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	<title>Faschismus &#8211; André Scheer</title>
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	<title>Faschismus &#8211; André Scheer</title>
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		<title>»Wo ist der Rommel?«</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 May 2023 08:58:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rundfunkgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Zweiter Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 5: Antifaschistische »Feindsender« während des Zweiten Weltkriegs Die Phrasen[...]]]></description>
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<div class="teaser lead"><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 5: Antifaschistische »Feindsender« während des Zweiten Weltkriegs</strong></div>
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<p>Die Phrasen waren bis zum Überdruss bekannt. »Wem die Vorsehung so schwere Prüfungen auferlegt, den hat sie zu Höchstem berufen«, tönte Adolf Hitler am 31. Dezember 1944 in seiner vom <em>Großdeutschen Rundfunk</em> übertragenen Silvesteransprache. »In dieser Stunde will ich daher als Sprecher Großdeutschlands gegenüber dem Allmächtigen das feierliche Gelöbnis ablegen, dass wir treu und unerschütterlich unsere Pflicht auch im neuen Jahr erfüllen werden …« Doch diesmal wurde dem »Führer und Reichskanzler« widersprochen. »Das Jahr 1945 muss das Ende der Hitlertyrannei sein!« rief plötzlich eine Stimme dazwischen. Und mitten in das folgende Horst-Wessel-Lied noch einmal: »Nieder mit Hitler und seiner Bande! Weg mit den Nazis!«</p>
<h3>»Feindsprüche«</h3>
<p>Nicht nur bei den Faschisten, sondern auch bei vielen Hörern rief diese »Geisterstimme« Aufregung hervor. Wie war so etwas möglich? Waren die alliierten Truppen schon so weit vorgestoßen, dass sie bereits im deutschen Rundfunk zu hören waren?</p>
<p>Tatsächlich saß der Sprecher der antifaschistischen Kommentare in einem Studio in Moskau und verfolgte aufmerksam die Parolen aus Berlin. War der richtige Zeitpunkt gekommen, um mit kurzen Sätzen die Lügen zu kommentieren, verstärkten die sowjetischen Techniker kurzfristig die Leistung ihrer Sender und überlagerten so die Frequenz, auf der das deutsche Programm lief. Vor allem im Norden und Osten Deutschlands war dann für einen kurzen Augenblick nicht mehr Hitler zu hören, sondern die Stimme eines deutschen Kommunisten.</p>
<p>Bereits kurz nach dem deutschen Überfall 1941 hatten die sowjetischen Propagandisten begonnen, mit »Feindeinsprüchen«, wie es im Beamtendeutsch der Gestapo hieß, den deutschen Rundfunk zu stören. Die Nazis stellte das vor Probleme, denn ihre Störsender waren gegen diese Waffe wirkungslos, wenn sie nicht ihre eigenen Programme unhörbar machen wollten. Die Aufgabe der kurzen Zwischenrufe war es allerdings nicht, die Hörer zu informieren, was auf diese Weise kaum möglich gewesen wäre. Aber sie konnten auf Widersprüche der Nazipropaganda hinweisen, etwa wenn die »Geisterstimme« am 8. Dezember 1942 mitten in der Nachrichtensendung des <em>Großdeutschen Rundfunks</em> fragte: »Wo ist der Rommel?« und kurz darauf warnte: »In Italien geht es drunter und drüber!« Schließlich dann die kurze Feststellung: »Mit der Schnauze haben wir längst gesiegt!«¹</p>
<p>Wer sich ausführlicher über die tatsächliche Kriegslage informieren wollte, musste auf die sogenannten Feindsender ausweichen. Zwar war das seit dem 1. September 1939 in Deutschland offiziell verboten und es drohten drastische Strafen bis hin zur Hinrichtung, doch Millionen Menschen wagten es, auf die Sender der gegnerischen Mächte umzuschalten, etwa auf <em>Radio Moskau</em> oder die <em>BBC London</em>. Deren Inhalte wurden aber von den Behörden kontrolliert, deutsche Emigranten hatten auf die offiziellen Programme wenig bis keinen Einfluss. In dem erst 1938 hektisch eingerichteten deutschsprachigen Dienst der <em>BBC London</em> waren sie nur als Sprecher und Übersetzer willkommen, eigenständige redaktionelle Arbeit durften sie nicht leisten.</p>
<p>Einen gewissen Freiraum für deutsche Antifaschisten in Großbritannien hatte es nur zu Beginn des Krieges gegeben. Zwischen 1939 und 1941 verfolgte die Londoner Regierung noch keine einheitliche Strategie, wie man auf die Bevölkerung der feindlichen Länder einwirken wollte. Mehrere Ministerien und Behörden machten sich gegenseitig Kompetenzen streitig. Davon konnten Emigranten profitieren, die über Verbindungen in Behörden und Ministerien verfügten. Einer von ihnen war der ehemalige Reichstagsabgeordnete der katholischen Zentrumspartei Carl Spiecker. Er hatte bereits Anfang 1938 im Namen einer von ihm gegründeten konservativen Emigrantengruppe mehrere Monate lang von einem unter britischer Flagge in den internationalen Gewässern des Ärmelkanals kreuzenden Fischkutter aus den <em>Sender der Deutschen Freiheitspartei</em> betrieben und zum Widerstand gegen das Hitlerregime aufgerufen.² 1940 gelang es Spiecker dann, die britischen Behörden zur Einrichtung eines neuen Geheimsenders zu bewegen, der sich Ende Mai 1940 erstmals mit der Ansage »Hier spricht Deutschland« auf Kurzwelle meldete. Die einzigen Redakteure und Sprecher waren Spiecker selbst und der Journalist Hans Albert Kluthe, der in der Weimarer Republik für liberale Zeitungen und Zeitschriften geschrieben hatte. Sie versuchten, Angehörige der Mittelschicht davon zu überzeugen, dass es für einen »echten Deutschen unmöglich sein (müsse), ein Nazi zu sein«. Zugleich übernahmen sie allerdings die Naziparole vom »Bedarf an Lebensraum« und forderten sogar noch im Februar 1941 ein »starkes Deutschland unter Beibehaltung seiner militärischen Gebietsgewinne«.³</p>
<p>Das kollidierte zusehends mit den britischen Kriegszielen. Am 15. März 1941 musste Spiecker den Betrieb seines Senders einstellen. Weiter arbeiten konnte dagegen vorerst der <em>Sender der Europäischen Revolution</em>, der sich erstmals am 7. Oktober 1940 auf Kurzwelle im 30-Meter-Band gemeldet hatte: »Wir sprechen für alle, die zum Schweigen verdammt sind! Wir rufen die Massen zur politischen und sozialen Revolution! Wir kämpfen für ein Europa des Friedens!«⁴</p>
<p>Initiiert hatten den Sender linkssozialistisch orientierte deutsche Emigranten, die dabei von britischen Gewerkschaften und der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) unterstützt wurden. Ihr wichtigster Verbündeter im britischen Staatsapparat war der Labour-Politiker Richard Crossman, der nach dem Krieg lange Jahre Abgeordneter im Unterhaus war, Ministerposten bekleidete und dem Vorstand seiner Partei angehörte. Er setzte den Sender gegen Vorbehalte seiner Kollegen durch.</p>
<h3>Sozialistisch und antikommunistisch</h3>
<p>Die Redaktion des <em>Senders der Europäischen Revolution</em> bildete sich um den bayerischen Sozialdemokraten Waldemar von Knoeringen, das Ehepaar Evelyn und Paul Anderson sowie den Journalisten Fritz Eberhard und einige weitere. Sie genossen weitgehende politische und journalistische Freiheit, eine vorherige institutionalisierte Zensur gab es nicht. Die Programme propagierten eine sozialistische, zugleich aber auch antikommunistische Position. So nutzte man am 21. Januar 1941 – als der Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion noch in Kraft war – den Todestag von Wladimir Iljitsch Lenin für einen Kommentar, dass dieser den »Weg zum Bündnis mit Hitler niemals gegangen« wäre. Er habe aber »die Wurzeln des Stalinismus nicht rechtzeitig erkannt«. Dann spannte man den Bogen zur Situation in Hitlerdeutschland: »Unter seiner Diktatur gibt es zwar keine offenen innenpolitischen Krisen mehr, dafür hat er aber durch seine imperialistische Außenpolitik eine Krise furchtbarsten Ausmaßes heraufbeschworen: den Zweiten Weltkrieg. Er hat zwar durch die Beschäftigung der Arbeiter in der Rüstungsproduktion die Existenzfrage des Einzelnen vorübergehend gelöst, aber er hat dadurch einen Krieg vorbereitet und führt nun diesen Krieg, der die Existenz des ganzen deutschen Volkes aufs Spiel setzt.«⁵</p>
<p>Die Aufzeichnungen der in die Mikrofone gesprochenen Kommentare verdanken wir unter anderem der Gestapo, deren Schergen die Programme dieses und anderer »Feindsender« eifrig mitprotokollierten und in dicken, als »Geheim!« klassifizierten Akten archivierten. So findet sich in den Unterlagen auch eine weitere Notiz aus dem Februar 1941, in der die »Polemik des <em>Senders der Europäischen Revolution</em> gegen die Diplomatie der Sowjetunion« hervorgehoben wird: »Ihre Haltung könne nicht mehr mit Gerissenheit, mit Schwäche oder gar mit verschleierter Feindschaft gegen den nationalsozialistischen Imperialismus erklärt werden. Das Stalin-Regime sei offen in die faschistische Weltfront eingerückt: ›Niemals soll die revolutionäre Arbeiterschaft vergessen, dass dieser Krieg vielleicht nie möglich gewesen wäre ohne die Hilfe Stalins für Hitler, und dass auch noch nach dem Russenpakt von 1939 eine hitlerfeindliche Neutralität der Sowjetunion viele Völker Europas vor dem Schicksal der Sklaverei hätte bewahren können‹.«⁶</p>
<p>Spätestens mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und der Bildung einer antifaschistischen Koalition zwischen Moskau, London und Washington passten solche Töne nicht mehr in das politische Konzept der britischen Regierung. Am 30. April 1942 musste der <em>Sender der Europäischen Revolution</em> den Betrieb einstellen. Wenige Tage später meldete sich auf ähnlichen Kurzwellenfrequenzen ein <em>Arbeitersender</em>. Wie sein Vorgänger präsentierte er sich als Sprachrohr einer linken Untergrundorganisation in Deutschland.⁷ Allerdings standen hinter diesem Programm nun keine Emigranten mehr, sondern die Londoner Propagandisten, und es ging auch nicht mehr um die Propagierung von Vorstellungen über die zukünftige Gestalt eines befreiten Deutschlands, sondern um Zersetzung und Zermürbung des Feindes. »In meinen Augen waren alle diese Versuche, die Deutschen durch Aufrufe und Kritik zum Aufstand gegen Hitler zu bekehren, eine Verschwendung von Atem und elektrischem Strom«, schrieb der Leiter der britischen Schwarzsender, Sefton Delmer, dazu in seinen Erinnerungen. »Wer in dem damaligen Stadium des Krieges die Deutschen zu hitlerfeindlichen Gedanken und Handlungen veranlassen wollte, musste sich des Mittels der Irreführung bedienen.«⁸</p>
<p>Ein Beispiel dafür war der im Oktober 1943 gestartete <em>Soldatensender Calais</em>, die nahezu perfekte Kopie eines deutschen Wehrmachtssenders in den besetzten Gebieten. Natürlich stand er nicht in der nordfranzösischen Hafenstadt, sondern kam über den britischen Mittelwellensender »Aspidistra«, der mit einer Sendeleistung von 600 Kilowatt als die stärkste Station seiner Zeit galt. Wie die echten Soldatensender der Nazis, die die Landser bei Laune halten sollten, verbreitete <em>Calais</em> flotte Musik und offizielle Meldungen der Wehrmachtsführung. Dazwischen wurden jedoch immer wieder Meldungen über Niederlagen der Deutschen, Materialmangel an den Fronten oder Zerstörungen in Deutschland eingestreut, die den Durchhalteparolen des Propagandaministeriums widersprachen.</p>
<h3>Stimmen der Komintern</h3>
<p>In der Sowjetunion beschloss die Kommunistische Internationale nach dem deutschen Überfall die Einrichtung von Freiheitssendern vor allem für die von den Faschisten besetzten Länder. Anfang August 1941 waren bereits sechs von ihnen in Betrieb: Radio <em>Tadeusz Kosciuszko</em> auf polnisch, »Für die nationale Befreiung« auf tschechisch, <em>Milano Libertà</em> auf italienisch, <em>Radio España Independiente</em> auf spanisch, <em>Christo Botew</em> auf bulgarisch und <em>Romania Libera</em> auf rumänisch.⁹ In den folgenden Wochen kamen weitere hinzu, etwa <em>Za slovensku slobodu</em> (Für die slowakische Freiheit) in slowakischer und der <em>Sudentendeutsche Freiheitssender</em> in deutscher Sprache.¹⁰ Im November 1941 folgte der <em>Sender Österreich</em>, der von dem KPÖ-Mitglied und Journalisten Erwin Zucker-Schilling geleitet wurde. Auch Programme für Griechenland, Jugoslawien und weitere Länder wurden verbreitet.</p>
<p>Eingeleitet mit der Melodie von »Die Gedanken sind frei« als Pausenzeichen meldete sich ab dem 10. September 1941 der <em>Deutsche Volkssender</em> als »Stimme der nationalen Friedensbewegung«, wie es in der Ansage hieß. »Hitler hat den Krieg begonnen, Hitlers Sturz wird ihn beenden.«¹¹</p>
<p>In der Anfangszeit versuchte man den Eindruck zu erwecken, dass die Sendungen von einer geheimen Funkstation innerhalb Deutschlands verbreitet würden. »Wir sprechen mitten aus dem Erleben unseres Volkes heraus«, hieß es in der ersten Sendung am 10. September 1941. »Wir sind seine Stimme. Das Anhören und Verbreiten unserer Sendungen ist ein echter nationaler Dienst am Volke.«¹² Schon nach einem halben Jahr wurde diese Legende jedoch aufgegeben, der <em>Deutsche Volkssender</em> trat nun offen als Stimme der in die Sowjetunion emigrierten Führung der KPD auf.¹³ Damit ergänzte er die deutschsprachigen Sendungen von <em>Radio Moskau</em>, in denen zwar führende Vertreter der KPD zu Wort kamen, die aber doch immer die offizielle Stimme der UdSSR waren. »Unser Sender hatte die Aufgabe, nicht nur die politische Linie und die Argumente für die vielschichtige Arbeit im Land aktuell, treffend, überzeugend und lebendig zu verbreiten, sondern vor allem auch eine möglichst konkrete, den schweren Bedingungen angepasste Anleitung für den praktischen illegalen Kampf, für dessen Organisationsformen, seine Methoden zu geben.«¹⁴</p>
<p>So fasste Markus Wolf die Arbeit zusammen. Der spätere Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Auslandsgeheimdienstes der DDR hatte als 20jähriger Ende August 1943 als Sprecher und Redakteur beim <em>Deutschen Volkssender</em> angefangen. Im Gespräch mit der Redaktion der <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> führte er 1977 weiter aus: »Diese Aufgabenstellung stieß auf vielfältige Schwierigkeiten. Denn der Gestapo-Terror und die enormen Verluste unserer Partei, die notwendige Dezentralisierung der Organisation und auch die Konspiration sicherten keinen systematischen Informationsfluss aus dem Lande mehr. Wir waren also darauf angewiesen, gestützt auf das Wissen und die Hinweise unserer Parteiführung über den Kampf im Lande, uns aus den vielfältigsten Quellen ein solches Faktenwissen zu erarbeiten, das eine wirklichkeitsnahe, den Aufgaben entsprechende aktuelle Sendetätigkeit jeden Tag und mehrmals am Tag ermöglichte.«¹⁵</p>
<p>Die Gestapo verfolgte die Programme des <em>Deutschen Volkssenders</em> mit größter Aufmerksamkeit. In einem Lagebericht des Reichssicherheitshauptamtes vom 1. April 1942 etwa wurde ein Kommentar zur Ernährungslage in Deutschland mitgeschrieben: »Bis ins einzelne gehende Anweisungen gab auch der <em>Deutsche Volkssender</em>, der u. a. aufforderte, auf den Märkten, vor den Ernährungsämtern, vor den Kreisleitungen und den Bürgermeistereien für die sofortige Freigabe der für die Kriegsverlängerung angehäuften Vorräte zu demonstrieren. Die Arbeiter in den Rüstungsbetrieben sollten es ablehnen, mit leerem Magen für Hitlers Krieg zu schuften. Die Eisenbahner sollten erklären, dass sie nur noch Lebensmitteltransporte, aber keine Kriegstransporte mehr fahren.«¹⁶</p>
<h3>Friedenspropaganda</h3>
<p>Der <em>Deutsche Volkssender</em> propagierte auch die Bildung einer breiten nationalen Sammlungsbewegung gegen Krieg und Faschismus. So notierten die Abhörer der Gestapo am 17. Dezember 1942, dass er über ein »Friedensmanifest oppositioneller Kreise aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet« berichtet habe, demzufolge sich »zahlreiche oppositionell eingestellte Männer und Frauen aus allen Schichten der Bevölkerung zur Manifestierung des Friedens zusammengeschlossen« hätten. Knapp zwei Wochen später hielten die Agenten die Verbreitung eines »Aktionsprogramms der nationalen Friedensbewegung« fest, in dessen zehn Punkten unter anderem die sofortige Einstellung der Kriegshandlungen, die Schaffung einer national-demokratischen Friedensregierung und die Auflösung von SS und Gestapo gefordert worden seien.¹⁷</p>
<p>Konkrete Gestalt nahm diese nationale Sammlungsbewegung im Mai 1943 an, als das Politbüro des KPD-Zentralkomitees in Moskau den »Vorschlag zur Bildung eines deutschen Komitees zum Kampf gegen Hitlerkrieg und Nazityrannei« fasste, der schließlich zur Gründungsversammlung des »Nationalkomitees Freies Deutschland« (NKFD) im Juli 1943 führte. Das Gründungsmanifest wurde von 21 kriegsgefangenen Soldaten und Offizieren sowie zwölf emigrierten Zivilistinnen und Zivilisten unterzeichnet. Im September folgte dann die Konstituierung des »Bundes Deutscher Offiziere«, über den mehrere Wehrmachtsgeneräle an das NKFD herangeführt werden konnten.</p>
<p>Die Nazis registrierten die Gründung über eine Rundfunkmeldung vom 20. Juli 1943, die sie dem <em>Sender Moskau</em> zuschrieben.¹⁸ Zu vermuten ist, dass die Abhörer der Gestapo nicht das offizielle sowjetische Rundfunkprogramm erwischt hatten, sondern die erste Ausstrahlung des <em>Senders Freies Deutschland</em>, der an jenem Tag den Betrieb aufnahm. Schon unmittelbar nach der Gründung des Nationalkomitees waren in Moskau konspirativ arbeitende Redaktionen für die Zeitung <em>Freies Deutschland</em> und den gleichnamigen Rundfunksender eingerichtet worden. Dem Sender standen zunächst eine Mittelwellen- und mehrere Kurzwellenfrequenzen zur Verfügung, im September 1944 kam noch die Langwelle hinzu. So war man nicht nur an der gesamten Front, sondern auch in Deutschland gut zu empfangen, sofern die Störungen durch die Nazis nicht zu stark waren. Meldete man sich anfangs dreimal täglich, wurde die Zahl der Sendungen bis Juli 1944 auf acht Sendungen von jeweils zwischen 15 und 80 Minuten Dauer ausgeweitet. Entgegen mancher späterer Berichte ersetzte der Sender des NKFD jedoch nicht den <em>Deutschen Volkssender</em>, auch wenn dieser einige Mitarbeiter an das Nationalkomitee abgeben musste. Beide Stationen stellten ihre Arbeit erst nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus ein.</p>
<p>Der Sender des NKFD meldete sich nach der Erkennungsmelodie »Der Gott, der Eisen wachsen ließ« mit der Ansage »Achtung, Achtung, hier spricht der Sender des Nationalkomitees Freies Deutschland! Wir sprechen im Namen des deutschen Volkes! Wir rufen zur Rettung des Reiches!«¹⁹ Die Sendungen richteten sich in erster Linie an die deutschen Soldaten an der Ostfront, aber auch an Hörer im Reich selbst. So verbreitete man am 17. August 1943 einen »Appell an das deutsche Volk und an die deutsche Wehrmacht«, in dem es der Mitschrift durch die Gestapo zufolge hieß: »Die Fortsetzung des Krieges bedeutet Selbstmord der Nation und der Wehrmacht. Mit jedem Tag wird die Lage aussichtsloser, mit jedem Tag wird Deutschland ohnmächtiger, mit jedem Tag müssen sich die Friedensbedingungen verschlimmern, mit jedem Tag, den die deutschen Armeen auf russischem Boden stehen, vergrößern sie die Wut ihres mächtigsten Gegners, des russischen Volkes. Nur durch die Beseitigung des Hitlerregimes kann das Vertrauen des russischen Volkes und aller demokratischen Mächte wiedergewonnen werden. In dieser gefährlichen Stunde wiederholt das Nationalkomitee noch einmal dringlich seinen Aufruf: Macht mit dem Krieg sofort ein Ende! Alle Volkskräfte gegen die Kriegsregierung Hitlers und für die Rettung unserer Nation vor der nahenden Katastrophe! Erkämpft euch eine wahrhaft nationale Regierung, die unserem Lande die Freiheit und den Frieden bringt!«²⁰</p>
<h3>Kontakt per Funk</h3>
<p>Zu Wort kamen im Sender kriegsgefangene Soldaten und Offiziere, deren Statements vor allem im Lager Lunjowo auf Schallplatten aufgenommen und dann nach Moskau gebracht wurden. Die »Lagerredaktion« wurde von Hans Mahle geleitet, der auch die Aufnahmen überwachte. Das letzte Wort hatte eine »Stadtredaktion« in Moskau unter der Leitung von Anton Ackermann und Walter ­Ulbricht. Zensur fand allerdings kaum statt. Sowohl die uniformierten als auch die zivilen Mitglieder des Nationalkomitees verfügten über einen relativ großen redaktionellen Freiraum, dessen Grenzen die Erfordernisse der militärischen Geheimhaltung waren. Hielten die sowjetischen Kontrolloffiziere doch einmal Änderungen für notwendig, wurden diese offenbar mit den betroffenen Soldaten abgesprochen.²¹</p>
<p>Neben seinem zentralen Sender gab es im Namen des Nationalkomitees eine Reihe kleinerer Stationen, die in Frontnähe von Beauftragten des NKFD betrieben wurden und sich meist an eingeschlossene Truppenteile richteten. So meldete sich im März 1945 ein <em>Soldatensender Ostpreußen</em>, der sich offen als Stimme des Nationalkomitees zu erkennen gab. Er wandte sich an die Soldaten im belagerten Königsberg, dem heutigen Kaliningrad.²² An die eingeschlossenen Soldaten im Kessel Kurland richtete sich im Frühjahr 1945 der <em>Sender Baltikum</em>. Eine Besonderheit dieser Station war, dass sie kapitulationswilligen Soldaten die Möglichkeit gab, sie per Funk zu kontaktieren: »Kameraden, wenn ihr uns verstanden habt, wenn unsere Sendung bei euch angekommen ist, dann gebt auf gleicher Frequenz, auf dem 42,7-Meter-Band, das Rufzeichen ›di di da di, da di di‹ – F, D, FD, Freies Deutschland! Wir gehen auf Empfang!«²³ Gefunkt wurde über einen mobilen, 1,5 Kilowatt starken Sender der sowjetischen Armee.²⁴</p>
<p>Am 8. Mai 1945, als im Westen die Kapitulation der Wehrmacht gefeiert wurde, kommentierte der Hamburger Schriftsteller Willi Bredel um 23.15 Uhr über den <em>Sender Freies Deutschland</em>: »›Wir kapitulieren nie‹, brüllten die Hitlerschurken noch vor wenigen Wochen. Und jetzt haben sie zu Hunderttausenden, zu Millionen kapituliert. Die Parole Goebbels hat schmählich versagt. Niederträchtiger hat noch niemand gehandelt als das Hitlergesindel. Es hat sich feige aus dem Staube gemacht und hat die Soldaten in Berlin sterben lassen. Einmalig ist diese Feigheit und Niederträchtigkeit der Nazibande. In Lüge und Schmach sind sie zusammengebrochen.«²⁵</p>
<h3>Tag des Jubels</h3>
<p>Am nächsten Morgen verbreitete der Sender dann den Wortlaut der deutschen Kapitulation und kommentierte: »Die Vernichtung des Hitlertums ist vollständig. Der Untergang war jämmerlich. (…) Das deutsche Volk steht vor einem Trümmerfeld.« Und über den <em>Deutschen Volkssender</em> hieß es: »Der Krieg ist beendet, und die Wehrmacht hat den Schritt getan, den sie schon nach Stalingrad hätte unternehmen sollen. Es muss nun das deutsche Volk gesäubert werden, weil es noch stark mit einer verbrecherischen Bande durchseucht ist. Diese wartet, um von neuem Unheil zu stiften. Erst wenn diese Elemente verschwunden sind, können wir unser Land wieder aufbauen. Im neuen Deutschland darf kein Platz sein für Rüstungsplutokraten und andere Kriegstreiber. (…) Für friedliche Menschen ist heute ein Tag des Jubels und der Siegesfreude, weil wir vom Verbrecher Hitler befreit sind.«²⁶</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Hans Sarkowicz, Michael Crone (Hg.): Der Kampf um die Ätherwellen. Feindpropaganda im Zweiten Weltkrieg (Tondokumentation), Frankfurt am Main 1990</p>
<p>2 Conrad Pütter: Rundfunk gegen das »Dritte Reich«. Ein Handbuch, München 1986, S. 38 f.</p>
<p>3 Ebd., S. 104 f.</p>
<p>4 Ebd., S. 106</p>
<p>5 BArch R 58/2333, S. 8; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/dff8b1da-14e6-4ba2-8f7d-d282529d4340/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/dff8b1da-14e6-4ba2-8f7d-d282529d4340/</a></p>
<p>6 Ebd., S. 64</p>
<p>7 Conrad Pütter, a. a. O., S. 119</p>
<p>8 Sefton Delmer: Die Deutschen und ich, Hamburg 1963, S. 445</p>
<p>9 Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein (Hg.): <a href="https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110339789/html#contents">Deutschland, Russland, Komintern, Band II: Dokumente ­(1918–1943). Nach der Archivrevolution: Neuerschlossene Quellen zu der Geschichte der KPD und den deutsch-russischen Beziehungen</a>, Berlin/München/Boston 2015, S. 1688 (Fußnote 86)</p>
<p>10 Tereza Maskova: Rozhlasove vysilani do okupovaného Ceskoslovenska, <em>Cesky rozhlas</em>, 30. April 2015; <a class="western" href="https://temata.rozhlas.cz/rozhlasove-vysilani-do-okupovaneho-ceskoslovenska-8044759">https://temata.rozhlas.cz/rozhlasove-vysilani-do-okupovaneho-ceskoslovenska-8044759</a></p>
<p>11 Markus Wolf: Das antifaschistische Deutschland hatte Stimme und Heimat. Erinnerungen an die Arbeit des <em>Deutschen Volkssenders</em>, in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1977), Nr. 2, S. 6</p>
<p>12 Zit. n. ebd., S. 5</p>
<p>13 Conrad Pütter, a. a. O., S. 289 f.</p>
<p>14 Markus Wolf, a. a. O., S. 8 f.</p>
<p>15 Ebd., S. 9</p>
<p>16 Reichssicherheitshauptamt: Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, 1. April 1942, S. 3; in: BArch R 58/3113, S. 5; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/f83575b9-9f20-4240-9bf2-ee9aa4d5357b/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/f83575b9-9f20-4240-9bf2-ee9aa4d5357b/</a></p>
<p>17 Reichssicherheitshauptamt: Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, 5. Januar 1943, S. 3 f.; BArch R 58/209; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/d3eaf310-b345-487a-adbb-2e80d23ba420/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/d3eaf310-b345-487a-adbb-2e80d23ba420/</a></p>
<p>18 Reichssicherheitshauptamt: Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, 23. Juli 1943, S. 1; BArch R 58/211; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/34161ced-e764-4777-aecd-240616f518a6/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/34161ced-e764-4777-aecd-240616f518a6/</a></p>
<p>19 Katharina Riege: Einem Traum verpflichtet. Hans Mahle – eine Biographie, Hamburg 2003, S. 157 ff.</p>
<p>20 Reichssicherheitshauptamt: Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, 27. August 1943, S. 1; BArch R 58/211; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/34161ced-e764-4777-aecd-240616f518a6/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/34161ced-e764-4777-aecd-240616f518a6/</a> (Seite 43); abgerufen am 2. Mai 2023</p>
<p>21 Conrad Pütter, a. a. O., S. 280 ff.</p>
<p>22 Ebd., S. 316</p>
<p>23 Ebd., S. 317</p>
<p>24 Rudi Bunzel: Antifaschistische Rundfunksender im Kampf gegen Faschismus. In: Karl-Heinz Schubert (Hg.): Jahrbuch für den Funkamateur 1969, Berlin (DDR) 1968, S. 22 f.; <a class="western" href="https://archive.org/details/elektronischesjahrbuch/Elektronisches%20Jahrbuch%201969/page/n5/mode/2up?view=theater">https://archive.org/details/elektronischesjahrbuch/Elektronisches%20Jahrbuch%201969/page/n5/mode/2up?view=theater</a></p>
<p>25 Zit. n. Ansgar Diller: Das Kriegsende 1945 im europäischen Rundfunk. Aus den Berichten der schweizerischen Abhör-»Gruppe Ohr«, in: <em>Rundfunk und Geschichte</em> (1995), Nr. 2/3, S. 152; <a class="western" href="https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_1995_2-3.pdf">https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_1995_2-3.pdf</a></p>
<p>26 Ebd., S. 154</p>
<p>Erschienen am 17. Mai 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/450870.radiogeschichte-wo-ist-der-rommel.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<item>
		<title>»Die Kommunistische Partei spricht zu euch«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/die-kommunistische-partei-spricht-zu-euch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Mar 2023 10:07:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Freiheitssender 29]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rundfunkgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Spanien]]></category>
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					<description><![CDATA[Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 3.2: Der Deutsche Freiheitssender Seit dem 10. Januar 1937 war[...]]]></description>
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<div class="teaser lead"><strong>Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 3.2: Der Deutsche Freiheitssender</strong></div>
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<p>Seit dem 10. Januar 1937 war auf der Kurzwelle 29,8 Meter (10.060 kHz) im Deutschen Reich ein neuer Sender zu empfangen, der offenkundig nicht unter Kontrolle der Nazis stand. Die Sendungen begannen mit den ersten Takten der »Internationale«, dann folgte die Ansage: »Achtung, Achtung! Hier spricht der antifaschistische Sender, die Stimme der Kommunistischen Partei Deutschlands! Trotz Gestapo!«¹</p>
<p>Im April 1937 übergab die KPD den Sender an den in Paris unter der Leitung von Heinrich Mann gebildeten »Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront«. Erst ab diesem Zeitpunkt nahm 29,8 auch den heute bekannten Namen <em>Deutscher Freiheitssender</em> an, um damit den neuen, überparteilichen Charakter zu unterstreichen.² Die <em>Deutsche Volks-Zeitung</em> (<em>DVZ</em>) meldete die Namensgebung in ihrer Ausgabe vom 18. April 1937: »Welle 29,8 wird zum Organisator aller Kräfte, die für die deutsche Freiheit kämpfen. Und es zeugt in hohem Maße von der tiefen Verbundenheit der deutschen Kommunisten mit den deutschen Freiheitskämpfern, wenn sie jetzt ihren Sender der sich bildenden deutschen Volksfront zur Verfügung stellen. ›Deutscher Freiheitssender‹, so taufte der Vertreter des Zentralkomitees der KPD den Sender 29,8 auf der Volksfrontkonferenz in Paris in einer Erklärung, mit der er der werdenden deutschen Volksfront dieses brüderliche Geschenk überbrachte.«³</p>
<h3>Kontrolle durch die KPD</h3>
<p>De facto behielt die KPD jedoch die Kontrolle über das Programm. Das ließ sich schon aus Gründen der Konspiration kaum vermeiden, denn die direkt an den Sendungen beteiligten Genossen waren Kommunisten, und der Kontakt zu ihnen lief über die illegalen Strukturen der KPD. Hinzu kam, dass der Volksfrontausschuss aufgrund der schweren Differenzen zwischen den beteiligten Parteien nie wirklich arbeitsfähig wurde und damit auch nicht in der Lage war, die Arbeit des Senders auszuwerten und zu bestimmen. Vor allem aber blieb die sozialdemokratische Führung demonstrativ auf Distanz zum <em>Freiheitssender</em>. Im <em>Neuen Vorwärts</em>, der vom Exilvorstand der SPD zunächst im tschechoslowakischen Karlsbad – dem heutigen Karlovy Vary – und dann in Paris herausgegebenen Wochenzeitung, findet sich in der Zeit der Existenz von 29,8 kein einziger Hinweis auf den Sender. Erst im Oktober 1939 wurde der »bolschewistische Schwarzsender« in einer Glosse beiläufig erwähnt.⁴ Der <em>Sozialdemokrat</em>, die in Prag erscheinende Zeitung der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik, ging dagegen bereits wenige Wochen nach dem Start auf den <em>Freiheitssender</em> ein. Am 27. März 1937 zitierte das Blatt zunächst eine nicht namentlich genannte Zeitung, die hinter dem Geheimsender »eine illegale Sendestation oppositioneller Reichswehrgruppen« vermutet habe, weil es ausgeschlossen sei, »dass zivile Kreise eine so genaue Kenntnis der militärischen Verhältnisse haben können, die der Sender äußert«. Dann allerdings bemühte man sich, den <em>Freiheitssender</em> zu demaskieren: »Hier in diesem Aufsatz soll nun das gezeigt werden, was Goebbels und die Gestapo längst wissen. Es ist technisch unmöglich, dass dieser Sender mit der Wellenlänge 29,8 Meter, der in ganz Deutschland gehört wird, in Deutschland auch sendet.« Nach einer längeren Erläuterung der Ausbreitungsbedingungen kurzer Wellen kam der Autor, ein Kurt Doberer, zu dem Schluss, dass »Valencia und Madrid (…) für diese Wellenlänge ideal« lägen, »und da, wie aus einem Betriebsunfall des Ansagers ersichtlich, der Sender auf Welle 29,8 zugleich der Sender der italienischen Kommunistischen Partei ist, dürfte nicht allzuviel Rätselraten über den Sendeort notwendig sein.«⁵</p>
<p>Der Autor hatte recht: Die Gestapo war dem Standort des Senders schnell auf die Spur gekommen. In einem »Jahreslagebericht« des »Sicherheitsdienstes« der SS für 1937 wurde festgehalten: »Dieser Sender, dessen Standort sehr bald in Spanien, in der Nähe von Madrid, ausgepeilt werden konnte, meldete sich in der ersten Zeit als ›Sender der Kommunistischen Partei Deutschlands‹ und behauptete an jedem Abend aus einem anderen Orte Deutschlands zu senden.«⁶</p>
<p>Der genaue Standort des Freiheitssenders war eine Anlage in Pozuelo del Rey unweit der spanischen Hauptstadt. Dort hatte das deutsche Unternehmen Siemens-Schuckert im Februar 1936 den damals zweitstärksten Sender Europas errichtet, der Rundfunkprogramme nach Südamerika und Asien ausstrahlen sollte. Als die Republikaner nach ihrem Erfolg bei den Parlamentswahlen am 19. Februar 1936 die Regierung in Spanien übernahmen, brach der deutsche Konzern die Arbeiten ab. Um die Anlagen trotzdem in Betrieb nehmen zu können, mussten fehlende Bauteile besorgt werden. Das gelang über den Beschaffungsapparat der KPD in Paris. So wurden unter anderem Kristalle zur Stabilisierung von Kurzwellensendungen organisiert, die Siemens-Schuckert erst kurz zuvor entwickelt hatte.⁷</p>
<p>Mit Zustimmung des für die Medien zuständigen Bildungs- und Kulturministers Jesús Hernández Tomás, einem Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens, wurde der Sender – der offiziell nie in Betrieb genommen wurde – den Verbündeten der Republik für antifaschistische Sendungen ins Ausland zur Verfügung gestellt. Neben dem <em>Deutschen Freiheitssender</em> 29,8 liefen von dort aus zu anderen Uhrzeiten und auf anderen Frequenzen auch Sendungen in italienischer, bulgarischer und portugiesischer Sprache.⁸</p>
<p>Ganz zu Beginn war für die Sendungen nur ein Techniker zuständig, dem die Beiträge aus der Redaktion per Telefon direkt nach Madrid in das Mikrofon übermittelt wurden. Dann übernahm zunächst Otto Wahls alias »Börner« die Aufgabe des Sprechers, im Juli 1938 wurde er von Hanns Maaßen abgelöst. Das getarnte Studio befand sich mitten in Madrid, im ehemaligen Gebäude des katholischen Verlags Editorial Católica. Das Haus war nach dem Franco-Putsch beschlagnahmt worden und diente nun den Zeitungen <em>Mundo Obrero</em> der spanischen KP und <em>Política</em> der Republikanischen Linken als Redaktionsraum. Schon dadurch war in dem Gebäude viel »Laufkundschaft« zu verzeichnen, so dass die Anwesenheit von Ausländern nicht weiter auffiel. In den oberen Stockwerken befanden sich Wohnungen, von denen eine das Studio des <em>Freiheitssenders</em> beherbergte, und eine Pension. In dieser quartierte sich auch Maaßen ein, so dass er zur Arbeit nur ein Stockwerk tiefer gehen musste, »um eine bekannte Familie zu besuchen«. Pünktlich um 20 Uhr Ortszeit – in Deutschland war es da schon 22 Uhr – spielte er die »Internationale« und meldete sich dann mit der Ansage: »Achtung, Achtung! Hier spricht der Deutsche Freiheitssender auf Welle 29,8 – trotz Gestapo!«</p>
<h3>Schwierige Bedingungen</h3>
<p>»Die Atmosphäre in der belagerten Stadt, in der unser Studio stand, war nur dazu angetan, den kämpferischen Geist der Sendungen, die ich täglich sprach, zu heben«, erinnerte sich Maaßen nach dem Krieg. »Wie oft ist es mir passiert, dass mitten in der Sendung die Sirenen aufheulten und das E-Werk den Strom abschaltete. Nun arbeitete unser Sender natürlich mit eigenem Aggregat, die Lichtleitung war aber dem Ortsnetz Madrid angeschlossen. Dann musste ich die Sendung um einige Sekunden unterbrechen, bis ich meine Notbeleuchtung angezündet hatte. In solchen Fällen pflegte ich mich nicht bei meinen Hörern in Deutschland zu entschuldigen. Wie hätten sie mich auch verstehen sollen, noch hatten sie ja den Krieg nicht im eigenen Hause! Ich setzte dann meine Sendung einfach mit dem nächsten Absatz des Manuskripts fort.«⁹</p>
<p>Die Redaktion allerdings befand sich Hunderte Kilometer entfernt in Valencia, in der nach der Iberischen Anarchistischen Föderation benannten Calle de la FAI im Stadtviertel L’Eixemple. Der Straßenname wurde nach dem Sieg der Faschisten natürlich geändert, heute trägt sie den Namen Carrer del Dr. Sumsi.¹⁰ Als die spanische Regierung Anfang 1938 angesichts der näherrückenden Franco-Truppen von Valencia nach Barcelona übersiedelte, folgte ihr die Redaktion in die katalanische Metropole und richtete sie in einem Hochhaus an der Avinguda Diagonal ein, die damals in Erinnerung an das Datum der Ausrufung der Zweiten Spanischen Republik den Namen »14. April« (Avinguda del Catorze d’Abril) trug. Hier hatte auch das »Deutsche Büro« unter der Leitung von Franz Dahlem seinen Sitz, das den Kontakt zwischen der spanischen Regierung und den Internationalen Brigaden sicherstellte.</p>
<p>Verantwortlicher und zunächst einziger Redakteur des <em>Freiheitssenders</em> in Valencia war zunächst Gerhart Eisler, der in der DDR später das Staatliche Rundfunkkomitee leitete. Mitte 1937 wurde Eisler dann vom ZK der KPD nach Paris abberufen, um die »Berner Konferenz« seiner Partei vorzubereiten, die Anfang 1939 in der Nähe von Paris stattfand. Für ihn kam im August 1937 der gerade aus einem Zuchthaus der Nazis entlassene und aus Deutschland geflüchtete Hans Teubner. Zusammen mit dem zweiten Redakteur Erich Glückauf, der langjährige Erfahrungen als Journalist der kommunistischen Presse hatte, und den Sekretärinnen Lotte Spangenberg (»Erika«), Anni Sager und Else Teubner bildete er die Redaktion. Die Beiträge wurden nun nur noch in ganz dringenden Fällen telefonisch durchgegeben, im Normalfall transportierten sie Motorradkuriere der Internationalen Brigaden nach Madrid. Nachdem im April 1938 die faschistischen Truppen zum Mittelmeer durchbrechen und damit das von der legitimen Regierung kontrollierte Gebiet in zwei Teile aufspalten konnten, wurden die Texte auf Booten entlang der Küste nach Valencia gebracht, von wo sie dann mit Motorrädern oder Flugzeugen in die Hauptstadt weitergeleitet wurden. Es war Aufgabe Maaßens, aus diesen nur noch stockend und verspätet eintreffenden Manuskripten möglichst aktuelle Sendungen herzustellen.¹¹</p>
<p>Die Meldungen aus Deutschland hatten zu diesem Zeitpunkt oft bereits eine monatelange Odyssee hinter sich. Trotzdem herrschte bei vielen Hörern und ausländischen Beobachtern der Eindruck, dass 29,8 über die inneren Verhältnisse im »Reich« äußerst gut informiert war und schnell über Geschehnisse berichtete. Das dürfte jedoch vor allem daran gelegen haben, dass sie selbst zum ersten Mal von den geschilderten Ereignissen erfuhren und ganz selbstverständlich davon ausgingen, dass sie erst vor Kurzem passiert seien – zumal der Sender genaue Datumsangaben vermied. Tatsächlich lagen die Geschehnisse jedoch manchmal schon Monate zurück.</p>
<p>So notierte die <em>DVZ</em> am 21. November 1937, dass der <em>Freiheitssender</em> den Wortlaut eines »kürzlich im Saargebiet erschienenen Flugblattes« übertragen habe, in dem vom Widerstand der Bevölkerung »in Frankenthal und in vielen anderen Saardörfern« berichtet wurde, wo die Nazis versucht hätten, das Kreuz aus den Schulen zu entfernen: »Das gelang jedoch nicht, weil sich beherzte Männer für ihren Glauben einsetzten und trotz aller Folgen auch einen Erfolg zu verzeichnen hatten.« Die Ereignisse in Frankenholz – nicht Frankenthal, wie die <em>DVZ</em> geschrieben hatte – waren jedoch schon rund zehn Monate früher, Ende Januar 1937, durch eine Entscheidung des neuen Schuldirektors ausgelöst worden, die christlichen Kreuze abzuhängen und durch Hitlerbilder zu ersetzen. Ab dem 8. Februar blieben deshalb Kinder dem Unterricht fern, und in der Folge kam es sogar zu einem Bummelstreik der örtlichen Bergleute.¹² Schon am 28. März 1937 hatte die DVZ über diesen »Sieg der Saar-Volksfront« berichtet.¹³</p>
<p>Schneller reagierte der Sender natürlich bei Großereignissen, die auch in der internationalen Presse Widerhall fanden. So verbreitete der <em>Freiheitssender</em> im November 1938 innerhalb weniger Tage nach den antisemitischen Pogromen, die als »Reichskristallnacht« in die Geschichte eingegangen sind, einen Aufruf der KPD: »An alle Deutschen! Achtung! Achtung! Die Kommunistische Partei spricht zu Euch. Sie wendet sich an jeden anständigen Deutschen. Nieder mit den abscheulichen Judenpogromen, die Deutschland entehren! Nieder mit den abscheulichen Judenpogromen, mit denen die nationalsozialistische Diktatur versucht, ihre eigenen Verbrechen gegen das deutsche Volk vergessen zu machen. (…) Sind die Juden in Deutschland unterjocht, so kann auch das gesamte deutsche Volk nicht frei sein. Mit der Stunde der Befreiung der Juden von nationalsozialistischem Joch wird auch die Stunde der Befreiung des deutschen Volkes von diesem unwürdigen Regime schlagen.«¹⁴</p>
<h3>Knappste Form</h3>
<p>Neben den Schwierigkeiten bei der Informationsbeschaffung hatten die Redakteure und Sprecher des <em>Freiheitssenders</em> auch mit den Besonderheiten ihres Mediums zu kämpfen. Sie konnten kaum auf Erfahrungen mit dem Rundfunk zurückgreifen, denn seit den ersten Sendungen in Deutschland waren gerade einmal anderthalb Jahrzehnte vergangen, und das neue Medium entwickelte seine besonderen Ausdrucksformen erst noch. Aus der Weimarer Republik waren die Hörer Vorträge gewohnt, die kaum anders als bei einer Hochschulvorlesung daherkamen. Mit illegalen Ausstrahlungen, die sich auch noch gegen Störsender durchsetzen mussten, gab es praktisch keine Erfahrungen. Außerdem konnten die Macher in Spanien ihre eigenen Sendungen aufgrund der Ausbreitungsbedingungen der Kurzwellen selbst nicht hören und sich somit auch kein eigenes Bild machen. Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass der Tonfall der Programme – wie sich aus den wenigen erhaltengebliebenen Aufnahmen rekonstruieren lässt – an Vorträge auf Parteiversammlungen erinnert.</p>
<p>Am 7. März 1937 wandte sich ein nicht namentlich vorgestellter Sprecher – vermutlich Otto Wahls alias »Otto Börner« – an die »Verehrten Hörer, Genossen und Genossinnen« mit der Ansage: »Hören Sie jetzt einen Vortrag, wie Goebbels die Kriegsoffensive gegen die Tschechoslowakei einleitet.« Es folgte ein rund fünf Minuten langer Beitrag, in dem der Sprecher vom Blatt eine Analyse der neuesten Presseveröffentlichungen der Nazis ablas. Schon die langen Zitate aus der faschistischen Presse machten das Zuhören selbst bei einigermaßen störungsfreiem Empfang ermüdend.¹⁵</p>
<p>Rückblickend wiesen die Redakteure in einer im März 1939 für das Zentralkomitee der KPD verfassten Analyse selbstkritisch auf diese Erfahrungen hin, konnten sich aber noch immer nicht von der Sichtweise des Schreibenden lösen: »Beim Schreiben von Radioberichten oder Vorträgen ist es ratsam, die Einfachheit der Sprache zu ergänzen durch die Einfachheit der Beispiele. Nicht zu viele Zahlen! (…) Für das Radio darf man keine langen Berichte oder Vorträge schreiben. Nach Möglichkeit nichts länger als anderthalb bis zwei Schreibmaschinenseiten.«¹⁶ Ungefähr zur gleichen Zeit beschrieb auch Bertolt Brecht die besondere Herausforderung der Arbeit für eine illegale Rundfunkstation und begründete, warum er in seinen Beiträgen auf Reime und regelmäßige Rhythmen verzichtet hatte: »Die ›Deutschen Satiren‹ wurden für den <em>Deutschen Freiheitssender</em> geschrieben. Es handelte sich darum, einzelne Sätze in ferne, künstlich zerstreute Hörerschaft zu werfen. Sie mussten auf die knappste Form gebracht sein, und Unterbrechungen (durch die Störsender) durften nicht allzuviel ausmachen. Der Reim schien mir nicht angebracht, da er dem Gedicht leicht etwas In-sich-Geschlossenes, am Ohr Vorübergehendes verleiht. Regelmäßige Rhythmen mit ihrem gleichmäßigen Fall haken sich ebenfalls nicht genügend ein und verlangen Umschreibungen, viele aktuelle Ausdrücke gehen nicht hinein: der Tonfall der direkten, momentanen Rede war nötig. Reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen schien mir geeignet.«¹⁷</p>
<p>Nicht nur Brecht hatte Beiträge für den <em>Freiheitssender</em> verfasst. Die Liste der Gastautoren (und wenigen Autorinnen) liest sich wie ein Who’s who der fortschrittlichen Künstler und Intellektuellen jener Zeit: Willi Bredel, Ernst Busch, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Ernest Hemingway, Stephan Hermlin, Egon Erwin Kisch, Heinrich und Thomas Mann, Jean Renoir, Erich Weinert und viele andere. Meist wurden die Statements schriftlich verfasst und dann vom Sprecher im Studio des Freiheitssenders verlesen, in einigen Fällen soll es aber auch in Paris angefertigte Schallplattenaufnahmen gegeben haben, die dann nach Spanien transportiert und über den Sender abgespielt wurden. So übermittelte der belgische Maler Frans Masereel über einen »ausländischen Vertrauensmann« eine »Ansprache an die Deutschen«, die von 29,8 verlesen wurde: »Deutsche Freunde, man kann nicht ohne Schmerz zu euch sprechen, aber noch weniger kann man schweigen und darauf verzichten, euch zu sagen, wie sehr die freien Menschen hoffen, dass ihr bald wieder ihr selbst sein werdet.«¹⁸ Ende 1938 strahlte 29,8 eine Botschaft des US-amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway aus: »Bis heute sprach ich gewöhnlich an Sendern, die in großen Häusern aufgestellt waren. Heute liest mich, wie man mir sagt, ein Mann, der den Mut hat, seinem Volk die ganze Wahrheit zu sagen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich bin glücklich, dass dies möglich ist und drücke diesem unbekannten Kameraden die Hand.«¹⁹</p>
<h3>Flucht im letzten Moment</h3>
<p>Der »unbekannte Kamerad« saß zwar nicht, wie Hemingway vielleicht annahm, versteckt in einem Keller in Nazideutschland, doch die Umstände in Spanien waren kaum weniger dramatisch. Als die Faschisten im Januar 1939 vor Barcelona standen und die republikanischen Truppen die Stadt verließen, wären die verbliebenen Redaktionsmitglieder fast zurückgeblieben, wie sich Hans Teubner erinnerte: »Wir hörten das Krachen der Bomben bei uns in Barcelona. Aber da wir daran gewöhnt waren und wenig darauf achteten, merkten wir gar nicht, wie Barcelona bereits von den Faschisten umzingelt wurde. Als die republikanischen Truppen aus Barcelona herausgezogen wurden, wurden wir das nicht gewahr. Man hatte uns bei der Evakuierung faktisch vergessen. So verdanken es Erich Glückauf, Lotte Spangenberg und ich einem glücklichen Umstand, dass wir, nachdem wir eiligst noch unsere Materialien vernichtet und unsere Geräte zerstört hatten, mit einem der allerletzten Lastwagen aus der Stadt herauskamen.«²⁰ Der Sprecher Hanns Maaßen in Madrid setzte die Arbeit noch einige Wochen fort, nun fast vollständig auf sich allein gestellt. Als die spanische Hauptstadt im März 1939 fiel, geriet er in Gefangenschaft der Franco-Faschisten, aus der er erst 1946 nach internationalem Druck freigelassen wurde. Es blieb aber unentdeckt, dass er etwas mit dem <em>Freiheitssender</em> zu tun gehabt hatte.</p>
<p>Anmerkungen:</p>
<p>1 Hans Maaßen: »29,8« in aller Munde; in: Erinnerungen sozialistischer Rundfunkpioniere, Berlin/DDR 1975, S. 191</p>
<p>2 Hans Teubner: In deutscher Nacht auf Welle 29,8; in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1971), Nr. 4, S. 30</p>
<p>3 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k86646765/f4.item" target="_blank" rel="noopener"><em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 18.4.1937, S. 4</a></p>
<p>4 <a href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=NV07041&amp;page=3" target="_blank" rel="noopener">Rotbart – Alte Sage, neu ausgerichtet, <em>Neuer Vorwärts</em>, 8.10.1939, S. 4</a></p>
<p>5 <a href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=st17074&amp;page=4" target="_blank" rel="noopener"><em>Sozialdemokrat</em>, 27.3.1937, S. 5</a></p>
<p>6 <a href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/be42c4cb-0a02-4ab5-a07c-2c97c7807175/" target="_blank" rel="noopener">Jahreslagebericht 1937 des SD, Abt. II 121, vom 2.2.1938, Bundsarchiv R 58/2456, Bl. 18F</a></p>
<p>7 Vgl. Teubner (Anm. 2), S. 9 f.</p>
<p>8 Ebd., S. 10</p>
<p>9 Maaßen (Anm. 1), S. 191 f.</p>
<p>10 Vgl. Valencia y la República: Callejero; <a href="https://www.uv.es/republica/plano/calle/calle3.htm" target="_blank" rel="noopener">https://www.uv.es/republica/plano/calle/calle3.htm</a></p>
<p>11 Vgl. Hans Teubner: In deutscher Nacht auf Welle 29,8; in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1971), Nr. 4, S. 10f.</p>
<p>12 Der Schulstreik von Frankenholz, <a href="https://kurzelinks.de/Schulstreik" target="_blank" rel="noopener">https://kurzelinks.de/Schulstreik</a></p>
<p>13 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k93789039/f7.item" target="_blank" rel="noopener"><em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 28.3.1937, S. 7</a></p>
<p>14 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k93789462/f1.item" target="_blank" rel="noopener"><em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 20.11.1938, S. 1</a></p>
<p>15 Hans Sarkowicz; Michael Crone (Hg.): Der Kampf um die Ätherwellen (Tondokumente), Frankfurt/M. 1990, Kassette 1</p>
<p>16 Einige Hauptpunkte über das Schreiben von Radiovorträgen und Berichten. In: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1971), Nr. 4, S. 48 ff.</p>
<p>17 Bertolt Brecht: Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen; in: ders., Gesammelte Werke, Frankfurt/M. 1967, Bd. 19, S. 403</p>
<p>18 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8664710r/f7.item" target="_blank" rel="noopener">Frans Masereel: Eine Ansprache an die Deutschen, <em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 7.8.1938, S. 7</a></p>
<p>19 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8664719g/f1.item" target="_blank" rel="noopener">Ernest Hemingway: Man kann ein gescheites Volk nicht ewig verdummen, <em>Deutsche Volks-Zeitung</em> 11.12.1938, S. 1</a></p>
<p>20 Teubner (Anm. 2), S. 45</p>
<p>Erschienen am 23. März 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/447412.rundfunkgeschichte-die-kommunistische-partei-spricht-zu-euch.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>»Trotz Gestapo!«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/trotz-gestapo/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Mar 2023 10:10:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Bredow]]></category>
		<category><![CDATA[Rundfunkgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Weimarer Republik]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 3.1: Im Kampf gegen den Faschismus Eine »Machtergreifung« der[...]]]></description>
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<div class="teaser lead"><strong>Serie Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 3.1: Im Kampf gegen den Faschismus</strong></div>
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<p>Eine »Machtergreifung« der Nazis im Rundfunk war 1933 nicht notwendig. Auch wenn die Übernahme der Regierungsgewalt durch Hitler im Radio mit einer pathetischen Übertragung des Fackelmarsches der SA am 30. Januar zelebriert wurde und die neuen Machthaber sofort darangingen, Führungsposten mit treuen Gefolgsleuten zu besetzen – der Boden für die faschistische Gleichschaltung war schon Monate zuvor bereitet worden.</p>
<p>Die Weimarer Republik hatte schon seit den ersten Rundfunksendungen peinlich genau darauf geachtet, den Einfluss des Staates auf das junge Medium zu bewahren. Kontrollausschüsse, in denen Vertreter von Reich und Ländern vertreten waren, wirkten als staatliche Zensurinstanzen. Unter Reichskanzler Franz von Papen wurde die Unabhängigkeit der Sender dann komplett beseitigt. Nur zwei Wochen nach seiner Ernennung durch Reichspräsident Paul von Hindenburg wurden alle deutschen Rundfunksender per Erlass vom 11. Juni 1932 verpflichtet, eine »Stunde der Reichsregierung« auszustrahlen, in der ohne redaktionelle Mitbestimmung politische Verlautbarungen verbreitet werden konnten.¹</p>
<h3>Nazirundfunkdiktator</h3>
<p>Als nächster Schritt wurde dann im August 1932 mit Erich Scholz erstmals ein NSDAP-Mitglied zum neuen Rundfunkkommissar des Reichsinnenministeriums ernannt. Über mehrere Tage vermied das Ministerium eine offizielle Bestätigung der Personalie, was die SPD-Zeitung <em>Vorwärts</em> süffisant kommentierte: »Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass schon aus den Besprechungen der Reichsregierung mit den Nationalsozialisten über eine Tolerierung des Kabinetts Herr Scholz als Rundfunkdiktator hervorgegangen ist. Seine amtliche Ernennung zum Reichsrundfunkkommissar wäre wohl auch längst bekanntgegeben, wenn nicht der offizielle Übertritt des ehemaligen Volksparteilers, dann Deutschnationalen Erich Scholz zu den Nationalsozialisten der Freiherrenregierung ungelegen gekommen wäre, weil er allzu deutlich in die Untergründe dieses Rundfunkkuhhandels hineinblicken lässt.«² Tatsächlich war Ministerialrat Scholz erst wenige Tage zuvor von der DNVP zu den Nazis übergetreten.</p>
<p><em>Die</em> <em>Rote Fahne</em>, das Organ der KPD, warnte am 13. August 1932 vor dem »Faschismus im Äther« und kommentierte »die ersten Taten des Nazirundfunkdiktators«. Dieser habe das Medium zu einem »der wichtigsten Propagandainstrumente des Faschismus« gemacht: »Noch nie ist der Rundfunk trotz aller entsprechenden demokratischen Kulissen arbeiterfreundlich gewesen, aber erst unter der jetzigen Junkerregierung wurde ganz offiziell der Ausnahmezustand gegen die Kommunistische Partei im Rundfunk erklärt – wurde die revolutionäre Arbeiterschaft vollkommen vom Rundfunk ausgeschlossen und den Nazibanditen das Mikrophon schrankenlos zur Verfügung gestellt.«³</p>
<p>Unter Scholz’ Führung wurden die schon seit mehreren Jahren vorbereiteten Pläne für eine »Neuordnung des Rundfunks« in die Tat umgesetzt. Mit ihrem Inkrafttreten am 18. November 1932 wurde die direkte Verstaatlichung des Mediums besiegelt. Alle regionalen Rundfunkgesellschaften wurden in der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) zusammengefasst, deren Anteile zu 51 Prozent bei der Reichspost und zu 49 Prozent bei den Ländern lagen.⁴ Die Kontrolle über das Medium übten zwei Rundfunkkommissare aus: Hans Bredow war als Vertreter des Postministeriums für Organisation, Wirtschaft und Technik zuständig, während Scholz selbst im Auftrag des Innenministeriums das Programm kontrollierte. Ein öffentlicher Protest Bredows gegen das Vorgehen Scholz’ ist nicht bekannt – auch nicht, als dieser begann, Rundfunkmitarbeiter aus politischen oder rassistischen Gründen zu entlassen. Die Satirezeitschrift <em>Simplicissimus</em> veröffentlichte damals eine Karikatur, auf der Scholz die Worte in den Mund gelegt wurden: »Meine Herren, sorgen Sie dafür, dass ab morgen statt der Hertzschen Wellen rein arische Wellen verwendet werden. Ich habe erfahren, dass Hertz einen jüdischen Vater hatte!«⁵</p>
<p>So fiel den Nazis die volle Kontrolle über den Rundfunk direkt am Tag der Machtübertragung an Hitler in den Schoß. Auch wenn sich der Chef des von den Nazis kontrollierten Reichsverbandes Deutscher Rundfunkteilnehmer, Eugen Hadamovsky, später eine Legende bastelte, nach der er am 30. Januar 1933 mit einer »Garde der ältesten Kämpfer« die Studios besetzt habe, steckte hinter der unterwürfigen Liveübertragung des von den Nazis an jenem Tag organisierten Fackelmarsches ein normaler bürokratischer Vorgang. Sie wurde beim politischen Überwachungsausschuss beantragt und genehmigt, Personal und Ausrüstung für die Reportage wurden regulär dienstlich gestellt.⁶</p>
<p>Der Widerstand gegen den Faschismus kam auch im Rundfunk meist von außen. So gelang es am 15. Februar 1933 vier jungen Kommunisten, die Übertragung einer Rede Hitlers in der Stuttgarter Stadthalle zu sabotieren. Während zwei von ihnen – Wilhelm Bräuninger und Eduard Weinzierl – das Wachpersonal ablenkten, kletterte Alfred Däuble auf die Schulter seines Freundes Hermann Medinger und durchtrennte mit einer Axt das in vier Metern Höhe angebrachte Übertragungskabel. Die vier Männer konnten zunächst unerkannt entkommen, wurden aber ein Jahr später infolge einer Denunziation verhaftet und zu Haftstrafen von bis zu zwei Jahren verurteilt.⁷</p>
<p>Unter Verdacht, in die Sabotageaktion verwickelt zu sein, geriet zunächst auch der Leiter der technischen Abteilung der Süddeutschen Rundfunk AG, Rudolf Formis. Möglicherweise deshalb versuchte er eilig, seine Treue zum neuen Regime zu beweisen. Am 7. März 1933 – zwei Tage nach der Reichstagswahl – beteiligte er sich in SA-Uniform an der Besetzung des Funkhauses in Stuttgart und begrüßte in einer Rede die Übernahme der Kontrolle über den Sender durch die Faschisten. Den neuen Machthabern erschien sein Auftritt in Uniform und mit umgeschnallter Pistole aber suspekt. Nachdem auch noch bekannt wurde, dass Formis jüdische Vorfahren hatte, wurde er einige Tage inhaftiert. Nach seiner Freilassung floh er aus Deutschland und lernte in Prag Otto Strasser kennen. Dieser hatte bis 1930 an führender Stelle der NSDAP angehört, die Partei aber nach einem Richtungsstreit mit Hitler und Goebbels verlassen und eine eigene Partei, die »Schwarze Front«, gegründet. Nach deren Verbot am 15. Februar 1933 emigrierte Strasser zunächst nach Wien und anschließend nach Prag.</p>
<h3>Anschlag in der CSR</h3>
<p>Formis schloss sich der illegal gewordenen »Schwarzen Front« an und übernahm den Vertrieb der von Strasser herausgegebenen Zeitung <em>Die deutsche Revolution</em>. Wahrscheinlich ab September 1934 betrieben Formis und Strasser zusammen von Prag aus einen illegalen Rundfunksender, der sich als <em>Landschaftssender Berlin der Schwarzen Front</em> meldete und vorgab, in der deutschen Hauptstadt zu stehen. Tatsächlich war der selbstgebaute Sender im Dachgeschoss des Hotels »Zahori« im gut 30 Kilometer von Prag entfernten Slapy nad Vltavou versteckt. Dort bereitete Formis im Alleingang die täglichen Sendungen vor, zu denen Strasser den Kommentar beisteuerte. Teilweise wurden Strassers Beiträge offenbar auch in der tschechoslowakischen Hauptstadt auf Schallplatte gesprochen, die Formis dann mehrfach abspielen konnte.⁸</p>
<p>Die Nazis erkannten schnell, dass der Schwarzsender nicht in Berlin, sondern in der Tschechoslowakei stand. Zudem konnte Formis anhand seines starken schwäbischen Dialekts identifiziert werden. Nachdem diplomatische Interventionen bei den Prager Behörden erfolglos geblieben waren, schickte Gestapo-Chef Reinhard Heydrich drei Agenten, um den Sender zum Schweigen zu bringen. Alfred Naujocks, Werner Göttsch und Edith Kersbach reisten als Touristen getarnt in das Nachbarland. Angeblich lautete ihr Auftrag, Formis zu entführen und ihn lebend nach Berlin zu bringen, während der Sender zerstört werden sollte. Was jedoch am 23. Januar 1935 in Formis’ Hotelzimmer genau geschah, ist nie vollständig aufgeklärt worden. Offenbar drangen Naujocks und Göttsch damals in das Zimmer ein, und übergossen ein dort stehendes Gerät, das sie für den Sender hielten, mit Säure. Dabei wurden sie von Formis überrascht, es kam zu einem Handgemenge, Schüsse fielen, Formis wurde tödlich getroffen. Die Attentäter entkamen nach Deutschland, wurden von Heyd­rich belobigt und mit Urlaub belohnt.⁹ Das Gerät, das sie zerstört hatten, war allerdings nicht der Sender gewesen, sondern ein Empfangsgerät. Der Sendeapparat ist heute im Besitz des Technischen Nationalmuseums in Prag. Formis’ Mörder wurden für ihre Tat nie belangt. 1966 übermittelte das tschechoslowakische Justizministerium den westdeutschen Behörden einen ausführlichen Strafantrag wegen Mordes gegen Naujocks, der unbehelligt in Hamburg lebte.¹⁰ Zu einer Verurteilung kam es jedoch nicht, der Naziagent starb am 4. April 1966.</p>
<p>Mit dem Mord hatten die Nazis ihr Ziel erreicht, der Schwarzsender schwieg. Strasser selbst versuchte später nur noch von Südamerika aus, seine Positionen über den Rundfunk zu verbreiten. Dort betrieben Gefolgsleute seit 1935 in Uruguay einen nach Europa gerichteten Kurzwellensender <em>Pampero</em> und einen für deutschsprachige Hörer in Südamerika bestimmten Langwellensender <em>Lasso</em>. Die Wirkung blieb aber gering. Das Reichsluftfahrtministerium stellte fest, dass die dreimal wöchentlich ausgestrahlten Sendungen »zu schwach und amateurhaft« seien, um in Deutschland gehört werden zu können.¹¹</p>
<p>Für Antifaschisten in Deutschland waren die Sendungen der »Schwarzen Front«, sofern sie davon überhaupt wussten, nur von geringem Nutzen – weil Strasser und seine Leute zwar Nazigegner, aber eben keine Antifaschisten waren. Für Anhänger der in die Illegalität getriebenen KPD oder anderer linker Bewegungen lag es näher, die Sendungen von <em>Radio Moskau</em> zu hören, das seit 1929 Programme in deutscher Sprache verbreitete. So nutzte am 26. August 1934 eine Gruppe der Roten Studenten, die im Untergrund Widerstand leistete, die Große Deutsche Funkausstellung in Berlin, um mit einer spektakulären Aktion auf den »Feindsender« hinzuweisen. Auf einem blumengeschmückten Balkon oberhalb der Ausstellungshalle versteckten sie einen zeitgesteuerten Sprengsatz, der mit Hunderten Sternen aus Seidenpapier gefüllt war, auf denen der Slogan »Achtung! Rotfunk und Rote Studenten schalten um auf Moskau« stand. Gegen 17.30 Uhr explodierte die Blechbüchse und die Flugblätter verteilten sich über die dichtgedrängte Besuchermenge. Trotz intensiver Fahndung konnte die Gestapo die Urheber nicht dingfest machen.¹²</p>
<p>Doch schon das Einschalten des Moskauer Rundfunks war gefährlich, obwohl das Abhören ausländischer Sender von den Nazis erst unmittelbar nach dem Überfall auf Polen 1939 offiziell verboten wurde. Schon kurz nach der Machtübernahme wurde das kollektive Abhören kommunistischer Rundfunkstationen als »Vorbereitung zum Hochverrat« unter Strafe gestellt. In einem internen Rundschreiben des Postministeriums hieß es unter Berufung auf ein Urteil des Volksgerichtshofs: »Ob auch das Anhören des Moskauer Senders unter den Tatbestand der Vorbereitung zum Hochverrat fällt, ist vor allem Frage der inneren Tatseite. Der Vorsatz des Hörers muss hierbei irgendwie darauf gerichtet sein, die Ziele der KPD zu fördern. (…) Eine Förderung der Ziele der KPD liegt an sich aber auch schon dann vor, wenn sich der Hörer des Moskauer Senders auf diese Weise nur selbst in seiner kommunistischen Gesinnung festigen, seine Kenntnis der Umsturztaktik der KPD erweitern und damit ihre revolutionäre Stoßkraft stärken will.«¹³</p>
<h3>Was anderes hören</h3>
<p>Trotzdem fanden die Sendungen aus Moskau ihre Hörer, wie auch die von der Exilführung der SPD herausgegebenen »Deutschland-Berichte« wiederholt feststellten. So hieß es am 10. Januar 1935 in einem Report aus Niederschlesien: »In einem Fall wollte sich unser Vertrauensmann verabschieden, da sagt der Gutsbesitzer: ›Bleiben Sie noch, in einer halben Stunde kommt der Moskauer Sender‹. Unser Freund ist erstaunt und versichert, dass er Moskau noch nie gehört habe. Darauf der Gutsherr: ›Gott, man will doch auch mal was anderes hören.‹ Auf Nachfrage ergänzt er, dass er mit dieser Methode keine unrühmliche Ausnahme unter seinen Kollegen sei.«¹⁴ Am 19. August 1935 informierten die »Deutschland-Berichte« über den Werkmeister einer westpreußischen Schuhfabrik, der fristlos entlassen worden sei, weil er den Moskauer Sender gehört habe. »Seine Klage wurde vom Arbeitsgericht Marienwerder als unbegründet abgewiesen, da ›schon das planmäßige Abhören derartiger Sendungen das Vertrauensverhältnis zwischen dem Gefolgschaftsmitglied und dem Führer des Betriebes so erschüttert, dass diesem die Weiterbeschäftigung nicht zugemutet werden kann.‹«¹⁵ Und 1936 notiert ein Berichterstatter frustriert aus Nordwestdeutschland: »Da und dort auch im Bürgertum vereinzelter passiver Widerstand, aber keine Spur einer einheitlichen Linie, keinerlei aktiver Wille. Man wartet auf die Arbeiterschaft und sieht trotz der Wünsche, das jetzige System vernichtend zu treffen, diesen Aktionen der Arbeiterschaft mit wenig Freude entgegen. Diese zwiespältige Haltung hat ihre Ursache darin, dass sich sowohl die Propaganda des Systems wie die einzige von außen bemerkbare Gegenpropaganda in der Alternative treffen: Faschismus oder Bolschewismus. Gerade das Bürgertum, das meist bessere als Volksempfänger-Radioapparate besitzt, hört sehr eifrig Moskau und ist bereit, aus der alltäglichen eigenen Erfahrung heraus alles zu glauben, was von dort mitgeteilt wird. (…) Immer wieder wird gegen die westeuropäischen Demokratien der Vorwurf erhoben, warum sie das Land ausschließlich der faschistischen und bolschewistischen Propaganda überlassen.«¹⁶</p>
<p>Die »westeuropäischen Demokratien« hielten sich zumindest bis Kriegsbeginn tatsächlich weitgehend zurück, wenn es darum ging, über den Rundfunk auf die deutsche Bevölkerung einzuwirken. Die <em>BBC London</em>, die später zur wichtigsten ausländischen Informationsquelle aufsteigen sollte, nahm erst im September 1938 deutschsprachige Sendungen auf. Einen gewissen Einfluss zumindest im Südwesten hatten <em>Radio Strasbourg</em> aus Frankreich, das bereits seit 1930 deutschsprachige Programme verbreitete, die sich offiziell nur an die Bevölkerung in Elsass-Lothringen richteten, sowie die von Paris aus arbeitende <em>Radiodiffusion Française</em>. In den Sendungen aus der französischen Hauptstadt kamen ab 1936 auch Emigranten zu Wort, für die – als Reaktion auf die französische Niederlage bei der Saarabstimmung 1935 – eine spezielle Redaktion eingerichtet wurde, die Einfluss auf die deutsche Bevölkerung nehmen sollte. In Deutschland wurden die Sendungen viel gehört, allerdings führten schwerwiegende politische Fehleinschätzungen, falsche Informationen über die tatsächlichen Verhältnisse in Nazideutschland sowie die permanente Beschönigung der französischen Positionen nach Ansicht des Rundfunkhistorikers Conrad Pütter zu einem »publizistischen Debakel«, das letztlich der Glaubwürdigkeit der französischen Sender erheblich geschadet habe.¹⁷</p>
<p>Auch die deutschsprachigen Rundfunksender aus der Tschechoslowakei fanden Hörer im »Reich«, vor allem in Sachsen. Die Tschechoslowakei hatte erst 1936 mit der Verbreitung von Auslandssendungen begonnen, zuvor waren fremdsprachige Sendungen nur gelegentlich im Rahmen der Inlandsprogramme verbreitet worden. In den ersten Jahren bestanden die Sendungen überwiegend aus Musik, die von Ansagen und Nachrichten in mehreren Sprachen unterbrochen wurden. Auch nach einer Ausweitung der Sendezeiten im ersten Halbjahr 1938 auf neun Stunden täglich machte Musik rund drei Viertel des Inhalts aus. Die Programme für Europa begannen stets mit Nachrichten in tschechischer Sprache, gefolgt von einem halbstündigen Musikprogramm, dann deutschen Nachrichten, einer »Vorlesung« in Englisch, Deutsch oder Französisch sowie, nach einer erneuten halbstündigen Musikunterbrechung, Nachrichten in französischer und englischer Sprache.¹⁸ Nach Einschätzung der Exil-SPD fand besonders das Programm des erst 1938 gestarteten <em>Senders</em> <em>Melnik</em> Hörer in Deutschland: »Für die Aufklärung über die wahre Lage in der Tschechoslowakei kommt dem neu errichteten <em>Sender</em> <em>Melnik</em> bei Prag eine besondere Bedeutung zu. (…) Er wird von den Arbeitern verhältnismäßig viel gehört. Dieser Sender hat den Vorteil, dass er gut zu hören ist, täglich dreimal Nachrichten durchgibt und nicht gestört wird. Die Arbeiter sagen: ›Wenn wir von der Arbeit heimkommen, sind wir derartig müde, dass wir kaum in der Lage sind, zu warten, bis der <em>Sender Strassburg</em> deutsche Nachrichten bringt oder die Moskauer Sendungen kommen, die ja immer stark gestört werden.‹ (…) Man wünscht noch mehr aufklärende Vorträge und eine entschiedenere Stellungnahme gegen die lügenhaften Meldungen der Goebbelschen Propaganda.«¹⁹</p>
<p>Nur schwer in Deutschland zu empfangen waren dagegen die Rundfunksender der spanischen Regierung und der diversen republikanischen Organisationen. Mit Beginn des Bürgerkriegs und der Intervention durch die deutschen Faschisten verbreiteten der offizielle Auslandssender <em>La Voz de España Republicana</em> (Die Stimme des republikanischen Spaniens) aus Madrid – dessen Auslandssendungen von Kurt Hager geleitet wurden –, der Sender der katalanischen Regionalregierung <em>Generalitat</em> aus Barcelona sowie die Sender der verschiedenen Linksparteien auch Sendungen in deutscher Sprache. Oft standen deutsche Interbrigadisten an den Mikrofonen, die über ihren Kampf sprachen. Zu hören waren sie aufgrund der schwachen Leistung und der massiven Störungen durch deutsche Sender im Zielgebiet allerdings kaum. Die Programme richteten sich deshalb letztlich oft eher an die eigenen Genossen in den Internationalen Brigaden und an die faschistischen Söldner der »Legion Condor«. So kommt denn auch Dimitri Agüero in einer ausführlichen Studie über die Rolle des Rundfunks im Spanischen Bürgerkrieg hinsichtlich der Auslandssendungen zu dem ernüchternden Schluss: »Die Wirkung der Radiosendungen auf die ausländische öffentliche Meinung war begrenzt. Die Sendungen waren kurz und hatten nicht die notwendige Stärke, um einen Effekt zu erzielen, der den Verlauf der Geschichte hätte ändern können.«²⁰</p>
<h3>Stimme der KPD</h3>
<p>All diese ausländischen Sender hatten für die Hörer in Deutschland ohnehin den Nachteil, dass sie klar erkennbar die Stimmen fremder Regierungen waren. Deshalb weckte das Auftauchen eines von Deutschen betriebenen und (den Mutmaßungen nach) in Deutschland stehenden antifaschistischen Senders besondere Begeisterung.</p>
<p>Ab dem 10. Januar 1937 war auf der Kurzwelle 29,8 Meter (10.060 kHz) – und damit direkt neben der Frequenz des Berliner <em>Deutschlandsenders</em> ein neuer Sender zu empfangen, der offenkundig nicht unter Kontrolle der Nazis stand. Die Sendungen begannen mit den ersten Takten der »Internationale«, dann folgte die Ansage: »Achtung, Achtung! Hier spricht der antifaschistische Sender, die Stimme der Kommunistischen Partei Deutschlands! Trotz Gestapo!«²¹</p>
<p>Gut einen Monat später berichtete die in Paris erscheinende <em>Deutsche Volks-Zeitung</em> erstmals: »Aus allen Teilen des Reiches kommen seit geraumer Zeit Nachrichten, dass eine kommunistische Radiostation jeden Tag zwischen 22 Uhr und 23 Uhr sendet. Gestern konnte ich mich selbst davon überzeugen. Unter anderem wurde ein Aufruf von Heinrich Mann an die deutschen Mütter durchgegeben und ein Appell an die Jugend, sich nicht für den blutigen Franco nach Spanien anwerben zu lassen. Der Ansager kündigte an, dass er am folgenden Tag wieder Punkt 22 Uhr senden würde. Zum Schluss wurde die Internationale auf Schallplatte gespielt. (…) Bemerkenswert ist, dass die Gestapo bisher sich noch nicht zu diesem Geheimsender geäußert hat, trotzdem er unter der arbeitenden Bevölkerung bereits Stadtgespräch ist.«²²</p>
<p>Die Wirkung sei »wahrhaft sensationell« gewesen, notierten auch die »Deutschland-Berichte« der Exil-SPD in ihrer Ausgabe vom 8. Mai 1937. »Was der Sender sagt, ist dabei gar nicht so sehr wichtig, sondern viel wichtiger ist die Tatsache seines Auftretens überhaupt. (…) Dazu wird herumgeraten, wo der Sender stehen mag. Die meisten vermuten ihn tatsächlich in Deutschland und freuen sich, dass ›sie ihn immer noch nicht haben‹.« Der Sender habe »die Nazis in helle Aufregung versetzt«. Sie hätten alle Einrichtungen der Telefunken »geradezu verrückt gemacht«, damit sie den Kurzwellensender endlich anpeilen können. In einem Bericht aus Bayern heißt es in derselben Ausgabe: »Ich arbeite in einem großen (…) Verarbeitungsbetrieb. Ende März gab es unter der ganzen Belegschaft keinen Menschen mehr, der nicht von der Existenz dieses Senders wusste. Eines Tages stand sogar im Pissoir mit Bleistift an die Mauer geschrieben: ›Hört jeden Tag um 10 die Welle 29,8.‹«²³</p>
<p>Bemängelt wurde von den Sozialdemokraten allerdings die politische Ausrichtung: »Es ist ein Unglück, dass der Sender als KPD-Sender auftritt. Warum nicht Sender der Volksfront, an dem sich auch die SPD beteiligen kann? Versucht doch unbedingt, dass ein illegaler Volkssender daraus wird, er hätte viel mehr Wirkung.«²⁴</p>
<p>Anmerkungen:</p>
<p>1 Florian Huber: Re-education durch Rundfunk. Die Umerziehungspolitik der britischen Besatzungsmacht am Beispiel des NWDR 1945–1948; in: <em>Nordwestdeutsche Hefte zur Rundfunkgeschichte</em> (2006), Sonderheft, S. 14</p>
<p>2 <a class="western" href="https://kurzelinks.de/Vorwaerts" target="_blank" rel="noopener"><em>Der Abend</em>. Spätausgabe des <em>Vorwärts</em>, 9.8.1932</a></p>
<p>3 <a class="western" href="https://dfg-viewer.de/show?tx_dlf%5Bdouble%5D=0&amp;tx_dlf%5Bid%5D=https%3A%2F%2Fcontent.staatsbibliothek-berlin.de%2Fzefys%2FSNP24352111-19320813-0-0-0-0.xml&amp;tx_dlf%5Bpage%5D=10&amp;cHash=99c262d40a4fabe256156dd30086731b" target="_blank" rel="noopener"><em>Die Rote Fahne</em>, 13.8.1932</a></p>
<p>4 Vgl. Winfried B. Lerg: Vom Kulturinstrument zum Führungsmittel – Rundfunkkontrolle in Deutschland bis 1945, Zweiter Teil; in: <em>Studienkreis Rundfunk und Geschichte – Mitteilungen</em> (1981), Nr. 3, S. 161 f.</p>
<p><em>5 <a class="western" href="http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/37/37_25.pdf" target="_blank" rel="noopener">Simplicissimus, 25/1932, S. 299</a></em></p>
<p>6 Peter Dahl: Arbeitersender und Volksempfänger. Proletarische Radio-Bewegung und bürgerlicher Rundfunk bis 1945, Frankfurt/M. 1978, S. 104</p>
<p>7 <a class="western" href="https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-album-90-jahrestag-des-kabelattentats-wie-vier-junge-maenner-eine-hitler-rede-sabotiert-haben.13e5b949-ed69-4c30-933e-1638ea19a95f.html" target="_blank" rel="noopener">Uwe Bogen: Wie vier junge Männer eine Hitler-Rede sabotiert haben, <em>Stuttgarter Nachrichten</em>, 14.2.2023</a></p>
<p>8 Conrad Pütter: Rundfunk gegen das »Dritte Reich«. Ein Handbuch, München 1986, S. 35 ff.</p>
<p>9 <a class="western" href="https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2016_3-4.pdf" target="_blank" rel="noopener">Andreas Morgenstern: »Hier ruft die Schwarze Front!« Der Weg des Rundfunkpioniers Rudolf Formis; in: <em>Rundfunk und Geschichte</em> (2016), Nr. 3/4, S. 20</a></p>
<p>10 Frantisek Hrdlicka: Im Schatten der Nazis: Der Sender <em>Schwarze Front</em>; in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1980), Nr. 2/3, S. 36</p>
<p>11 <a href="https://publications.iai.spk-berlin.de/servlets/MCRFileNodeServlet/Document_derivate_00000049/BIA_051.pdf" target="_blank" rel="noopener">Karl Kohut; Patrik von zur Mühlen (Hg.): Alternative Lateinamerika. Das deutsche Exil in der Zeit des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1994, S. 184 f.</a></p>
<p>12 Horst Taleikis: Aktion Funkausstellung, Berlin/DDR 1988, S. 91 ff.</p>
<p>13 Zit. n. Wladimir Ostrogorski: 40 Jahre des deutschsprachigen Auslandsdienstes des Moskauer Rundfunks; in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1969), Nr. 4, S. 30</p>
<p>14 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP01008&amp;page=16" target="_blank" rel="noopener">Deutschland-Berichte der Sopade, 10.1.1935, S. 17</a></p>
<p>15 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP02007&amp;page=84" target="_blank" rel="noopener">Ebd., 19.8.1935, S. 85</a></p>
<p>16 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP03010&amp;page=10" target="_blank" rel="noopener">Ebd., 10.11.1936, S. 11</a></p>
<p>17 Pütter (Anm. 8), S. 55 ff.</p>
<p>18 <a class="western" href="https://archiv.radio.cz/de/static/geschichte-von-radio-prag" target="_blank" rel="noopener"><em>Radio Prague International</em>: Die Geschichte von <em>Radio Prag</em></a></p>
<p>19 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP05005&amp;page=15" target="_blank" rel="noopener">Deutschland-Berichte der Sopade, 30.7.1938, S. 16</a></p>
<p>20 <a class="western" href="https://crisol.parisnanterre.fr/index.php/crisol/issue/view/8/Crisol%2011%20-%20Dimitri%20Ag%C3%BCero" target="_blank" rel="noopener">Dimitri Agüero: La Radio en la Guerra Civil Española; in: <em>Crisol</em> (2007), Nr. 11, S. 183</a></p>
<p>21 Hans Maaßen: »29,8« in aller Munde; in: Erinnerungen sozialistischer Rundfunkpioniere, Berlin/DDR 1975, S. 191</p>
<p>22 <a class="western" href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k93789002/f8.item" target="_blank" rel="noopener"><em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 14.2.1937, S. 8</a></p>
<p>23 <a class="western" href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=SP04004&amp;page=35" target="_blank" rel="noopener">Deutschland-Berichte der Sopade, 8.5.1937, S. 36 ff.</a></p>
<p>24 Ebd., S. 37</p>
<p>Erschienen am 22. März 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/447338.rundfunkgeschichte-trotz-gestapo.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>»Feindsender« aus London</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/feindsender-aus-london/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Oct 2019 12:21:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
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					<description><![CDATA[Es ist der 1. April 1940. Über das deutschsprachige Programm der BBC ist eine Rede Hitlers zu hören: »Als im[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist der 1. April 1940. Über das deutschsprachige Programm der <em>BBC</em> ist eine Rede Hitlers zu hören: »Als im Jahre 1492 der Spanier Christoph Kolumbus, gestützt auf die Erfahrungen deutscher Gelehrter und unterstützt von deutschen Apparaten und Instrumenten, seine (&#8230;) Fahrt über den weiten Ozean unternahm, konnte kein Zweifel darüber bestehen, dass bei einem Gelingen (&#8230;) Deutschland teilhaben müsste an den Errungenschaften, die diese Entdeckungsfahrt zeitigen sollte. (…) Mein unerschütterlicher Wille ist, den mir von der Vorsehung bestimmten Stuhl im Weißen Haus einzunehmen und es damit zum Braunen Haus zu machen, so wahr ich Gott helfe!«<span id="more-4500"></span></p>
<p>Gleich zu Sendebeginn erreichte die Redaktion ein Anruf von der US-Rundfunkgesellschaft <em>CBS</em>: »Wo spricht denn Hitler – und wieso haben Sie davon gewusst?« Die Londoner Kollegen konnten rasch aufklären. Es handelte sich um einen Aprilscherz, der es sogar auf die Titelseite der Tageszeitung <em>News Chronicle</em> schaffte.</p>
<p>Die <em>BBC</em> hatte deutschsprachige Sendungen überstürzt am 27. September 1938 ins Programm genommen. Auf dem Höhepunkt der Krise um die Tschechoslowakei sollte die Rede des britischen Premierministers Neville Chamberlain auch in Deutsch übertragen werden. Doch weil sie über die Frequenzen des Inlandsdienstes der <em>BBC</em> ausgestrahlt wurde, zeigten sich viele britische Hörer verwirrt. Manche fürchteten sogar, die Deutschen hätten den britischen Hörfunk besetzt.</p>
<p>Aus den holprigen Anfängen entwickelte sich schnell ein mächtiges Werkzeug. Die <em>BBC</em> stellte sich zur Aufgabe, »nur die Wahrheit« zu sagen, und der Chef des deutschsprachigen Dienstes, Hugh Carleton Greene, zeigte sich nach dem Krieg stolz darauf, dieser Maxime (weitgehend) treu geblieben zu sein.</p>
<p>Das Hören von <em>BBC</em> und anderer »Feindsender« war in Nazideutschland strikt verboten. »Rundfunkkriminellen« drohte die Todesstrafe. Trotzdem schalteten vor allem gegen Kriegsende viele Deutsche den Londoner Rundfunk ein. In einer 1988 aus Anlass des 50. Jahrestages der deutschsprachigen Sendungen von der <em>BBC</em> veröffentlichte Broschüre ist für August 1944 von täglich geschätzt mehr als zehn Millionen Hörern die Rede.</p>
<p>Solche Zahlen hat der Sender später nie wieder erreicht. Im Kalten Krieg versuchte man, die erprobten Techniken gegen die DDR einzusetzen. Hatte man während des Krieges die satirische Hörspielserie »Kurt und Willi« produziert – ein Gespräch zwischen einem linientreuen Oberlehrer und seinem zynischen Freund aus dem Propagandaministerium –, gab es in den 60er Jahren die »zwei Genossen Klotz und Krause«. Senderchef Richard O’Rorke lobte das Programm in der Broschüre von 1988. Ihr sachlicher Stil habe sich sehr von den »aggressiven Polemiken« des Westberliner US-Senders <em>RIAS</em> abgehoben. Das Ziel war jedoch dasselbe. Als es 1989/90 mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Europa erreicht war, nahte das Ende für den deutschsprachigen Dienst der <em>BBC</em>. Am 26. März 1999 wurde er eingestellt – zwei Tage nach Beginn des NATO-Angriffskrieges gegen Jugoslawien.</p>
<p>Erschienen am 31. Oktober 2019 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/365871.mehr-als-zehn-millionen-hörer-feindsender-aus-london.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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