Sowjetunion nutze einen Standort im Schwarzwald, also in Deutschland, weil sie sonst nicht per Langwelle Frankreich erreichen könne: »Einen deutlicheren Beweis für ihre Absprachen kann man sich kaum vorstellen.«² Auch die Tageszeitung <em>Le Matin</em> schrieb am 17. Januar 1940 von »abscheulicher antifranzösischer Propaganda« des Senders, der »sich von den Doktrinen der Dritten Internationale inspirieren« lasse und Argumente verbreite, »in denen man sowohl die widerliche Verherrlichung des Naziregimes als auch die des Kommunismus durchscheinen spürt«.³</p>
<p>Die in den Untergrund gedrängte Kommunistische Partei distanzierte sich dagegen klar von dem Sender. In einer illegalen Ausgabe der <em>Humanité</em> vom 2. Februar 1940 hieß es unter der Überschrift »Warnung«: »Der auf Langwellen (1.180 Meter) arbeitende Sender mit dem Namen Radio-Huma hat keinerlei Verbindung zu unserer Zeitung oder der Partei. Jeder halbwegs gebildete Genosse wird bereits verstanden haben, dass es sich um einen deutschen oder um einen von der französischen Polizei zu Provokationszwecken aufgebauten Sender handelt. Diejenigen, die darauf hereinfallen könnten, sollten gewarnt werden!«⁴</p>
<h3>Kollaborateure</h3>
<p>Um die Glaubwürdigkeit seines Schwarzsenders zu erhöhen, griff Goebbels auch auf ehemalige Kommunisten zurück, die zu den Nazis übergelaufen waren. Am 2. Juni 1940 schlug der Propagandaminister bei der fast täglich stattfindenden Konferenz mit seinen Mitarbeitern vor, den ehemaligen KPD-Abgeordneten Ernst Torgler und dessen »Mitarbeiterin« Maria Reese zur Mitarbeit beim französischen Schwarzsender heranzuziehen, weil die bisher an den Programmen Beteiligten lediglich an das Hirn von Intellektuellen, nicht aber an »die primitiven Masseninstinkte appellieren« würden.</p>
<p>Der 1893 in Berlin geborene Torgler war ab 1929 Vorsitzender der KPD-Fraktion im Reichstag gewesen und gehörte damit zu den prominentesten Kommunisten in Deutschland. Nach dem Reichstagsbrand stellte er sich am 28. Februar 1933 freiwillig der Polizei, um, wie er 1948 in einer Artikelserie für die Hamburger Wochenzeitung <em>Die Zeit</em> argumentierte, »auf diese Weise die niederträchtige Lüge vor der Weltöffentlichkeit zu entlarven und die satanische Absicht der Nazis, für ihre Tat andere verantwortlich machen zu wollen, zu zerschlagen«.⁵ Bei seiner Partei stieß das auf scharfe Kritik, er habe sich »freiwillig dem Faschismus ausgeliefert«, hieß es später. Torgler wies das zurück: »Was ich tat, war mindestens ein Versuch, einem anrollenden Verhängnis Widerstand entgegenzusetzen, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo der Nationalsozialismus erst im Aufmarsch begriffen war und wo von den Widerstandskämpfern der späteren Verfallszeit und des schon verlorenen Krieges noch nichts zu bemerken war.«⁶</p>
<p>Da er für seine Verteidigung im Prozess keinen der KPD nahestehenden Verteidiger gewinnen konnte, engagierte Torgler schließlich den Nazijuristen Alfons Sack, der in der Weimarer Republik zahlreiche Faschisten verteidigt hatte. Dieser nutzte seine Beteiligung an dem Prozess später dazu, den Reichstagsbrandprozess in einem Buch als Ergebnis »rechtsstaatlichen Wirkens« der Nazijustiz darzustellen. Als Beleg dafür diente ihm, dass sein Mandant Torgler ebenso wie drei weitere Angeklagte – unter ihnen der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff – freigesprochen wurden. Zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde dagegen Marinus van der Lubbe.</p>
<p>Wegen seines Verhaltens gegenüber der Nazijustiz wurde Torgler 1935 aus der KPD ausgeschlossen. Er sei »zwischen die Mühlsteine zweier großer Bewegungen (…), nämlich des Nationalsozialismus und des Bolschewismus«⁷ geraten, beklagte er später. Ab 1935 unterstützte er offenbar seine frühere Genossin und Geliebte Maria Reese, die ebenfalls für die KPD im Reichstag gesessen hatte, bei der Arbeit an einem von den Nazis gewünschten Buch über ihren Bruch mit dem Kommunismus.⁸ Reese war 1933 im französischen Exil aus der KPD ausgetreten und 1935 nach Deutschland zurückgekehrt, nachdem sie sich zuvor im Saargebiet an der Nazipropaganda für eine Rückkehr des unter Verwaltung des Völkerbundes stehenden Gebiets nach Deutschland beteiligt hatte. Offenbar ist das von beiden verfasste Werk nie über das Stadium eines Manuskripts hinausgekommen, allerdings erschien 1938 eine von Reese verfasste, antisemitisch geprägte Schrift unter dem Titel »Abrechnung mit Moskau«.</p>
<p>Ein Grund für Torglers Kollaboration mit dem Naziregime könnte die Sorge um seinen Sohn gewesen sein. Kurt Torgler war 1933 in die So­wjetunion emigriert. Dort wurde er 1936 verhaftet und wegen »trotzkistischer Aktivitäten« zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt.⁹ Nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er von Moskau an Nazideutschland ausgeliefert.¹⁰</p>
<p>Am 8. Juni 1940 begann Ernst Torgler, für »Radio Humanité« zu arbeiten. Zur Redaktion gehörte auch Wilhelm »Willi« Kasper, der vor der Nazidiktatur dem Zentralkomitee der KPD angehört hatte und Abgeordneter des preußischen Landtags gewesen war. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand war auch er verhaftet und in einem Konzentrationslager misshandelt worden. 1935 wurde er schließlich zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, nach Verbüßung der Haft aber freigelassen.</p>
<p>Torgler räumte die Mitarbeit bei »Radio Humanité« nach dem Krieg ein. Kasper und er hätten sich »nach Ausbruch des Frankreich-Feldzuges unter Druck bereit« gefunden, »für die gegen Frankreich operierenden Geheimsender des Propagandaministeriums einige Entwürfe für Aufrufe an die französischen Werktätigen zu liefern, den Widerstand gegen den übermächtigen deutschen Feind einzustellen und überflüssiges Blutvergießen zu vermeiden«. Reese sei jedoch nicht an dem Sender beteiligt gewesen.¹¹</p>
<p>Der vorgeblich kommunistische Schwarzsender wurde von einer wachsenden Zahl französischer Hörerinnen und Hörer empfangen. Besonders nachdem die deutschen Truppen am 10. Mai 1940 ihre Offensive gegen Frankreich gestartet hatten, schalteten viele Menschen den angeblichen Untergrundsender ein, weil sie sich vom offiziellen Pariser Rundfunk im Stich gelassen fühlten. Während dort Armeesprecher teilweise veraltete Kommuniqués verlasen, beeindruckten »Radio Humanité« und die anderen Propagandasender mit dramatischen Schilderungen der Lage. Sie folgten damit Nazipropagandaminister Joseph Goebbels, der am 17. Mai 1940 die Weisung ausgegeben hatte, unter der französischen Zivilbevölkerung Panik zu schüren und sie zur Flucht vor den anrückenden Truppen der Wehrmacht zu bewegen.</p>
<p>Tatsächlich versuchten Zehntausende Menschen, sich vor der sich nähernden Front in Sicherheit zu bringen. Ganze Familien flohen in Richtung Westen und Süden, wohlhabendere mit Autos oder Pferde- und Ochsenwagen, andere zu Fuß. Schnell waren die Straßen verstopft, mehr als fünf Millionen Menschen sollen sich auf den Weg gemacht haben. Die deutschen Truppen hatten Befehl, auf die wehrlosen Menschen keine Rücksicht zu nehmen, während die Bewegungsfreiheit der französischen Armee und ihrer englischen Verbündeten erheblich eingeschränkt wurde.</p>
<p>Diese Fluchtbewegung dürfte allerdings nicht allein oder vor allem durch die deutschen Schwarzsender ausgelöst worden sein. Vielmehr hatte die deutsche Luftwaffe planmäßig französische Städte bombardiert, so dass zwangsläufig eine Massenflucht ausgelöst wurde. Gezielte Attacken lenkten die Menschenmassen in die gewünschte Richtung. Trotzdem war Goebbels mit dem Erfolg seiner Propaganda zufrieden. Nach der Besetzung von Paris durch deutsche Truppen und der Unterzeichnung eines Waffenstillstands ordnete Goebbels die Einstellung von »Radio Humanité« und der anderen gegen Frankreich gerichteten Schwarzsender an. In seinem Tagebuch notierte er am 23. Juni 1940: »Französische Geheimsender wollen wir nun langsam abklingen lassen. Sie haben ihre Schuldigkeit getan. Jetzt werden sie nach England umgestellt, das nun an die Reihe kommt. Im Ganzen 4 Sender mit verschiedenen Tendenzen und immer als englische getarnt.«</p>
<h3>»Worker’s Challenge«</h3>
<p>Bereits im Februar 1940 hatte ein erster Geheimsender in englischer Sprache den Betrieb aufgenommen, die »New British Broadcasting Station« (NBBS). Zunächst sendete man jeden Abend für eine halbe Stunde auf Kurzwelle. Nach der Niederlage Frankreichs griff Goebbels dann den Erfolg von »Radio Humanité« auf und ließ Anfang Juli 1940 einen angeblich von sozialistischen Arbeitern betriebenen Sender starten, »Worker’s Challenge«. Er sollte eine »sozialrevolutionäre Arbeiterpropaganda« verbreiten, wie es in einem Dokument des für die Nazischwarzsender zuständigen »Büros Concordia« hieß: »antikapitalistische Zersetzungspropaganda, die sich an die radikalen Schichten der britischen Arbeiterschaft wendet und versucht, Unruhe und Unfrieden zu stiften«.¹²</p>
<p>Genutzt wurde für die täglich 15 Minuten dauernden Programme zunächst ein transportabler Sender im Rheinland und später in den besetzten Niederlanden. Da die Sendungen auf Mittelwelle verbreitet wurden, konnten sie in England auch mit einfachen, handelsüblichen Rundfunkgeräten empfangen werden. Wie zeitgenössische Umfragen nahelegten, wurde »Worker’s Challenge« vor allem zu Beginn von relativ vielen Menschen eingeschaltet. Der Grund dafür dürften jedoch weniger die verbreiteten Inhalte gewesen sein als vielmehr die derbe Sprache mit Ausdrücken, die man nie zuvor im Radio hatte hören können. Dazu trug auch die britische Presse ihren Teil bei, die sich in zahlreichen Artikeln über die Ausdrucksweise des Untergrundsenders mokierte.</p>
<p>So hieß es am 9. Juli 1940 auf Mittelwelle 213 Meter (1407 kHz): »Der Kapitalismus ist mausetot, und wir wollen nicht durch seinen dreckigen Kadaver vergiftet werden. Niemand hat sich je um uns gekümmert, also müssen wir uns selbst um uns kümmern. Diesmal müssen wir bereit sein, nicht in einen kapitalistischen und imperialistischen Krieg zu ziehen, sondern in einen Krieg gegen unsere eigenen Feinde hier zu Hause. Entweder retten wir Großbritannien in diesem kritischen Moment unserer Geschichte für die Arbeiterklasse, oder wir verlieren es. Die Kapitalisten haben es bereits verloren, und sie zittern vor Angst. Entweder die Nazis übernehmen die Macht oder wir. Geht auf die Straße und setzt es in die Tat um! Arbeiter Großbritanniens, vereinigt euch! Ihr habt nichts zu verlieren als eure Ketten!«¹³</p>
<p>Hauptautor der gegen England gerichteten Schwarzsender und wichtigster Sprecher der offiziellen englischsprachigen Sendung »Germany Calling« war William Joyce. Der britische Faschist war zu Kriegsbeginn nach Deutschland emigriert und hatte sich dem Propagandaministerium zur Verfügung gestellt. Unter dem Pseudonym »Lord Haw-Haw«, das ihm von der britischen Presse verliehen worden war, gewann er eine gewisse Bekanntheit. Neben ihm wurden offenbar auch Torgler und Kasper wieder zur Arbeit herangezogen, die aber vermutlich nur einige Manuskripte beigesteuert haben. Sprecher waren vor allem britische Soldaten, die von Joyce in Kriegsgefangenenlagern angeworben wurden. Einer von ihnen, William Henry Humphrey »Bill« Griffiths, wurde nach Kriegsende wegen seiner Beteiligung an den Rundfunksendungen in Großbritannien zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er in Gefangenschaft freiwillig den Feind unterstützt habe. Er verteidigte sich später, dass ihm Joyce gedroht habe, ihn in ein Konzentrationslager bringen zu lassen, falls er sich weigere.¹⁴</p>
<h3>»Alte Garde Lenins«</h3>
<p>Aktiver wurde die Rolle ehemaliger deutscher Kommunisten nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. So plante das deutsche Propagandaministerium, einen von ehemaligen Kommunisten unterzeichneten Aufruf zu veröffentlichen, in dem der Krieg gegen die Sowjetunion unterstützt werden sollte. »Dieses Ansinnen lehnte ich wiederum ab«, berichtete Torgler nach 1945. »Was sie denn damit erreichen wollten? Auch der Dümmste in Deutschland würde doch bemerken, dass es keine freiwillige, sondern unter Zwang erpresste Unehrlichkeit wäre. Diesmal ließen sie sich überzeugen. Damit war die Sache leider noch nicht erledigt. Es blieb übrig, Aufrufe zu schreiben, in der ›alte Leninisten‹ die falsche Politik Stalins kritisieren, beispielsweise den deutsch-russischen Freundschaftspakt als Sünde wider den leninistischen Geist zu bezeichnen und den Einmarsch der Nazihorden als ›Erfolg‹ dieser falschen Politik zu kennzeichnen.«¹⁵</p>
<p>Diese Aufrufe Torglers wurden über einen deutschen Schwarzsender verbreitet, der sich »Alte Garde Lenins« nannte und im Büro Concordia unter dem Code »V« geführt wurde. Geleitet wurde der Sender von Karl Iwanowitsch Albrecht. Dieser Karl Albrecht, der eigentlich Karl Matthäus Low oder Löw hieß, war 1924 in die Sowjetunion emigriert, wo er im Staatsapparat Karriere machte und es bis zum stellvertretenden Volkskommissar für Wald- und Forstwirtschaft brachte. 1932 wurde er verhaftet und wegen »Unzucht« zu fünf Jahren Haft verurteilt. Als deutscher Staatsbürger wandte er sich in dieser Situation an die deutsche Botschaft, durch deren Vermittlung er 1934 nach Deutschland abgeschoben wurde. Dort wurde er von den Nazis verhört und inhaftiert, aber schon nach wenigen Wochen auf freien Fuß gesetzt und für die Nazipropaganda angeworben.</p>
<p>1938 erschien im Nibelungen-Verlag des Propagandaministeriums sein Buch »Der verratene Sozialismus«, ein antisemitisches und antikommunistisches Machwerk, in dem er zugleich die Nazis von allen international erhobenen Vorwürfen freisprach: »Ich habe keine nächtlichen Todesschreie gehört, keine Prügelszenen, keine Massenabschlachtungen in den Kellern und auf den Höfen des Lagers gesehen. Ich habe auch von keinem der Insassen, mit denen ich als Gefangener völlig ungehindert reden konnte, eine Andeutung vernommen, dass einer von ihnen geschlagen worden sei oder aber gesehen hätte, dass irgendwelche Greuelszenen jemals vorgekommen wären.« Über den Krieg gegen die Sowjetunion schwärmte Albrecht: »Wir alle, wir wissen: Wir kämpfen für eine gerechte Sache, für den Sozialismus gegen den Bolschewismus. Wir kämpfen für die Rettung von Millionen versklavter Menschen und für die Befreiung der vielen unterdrückten Völker der Sowjetunion vom jüdisch-bolschewistischen Joch. Wir, als Deutsche, kämpfen vor allem für die Sicherung unseres eigenen Volkes vor der furchtbaren Bedrohung aus dem Osten. Wir kämpfen unter der genialen Führung Adolf Hitlers, der nicht nur Feldherr und Staatsmann, sondern auch der größte Sozialist aller Zeiten ist.«¹⁶</p>
<p>Sein Auftrag für das Büro Concordia und das Propagandaministerium war es, mit einem pseudo-kommunistischen Sender Unruhe unter den sowjetischen Funktionären zu schüren. Goebbels Vorgabe lautete, einen »trotzkistischen«¹⁷ Sender zu betreiben. Die Hoffnung war, so der Historiker Boris Kowalew, die unter Stalin bereits in den 1930er Jahren betriebene Repression gegen echte oder vermeintliche Abweichler in den eigenen Reihen erneut anzuheizen und dadurch die Verteidigung der Sowjetunion zu schwächen.¹⁸</p>
<p>Betrieben wurde der Sender vorgeblich von einer Gruppe »treuer Leninisten«, die sich als »vorläufiges leninistisches Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion« bezeichneten. Regelmäßig wurden Passagen aus Lenins im Dezember 1922 verfassten »Brief an den Parteitag« zitiert, in denen dieser sich kritisch mit der Person Stalins auseinandergesetzt hatte.¹⁹ Zudem berief man sich darauf, dass Lenin im Unterschied zu Stalin eine »opportunistische Friedenspolitik« betrieben habe. In Berlin zeigte man sich mit dem Erfolg des Senders zufrieden, wie aus einem internen Bericht vom 8. Juli 1942 hervorgeht: »Die Wirksamkeit dieser Sendungen ergibt sich daraus, dass Losowski die Meldungen ausdrücklich dementierte und die Prawda sich gezwungen sah, gegen die Verbreitung dieser Meldungen in den Fabriken, Straßenbahnen und auf den Märkten zu polemisieren.«²⁰</p>
<p>Weniger erfreut war man allerdings, als 1943 schwedische Zeitungen über die Hintergründe des Senders aufklärten und die Welt darüber informierten, dass die »treuen Leninisten« von Nazischergen hinter deutschen Mikrofonen dargestellt wurden. Zu diesen gehörte auch Michail W. Tarnowski, ein Aktivist des von russischen Emigranten gegründeten antikommunistischen »Bundes der russischen Solidaristen« (NTS). Ab August 1941 arbeitete er für den deutschen Rundfunk und war schließlich ab 1942 Sprecher für den Sender »Alte Garde Lenins«. 1943 schloss er sich der »Russischen Befreiungsarmee« (ROA) an, die vom übergelaufenen russischen Generalleutnant Andrej Wlassow geführt wurde und an der Seite der Nazis gegen die sowjetische Armee kämpfte.²¹</p>
<h3>Weiterverwendung in US-Diensten</h3>
<p>Ein anderer Propagandist im Dienste Goebbels war Andrej Georgijewitsch Nerjanin, der 1942 als Oberst der Roten Armee in deutsche Gefangenschaft geraten war und sich dort den Nazis angeboten hatte. Ab 1944 gehörte er dem Hauptquartier der Wlassow-Armee an. Trotzdem wurde er 1945 von den US-Amerikanern nicht an die Sowjetunion ausgeliefert, sondern konnte unter dem Decknamen Michail Andrejewitsch Aldan unbehelligt in München leben, bevor er 1953 in die USA übersiedelte, wo er für das Pentagon arbeitete.</p>
<p>Er war nicht der einzige. So manche der im Krieg vom Nazipropagandaministerium gegen die Sowjetunion eingesetzten Emigranten konnten nach 1945 ihre Erfahrungen weiter nutzen. So rekrutierte der US-Geheimdienst CIA zahlreiche ehemalige Nazikollaborateure Anfang der 1950er Jahre für seine von München aus betriebenen Propagandasender »Radio Free Europe« und »Radio Liberation«, später »Radio Liberty«.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 »Radio Humanité, der Sender der revolutionären Arbeiterbewegung«, O-Ton des deutschen Geheimsenders gegen Frankreich im Zweiten Weltkrieg; in: <em>Rundfunk und Geschichte</em> 27 (2001), S. 62 ff.; <a href="https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2001_1-2.pdf">https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2001_1-2.pdf</a></p>
<p>2 <em>Gringoire</em>, 1. Februar 1940, S. 2; <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k47474145/f2.item.r=%22Radio%20Humanit%C3%A9%22">https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k47474145/f2.item.r=%22Radio%20Humanit%C3%A9%22</a></p>
<p>3 <em>Le Matin</em>, 17. Januar 1940, S. 3; <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k586576t/f3.item.r=Radio%20Humanite.zoom">https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k586576t/f3.item.r=Radio%20Humanite.zoom</a></p>
<p>4 <em>L’Humanité</em>, 2. Februar 1940, S. 2; <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k879162x/f2.image.r=%22Radio%20Huma%22?rk=21459;2">https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k879162x/f2.image.r=%22Radio%20Huma%22?rk=21459;2</a></p>
<p>5 Ernst Torgler: Der Reichstagsbrand und was nachher geschah; in: <em>Die Zeit</em>, Nr. 43/1948, 21. Oktober 1948; <a href="https://www.zeit.de/1948/43/ernst-torgler-der-reichstagsbrand-und-was-nachher-geschah">https://www.zeit.de/1948/43/ernst-torgler-der-reichstagsbrand-und-was-nachher-geschah</a></p>
<p>6 Ebd.</p>
<p>7 Ebd.</p>
<p>8 Vgl. New Nazis? In: <em>Time</em>, 13. Januar 1936; <a href="https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,755623,00.html">https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,755623,00.html</a></p>
<p>9 Vgl. <em>Neues Deutschland</em>, 23. Februar 2013; <a href="https://www.nd-aktuell.de/artikel/813777.der-tag-an-dem-sein-glaube-zerbrach.html">https://www.nd-aktuell.de/artikel/813777.der-tag-an-dem-sein-glaube-zerbrach.html</a></p>
<p>10 Vgl. <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/ernst-torgler">https://www.dhm.de/lemo/biografie/ernst-torgler</a></p>
<p>11 Vgl. Willi A. Boelcke (Hg.): Wollt ihr den totalen Krieg? Die geheimen Goebbels-Konferenzen 1939–43. Herrsching 1989, S. 60; <a href="https://ulis-buecherecke.ch/pdf_neben_dem_krieg/goebbels_wollt_ihr_den_totalen_krieg.pdf">https://ulis-buecherecke.ch/pdf_neben_dem_krieg/goebbels_wollt_ihr_den_totalen_krieg.pdf</a></p>
<p>12 Übersicht über die am 25.6.42 in Betrieb befindlichen Concordia-Sender (26. Juni 1942); zit. nach: Reimund Schnabel: Mißbrauchte Mikrofone. Deutsche Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Wien 1967, S. 94</p>
<p>13 M. A. Doherty: German Wireless Propaganda in English: An Analysis of the Organisation, Content and Effectiveness of National Socialist Radio Broadcasts for the UK, 1939–1945, Volume II: Appendices. Canterbury 1998, S. 100; <a href="https://kar.kent.ac.uk/85988/2/DX202804_2.pdf">https://kar.kent.ac.uk/85988/2/DX202804_2.pdf</a></p>
<p>14 Vgl. ders.: Nazi Wireless Propaganda: Lord Haw-Haw and British Public Opinion in the Second World War, Edinburgh 2000, S. 23 f.</p>
<p>15 Ernst Torgler: Gestapo bestellte kommunistische Aufrufe; in: <em>Die Zeit</em> Nr. 46/1948, 11. November 1948; https://www.zeit.de/1948/46/gestapo-bestellte-kommunistische-aufrufe</p>
<p>16 Karl Iwanowitsch Albrecht: Der verratene Sozialismus; zit. nach: Peter Boris: Im Zickzack durch die Zeit, in: <em>Die Zeit</em> Nr. 37/1988, 9. September 1988; <a href="https://www.zeit.de/1988/37/im-zickzack-durch-die-zeit/komplettansicht">https://www.zeit.de/1988/37/im-zickzack-durch-die-zeit/komplettansicht</a></p>
<p>17 Joseph Goebbels: Tagebücher 1924–1945. Herausgegeben von Ralf Georg Reuth. München 1992, S. 1614 (30. Juni 1941)</p>
<p>18 Vgl. »Старая гвардия Ленина«: зачем Гитлер финансировал эту радиостанцию коммунистов (»Lenins alte Garde«: Warum Hitler diesen kommunistischen Radiosender finanzierte), in: Russkaja Semerka, 29. März 2021; <a href="https://russian7.ru/post/staraya-gvardiya-lenina-zachem-gitler/">https://russian7.ru/post/staraya-­gvardiya-lenina-zachem-gitler/</a></p>
<p>19 Vgl. W. I. Lenin: Brief an den Parteitag; <a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1922/12/brief.html">https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1922/12/brief.html</a></p>
<p>20 Betrifft: Überprüfung der Geheimsender (8. Juli 1942); zit. nach: Reimund Schnabel: Mißbrauchte Mikrofone. Deutsche Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Wien 1967, S. 123 f.</p>
<p>21 Vgl. <a href="http://www.hrono.ru/biograf/bio_t/tarnovsky_mv.php">http://www.hrono.ru/biograf/bio_t/tarnovsky_mv.php</a></p>
<p>Erschienen am 12. April 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/448683.100-jahre-radio-unter-falscher-flagge.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>Piraten an der Saar</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/piraten-an-der-saar/</link>
		
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		<pubDate>Thu, 25 Jun 2020 13:09:56 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Rundfunk war in der Bundesrepublik lange die exklusive Domäne der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Wenn man mal von Ausnahmen wie den US-amerikanischen, britischen und französischen Soldatensendern absieht, hatten die Stationen der <em>ARD</em> faktisch das alleinige Sagen über die Frequenzen. Erst Mitte der 1980er Jahre wurden dann auch Privatsender zugelassen. Doch eine Ausnahme gab es: Bereits seit 1955 sendete im Südwesten eine kommerzielle Rundfunkstation. <em>Europe 1</em> betrieb im Saarland einen Langwellensender und funkte in französischer Sprache ins Nachbarland.<span id="more-4568"></span></p>
<p>Möglich wurde das durch die besondere Situation des Saarlands zwischen beiden Ländern. Nach der Befreiung vom Faschismus 1945 war es unter französische Besatzung gekommen und ab 1946 wirtschaftlich Frankreich angegliedert worden, behielt jedoch eine gewisse Autonomie. Das nutzte der französische Geschäftsmann Charles Michelson, um im Saarland einen kommerziellen Sender zu gründen, der nach Frankreich funken sollte. Ein ähnliches Konzept hatte sich in den Jahren zuvor schon in Monaco bewährt, von wo aus <em>Radio Monte Carlo</em> sendete, und auch <em>Radio Luxemburg</em> stand Pate.</p>
<p>Allerdings bestand auch im Saarland ein Rundfunkmonopol, nur das offizielle <em>Radio Saarbrücken</em> war legal. Doch Michelson fand einen Verbündeten. Denn der damalige saarländische Ministerpräsident Johannes Hoffmann (Christliche Volkspartei des Saarlandes, CVP), träumte nicht nur von der Eigenstaatlichkeit des kleinen Landstrichs, sondern auch von einem eigenen Fernsehprogramm. So entstand 1953 <em>Telesaar</em>, der wohl erste kommerzielle Fernsehsender Europas, betrieben von Michelsons »Saarländischer Fernseh-AG«.</p>
<p>Hoffmann hatte sie mit »dem absonderlichsten Vertrag« ausgestattet, »der je zwischen einer Regierung und einem privaten Rundfunkunternehmer abgeschlossen worden ist«, wie es der <em>Spiegel</em> 1958 formulierte. Das Unternehmen erhielt nicht nur das Recht, 50 Jahre lang einen Fernseh- und einen Rundfunksender zu betreiben. Der offizielle saarländische Rundfunk wurde außerdem verpflichtet, die gesamte Technik gegen Barzahlung zu übernehmen, wenn das Unternehmen »durch Einwirkungen von dritter Stelle« gezwungen werden sollte, den Betrieb einzustellen. Außerdem sollte in diesem Fall für jedes an der Vertragslaufzeit fehlende Jahr eine Entschädigung in Höhe von fünf Prozent des investierten Kapitals fällig werden. Es drohten also Strafgelder in Millionenhöhe.</p>
<p>Trotzdem bedeutete die Rückkehr des Saarlands in die Bundesrepublik nach der Volksabstimmung 1957 das Ende für <em>Telesaar</em>, das im Juli 1958 den Betrieb einstellen musste. <em>Europe 1</em> allerdings funkte weiter – und nicht wenige Beobachter gingen schon damals davon aus, dass es Michelson und seinem inzwischen als »Europäische Rundfunk- und Fernseh-AG« firmierenden Unternehmen ohnehin nur um das Radioprogramm gegangen war. Während der TV-Kanal defizitär blieb, erreichte <em>Europe 1</em> Millionen Menschen in Frankreich und konnte Werbezeit teuer verkaufen. Dazu hatten nicht nur flotte Musik und lockere Moderation beigetragen, sondern auch eine gewisse journalistische Unabhängigkeit. So berichtete <em>Europe 1</em> über die Foltermethoden der französischen Kolonialtruppen in Algerien – ein Tabuthema für den offiziellen Rundfunk.</p>
<p>Rechtlich war der Betrieb des in Saarlouis stehenden Langwellensenders jedoch »Piraterie im Äther«, wie der <em>Spiegel</em> 1961 einen Artikel überschrieb. <em>Europe 1</em> verletzte das sowohl in Westdeutschland als auch in Frankreich geltende Verbot von Privatsendern. Paris allerdings hatte schon 1956 auf die eigenen Gesetze gepfiffen und über die staatliche Gesellschaft Sofirad rund die Hälfte der Aktien von <em>Europe 1</em> übernommen, während Michelson ausgebootet worden war. Und bei <em>Radio Saarbrücken</em>, dem Vorläufer des <em>Saarländischen Rundfunks</em>, hoffte man auf die vertraglich zugesicherten Abgaben, denn – so der <em>Spiegel</em> – nur mit den Geldern der Privatgesellschaft könne der finanziell angeschlagene Saarfunk bestehen. Zähneknirschend akzeptierten die bundesdeutschen Behörden schließlich die Existenz des Senders, allerdings nur unter der Auflage, dass es keine deutschsprachigen Programme geben dürfe.</p>
<p>1986 verkaufte der französische Staat seine Anteile an <em>Europe 1</em>, das so wieder komplett in Privatbesitz war. Inzwischen setzte man nicht mehr nur auf die antiquierte Langwelle, sondern betrieb fast 200 UKW-Sender in Frankreich, wo man längst als rein einheimischer Kanal wahrgenommen wird. Am 31. Dezember 2019 wurde schließlich der Sender in Saarlouis abgeschaltet. <em>Europe 1</em> ist seither nur noch über UKW, Satellit und Internet zu empfangen. Und ein Stück Rundfunkgeschichte ist wirklich Geschichte.</p>
<p>Erschienen am 25. Juni 2020 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/380935.extrawurst-piraten-an-der-saar.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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