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	<title>Radiogeschichte(n) &#8211; André Scheer</title>
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		<title>Power von der Eastside</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 May 2024 17:45:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Jugendradio DT 64]]></category>
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					<description><![CDATA[Pfingsten 1964: Hunderttausende Jugendliche aus allen Teilen der DDR und einige zehntausend aus Westdeutschland kamen in Berlin zusammen und feierten[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Pfingsten 1964: Hunderttausende Jugendliche aus allen Teilen der DDR und einige zehntausend aus Westdeutschland kamen in Berlin zusammen und feierten das dritte – und letzte – Deutschlandtreffen der Jugend. Auf der Karl-Marx-Allee wurde getanzt, Bands spielten, Schriftsteller lasen –, und auf dem Alexanderplatz stand ein gläserner Pavillon. Das war das <em>Jugendstudio Deutschlandtreffen</em>, kurz <em>DT 64</em>. Gerhart Eisler, der Chef des staatlichen Rundfunkkomitees, gab am 15. Mai 1964, dem Vorabend des Treffens, den Startschuss und wünschte im Namen aller Mitarbeiter des Rundfunks und Fernsehens der DDR einen »herzlichen Empfang über die Ätherwellen eures Senders – <em>DT 64</em>!« Die Redakteure und Reporter lieferten den Soundtrack zum Festival, berichteten von den Kundgebungen und Demonstrationen, vermittelten Übernachtungsgelegenheiten.</p>
<p>Ursprünglich sollte das Festivalprogramm nach 99 Stunden Geschichte sein, doch der Erfolg war so groß, dass der Ruf nach einer Fortsetzung laut wurde. Der <em>Berliner Rundfunk</em> machte Platz in seinem Programm, so dass das <em>Jugendstudio DT 64</em> ab dem 29. Juni 1964 täglich mehrere Stunden lang auf Mittelwelle und UKW zu hören war. Am 7. März 1986 folgte dann der nächste Schritt – aus dem <em>Jugendstudio</em> wurde das <em>Jugendradio</em> mit eigener Senderkette und einem Programm von vier bis 24 Uhr. Während in den westdeutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten peinlich genau darauf geachtet wurde, dass die Moderatoren regelmäßig in die Lieder reinquatschten, um im Interesse der Schallplattenkonzerne Mitschnitte zu ruinieren, sendete <em>DT 64</em> »Musik für den Rekorder« – komplette Alben, gerne von westlichen Bands, ohne Gerede dazwischen.</p>
<p>Nicht jedem in den Machtzentralen der DDR gefiel, was da an Musik und Sprüchen über den Sender ging. Auf die Aneinanderreihung von Titeln wichtiger Persönlichkeiten und protokollarische Hofberichterstattung, wie sie bei <em>Radio DDR</em> Standard war, wurde auf <em>DT 64</em> weitgehend verzichtet. Man stand treu zur Republik und zur Partei, aber formulierte das anders – lockerer, prägnanter, frecher. Und man spielte Punk und Rock, gerne laut und schräg, antifaschistisch und rebellisch. In den Protokollen diverser Gremien finden sich zwar immer wieder Beschwerden von Erich Honecker, aus dem Zentralrat der FDJ oder von anderen. An eine Abschaltung jedoch dachte niemand.</p>
<p>Die kam erst, als sich der goldene Westen der Brüder und Schwestern annahm. Am 7. September 1990, wenige Wochen vor der »Wiedervereinigung«, war auf den Frequenzen des <em>Jugendradios</em> plötzlich der <em>RIAS</em> aus Westberlin zu hören. Der geschäftsführende Generalintendant des DDR-Rundfunks, Christoph Singelnstein, stotterte eine Erklärung in die Mikrofone, nach der die Journalisten des <em>RIAS</em> ihren Kollegen in der DDR die Hand reichten, »um beim Aufbau eines demokratischen und pluralistischen Rundfunks zu helfen«. Am besten durch Abschalten: »<em>RIAS</em>, dessen Programm ab sofort auf einigen Frequenzen von <em>Jugendradio</em> ausgestrahlt wird, baut mit Journalisten und Redakteuren von <em>Radio DDR</em> Arbeitsgruppen auf, die insbesondere die spezifischen Probleme der Bevölkerung auf dem Gebiet der DDR aufarbeiten.« Wäre es nach Singelnstein gegangen, wäre <em>DT 64</em> nur noch ein Berliner Lokalsender mit unsicherer Zukunftsperspektive gewesen.</p>
<p>Die <em>Junge Welt</em> (damals noch mit großem J) meldete den Piratenakt mit der Schlagzeile »Skandal: <em>DT 64</em> von <em>RIAS</em> gekillt!« Eine Redakteurin des Senders wurde zitiert: »Für mich ist das Verrat an unseren Hörern.« Viele von denen sahen das auch so. Spontan demonstrierten Tausende vor allem junge Menschen für ihren Sender. In Dresden blockierten 2.000 Jugendliche die Ernst-Thälmann-Straße nahe dem Kulturpalast. Hörer versammelten sich mit Kerzen vor Sendetürmen, am Sitz von DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière versammelten sich einige zu einem Hungerstreik, Hunderte belagerten die Studios in der Nalepastraße. Sie hatten Erfolg. 24 Stunden nach der Abschaltung, am 8. September 1990 um Punkt 20 Uhr war auf den vorübergehend vom <em>RIAS</em> gekaperten Wellen wieder der markante Jingle »Power von der Eastside« zu hören. Reporter Lutz Deckwerth meldete sich aus Dresden: »Das kann man nicht beschreiben, hier knallen die Sektkorken, und die Leute freuen sich, die Leute freuen sich einfach. Es wird angestoßen auf die Wiedergeburt von <em>Jugendradio</em>!« Aus dem spontanen Protest entstanden festere Strukturen, es bildeten sich Freundeskreise des Jugendradios, die sich für ihr Programm engagierten. Und das blieb nötig, denn im Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR war festgelegt worden, dass die Programme des DDR-Rundfunks spätestens zum 31. Dezember 1991 abgeschaltet werden müssten, um Platz für neue öffentlich-rechtliche Anstalten und Kommerzkanäle zu machen. Für ein überregionales Jugendradio fehlte den Regierenden der größer gewordenen Bundesrepublik die Phantasie.</p>
<p><em>DT 64</em> probte den Ernstfall. Am 13. September 1991 wurde den verdutzten Hörern mitgeteilt, dass »Teile der Belegschaft« der Abschaltung zum Jahreswechsel getrotzt hätten und nun auf der Flucht vor den Peilwagen der Post seien. Man sendete angeblich wechselnd aus Schwerin, Dresden, Berlin und Leipzig – das »vielleicht längste Hörspiel der Rundfunkgeschichte«, wie es Chefredakteur Michael Schiwack nannte. Gegen 18 Uhr endete das »illegale« Treiben abrupt. Zu hören war nur noch ein schriller Testton, dann eine amtlich klingende Stimme: »1. Januar 1992. Dieser Sender ist abgeschaltet.«</p>
<p>Der anhaltende Protest sorgte für eine Gnadenfrist. Der <em>Mitteldeutsche Rundfunk</em> (<em>MDR</em>) erklärte sich bereit, <em>DT 64</em> zunächst für ein halbes Jahr in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen weiterfunken zu lassen. In Berlin und Brandenburg musste sich <em>DT 64</em> die Frequenzen mit dem neu gegründeten – und letztlich nur kurzlebigen – <em>Rockradio B</em> teilen. In Mecklenburg-Vorpommern wurde dem <em>Jugendradio</em> der Saft komplett abgedreht, als sich der <em>NDR</em> am 1. Januar 1992 das nördliche Bundesland als Sendegebiet einverleibte. Doch es kam noch schlimmer. Im Juni 1992 entschied der <em>MDR</em>, <em>DT 64</em> auf die Mittelwelle zu verbannen, um die UKW-Frequenzen kommerziellen Privatsendern zur Verfügung zu stellen. Vier Tage später nahm <em>DT 64</em> die Umstellung vorweg und strahlte zwölf Stunden lang eine Parodie unter dem Namen <em>Superradio 2000 O</em> aus: Dudelfunk, hektische Talks, kurze Nachrichtenblöcke, gesponserte Zeitansagen (»Meine Prolex-Uhr zeigt jetzt …«) und Werbespots: »Probieren Sie Aknesil Ultra Pickelcreme, mit 32 noch Akne wie mit 14!«</p>
<p>Ab Juli 1992 war <em>DT 64</em> noch ein Jahr lang über die Mittelwelle zu hören, später dann nur noch über Satellit – unter dem neuen Namen <em>MDR Sputnik</em>. Diesen Sender gibt es bis heute, zu hören inzwischen auch im Kabel, Internet, via App usw. Doch der rebellische Geist, die Power von der Eastside ist auf der Strecke geblieben. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Sender, der dazwischenfunkte. Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag, <em>DT 64</em>!</p>
<p>Erschienen am 15. Mai 2024 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/475354.60-geburtstag-dt-64-power-von-der-eastside.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>Ideologische Institute</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/ideologische-institute/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 Mar 2024 18:38:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[Bertolt Brecht]]></category>
		<category><![CDATA[Radio]]></category>
		<category><![CDATA[Rundfunkgeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor 100 Jahren, am 30. März 1924, nahm der erste bayerische Rundfunksender seinen regulären Betrieb auf. Fünf Monate nach dem[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vor 100 Jahren, am 30. März 1924, nahm der erste bayerische Rundfunksender seinen regulären Betrieb auf. Fünf Monate nach dem Beginn des ersten regelmäßigen Rundfunkprogramms in Berlin und einen guten Monat vor dem Start der <em>Norag</em> in Hamburg gehörte die <em>Deutsche Stunde in Bayern</em> damit zu den Pionieren des neuen Mediums in Deutschland. Allerdings war das öffentliche Interesse daran, mit dem Kopfhörer Funksignale zu empfangen, zunächst begrenzt. Anfang 1924 hatten erst rund 500 Menschen in Deutschland eine Lizenz zum Rundfunkempfang erworben. »Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit«, fasste Bertolt Brecht die damalige Situation 1932 rückblickend in einem Vortrag zusammen. »Nicht Rohstoff wartete auf Grund eines öffentlichen Bedürfnisses auf Methoden der Herstellung, sondern Herstellungsmethoden sahen sich angstvoll nach einem Rohstoff um.«¹</p>
<p>Brecht selbst hatte, wie die meisten seiner Landsleute, 1924 anderes im Kopf gehabt, als den Entwicklungen im Äther besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Erst im November 1923 war die Hyperinflation in Deutschland durch eine Währungsreform beendet worden, die Nachwehen der dramatischen Ereignisse der zurückliegenden Monate – unter anderem der militärische Sturz der Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen, der Hamburger Aufstand der Kommunisten an der Elbe und der vereitelte »Hitler-Putsch« in München – prägten die öffentliche Diskussion. In Brechts Fall kamen noch berufliche und private Verwicklungen hinzu. Am 19. März 1924 hatte in München das von ihm inszenierte Bühnenstück »Das Leben Eduards des Zweiten von England« Premiere, im April fuhr er mit seiner Frau Marianne und Tochter Hanne nach Capri in den Urlaub, während Helene Weigel bereits von ihm schwanger war. So ist es kaum überraschend, dass sich Brechts Interesse am Rundfunk zunächst darauf beschränkt haben dürfte, Presseberichte darüber zur Kenntnis zu nehmen: »Es waren ironische Zeitungsnotizen über einen förmlichen Radio-Hurrikan, der an der Arbeit war, Amerika zu verwüsten.«²</p>
<h3>»Der Flug der Lindberghs«</h3>
<p>Brecht blieb jedoch nicht lange ein abseits stehender Beobachter. Er gehörte bald zu den Künstlern und Schriftstellern, die mit den Möglichkeiten des neuen Mediums experimentierten und auch Werke speziell für den Rundfunk schufen. Bereits 1926 und 1927 wurden für die Ausstrahlung bearbeitete Versionen seiner Stücke »Das Leben Eduards des Zweiten von England« und »Mann ist Mann« gesendet. Am 29. Juli 1929 hatte »Der Flug der Lindberghs« in Baden-Baden Premiere, dessen Musik von Kurt Weill und Paul Hindemith stammte.³</p>
<p>Brecht hatte den »Flug der Lindberghs« als Lehrstück konzipiert, das ohne Wert sei, »wenn man sich nicht daran schult«, schrieb er als Erläuterung. Dem Dichter schwebte eine Aufführung via Rundfunk vor, mit der die Hörer aus ihrer passiven Rolle geholt werden sollten: Das Stück sei »ein Lehrgegenstand und zerfällt in zwei Teile. Der eine Teil (die Gesänge der Elemente, die Chöre, die Wasser- und Motorengeräusche und so weiter) hat die Aufgabe, die Übung zu ermöglichen, das heißt einzuleiten und zu unterbrechen, was am besten durch einen Apparat geschieht. Der andere pädagogische Teil (der Fliegerpart) ist der Text für die Übung: Der Übende ist Hörer des einen Textteiles und Sprecher des anderes Teiles. Auf diese Art entsteht eine Zusammenarbeit zwischen Apparat und Übenden, wobei es mehr auf Genauigkeit als auf Ausdruck ankommt.« Ausdrücklich notierte Brecht, dass der »Lindberghflug« dem »gegenwärtigen« Rundfunk »nicht zum Gebrauch dienen« solle, »sondern er soll ihn verändern«. Nötig sei »eine Art Aufstand des Hörers, seine Aktivierung und seine Wiedereinsetzung als Produzent«.⁴ Die weitreichenden Vorstellungen eines interaktiven Hörspiels ließen sich weder 1929 bei der Uraufführung in Baden-Baden verwirklichen, wo die Musik des Orchesters per Lautsprecher in verschiedene Säle übertragen wurde und Solisten in der Rolle des Hörers deren Part sprachen, noch 1930, als der »Flug der Lindberghs« erstmals im Rundfunk übertragen wurde.</p>
<p>Brecht änderte seine Urfassung mehrfach, am radikalsten aber nach der Befreiung vom Faschismus. Aus Anlass einer Anfrage des <em>Süddeutschen Rundfunks</em>, der das Stück ins Programm nehmen wollte, schrieb Brecht eine Neufassung, in der Lindberghs Name nicht mehr genannt wurde und der Titel in »Der Ozeanflug« geändert wurde. In einem Brief vom Januar 1950 an den Sender verlangte er: »Wenn Sie den Lindberghflug in einem historischen Überblick bringen wollen, muss ich Sie bitten, der Sendung einen Prolog voranzustellen und einige kleine Änderungen im Text selber vorzunehmen. Lindbergh hat bekanntlich zu den Nazis enge Beziehungen unterhalten; sein damaliger enthusiastischer Bericht über die Unbesieglichkeit der Nazi-Luftwaffe hat in einer Reihe von Ländern lähmend gewirkt. Auch hat L. in den USA als Faschist eine dunkle Rolle gespielt. In meinem Hörspiel muss daher der Titel in ›Der Ozeanflug‹ umgeändert werden, man muss den Prolog sprechen und den Namen Lindbergh ausmerzen.«⁵</p>
<p>Charles Lindbergh, dem 1927 die erste Alleinüberquerung des Atlantik per Flugzeug gelungen war, hatte in den 1930er Jahren Sympathien für die deutschen Faschisten entwickelt. In seiner Funktion als Oberst der US-Luftwaffe hatte er mehrmals Nazideutschland besucht und dabei Kontakte zu führenden Nazis wie Hermann Göring, der ihm im Oktober 1938 das »Großkreuz des Deutschen Adlerordens« verlieh. In den folgenden Jahren agitierte er in den USA gegen einen Kriegseintritt, für eine Verständigung mit den Deutschen und machte »die Briten« und »die Juden« als Hauptkriegstreiber aus.</p>
<p>Brecht dagegen hatte auch nach der Machtübernahme der Faschisten in Deutschland versucht, vom Exil aus mit künstlerischen Mitteln Widerstand zu leisten und dafür auch den Rundfunk genutzt. Für den von Spanien aus von Kommunisten betriebenen <em>Deutschen Freiheitssender 29,8</em> schrieb er seine »Deutschen Satiren«. Unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 verfasste er im Auftrag des schwedischen Rundfunks in Stockholm das Hörspiel »Das Verhör des Lukullus«. Der verstorbene römische Feldherr muss sich darin vor einem Totengericht für die Taten seines Lebens verantworten – die Parallele zu Hitler war so deutlich, dass der schwedische Rundfunk vor einer Ausstrahlung zurückschreckte. Dagegen verbreitete das Schweizer <em>Radio Beromünster</em> das Stück am 12. Mai 1940.</p>
<h3>Radio als Einbahnstraße</h3>
<p>Schon während der Weimarer Republik hatte Brecht nicht mit Kritik am Rundfunk gespart. Die Resultate des Radios seien »beschämend«, notierte er 1927 in seinem von ironischem Tonfall geprägten Aufsatz »Radio – eine vorsintflutliche Erfindung?«. Unverständlich, »wie hier eine Kaste dadurch, dass sie es ermöglichte, das, was sie zu sagen hatte, dem ganzen Erdball zu sagen, es zugleich dem Erdball ermöglichte, zu sehen, dass sie nichts zu sagen hatte«.⁶ Er entwickelte Vorschläge, wie das Medium demokratisiert und aus seiner Rolle als »Einbahnstraße« befreit werden könnte. Diese oft als »Radiotheorie« bezeichneten Gedanken finden sich vor allem in fünf relativ kurzen Texten, die in den 1967 vom Suhrkamp-Verlag herausgegebenen »Gesammelten Werken« gerade einmal 15 Seiten der 20 Bände einnehmen. Trotzdem haben diese knappen Aufsätze die spätere Mediendiskussion mitgeprägt und werden bis heute gerne herangezogen, um etwa das Internet als späte Verwirklichung von Brechts Gedanken darzustellen. Dabei greifen die Autoren meist auf zwei, drei Kernsätze zurück, die auf den ersten Blick gut passen – übersehen dabei aber den Kontext, in dem Brecht sie geschrieben hatte.</p>
<p>In seinen »Vorschlägen für den Intendanten des Rundfunks« forderte Brecht Ende 1927, »aus dem Radio eine wirklich demokratische Sache zu machen«.⁷ Dabei kritisierte er zunächst die vom Film übernommene Praxis des Rundfunks, »künstlichen Stoff« zu schaffen, anstatt die Realität widerzuspiegeln. Tatsächlich bestand das Programm in den ersten Jahren mit wenigen Ausnahmen vor allem aus Vorträgen und – meist klassischen – Musikaufführungen aus dem Studio. Schon am 13. Juli 1924 hatte die Hamburger <em>Norag</em> jedoch live von einer Regatta auf der Alster berichtet, und ab dem 1. November sendete die am 10. Oktober 1924 gestartete <em>Westdeutsche Funkstunde</em> aus Münster die ersten Fußballreportagen. Brecht ging es jedoch nicht um Sportevents, als er den Intendanten aufforderte, er müsse »mit den Apparaten an die wirklichen Ereignisse näher herankommen und sich nicht nur auf Reproduktion oder Referat beschränken lassen«.⁸</p>
<p>Der Dichter dachte politisch und schlug vor, Reichstagssitzungen und wichtige Gerichtsprozesse live zu übertragen. Es sei die Aufgabe des Intendanten, sich mit Hilfe der Öffentlichkeit gegen die zu erwartenden Widerstände von Parlamentariern und Juristen durchzusetzen: »Die Furcht der Abgeordneten, im ganzen Reiche gehört zu werden, darf, da sie sehr berechtigt ist, nicht unterschätzt werden, aber sie müssen sie ebenso besiegen wie die Furcht, die, wie ich glaube, verschiedene Gerichte äußern würden, ihre Entscheidungen vor dem gesamten Volke treffen zu müssen.«⁹</p>
<p>Während Gerichtsverhandlungen in Deutschland bis heute nicht in Radio und Fernsehen übertragen werden dürfen, mutet die Hoffnung, die Brecht mit Direktübertragungen von Parlamentssitzungen verbunden hat, inzwischen eher rührend an, wenn man auf die Einschaltquoten der stundenlangen Bundestagsdebatten auf <em>Phoenix</em> schaut. Aber die Übertragungen sind andererseits eine Voraussetzung dafür, das Parlament als Tribüne für die Anliegen der arbeitenden Menschen zu nutzen, wie dies lange der Anspruch linker Parlamentarier gewesen ist. Das gilt im Kern auch für den Vorschlag Brechts, »vor dem Mikrophon an Stelle toter Referate wirkliche Interviews (zu) veranstalten, bei denen die Ausgefragten weniger Gelegenheit haben, sich sorgfältige Lügen auszudenken«.¹⁰</p>
<p>Zu jener Zeit war es im Rundfunk üblich, dass Politiker der verschiedenen bürgerlichen Parteien – die Kommunisten waren als einzige weitgehend ausgeschlossen – zu festgelegten Terminen Redezeit zugewiesen bekamen, in denen sie wie im Parlament oder auf einer Parteiversammlung eine Ansprache halten konnten. Kritische Nachfragen von Journalisten oder eine Einordnung des Gesagten – zum Beispiel einen Faktencheck – gab es nicht. Brecht unterschätzte allerdings die Fähigkeit der Politiker, sich auf die meist an der Oberfläche bleibenden Fragen der Reporter einzustellen und sich mit Floskeln aus der Affäre zu ziehen. Und die Fragenden sind meist zufrieden, wenn sie ein oder zwei gut klingende Kernsätze über den Sender geben können, bevor sie zum Wetterbericht überleiten. Das gilt im Prinzip auch für die zahlreichen Talkshows, wo es vor allem darum geht, wie telegen jemand auftreten kann. Mit den von Brecht vorgeschlagenen »Disputationen zwischen bedeutenden Fachleuten«¹¹ hat das jedenfalls selten etwas zu tun, und auch nichts damit, die »Berichte der Regierenden in Antworten auf die Fragen der Regierten zu verwandeln«¹², wie er 1932 forderte.</p>
<p>Wenig an Brisanz verloren hat dagegen ein letzter Punkt, den Brecht 1927 dem Rundfunkintendanten vorlegte. Es sei »unumgänglich nötig, dass Sie öffentlich Rechnung ablegen über die phantastischen Summen, die das Radio einnimmt, und die Verwendung dieser öffentlichen Gelder bis auf den letzten Pfennig klarlegen«.¹³</p>
<h3>Die Hörer sprechen machen</h3>
<p>Ein Kernelement von Brechts Überlegungen war es allerdings, die Hörer in die Lage zu versetzen, nicht nur zu hören, sondern auch selbst »sprechen zu machen«. Der Rundfunk müsse aus einem Distributionsapparat, der lediglich zuteile, in einen Kommunikationsapparat verwandelt werden und »den Hörer als Lieferanten organisieren«.¹⁴ Und Brecht fragte: »Sollten Sie dies für utopisch halten, so bitte ich Sie, darüber nachzudenken, warum es utopisch ist.«¹⁵</p>
<p>Dem Dichter ging es natürlich nicht um die bis heute im Rundfunk oft zu hörenden Sendungen, in denen Hörer anrufen können, um ihre Meinung zur Fähigkeit eines Fußballtrainers oder den Erfolgschancen beim Eurovision Song Contest zu sagen. Doch selbst bei relevanten, politischen Diskussionen, zu denen manche öffentlich-rechtlichen Kanäle gelegentlich noch einladen, haben der Moderator oder die Sendeleitung das letzte Wort. Wer zu sehr vom vorgesehenen Meinungskorridor abweicht, wird einfach aus der Leitung geschmissen.</p>
<p>Praktische Versuche, die Trennung zwischen Sendenden und Hörenden aufzubrechen, gab es in Deutschland vor allem durch die in den 1970er Jahren entstehenden »Freien Radios«, die sich konzeptionell oft ausdrücklich auf Brecht bezogen. Übliche Praxis war es, dass die Hörer aufgerufen wurden, selbst Kassetten zu besprechen, die dann unzensiert und ungekürzt gesendet werden sollten. Allerdings standen dem zahlreiche Hürden entgegen, zunächst vor allem die Kriminalisierung. Da die »Freien Radios« ohne Lizenz als Piratensender funkten, wurden sie von Post und Polizei gejagt. Um der Anpeilung zu entgehen, konnten sie sich meist nur für wenige Minuten zu Wort melden – wenig Zeit für spannende Berichte von Betroffenen. Auch als später viele dieser Sender oder ihre Nachfolger legalisiert wurden, blieben die »Freien Radios« im Brechtschen Sinne vor allem Distributions- und kaum Kommunikationsapparate, denn die wenigsten Hörerinnen und Hörer sahen sich in der Verantwortung, einen inhaltlichen Beitrag zum Programm zu leisten. Zumal in derselben Zeit die Bedeutung des Radios als politisches Informations- und Diskussionsmedium stetig abgenommen hat. Heute dudelt das Radio im Hintergrund, Nachrichten und Wetterbericht sowie ein paar unaufdringliche Worthappen stets gut gelaunter Moderatoren bilden die Hintergrundmelodie des Tagesgeschäfts.</p>
<p>Ein anderer Versuch, die Einbahnstraße des Rundfunks in beide Richtungen zu öffnen, waren (und sind) »Offene Kanäle«. Von ihrem Konzept her sollten sie allen Interessierten ermöglichen, eigene Sendungen zu produzieren und zu verbreiten. In den meisten Fällen entstand daraus jedoch ein wildes Sammelsurium unzusammenhängender Programmbrocken, die kaum Zuhörerinnen und Zuhörer fanden. Die Macher mussten viel Kraft aufwenden, ihre Sendungen den potentiellen Interessenten bekanntzumachen – und die mussten gezielt einschalten. In den seltensten Fällen dürften diese dann noch bei der folgenden Sendung dabeigeblieben sein. Die »Offenen Kanäle« reagierten darauf mit Versuchen, regelmäßige Beiträge zuzulassen, andere wurden zu »Ausbildungsradios« mit durchgehendem Programmschema – und kopierten so letztlich die herkömmlichen Rundfunksender.</p>
<p>Bezogen auf das Radio hat das Internet diese Situation noch einmal zugespitzt. Jetzt ist es technisch möglich, dass jeder einzelne sein eigenes Radioprogramm produziert und verbreitet. Beim Provider laut.fm gibt es zum Beispiel bereits Tausende Nutzerinnen und Nutzer, die ihre eigenen Programme verbreiten – »User Created Content«, der das Umfeld für die eingeblendete Werbung bildet. Ob eine einzelne Station mehr Hörerinnen und Hörer hat als die Produzierenden selbst, ist dabei zunächst nicht relevant. Mit Brechts Radiotheorie hat das aber nichts mehr zu tun – ihm ging es nicht um Selbstgespräche, vielmehr darum, »den Zuhörer (…) nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen«.¹⁶</p>
<p>Das gleiche gilt um so mehr für die »sozialen Netzwerke« à la Facebook, Instagram, Twitter/X, Tik Tok usw. Nur scheinbar kann hier jeder alles sagen und alles von allen gelesen und gehört werden. Die Algorithmen sorgen dafür, dass man brav in der jeweiligen Blase bleibt. Beiträge, die Links auf Seiten außerhalb des jeweiligen Netzwerks enthalten, werden aussortiert und kaum bei anderen Nutzern angezeigt. Agenturen lassen sich dafür bezahlen, dass sie für ihre Kunden eine hohe Reichweite und damit Relevanz vortäuschen.</p>
<h3>Die Basis erschüttern</h3>
<p>Brecht hätte dies wohl kaum überrascht. Schon in der Weimarer Republik ging er davon aus, dass seine Vorstellungen unter den erlebten Bedingungen nicht umsetzbar waren. Es ging ihm nicht darum, die »ideologischen Institute auf der Basis der gegebenen Gesellschaftsordnung durch Neuerungen zu erneuern«. Er verlangte mehr: »Durch immer fortgesetzte, nie aufhörende Vorschläge zur besseren Verwendung der Apparate im Interesse der Allgemeinheit haben wir die gesellschaftliche Basis dieser Apparate zu erschüttern, ihre Verwendung im Interesse der wenigen zu diskreditieren.« Der Dichter konstatierte deshalb selbst: »Undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung, durchführbar in einer anderen, dienen die Vorschläge (…) der Propagierung und Formung dieser anderen Ordnung.«¹⁷</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Bertolt Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks; in: ders. Gesammelte Werke, Suhrkamp 1967, Bd. 18, S. 128</p>
<p>2 Bertolt Brecht: Radio – eine vorsintflutliche Erfindung? In: ders. Gesammelte Werke, Suhrkamp 1967, Bd. 18, S. 119</p>
<p>3 Vgl. Alexandra Maria Dielitz: Ein Experiment aus der Pionierzeit des Rundfunks; in: <em>BR</em>-Klassik, 26. Juli 2023; www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/lindberghflug-weill-hindemith-brecht-urauffuehrung-baden-baden-1929-100.html</p>
<p>4 Bertolt Brecht: Erläuterungen zum »Ozeanflug«; in: ders. Gesammelte Werke, Suhrkamp 1967, Bd. 18, S. 124 ff.</p>
<p>5 Bertolt Brecht: Brief an den <em>Süddeutschen Rundfunk</em>, Berlin, 2. Januar 1950; zit. nach: Reinhard Döhl: Über Bertolt Brechts »Der Flug der Lindberghs« (Ozeanflug); https://www.reinhard-doehl.de/forschung/brecht1.htm</p>
<p>6 Ebenda, S. 121</p>
<p>7 Bertolt Brecht: Vorschläge für den Intendanten des Rundfunks; in: ders. Gesammelte Werke, Suhrkamp 1967, Bd. 18, S. 121</p>
<p>8 Ebenda</p>
<p>9 Ebenda, S. 122</p>
<p>10 Ebenda</p>
<p>11 Ebenda</p>
<p>12 Bertolt Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks; in: ders. Gesammelte Werke, Suhrkamp 1967, Bd. 18, S. 130</p>
<p>13 Ebenda, S. 123</p>
<p>14 Ebenda, S. 129</p>
<p>15 Ebenda, S. 130</p>
<p>16 Ebenda, S. 129</p>
<p>17 Ebenda, S. 133 f.</p>
<p>Erschienen am 30. März 2024 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/472397.100-jahre-radio-ideologische-institute.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>»Kein Kommerz auf Megahertz«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/kein-kommerz-auf-megahertz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Sep 2023 15:01:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Radio Dreyeckland]]></category>
		<category><![CDATA[Radio Freies Wendland]]></category>
		<category><![CDATA[Radio Hafenstraße]]></category>
		<category><![CDATA[Rundfunkgeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 10: Mit Piratensendern und »Freien Radios« wehrte sich die[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 10: Mit Piratensendern und »Freien Radios« wehrte sich die Opposition gegen die Einführung des privaten Rundfunks</strong></p>
<p>Die Vorherrschaft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Westdeutschland blieb in den ersten rund 20 Jahren der Existenz der Bundesrepublik unangetastet. Abgesehen von dem als Stimme der illegalen KPD aus ostdeutschem Exil funkenden <em>Deutschen Freiheitssender 904</em> sind praktisch keine Aktivitäten von Schwarz- oder Piratensendern in der Bundesrepublik überliefert – wenn man von den Stationen antikommunistischer Exilorganisationen absieht, die von Bonn geduldet Propaganda nach Osten funkten.</p>
<p>Erst für Ende der 1960er Jahre ist die Existenz eines linken, explizit politischen Untergrundsenders nachgewiesen. Im Bundestag bestätigte Postminister Werner Dollinger auf Anfrage des CDU-Abgeordneten Werner Marx, dass am 26. Februar 1969 ein Sender »mit der Ansage <em>Radio Revolution«</em> das Programm des <em>Senders Freies Berlin</em> »mit unflätigen Bemerkungen über die Bundesversammlung und den Berliner Senat erheblich gestört« habe. In der folgenden Nacht habe der »APO-Sender« – wie der Minister den Piratensender taufte – »in negativer Weise den Besuch des US-Präsidenten Nixon in Berlin« kommentiert und »die üblichen APO-Parolen« verbreitet. Peilungen hätten ergeben, dass sich der Sender in einem Gebäudekomplex in der Gegend nördlich des Bahnhofs Zoo befunden haben dürfte – dem Sitz der Technischen Universität Berlin.¹ Ein weiteres Mal erregte der Sender am 26. September 1969, dem Tag der Bundestagswahlen, Aufsehen. Mehrfach überlagerte er während der Wahlberichterstattung der <em>ARD</em> den regulären Ton mit Parolen wie »NPD und SPD tun einander gar nicht weh« oder »Die SPD ist die beste CDU, die es je gab«.²</p>
<p>Hinter dem Sender steckten Aktivisten aus dem Umfeld der in dieser Zeit entstehenden militanten Gruppe »Tupamaros Westberlin«. Einer von ihnen, Michael »Bommi« Baumann, beschrieb in seinen 1975 veröffentlichten Erinnerungen, wie sie damals im Auto durch die Stadt kurvten und sich mit ihren jeweils nur ein paar Straßenzüge weit reichenden Sendern in das Fernsehprogramm einblendeten: »Irgendwann mal in unserem Rausch haben wir ein Tape fertiggemacht und sind mit unseren Autos kreischend durch die Straßen gefahren und haben Köpke (gemeint ist der ›Tagesschau‹-Sprecher Karl-Heinz Köpcke; Anm. d. Verf.) unsere Meldungen durchsprechen lassen. Ist natürlich ein irrer Gag, wenn du Köpke siehst und da spricht ein ganz anderer.«³</p>
<p>Auch in anderen Städten kam es in dieser Zeit zum Einsatz von kleinen Radiosendern bei Aktionen der Studierenden. So meldete sich Ende Januar 1969 während der Besetzung des Instituts für Psychologie an der Hamburger Universität ein <em>Freiheitssender Wilhelm-Reich-Institut</em>.⁴</p>
<p>Generell blieb die Bedeutung dieser frühen Piratensender aber beschränkt auf die Begleitung der »eigentlichen« Aktionen, eine eigenständige Bedeutung hatten sie kaum. SDS und APO konzentrierten sich in ihrer Medienpolitik darauf, Zugang zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu fordern, zum Beispiel mit dem Ruf nach regelmäßiger Sendezeit in eigener redaktioneller Verantwortung für die außerparlamentarische Opposition.⁵</p>
<h3>Neue soziale Bewegungen</h3>
<p>Mit dem Niedergang der Studentenbewegung verschwanden zunächst auch die meisten dieser illegalen Sender. Eine Ausnahme war <em>Radio Bundschuh</em> in München, das 1972 den Kampf von Bürgerinitiativen gegen den Bau des Europäischen Patentamtes (EPA) in der bayerischen Landeshauptstadt begleitete, für den 33 Wohnhäuser mit über 1.000 Bewohnerinnen und Bewohner weichen sollten. Der Piratensender überlagerte den Fernsehton der <em>ARD</em> mit Durchsagen wie: »Wenn das EPA in diesem Viertel gebaut wird, werden wir auf die Barrikaden gehen. Da ist wahrscheinlich jemand mit Unsummen bestochen worden. Wenn uns die Verantwortlichen nicht glauben, werden unsere Barrikaden und Sabotage sie überzeugen. Sie hörten <em>Radio Bundschuh</em>, wir werden uns wieder melden.«⁶</p>
<p>Der erste Piratensender Münchens war eine frühe Stimme der in dieser Zeit entstehenden »neuen sozialen Bewegungen«. Sie deckten eine Vielzahl von Themen ab, von Ein-Punkt-Protesten gegen den Bau von Atomkraftwerken, gegen Fahrpreiserhöhungen oder eben – wie in München – gegen städtebauliche Projekte bis hin zu Versuchen, gesellschaftspolitische Alternativen bereits im Hier und Jetzt zu leben. Bei allen Unterschieden im Detail einte einen Großteil dieser Initiativen die Skepsis gegenüber Parteien und traditionellen politischen Ansätzen, man wollte »alles neu« machen, verstand sich als gesellschaftliche Opposition. Als solche sah man sich ebenso wie zuvor die APO von den großen Massenmedien ausgegrenzt und verleumdet. Ihr Ansatz war aber nicht mehr, bei den »Großen« um Einlass zu betteln, sondern sich nach und nach eigene Medien zu schaffen. Das beschleunigte sich insbesondere nach den Erfahrungen der Nachrichtensperre während des »Deutschen Herbsts« 1977, als im Zuge der Terrorismushysterie nahezu jede kritische Meinungsäußerung aus den großen Medien verbannt wurde.</p>
<p>Zugleich versuchten konservative Kräfte seit Anfang der 1970er Jahre, ihren Einfluss auf den Rundfunk zu verstärken. Ein erster Höhepunkt dieser Auseinandersetzung war 1972 die im Bayerischen Landtag mit der absoluten Mehrheit der CSU beschlossene Änderung des bayerischen Rundfunkgesetzes, durch die der Einfluss von Regierung und Parteien auf den <em>Bayerischen Rundfunk</em> verstärkt und der Weg für private Sender geöffnet werden sollte. Schon beim »politischen Aschermittwoch« 1971 in Vilshofen hatte Ministerpräsident Franz-Josef Strauß von einer »roten Unterwanderung bei Funk und Fernsehen« und von »volksfremden Publikationsorganen« schwadroniert und eine »Reichsrundfunkkammer mit Linksdrall« ausgemacht.⁷</p>
<p>Gegen das Vorgehen der CSU richtete sich ein Volksbegehren, das vom DGB, der SPD, der FDP und unabhängigen Gruppen initiiert wurde. Entsprechend den Vorgaben der bayerischen Volksgesetzgebung trugen sich vom 27. Juni bis 10. Juli 1972 insgesamt 13,9 Prozent aller stimmberechtigten Bürgerinnen und Bürger in die ausliegenden Listen ein, womit das vorgeschriebene Quorum von zehn Prozent überschritten wurde. In der Folge gab es im Landtag einen Kurswechsel, die Abgeordneten beschlossen eine Änderung der Landesverfassung. Artikel 111 a legte nun fest, dass die alleinige Verantwortung für den Rundfunk in öffentlich-rechtlicher Hand liege – womit die Einführung von Privatsendern ausgeschlossen war – und die Macht von Parteien und Staat im bayerischen Rundfunkrat auf ein Drittel der Sitze beschränkt wurde. Diese Änderung wurde im Volksentscheid am 1. Juli 1973 mit 87 Prozent Zustimmung bestätigt, zwei Wochen später wurde das Rundfunkgesetz an die neue Verfassungslage angepasst.⁸</p>
<p>Den Drang der Konservativen nach einer Privatisierung des Rundfunks bremste das allerdings nicht. Die offene Tür war die technische Entwicklung durch Kabelnetze und Satellitenübertragung, später durch digitalen terrestrischen Rundfunk, die das Monopol der öffentlich-rechtlichen Anstalten untergruben. Obwohl Artikel 111 a bis heute gilt, ist Bayern inzwischen mit Privatsendern übersät. Das gelang, indem man ab 1984 in den jeweiligen Mediengesetzen zwar kommerzielle Sender zuließ, sie aber formal der Trägerschaft der öffentlich-rechtlichen Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) unterstellte.</p>
<p>Die neuen sozialen Bewegungen sahen sich in der Diskussion um die Zulassung kommerzieller Medien an den Rand gedrängt. Sie lehnten einerseits das Monopol der <em>ARD</em>-Anstalten ab, da diese durch ihre Strukturen eine direkte Bürgerbeteiligung verhinderten, bekämpften andererseits aber auch die Einführung des kommerziellen Privatfunks. In einer zeitgenössischen Publikation hieß es dazu: »Die Leute, die momentan immer vorgeben, das ›Monopol brechen‹ zu wollen, haben folgendes im Sinne: Einmal versperrt das Monopol der Anstalten den Zugang zu einem neuen Markt (…) Zweitens und vielleicht schlimmer: Die Einbrüche, die es in den letzten Jahren durch kritische Sendungen in das Vorrecht/Monopol kapitalfreundlicher und bourgeoiser Meinungsäußerungen gegeben hat, sollen – soweit sie nicht inzwischen durch Zensur rückgängig gemacht werden konnten – durch ein neues wirkungsvolleres (da privatwirtschaftlich organisiertes) Meinungsmonopol aufgefangen werden.«⁹</p>
<p>Als Alternative entdeckte man den Betrieb eigener lokaler Rundfunkstationen für sich. Dabei ging es nicht mehr darum, als Selbstzweck ein paar Minuten auf Sendung zu gehen, um mit radikalen Durchsagen Post und Polizei zu ärgern. Vielmehr griffen die Initiatoren auf Brechts Radiotheorie zurück und träumten von »Freien Radios«, in denen der Unterschied zwischen Sendenden und Hörenden überwunden wäre.</p>
<h3>»Freies Radio« im Dreyeckland</h3>
<p>Eine besondere Mischung aus geographischen und politischen Gegebenheiten sorgte dafür, dass das bis heute wohl wichtigste »Freie Radio« nicht etwa in Westberlin, Hamburg oder Frankfurt am Main in Betrieb ging, sondern in der idyllischen Landschaft des Dreiländerecks von Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Am 4. Juni 1977 meldete sich nach vorheriger Ankündigung pünktlich um 19.45 Uhr erstmals <em>Radio Verte Fessenheim</em> als Stimme der Gegner des Atomkraftwerks Fessenheim, dessen erster Reaktor trotz erbitterten Widerstands kurz zuvor in Betrieb genommen worden war. Als Reaktion darauf hatten Aktivistinnen und Aktivisten aus Frankreich, der Bundesrepublik und der Schweiz bei Heiteren den Platz um einen Strommast besetzt. Obwohl der kleine Sender nur wenige Kilometer weit reichte, sorgte die zwölfminütige Sendung für großes Aufsehen.¹⁰</p>
<p>Es blieb nicht bei der einen Sendung. Innerhalb weniger Monate entstand ein dreisprachiges internationales Projekt mit regelmäßigen Sendungen in deutscher, französischer und alemannischer Sprache. Aus dem kleinen Piratensender der Atomkraftgegner entwickelte sich ein ganzes Netzwerk einzelner Stationen in den verschiedenen Regionen des Dreiländerecks. 1979 wurde in Freiburg die »Antenne Freiburg, Kaiserstuhl und Markgräflerland« gegründet, die neben dem dreisprachigen Gemeinschaftsprogramm auch eigene Sendungen ausstrahlte, immer gejagt von der deutschen und französischen Polizei. Michael Karthäuser, einer der Radioaktiven der ersten Zeit, berichtete 2017 im Gespräch mit dem <em>Deutschlandfunk</em> über diese Jahre: »Das Sendeteam ist in der Regel auf einen höher gelegenen Berg im Schwarzwald oder im Kaiserstuhl gewandert. Und wenn man dann oben war und hatte den freien Blick über das Rheintal und Freiburg, dann konnte man sicher sein, das ist ein guter Sendestandort. Und wir hatten über ein Dutzend solcher Sendestandorte, die abwechselnd benutzt wurden. Und es hatte ja auch was Abenteuerliches. Das Sendeteam hatte oft ein Fernglas dabei. Und wenn man dann auf der Passhöhe einen VW-Bus gesehen hat, mit einer sperrigen Antenne drauf, dann konnte man sicher sein, das ist der Peilwagen von der Post. Und dann war es an der Zeit, die Sendung zu beenden und den Rucksacksender und sich selbst in Sicherheit zu bringen.«¹¹</p>
<p>Nachdem die französische Polizei noch im Oktober 1980 die Ableger von <em>Radio Verte Fessenheim</em> im Elsass mit Razzien überzogen hatte, änderte sich die Situation für das Netzwerk, als im Mai 1981 François Mitterrand die Präsidentschaftswahlen in Frankreich gewann. Die französischen Sozialisten hatten sich angesichts der ungehemmten Wahlkampfpropaganda für die Konservativen im staatlichen Rundfunk selbst gezwungen gesehen, nahe Paris einen Piratensender zu installieren. Bei einer Sendung wurde das Studio von der Polizei umstellt und auch Mitterrand selbst festgenommen. Nach seinem Einzug in den Élysée-Palast musste sich der neue Präsident nun selbst amnestieren und ordnete an, die Verfolgung der illegalen Sender bis zur Verabschiedung eines neuen Mediengesetzes einzustellen.¹²</p>
<p>Für <em>Radio Dreyeckland</em> (<em>RDL</em>), wie sich <em>Radio Verte</em> inzwischen nannte, bedeutete das, dass auf der französischen Seite der Grenze nun ganz offen Studios eingerichtet werden konnten. Auch für die »Badische Antenne« eröffnete das neue Möglichkeiten. Den Nachstellungen der deutschen Polizei und Bundespost entging man, indem man auf die französische Seite der Grenze auswich und begann, die Sendungen von den Vogesen aus zu verbreiten. Ab 1982 nahm man Livesendungen aus einem eigenen Studio in Colmar auf, ab 1984 sendete man täglich, forderte zugleich aber die Erteilung einer legalen Sendelizenz für <em>RDL</em>. Während 1985 im baden-württembergischen Landtag über ein neues Landesmediengesetz zur Zulassung von privatem Rundfunk beraten wurde, veranstaltete <em>Radio Dreyeckland</em> seinen »Radiofrühling«. Man verzichtete auf das sichere Exil und sendete vom Grethergelände aus, einem bis heute bestehenden alternativen Wohnprojekt in Freiburg. Der Polizei gelang es trotz wiederholter Großeinsätze nicht, die Anlagen zu beschlagnahmen. Tausende Menschen demonstrierten gegen die Repression und für ihren Sender: »Kein Kommerz auf Megahertz!«</p>
<p>Die Einführung des Kommerzrundfunks konnte die Bewegung zwar nicht verhindern, doch seit 1988 sendet <em>Radio Dreyeckland</em> legal auf UKW 102,3 MHz (und inzwischen auch im Internet auf <a href="http://www.rdl.de/" target="_blank" rel="noopener">www.rdl.de</a>). Bis heute sind die Wurzeln spürbar, hört sich <em>RDL</em> anders an als das gewöhnliche Gedudel. So sendet man am Sonnabend tagsüber durchgehend fremdsprachige Sendungen, etwa »La Voix du Sud« auf französisch und arabisch, »Ech, Ajda« auf russisch oder »Aria Fritta« auf italienisch.¹³ Und auch der Staatsmacht ist <em>Radio Dreyeckland</em> noch immer ein Dorn im Auge. Am 17. Januar 2023 wurden die Studios des Senders sowie die Privatwohnungen von zwei Mitarbeitern von der Polizei durchsucht. Anlass war eine bereits Monate zuvor auf der Homepage von <em>Radio Dreyeckland</em> veröffentlichten Meldung über die Einstellung eines Ermittlungsverfahrens im Zusammenhang mit dem 2017 ausgesprochenen Verbot der Internetplattform »Linksunten Indymedia«.</p>
<h3>Aktionsradios</h3>
<p>Die Geschichte von <em>Radio Dreyeckland</em> blieb eine Ausnahme in der Mediengeschichte der Bundesrepublik. Zwar entstanden Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre Dutzende politische Piratensender, doch fast alle »Freien Radios« – etwa <em>Radio Zebra</em> in Bremen, <em>Radio Pflasterstein</em> in Göttingen oder <em>Radio Isnogud</em> in Frankfurt am Main – mussten sich auf kurze Sendungen aus dem Untergrund beschränken. Die Sendungen wurden auf Plakaten, Flugzetteln oder in alternativen Lokalzeitung angekündigt und dauerten selten länger als 15 Minuten. Trotzdem hieß es 1981 im <em>Spiegel</em> anerkennend: »Kein Zweifel: So, wie die alternative Szene sich eine eigene Presse mit zusammengerechnet Millionenauflage geschaffen hat, so hat sich die gegen die bürgerlichen Medien abgeschottete Gegenwelt der Groß- und Universitätsstädte ein eigenes elektronisches Kommunikationsnetz geschaffen.«¹⁴</p>
<p>Besondere Bedeutung gewannen die »Freien Radios« vor allem, wenn sie bei Großaktionen die Medienblockade durchbrechen konnten. Als »Lebensversicherung« bezeichneten Aktivisten zum Beispiel die Sendung von <em>Radio Freies Wendland</em>, das am 4. Juni 1980 stundenlang live und unzensiert von der Räumung des Hüttendorfs am »Bohrloch 1004« bei Gorleben in Niedersachsen berichtete. Ziemlich genau einen Monat zuvor hatten Tausende Atomkraftgegner auf dem Gelände ein Hüttendorf errichtet, um gegen den geplanten Bau eines Endlagers für Atommüll zu protestieren, und die »Freie Republik Wendland« ausgerufen.</p>
<p>In den etablierten Medien herrschte die Sichtweise der Regierenden vor, die wie Niedersachsens damaliger Innenminister Egbert Möcklinghoff (CDU) sogar von »Hochverrat« sprachen. Trotzdem war auch der <em>NDR</em> nicht wohlgelitten, als sich die Staatsmacht zum Angriff auf das Hüttendorf anschickte. Der Reporter, der live im Radio berichten sollte, wurde des Platzes verwiesen – »Anweisung von oben«. So wurde der Piratensender zur einzigen Stimme, die direkt von der Räumung berichten konnte. Neun Stunden lang übertrug man das Vorrücken der Uniformierten, während sich die Besetzer wegtragen ließen. Auf UKW hört der ganze Landkreis: »Die Leute, die abgeräumt werden, machen gar nichts und werden trotzdem zusammengetreten. (…) Es ist ein Wunder, dass sich der Rest noch an die Abmachung hält und nicht zurückschlägt, keinen Widerstand leistet.« Kurz vor Ende der Polizeiaktion kündigte ein Sprecher auf <em>Radio Freies Wendland</em> an, man müsse jetzt das Mikrofon vergraben und die Sendung abbrechen: »Der Kampf geht weiter!«¹⁵</p>
<p>Sieben Jahre später war es <em>Radio Hafenstraße</em>, das in Hamburg über mehrere Tage hinweg aus den hinter Barrikaden verschanzten Häusern sendete, deren Räumung der Senat anstrebte. Am 31. Oktober 1987, während Tausende Menschen für den Erhalt des Wohnprojektes demonstrierten, ertönte auf UKW der eindrucksvolle Jingle: Möwengeschrei, das Signalhorn eines Schiffes, Schüsse, dann die ersten Takte der »Internationale« – und die Ansage: »<em>Radio Hafenstraße</em> auf 96,8 MHz. Wir sind ein neuer freier Sender. Wir nehmen uns das Recht, öffentlich unsere Meinung zu sagen und uns darzustellen. (…) Mit <em>Radio Hafenstraße</em> setzen wir den täglichen Falschmeldungen und Lügen unsere Stimme entgegen.« Das sei ein »neuer Schritt in der Geschichte der freien Radios in Hamburg«, weil man einen fest installierten Sender habe und damit in der Lage sei, »ohne Ende zu senden«.¹⁶</p>
<p>Zunächst funkte man abends zwischen 18 und 22 Uhr, weitete den Betrieb aber schon nach wenigen Tagen auf rund um die Uhr aus. Das Programm bestand zunächst aus fast pausenlos gesendetem Punkrock, gerne in der härtesten Variante, nur selten unterbrochen von Parolen und kurzen Durchsagen. Allmählich entwickelte sich jedoch ein hörbares Programm, das in der alternativen Szene der Hansestadt populär wurde. Taxifahrer schalteten auf <em>Radio Hafenstraße</em>, um die gemeldeten Polizeisperren zu umfahren. Initiativen reichten Kassetten mit eigenen Beiträgen ein, die über den Sender verbreitet wurden, zum Beispiel über die Situation der politischen Gefangenen, den Freiheitskampf in Namibia oder andere Themen. »Wer schnell und umfassend über die Lage in der Hafenstraße informiert sein wollte, war beim privat-illegalen Rundfunk besser bedient als beim öffentlich-rechtlichen«, notierte der <em>Spiegel</em> am 22. November 1987 anerkennend. »Aus dem lärmenden Punk-Funk hatte sich allmählich ein Full-Service-Programm entwickelt.«¹⁷</p>
<p>Als am 6. November 1987 der englische Prinz Charles nebst Gemahlin seinen Besuch in der Hansestadt für eine Hafenrundfahrt nutzte, wurde er vom Dach der Häuser aus mit Leuchtkugeln und einem Transparent zur Solidarität mit der IRA begrüßt.¹⁸ <em>Radio Hafenstraße</em> spielte nordirische Protestlieder und kommentierte: »Heute war, von vielen seit Monaten erwartet, das englische aristokratische Vorzeigepaar Charles und Di in Hamburg. Typisch ist dabei vor allem gewesen, dass die Medien aus den beiden wieder einmal ein reines Heile-Welt-Symbol gemacht haben. (…) Weder werden sie als das gezeigt, was sie sind, nämlich die Repräsentanten eines zerrütteten ehemaligen aristokratischen Systems, noch geht irgendwer darauf ein, was die Bewohner Großbritanniens zu ihrem – in Tüddelchen – ›Traumpaar‹ sowie ihrer Regierung sagen. Wir haben heute versucht, dieser Oberflächlichkeit etwas entgegenzusetzen.«¹⁹</p>
<p>Nur noch ein »Wunder«, befürchteten damals viele, könnte in der aufgeheizten Situation angesichts der angedrohten Räumung eine brutale Straßenschlacht verhindern. Bei einer Räumung durch die Polizei und dem zu erwartenden Widerstand konnten auch Tote nicht ausgeschlossen werden. In dieser Situation zeigte Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) Größe und gab den Bewohnerinnen und Bewohnern am 16. November 1987 erstmals eine verbindliche Zusage (»Ich verpfände mein Amt«), mit ihnen einen Vertrag zu unterzeichnen, wenn bis zum folgenden Tag um 14 Uhr die Barrikaden beseitigt und noch einmal 24 Stunden später »die volle Zugänglichkeit der Häuser« hergestellt sei. Die Bewohner akzeptierten das Ultimatum und riefen dazu auf, dass möglichst viele Menschen anstelle der Barrikaden die Häuser schützen sollten.²⁰ <em>Radio Hafenstraße</em> mobilisierte die Abbauhelfer: »Es tut uns zwar sehr leid, aber es ist ein Plenumsbeschluss (…). Unsere wunderschönen Barrikaden sollen jetzt einfach mal abgebaut werden. Igitt!«²¹</p>
<p>Entsprechend der Vereinbarung zwischen Senat und Bewohnern stellten ein Architekt und ein Beauftragter des Senats am 19. November 1987 die »Begehbarkeit« der Wohnungen fest. Unmittelbar danach durchsuchten Staatsanwaltschaft und politische Polizei die Häuser. Den Sender fanden sie nicht. <em>Radio Hafenstraße</em> hatte in der Nacht zuvor den Betrieb mit einem »Gruß an den FC St. Pauli« eingestellt. Ein größeres Comeback feierte der Piratensender noch einmal im Mai 1989, als während des 800. Hamburger Hafengeburtstages eine große Polizeiaktion in den Häusern unwahrscheinlich war. Rund eine Woche lang sendete man Musik und berichtete von Aktionen, bevor man rechtzeitig vor Ende des Trubels wieder abschaltete.</p>
<p>Heute verzeichnet der Bundesverband Freies Radios (BFR) knapp drei Dutzend legal arbeitende Stationen als Mitglied. Neben <em>Radio Drey­eckland</em> und <em>FSK</em> aus Hamburg gehören dazu etwa <em>Radio Z</em> aus Nürnberg, <em>Radio Lora</em> aus München oder <em>Radio Corax</em> aus Halle.²² Viele von ihnen stellen ihre Sendungen auf dem gemeinsamen Onlineportal <a href="http://www.freie-radios.net/" target="_blank" rel="noopener">freie-radios.net</a> zum Download und zur Übernahme auf gleichgesinnten Sendern zur Verfügung. Die Nutzungsbedingung entspricht der Tradition der Bewegung: »Hier darf jedeR stets hören und staunen, mit einer Einschränkung: Die kommerzielle Verwertung der Beiträge ist – auch in Auszügen – untersagt!«²³</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Deutscher Bundestag — 5. Wahlperiode — 225. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 27. März 1969, S. 12429; <a href="http://dserver.bundestag.de/btp/05/05225.pdf" target="_blank" rel="noopener">dserver.bundestag.de/btp/05/05225.pdf</a></p>
<p>2 Wolfgang Kraushaar: Die blinden Flecken der 68er-Bewegung. Stuttgart 2018, S. 415</p>
<p>3 »Bommi« Baumann: Wie alles anfing. Frankfurt am Main 1977, S. 72</p>
<p>4 Ulf Schönert: Vom »auditorium« zum »Zentralblatt für den Ausbildungssektor« (ZAS): Die Öffentlichkeitsarbeit des Allgemeinen Studentenausschusses der Universität Hamburg 1960–1970. Hamburg 1996, S. 96; <a href="http://sds-apo68hh.de/wp-content/uploads/2021/01/Magisterarbeit-Scho%CC%88nert-1.pdf" target="_blank" rel="noopener">sds-apo68hh.de/wp-content/uploads/2021/01/Magisterarbeit-Scho%CC%88nert-1.pdf</a></p>
<p>5 Vgl. Petra Fischer: Wandel öffentlich-rechtlicher Institutionen im Kontext historisch-politischer Ereignisse am Beispiel des <em>Senders Freies Berlin</em>. Berlin 2007, S. 248 ff.; <a href="https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/8626" target="_blank" rel="noopener">refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/8626</a></p>
<p>6 Flusslandschaft 1972: Stadtviertel; <a href="http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/491" target="_blank" rel="noopener">protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/491</a></p>
<p>7 Strauß attackiert das Rundfunkgesetz – Das »Volksbegehren Rundfunkfreiheit«; <a href="http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/1951" target="_blank" rel="noopener">protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/1951</a></p>
<p>8 Bettina Hasselbring: Die Novellierung des Bayerischen Rundfunkgesetzes 1972 und seine Folgen; <a href="http://www.br.de/unternehmen/inhalt/organisation/geschichte-des-br/1972-novellierung-bayerisches-rundfunkgesetz-100.html" target="_blank" rel="noopener">www.br.de/unternehmen/inhalt/organisation/geschichte-des-br/1972-novellierung-bayerisches-rundfunkgesetz-100.html</a></p>
<p>9 Christoph Busch, Freundeskreis Freie Radios Münster: Was Sie schon immer über Freie Radios wissen wollten, aber nie zu fragen wagten! Münster 1981, S.356 f.</p>
<p>10 Karlheinz Grieger, Ursi Kollert, Markus Barnay: Zum Beispiel <em>Radio Dreyeckland</em>. Freiburg 1987, S. 18</p>
<p>11 Philipp Schnee: <em>Radio Dreyeckland</em> – Das freie Radio als sozialer Ort; <em>Deutschlandfunk Kultur</em>, Podcast Länderreport, 30. Mai 2017; <a href="http://www.deutschlandfunkkultur.de/radio-dreyeckland-das-freie-radio-als-sozialer-ort-100.html" target="_blank" rel="noopener">www.deutschlandfunkkultur.de/radio-dreyeckland-das-freie-radio-als-sozialer-ort-100.html</a></p>
<p>12 Karlheinz Grieger, Ursi Kollert, Markus Barnay, a. a. O., S. 39</p>
<p>13 <a href="https://rdl.de/programm" target="_blank" rel="noopener">rdl.de/programm</a></p>
<p>14 »Mia bracha a freis Radio«; in: <em>Der Spiegel</em>, Nr. 22/1981; <a href="http://www.spiegel.de/kultur/mia-bracha-a-freis-radio-a-1c38e09d-0002-0001-0000-000014334567" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/kultur/mia-bracha-a-freis-radio-a-1c38e09d-0002-0001-0000-000014334567</a></p>
<p>15 Vgl. André Scheer: Piratensender als Zeitzeuge; in: <em>junge Welt</em>, 4. Juni 2020; <a href="http://www.jungewelt.de/artikel/379573.gegen%C3%B6ffentlichkeit-piratensender-als-zeitzeuge.html" target="_blank" rel="noopener">www.jungewelt.de/artikel/379573.gegen%C3%B6ffentlichkeit-piratensender-als-zeitzeuge.html</a></p>
<p>16 <a href="http://www.youtube.com/watch?v=f5ic8P-E40w" target="_blank" rel="noopener">www.youtube.com/watch?v=f5ic8P-E40w</a></p>
<p>17 »Hönkel, Grummel, Hönkel, Grummel«; in: <em>Der Spiegel</em>, Nr. 48/1987; <a href="http://www.spiegel.de/politik/hoenkel-grummel-hoenkel-grummel-a-0f3f592b-0002-0001-0000-000013526731" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/politik/hoenkel-grummel-hoenkel-grummel-a-0f3f592b-0002-0001-0000-000013526731</a></p>
<p>18 Oliver Klebb: Als Charles und Diana Hamburg besuchten; <a href="http://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Als-Charles-und-Diana-Hamburg-besuchten,charlesdianahamburg113.html" target="_blank" rel="noopener">www.ndr.de/geschichte/chronologie/Als-Charles-und-Diana-Hamburg-besuchten,charlesdianahamburg113.html</a></p>
<p>19 Hier spricht <em>Radio Hafenstraße</em> – Freies Radio in Hamburg, November 1987. Göttingen 1987, S. 19</p>
<p>20 Chronologie der Hafenstraße; <a href="http://www.nadir.org/nadir/archiv/Haeuserkampf/Hafenstrasse/doku.html" target="_blank" rel="noopener">www.nadir.org/nadir/archiv/Haeuserkampf/Hafenstrasse/doku.html</a></p>
<p>21 Hier spricht <em>Radio Hafenstraße</em>, a. a. O., S. 29</p>
<p>22 <a href="http://www.freie-radios.de/radios.html" target="_blank" rel="noopener">www.freie-radios.de/radios.html</a></p>
<p>23 <a href="http://www.freie-radios.net/" target="_blank" rel="noopener">www.freie-radios.net</a></p>
<p>Erschienen am 13. September 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/458952.rundfunkgeschichte-kein-kommerz-auf-megahertz.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>»Links von Bonn«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/links-von-bonn/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Aug 2023 15:14:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Freiheitssender 904]]></category>
		<category><![CDATA[KPD]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 9: Nach dem Verbot der KPD 1956 wurde der[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 9: Nach dem Verbot der KPD 1956 wurde der Deutsche Freiheitssender 904 die Stimme der illegalen Partei</strong></p>
<p>Während CDU/CSU, SPD und FDP in Westdeutschland in den 1950er Jahren lautstark die Unterdrückung Andersdenkender in der »Sowjetzone« – der DDR – beklagten, wurden systemoppositionelle Kräfte in der Bundesrepublik verfolgt und in den Untergrund gedrängt. Am 17. August 1956 erklärten die Richter des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe auf Antrag der Bundesregierung die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) für verfassungswidrig und aufgelöst. Es folgten Razzien in den Büros der Partei, Zeitungen und Druckereien wurden geschlossen, das Vermögen der KPD beschlagnahmt.</p>
<p>In einer Erklärung verurteilte der Parteivorstand der nun verbotenen Kommunisten den Schlag gegen die Organisation: »Das Urteil gegen die KPD ist gesprochen im Namen der deutschen Konzernherren, der Militaristen und der amerikanischen Hochfinanz. Das Volk wird das Urteil gegen die KPD niemals anerkennen, weil es gegen Frieden, Freiheit und nationale Wiedervereinigung gerichtet ist.«¹</p>
<h3>Neue Stimme auf Mittelwelle</h3>
<p>Die Erklärung wurde zwar von den Medien der DDR verbreitet, im Westen jedoch nahezu totgeschwiegen. Die Zeitungen der KPD waren bereits mundtot gemacht worden, das Verteilen des Statements als Flugblatt praktisch unmöglich. Da meldete sich am Abend des 17. August, nur wenige Stunden nach dem Verbot, auf Mittelwelle eine neue Stimme der nun illegalen Partei: »Der <em>Deutsche Freiheitssender 904</em> gibt nun der Kommunistischen Partei Deutschlands das Wort. Sie hören eine Erklärung des Parteivorstandes der KPD aus Düsseldorf.«</p>
<p>In der Stellungnahme hieß es dann weiter: »Die KPD lebt, und sie wird in der ersten Reihe der Arbeiterklasse und des Volkes stehen, wenn die Ära Adenauer längst dahin ist. Die KPD ist noch immer im Kampf gewachsen. Sie wird sich auch in diesem Kampf stärken. Wer heute die Kommunisten verurteilt, den wird morgen das Volk verurteilen.« Der <em>Freiheitssender</em> untermauerte diese Drohung recht martialisch. Man nannte die Namen der für das Verbot Verantwortlichen, und hinter jedem Namen folgte ein Tonausschnitt aus der Urteilsverkündung im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1946: »… zum Tode durch den Strang«.²</p>
<p>Wann genau sich die Idee der Schaffung eines eigenen Geheimsenders für die KPD konkretisiert hatte, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die Planungen scheinen erst wenige Wochen oder Monate vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aufgenommen worden zu sein. Achim Becker und Hans Canjé, beide ehemalige Mitarbeiter des <em>Freiheitssenders</em>, schrieben 2006 in einem Beitrag für die <em>junge Welt</em>, dass das Politbüro der SED erst am 14. August 1956 – also drei Tage vor dem Verbot – beschlossen habe, »eine besondere Sendestation nach Westdeutschland mit dem Namen <em>Deutscher Freiheitssender 904</em>« einzurichten.³ Aus dem im Bundesarchiv liegenden Protokoll der damaligen Sitzung geht dieser Beschluss nicht hervor. Dort findet sich allerdings mit Berufung auf ein nicht auffindbares Papier die Formulierung »Die Vorlage über die Maßnahmen der KPD wird gutgeheißen«.⁴</p>
<p>Chefredakteur von <em>904</em> wurde der 1915 in Hamburg geborene Heinz Priess. Er hatte im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939 in den Reihen der Internationalen Brigaden gegen den Faschismus gekämpft und war ab Juli 1937 Kommissar des Hans-Beimler-Bataillons gewesen. Nach der Niederlage der Spanischen Republik war er nach Frankreich geflohen und hatte sich im Süden des Landes der Résistance gegen die deutschen Besatzer angeschlossen. Im Oktober 1945 kehrte er nach Hamburg zurück und wurde Chefredakteur der <em>Hamburger Volkszeitung</em>, bis er im Juli 1951 in die DDR übersiedelte. Nach mehreren vorhergehenden Stationen war er bis Mai 1956 Intendant des <em>Deutschlandsenders</em>. Am 30. Mai 1956 beschloss das SED-Politbüro dann eine »Veränderung des Kollegiums des Staatlichen Rundfunkkomitees«, für das anstelle von Priess Willy Perk als Intendant angegeben wurde.⁵</p>
<p>Priess selbst wurde aber offenbar erst Anfang August 1956 von Hermann Matern über seine neue konspirative Aufgabe informiert. Dieser habe ihn, schrieb Priess in seiner Autobiographie, in das Zentralkomitee der SED bestellt und erklärt, das zu erwartende Verbot der KPD, »elf Jahre nach Beendigung des Naziregimes«, müsse auch als Schlag gegen die DDR gewertet werden und erfordere deshalb die Klassensolidarität mit den Genossen der KPD in der BRD. Der wichtigste Punkt sei dabei die Ersetzung der Propaganda und Agitation vor Ort durch einen konspirativen Sender. Priess solle sich deshalb bei der Abteilung Agitation der Westabteilung einfinden. Dort beauftragte Max Spangenberg, wie Priess ein ehemaliger Spanienkämpfer und Leiter des Arbeitsbüros der Westkommission des SED-Politbüros, seinen Genossen, eine Redaktion und ein Sendeschema für den <em>Freiheitssender</em> zusammenzustellen. Priess dachte laut eigener Erinnerung daraufhin »sofort« an den <em>Soldatensender Calais</em>, einen britischen Schwarzsender, der im Zweiten Weltkrieg vorgegeben hatte, von den Deutschen betrieben zu werden, und mit moderner Musik sowie für damalige Verhältnisse frecher Moderation große Wirkung erzielt hatte.⁶</p>
<h3>Der Reiz des Verbotenen</h3>
<p>Das Rezept ging auch im Kalten Krieg auf. »Da haben wir uns eine schlimme Sache eingebrockt; der Sender ist für die da drüben mehr wert als die ganze KPD«, zitierte die Hamburger Wochenzeitung <em>Die Zeit</em> rund drei Wochen nach dem Start von <em>904</em> einen namentlich nicht genannten sozialdemokratischen Gewerkschaftsfunktionär. Das Blatt weiter: »Dass die Station überhaupt in Erscheinung treten konnte, ist eine der bedauerlichen Folgen des KPD-Verbotes.«⁷ Und 1971 kommentierte die Wochenzeitung rückblickend: »Die Programme, in modischer Magazinform, waren pfiffig gemacht. Die musikalische Verpackung (…) war hervorragend (Typ <em>Radio Luxemburg</em>), und nicht zuletzt deshalb hatte der <em>Freiheitssender</em> eine ganz respektable Hörergemeinde. Ein wenig politisches Indianerspiel wurde auch mitgeliefert. Angebliche oder wirkliche Reportagesendungen aus der Bundesrepublik wurden mit dem Hinweis unterbrochen, der Reporter müsse verschwinden, weil die Polizei hinter ihm her sei.«⁸</p>
<p>Neben der flotten Musik war es dieser Reiz des Verbotenen, der viele vor allem junge Menschen den Sender einschalten ließ. <em>904</em> versuchte den Eindruck zu erwecken, aus dem Untergrund in Westdeutschland zu arbeiten, als »der einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht«. Unter Berufung auf eine Notiz der <em>Süddeutschen Zeitung</em> meldete etwa das <em>Neue Deutschland</em> am 10. November 1956 unter der Überschrift »Bonn sucht <em>Freiheitssender 904</em>«, der Verfassungsschutz fahnde nach den illegalen Funkern: »Der Sender führe seine Tätigkeit im ›Raum von Hannover‹ durch, sei jedoch ein ›fliegender Sender‹, heißt es in der Zeitung.«⁹ Auch im Programm selber war gerne mal die Rede davon, dass man »unter schwierigsten Bedingungen« sende oder der Polizei ausweichen müsse. Wo der Standort sei? »Links von Bonn!«¹⁰</p>
<p>Natürlich hatte die Bundespost mit ihren Peilwagen keine Mühe, den wirklichen Standort jenseits der deutsch-deutschen Grenze zu ermitteln. So wusste man in Bonn bald, dass <em>904</em> von Burg bei Magdeburg aus sendete. Wie aus dem Betriebstagebuch des Senders hervorgeht, teilte man sich die Antenne zunächst mit dem sowjetischen Soldatensender <em>Radio Wolga</em>, der sein Programm auf der Mittelwelle 782 Kilohertz verbreitete. Bevor sich <em>904</em> meldete, musste die Anlage deshalb auf die neue Frequenz um- und anschließend wieder zurückgestellt werden. Der <em>Freiheitssender</em> konnte auch auf Grund solcher Einschränkungen seine Sendezeit nicht beliebig ausdehnen und beschränkte sich zunächst auf zwei einstündige Abendsendungen um 20 und um 22 Uhr, bald kam noch eine Morgensendung hinzu.</p>
<p>Eine weitere Besonderheit des <em>Freiheitssenders</em> waren merkwürdige Kurzmeldungen, die in das Programm eingestreut wurden, etwa: »Wir rufen den Stellvertreter von Drosselbart. Die Karawane trifft zwei Stunden früher ein. Besondere Maßnahmen nicht erforderlich. Ende der Durchsage.« Lange wurde bei Freund und Feind gerätselt, ob sich diese verschlüsselten Durchsagen tatsächlich an illegale Strukturen der KPD richteten, oder vielmehr ein Werbegag waren. Inzwischen ist nach den Aussagen ehemaliger Beteiligter klar, dass die sogenannten Eidechsen ein reines Stilmittel waren, um die Konzeption des Senders als Geheimsender zu unterstützen. War es wirklich einmal notwendig, Genossinnen oder Genossen in der BRD zu warnen, zum Beispiel weil Informationen über bevorstehende Razzien durchgesickert waren, wurden diese Informationen der Wichtigkeit wegen am Anfang der Sendung plaziert.¹¹</p>
<p>Trotz solcher eher lustigen Abenteuerspiele war die Konspiration rund um den <em>Freiheitssender</em> notwendig, denn manche der Mitarbeiter reisten wiederholt in die Bundesrepublik, um dort zu recherchieren. Wurden sie enttarnt, drohten lange Haftstrafen. So wurde Hans Canjé am 19. September 1962 in Düsseldorf verhaftet und nach 13monatiger Untersuchungshaft am 31. Oktober 1963 vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, die er fast vollständig absitzen musste. In der Begründung werteten die Richter seine Arbeit für den <em>Freiheitssender</em> als »Zuwiderhandlung gegen das Verbot der KPD in Tateinheit mit Rädelsführerschaft in einer verfassungsfeindlichen Vereinigung (…) in Tateinheit mit in verfassungsfeindlicher Absicht begangene Beschimpfung der Bundesrepublik«.¹²</p>
<p>Die Redakteure mussten also häufig auf erfundene Reportagen zurückgreifen, bei denen sie nur vorgaben, in der Bundesrepublik unterwegs zu sein. Das klang dann etwa so: »Als ich gestern Nachmittag im Hamburger Stadtpark auf einer Bank ein wenig vom Getriebe der Stadt verschnaufen wollte, kam ich mit einem vielleicht 20jährigen – wie sich später herausstellte – Motorenschlosser ins Gespräch. Wir unterhielten uns gerade über die Vor- und Nachteile seiner ziemlich neuen DKW-Maschine, als ein Unteroffizier und ein Gefreiter in Bundeswehruniform an uns vorübergingen.«¹³</p>
<p>Doch schon das reine Hören des <em>Freiheitssenders</em> konnte gefährlich sein. Am 4. Februar 1963 meldete die Nachrichtenagentur <em>ADN</em>, ein Soldat der Bundeswehr sei zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er den <em>904</em> gehört habe. Ein entsprechendes Urteil des Landgerichts Braunschweig sei vom Bundesgerichtshof bestätigt worden.¹⁴</p>
<h3>Enthüllungsradio</h3>
<p>Tatsächlich verfügte der Sender jedoch über viele Informationen, deren Quellen im Westen regelmäßig für Unruhe sorgten. So enthüllte <em>904</em> im März 1961, dass »einer der übelsten Komplizen Eichmanns, der SS-Standartenführer Kurt Becher, ungeschoren in Köln« lebe. Anlass war ein Artikel des in Frankfurt am Main lebenden linkszionistischen Schriftstellers Joel Brand, der 1961 als Zeuge im Eichmann-Prozess in Jerusalem aussagte und in einem Beitrag für die westdeutsche Zeitschrift <em>Revue</em> Becher als einen der Hauptschuldigen an der Judenverfolgung genannt hatte. Heute sei dieser Kurt Becher Chef einer Kölner Handelsgesellschaft und lebe unter dem Schutz der Regierung, so <em>904</em> weiter. »Sollen wir uns vielleicht an die Kriminalpolizei der Stadt Köln wenden, dass sie den Standartenführer Kurt Becher verhaftet? Urteilen Sie selbst: Chef der Kölner Kriminalpolizei ist Karl Kiehne, SS-Sturmbannführer, sein Vertreter Wilhelm Hucko, SS-Sturmbannführer. (…) Sollen wir den Teufel bei seiner eigenen Sippschaft anzeigen?«¹⁵ Die Onlineenzyklopädie Wikipedia notiert, Becher habe zuletzt in Bremen gewohnt »und starb 1995 im Alter von 86 Jahren als reicher Mann, ohne je für seine Taten vor Gericht gestanden zu haben«.¹⁶</p>
<p>Auch in der <em>Spiegel</em>-Affäre 1962 spielte der <em>Freiheitssender</em> eine gewisse Rolle. Im Oktober des Jahres hatte die Polizei als Reaktion auf einen Artikel über die Lage der Bundeswehr wegen des Vorwurfs des »Landesverrats« die Redaktionsräume des Hamburger Nachrichtenmagazins besetzt und mehrere Redakteure verhaftet. In der Bundestagsdebatte über diese Vorgänge am 8. November 1962 fragte der FDP-Abgeordnete Oswald Kohut den damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), ob er »gewillt und in der Lage« sei, ein Gerücht zu dementieren, dass der Mann, der im Verteidigungsministerium das den Ermittlungen des Generalbundesanwalts und der Polizeiaktion zugrundeliegende Gutachten erstellt hatte, »früher einen hohen SS-Rang bekleidet« habe.¹⁷ Strauß reagierte cholerisch auf die Frage und weigerte sich, sie zu beantworten. Am folgenden Tag griff er das Thema auf und versuchte, sich vor seinen Angestellten zu stellen: »Wenn auf Gutachter nun in Form einer solchen Gerüchtewelle ein terrorisierender Einfluss ausgeübt wird, ist die Unbefangenheit in der Durchführung ihrer weiteren Amtspflichten nicht mehr gewährleistet. (…) Ich habe auch festgestellt, woher eine solche Behauptung stammen könnte. Wir haben umfangreiches Material geprüft. Wir sind dabei darauf gekommen, dass eine Propagandaquelle, nämlich der <em>Sender 904</em>, vor kurzem einen anderen Gutachter, einen Oberstleutnant, angegriffen, ihn als SS-Führer bezeichnet und dagegen Stellung genommen hat, dass ein solcher SS-Führer als Sachverständiger vor Gerichten aufgetreten sei. (…) Das scheint uns die Ursache dieser Quelle, die Ursache dieses Gerüchtes zu sein. Ich sage das deshalb, damit in Zukunft die Gerüchte auch auf ihre Quelle geprüft werden, bevor sie zum Gegenstand parlamentarischer Anfragen gemacht werden.«¹⁸</p>
<p>Für den <em>Freiheitssender</em> war das natürlich ein Grund zum Feiern. Noch am selben Abend kommentierte man auf <em>Welle 904</em>: »Sie, Herr Strauß, haben heute früh im Bundestag erklärt, die Enthüllungen des <em>Deutschen Freiheitssenders 904</em> wirkten bereits im Bundestag; die Anfrage des FDP-Abgeordneten Kohut über die SS-Zugehörigkeit des ›Gutachters‹ aus dem Kriegsministerium gegen den <em>Spiegel</em> stamme aus einer Veröffentlichung des <em>Deutschen Freiheitssenders</em>. Wir können Ihnen noch mehr bekanntgeben, Herr Kriegsminister Strauß: Vor 48 Stunden, am Mittwochabend, hat der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, Abgeordneter Döring, ausgesprochen, dass – während der ›Militärische Abschirmdienst‹ des Kriegsministeriums den <em>Spiegel</em> bespitzelte – ein anderer Geheimdienst der Bundesrepublik Material über Ihre Korruptions- und Skandalaffäre sammelte, Herr Strauß, und dem <em>Spiegel</em> zuspielte. Wir teilen Ihnen und dem ganzen Bundestag hiermit öffentlich mit: Es war das ›Bundesamt für Verfassungsschutz‹, das zu der Zeit, als der heutige Außenminister Dr. Gerhard Schröder noch Bundesinnenminister war, dieses Material sammelte und weiterleitete. Denn Herr Schröder will ebenso Sie als Konkurrenten um die Kanzlernachfolge abschießen wie Sie ihn.«¹⁹</p>
<h3>Das Ende der Maulwürfe</h3>
<p>Ab Ende der 1960er Jahre rückte dann noch einmal die Forderung nach Aufhebung des KPD-Verbotes in den Mittelpunkt der Sendungen. Daran hielt man auch fest, nachdem im September 1968 die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) gegründet worden war. Im April 1970 übertrug <em>904</em> ein Interview mit Erich Jungmann vom ZK der KPD. Er wies die Behauptung von SPD-Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Wischnewski zurück, dass das Problem des KPD-Verbotes gelöst sei, weil es ja jetzt eine DKP gebe: »Tatsache aber ist, dass das KPD-Verbot weiter existiert, dass auf Grund dieses Verbots jeder Polizist Kommunisten und andere fortschrittliche Kräfte verfolgen kann und dass, wenn das Verbot nicht beseitigt wird, morgen jede fortschrittliche Organisation oder Partei verboten werden kann.«²⁰</p>
<p>Der Bericht über das Interview war einer der letzten Artikel in der DDR-Presse, der sich auf den <em>Freiheitssender 904</em> bezog. Nach Mai 1970 lassen sich in den online zugänglichen Archiven keine Meldungen mit entsprechendem Bezug mehr auffinden. Auch als der Sender Ende September 1971 ohne vorherige Ankündigung den Betrieb einstellte, war das dem <em>Neuen Deutschland</em> keine Notiz mehr wert. Die entsprechenden Meldungen überließ man der Westpresse, etwa dem <em>Spiegel</em>, der am 10. Oktober 1971 unter der Überschrift »Ende der Maulwürfe?« mitteilte, dass der <em>Freiheitssender</em> nicht mehr zu empfangen sei: »Mit dem Sendeschluss, so vermuten westliche Geheimdienstler, will die DDR das Ende der verfassungswidrigen KPD signalisieren, deren Chef Max Reimann am 27. September Mitglied der (1968 gegründeten) Deutschen Kommunistischen Partei geworden ist.«²¹</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Parteivorstand der KPD: Die KPD lebt! Hinweg mit dem Verbot!; zit. nach: Josef Forschepoth: Eindeutig verfassungswidrig. Das Verbot der KPD war Ausdruck des Kalten Bürgerkriegs zwischen den beiden nach 1945 entstandenen deutschen Staaten; in: <em>junge Welt</em>, 11. September 2017, S. 12 f.; <a class="moz-txt-link-freetext" href="https://www.jungewelt.de/artikel/317987.eindeutig-verfassungswidrig.html">https://www.jungewelt.de/­artikel/317987.eindeutig-verfassungswidrig.html</a></p>
<p>2 Achim Becker und Hans Canjé: Nicht ohne Stimme; in: <em>junge Welt</em>, 21. August 2006, S. 10; <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/72313.nicht-ohne-stimme.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.jungewelt.de/artikel/72313.nicht-ohne-stimme.html</a></p>
<p>3 ebenda</p>
<p>4 Protokoll des Politbüros des Zentralkomitees der SED, 14. August 1956; in: Bundearchiv, DY 30/J IV 2/2/494; <a href="http://www.argus.bstu.bundesarchiv.de/dy30pbpr/mets/dy30pbpr_jIV2_2_0494/index.htm?target=midosaFraContent&amp;backlink=/dy30pbpr/index.htm-kid-b6a7fad3-46db-402e-9340-09662878d31a&amp;sign=DY%2030/J%20IV%202/2/494" target="_blank" rel="noopener">http://www.argus.bstu.bundesarchiv.de/dy30pbpr/mets/dy30pbpr_jIV2_2_0494/index.htm?target=midosaFraContent&amp;backlink=/dy30pbpr/index.htm-kid-b6a7fad3-46db-402e-9340-09662878d31a&amp;sign=DY%2030/J%20IV%202/2/494</a></p>
<p>5 Protokoll des Politbüros des Zentralkomitees der SED, 30. Mai 1956; in: Bundesarchiv DY 30/J IV 2/2/479; <a href="http://www.argus.bstu.bundesarchiv.de/dy30pbpr/mets/dy30pbpr_jIV2_2_0479/index.htm?target=midosaFraContent&amp;backlink=/dy30pbpr/index.htm-kid-8857bd5f-cd10-4f76-98a6-7d0144ce286b&amp;sign=DY%2030/J%20IV%202/2/479" target="_blank" rel="noopener">http://www.argus.bstu.bundesarchiv.de/dy30pbpr/mets/dy30pbpr_jIV2_2_0479/index.htm?target=midosaFraContent&amp;backlink=/dy30pbpr/index.htm-kid-8857bd5f-cd10-4f76-98a6-7d0144ce286b&amp;sign=DY%2030/J%20IV%202/2/479</a></p>
<p>6 Christian Senne: Der <em>Deutsche Freiheitssender 904</em>. Die »Stimme der KPD« von 1956–1971; Berlin 2003. S. 21ff.; <a href="https://www.dokufunk.org/upload/dsf_904.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://www.­dokufunk.org/upload/dsf_904.pdf</a></p>
<p>7 »Freiheitssender 904« – Propaganda nach bewährtem Rezept; in: <em>Die Zeit</em>, Nr. 36/1956 (6. September 1956); <a href="https://www.zeit.de/1956/36/freiheitssender-904/komplettansicht" target="_blank" rel="noopener">https://www.zeit.de/1956/36/freiheitssender-904/komplettansicht</a></p>
<p>8 Aufgehört zu miauen; in: <em>Die Zeit</em>, Nr. 2/1971 (15. Oktober 1971); <a href="https://www.zeit.de/1971/42/aufgehoert-zu-miauen" target="_blank" rel="noopener">https://www.zeit.de/1971/42/aufgehoert-zu-miauen</a></p>
<p>9 <em>Neues Deutschland</em>, 10. November 1956, S. 2</p>
<p>10 <a href="http://freiheitssender.radiohistory.de/" target="_blank" rel="noopener">http://freiheitssender.radiohistory.de</a></p>
<p>11 Christian Senne, a.a.O., S. 36</p>
<p>12 Dr. Seltsam: »Wir setzten auf die Gewalt des Wortes«. Gespräch mit Hans Canjé über die Arbeit beim <em>Deutschen Freiheitssender 904</em>; in: <em>junge Welt</em>, 26. August 2006, Wochenendbeilage S. 1; <a class="moz-txt-link-freetext" href="https://www.jungewelt.de/artikel/72604.wir-setzten-auf-die-gewalt-des-wortes.html">https://www.jungewelt.de/artikel/72604.wir-setzten-auf-die-gewalt-des-wortes.html</a></p>
<p>13 Zit. nach André Scheer und Christian Steffens: Roter Schwarzfunk. <em>Freiheitssender 904</em> und <em>Deutscher Soldatensender</em>. Zwei Instrumente der Rundfunkpropaganda der DDR im Kalten Krieg, Göttingen 1988</p>
<p>14 <em>Neues Deutschland</em>, 4. Februar 1963, S. 2; <em>Berliner Zeitung</em>, 4. Februar 1963, S. 2</p>
<p>15 Eichmanns Komplice lebt in Köln; in: <em>Neues Deutschland</em>, 13. März 1961, S. 2</p>
<p>16 <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Becher" target="_blank" rel="noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Becher</a></p>
<p>17 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 46. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. November 1962, S. 2024f.; <a href="https://dserver.bundestag.de/btp/04/04046.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://dserver.bundestag.de/btp/04/04046.pdf</a></p>
<p>18 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 47. Sitzung. Bonn, Freitag, den 9. November 1962, S. 2088f.; <a href="https://dserver.bundestag.de/btp/04/04047.pdf" target="_blank" rel="noopener">dserver.bundestag.de/btp/04/04047.pdf</a></p>
<p>19 Zit. nach: <em>Neues Deutschland</em>, 10. November 1962, S. 1</p>
<p>20 <em>Neues Deutschland</em>, 16. April 1970, S. 7</p>
<p>21 Ende der Maulwürfe? In: <em>Der Spiegel</em>, Nr. 42/1971; <a href="https://www.spiegel.de/politik/ende-der-maulwuerfe-a-ba354448-0002-0001-0000-000043278907" target="_blank" rel="noopener">https://www.spiegel.de/politik/ende-der-maulwuerfe-a-ba354448-0002-0001-0000-000043278907</a></p>
<p>Erschienen am 7. August 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/456355.rundfunkgeschichte-links-von-bonn.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Auftrag: Antikommunismus</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/auftrag-antikommunismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Aug 2023 15:22:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 8: Im Kalten Krieg funkten die Westsender in die[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 8: Im Kalten Krieg funkten die Westsender in die »Zone«. Die DDR sendete zurück</strong></p>
<p>Am 16. November 1946 erschien eine kleine Notiz in der <em>Berliner Zeitung.</em> Unter der Überschrift »Rundfunk contra Rundfunk« wurde angekündigt, dass sich die Mitarbeiter des <em>Berliner Rundfunks</em> am Sonnabend um 14.30 Uhr mit den Kollegen des <em>Rundfunks im amerikanischen Sektor</em> messen würden, und zwar als Fußballmannschaften. »Die lustige Note wird auch diesmal vorherrschend sein«, versicherte das Blatt.¹ Wie das Spiel ausging, wurde leider nicht übermittelt.</p>
<p>Kein Jahr später wäre ein solcher fröhlicher Wettstreit kaum noch vorstellbar gewesen. Gab es im April 1947 im <em>Neuen Deutschland</em> noch eine wohlwollende Rezension eines vom <em>RIAS</em> veranstalteten Konzerts US-amerikanischer Komponisten², nahmen in den folgenden Monaten die Spitzen gegen den Westsender zu. So beschwerte sich am 30. Juli 1947 eine Glosse im SED-Zentralorgan über die verstärkte Sendeleistung des <em>RIAS</em>: »Der Erfolg ist durchschlagend. Wer keinen Super hat, hört bei allen Sendern im Hintergrund schräge Musik oder die <em>Stimme Amerikas</em> murmeln, wenn Herr Zimmermann uns zu überzeugen versucht, wie gut man es mit uns meine und was für Dickköpfe wir doch seien.«³ Oder wenige Tage später nach einer antikommunistisch geprägten Nachrichtensendung: »Angeblich ist der <em>RIAS</em>-Sender kürzlich verstärkt worden, um ehemalige Nazis besser zur Demokratie erziehen zu können. Auf diese Weise bewirkt er das Gegenteil: eine Renazifizierung.«⁴</p>
<h3>»Freie Stimme der freien Welt«</h3>
<p>Schon die Gründung des <em>RIAS</em> war eine Reaktion auf die sich zuspitzenden Gegensätze zwischen den Siegermächten gewesen. Unmittelbar nach der Einnahme Berlins im Mai 1945 hatte die Sowjetunion begonnen, den Rundfunkbetrieb in der Stadt wieder aufzunehmen. Als die Westalliierten im Sommer 1945 entsprechend den Beschlüssen der Konferenzen von Jalta und Potsdam die Kontrolle über ihre Sektoren übernahmen, strahlte der <em>Berliner Rundfunk</em> bereits ein Vollprogramm über den einzigen funktionsfähigen Sender der Hauptstadt aus. Ebenso hatten die Briten unmittelbar nach der Befreiung der Hansestadt den örtlichen Sender als <em>Radio Hamburg</em> wieder in Betrieb genommen. An einem gemeinsamen Rundfunkprogramm für ganz Deutschland hatten die westlichen Alliierten 1945 kein besonderes Interesse, auch wenn diese Frage bei den Sitzungen der gemeinsamen Verwaltungsgremien der Alliierten regelmäßig auf der Tagesordnung stand. Insbesondere Frankreich verfolgte die politische Linie, gesamtdeutsche Institutionen nach Möglichkeit zu verhindern.⁵ Von daher greift die in der heutigen Literatur meist anzutreffende Darstellung zu kurz, die Gründung des <em>RIAS</em> sei eine Reaktion auf die Weigerung der Sowjets gewesen, den <em>Berliner Rundfunk</em> für die Westmächte zu öffnen, zumal etwa die Briten auch nicht auf die Idee kamen, der Sowjetunion Zugriff auf den Hamburger Sender zu gewähren, und die USA Programme aus Moskau weder in München noch in Bremen zuließen.</p>
<p>In Berlin hatten die USA bereits im November 1945 den Aufbau eines eigenen Senders für ihre Zone angeordnet. Da es an funktionierenden Anlagen noch fehlte, wich man zunächst auf das Telefonnetz aus und verbreitete ab Februar 1946 ein Drahtfunkprogramm. Am 5. September 1946 wurde dann als Provisorium ein fahrbarer Mittelwellensender in Betrieb genommen, den man aus Wehrmachtsbeständen erbeutet hatte. Das war die eigentliche Geburtsstunde des <em>Rundfunks im amerikanischen Sektor</em>. Die Kontrolle übernahm die Information Control Division der US-Militärregierung. Die Briten ihrerseits setzten am 17. August 1946 einen eigenen Mittelwellensender in Berlin in Betrieb, der das um Regionalsendungen ergänzte Programm des <em>Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR)</em> aus Hamburg übernahm.</p>
<p>Der <em>NWDR</em> hatte in den ersten Monaten seiner Existenz gerne auf linke, progressive, auch kommunistische Redakteure und Sprecher zurückgegriffen, schon weil die antifaschistische Einstellung zunächst das zentrale Kriterium für eine Anstellung im Rundfunk war. Diese Offenheit war jedoch nicht von langer Dauer. Bereits Anfang 1947 kam es im <em>NWDR</em> zu einer Welle von Entlassungen. So wurde im Kölner Funkhaus der Intendant Max Burghardt entlassen, nachdem die CDU und ihr Vorsitzender Konrad Adenauer eine wütende Kampagne gegen ihn entfesselt hatten. Der spätere Bundeskanzler hatte Anstoß an einer Erklärung Burghardts genommen. Der hatte geschrieben, man selbst werde wohl keine philosophischen Systeme mehr aufbauen, aber vielleicht »die großen Gedanken der Vergangenheit endlich einmal realisieren«. Das Lebensprinzip werde dann »die Verwirklichung der Ideen Goethes, Herders, Kants, Hegels und Marx’ sein«.⁶ Adenauer wütete, dass der <em>NWDR</em>-Intendant Gott und Jesus nicht erwähnt habe. In der Folge wurde Burghardt von den britischen Besatzungsbehörden »nahegelegt«, auf sein Amt zu verzichten. Daraufhin erklärte er Anfang 1947 seinen Rücktritt und bewarb sich zugleich beim nordrhein-westfälischen Kultusministerium um eine andere Anstellung. Erst als dies erfolglos blieb, folgte er einem Angebot aus Berlin, die Leitung der Neues Schauspielhaus GmbH zu übernehmen und leitete später u. a. erfolgreich die Leipziger Bühnen.⁷</p>
<p>Weitere führende Journalisten des <em>NWDR</em>, die in dieser Zeit ihre Posten räumen mussten, waren der Leiter der Politikabteilung Karl-Eduard von Schnitzler – dem der britische <em>NWDR</em>-Chef Hugh Carleton Greene bescheinigte, ein talentierter Journalist zu sein, den er ungern verlieren wollte – sowie die Kommentatoren Karl Georg Egel und Günther Cwojdrak. Sie wechselten nach ihrem Rauswurf in Köln zum <em>Berliner Rundfunk</em>, wo durch gezielte Abwerbung seitens des <em>RIAS</em> Stellen frei geworden waren. An die Spitze des <em>NWDR</em> gelangte dafür im Februar 1949 als »kommissarischer Intendant« der ehemalige Nazi Herbert Blank, der seine neue Macht gleich dazu nutzte, 51 Mitarbeiter »aus Etatgründen« zu entlassen – woraufhin zahlreiche weitere liberale Journalisten aus Protest ebenfalls ihre Kündigung einreichten, unter ihnen so prominente Namen wie Axel Eggebrecht.⁸ Die politische »Säuberung« erfasste auch die anderen Rundfunkstationen in Westdeutschland. Bei <em>Radio Stuttgart</em> etwa wurde der KPD ab 1947 der Platz für Wahlwerbung verweigert, der allen anderen Parteien zur Verfügung stand.⁹</p>
<p>Während der ersten Berlin-Krise 1948, als die Sowjetunion als Reaktion auf die Währungsreform in den Westsektoren die Verkehrswege in die westliche Exklave blockierte, setzte die französische Besatzungsmacht sogar Sprengstoff gegen den <em>Berliner Rundfunk</em> ein. Dieser hatte noch immer die Sendeanlagen in Tegel genutzt, die inzwischen im französischen Sektor lagen. Auf Befehl von Stadtkommandant Jean Ganevals sprengten französische Militärpolizisten am Morgen des 16. Dezember 1948 die Tegeler Sendetürme. Begründet wurde das von den französischen Militärbehörden mit der »Gewährleistung der Luftsicherheit« angesichts eines stark erhöhten Luftverkehrs – gemeint war die »Luftbrücke« zur Versorgung Westberlins. Der <em>Berliner Rundfunk</em> musste auf einen schwachen Potsdamer Sender sowie den Sender Leipzig ausweichen, was seine Ausbreitung vor allem in Berlin für Monate stark einschränkte.¹⁰</p>
<h3>Die Grenzen der Freiheit</h3>
<p>Beim <em>RIAS</em> endete derweil die Freiheit der »freien Stimme der freien Welt«, wenn die Journalisten den US-amerikanischen Aufsehern nicht scharf genug antikommunistisch auftraten. So wurden im Januar 1948 <em>RIAS</em>-Leiterin Ruth Norden und Kontrolloffizier Harry Freman abberufen. Ziel der Operation war es, den <em>RIAS</em> auf kompromisslosen Antikommunismus zu trimmen. Damit beauftragte US-General Lucius D. Clay seinen Geheimdienstchef William Heimlich. Man müsse »die Samthandschuhe ausziehen und den Russen endlich resoluter begegnen«. Der <em>SWR</em> zitierte Clay in einem Feature mit den Worten: »Ab jetzt wird zurückgesendet! (…) Vergleichen Sie es mit einem Sonderkommando in einem Kampfeinsatz.«¹¹ Die Sendezeiten wurden ausgedehnt, die Leistung der Strahler erhöht, neue Sender in Hof und München sorgten dafür, dass der <em>RIAS</em> in der gesamten Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR zu empfangen war. Und man gab sogar militanten Organisationen wie der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« Sendezeit. Diese antikommunistische Gruppierung, die bis 1958 Anschläge und Sabotageakte in der DDR verübte, war von den Westalliierten offiziell als Verein zugelassen worden und wurde vom US-Auslandsgeheimdienst CIA kontrolliert und finanziert.¹²</p>
<p>Wenn es gegen die Kommunisten ging, war es auch bei den anderen westdeutschen Rundfunksendern mit der behaupteten Unabhängigkeit von der Regierung nicht weit her. Das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen unter Jakob Kaiser nahm gezielt und ganz offen Einfluss auf die Programme der öffentlich-rechtlichen Anstalten, die bereits ab Ende der 1940er Jahre begonnen hatten, für die »Ostzone« bestimmte Sendungen auszustrahlen. Im Sommer 1950 verlangte Minister Kaiser einen »politischen und moralischen Feldzug gegen den Kommunismus«.¹³ Dazu sollten alle westdeutschen und Westberliner Rundfunkanstalten im Vorfeld der am 15. Oktober 1950 in der DDR stattfindenden Volkskammerwahlen täglich gemeinsame Sendungen für die Bevölkerung in Ostdeutschland ausstrahlen, um »der Bevölkerung in der sowjetischen Besatzungszone möglichst klare und einheitliche Richtlinien für ihr Verhalten bei der Wahl zu geben«. Tatsächlich wurde ab September 1950 unter dem Titel »Hier spricht Deutschland« täglich eine abwechselnd von allen Anstalten produzierte Sendung über Kurzwelle in die »Zone« gesendet. Formell blieben die öffentlich-rechtlichen Sender selbst für die Inhalte verantwortlich, doch das Ministerium richtete für das Programm ein zentrales Nachrichtenbüro in Bonn ein, das die Sender mit dem zu verwendenden Material versorgte.¹⁴</p>
<p>Auch der US-Auslandsgeheimdienst CIA hatte seine Finger im Spiel, wie aus Dokumenten hervorgeht, die auf der Grundlage des »Freedom of Information Act« der Öffentlichkeit freigegeben wurden. So heißt es in einem Schreiben eines Generalmajors R. C. Partridge an CIA-Chef Allen Dulles vom 3. August 1953: »Es ist eine bekannte Tatsache, dass die US-Regierung außerordentlich, geheimdienstlich, von den Aktivitäten des <em>RIAS</em> und dem Ansehen, das er unter der Bevölkerung der Sowjetzone gewonnen hat, profitiert. Die Direktoren des <em>RIAS</em> haben eine sehr kooperative Haltung gegenüber den in Berlin operierenden US-Nachrichtendiensten an den Tag gelegt (…)«¹⁵</p>
<h3>Der <em>RIAS</em> und der 17. Juni</h3>
<p>Anlass des Schreibens war Kritik aus den USA am Verhalten des <em>RIAS</em> während der Unruhen in der DDR am 17. Juni 1953. In seinem antikommunistischen Eifer wollte US-Senator Joseph R. McCarthy <em>RIAS</em>-Chef Gordon A. Ewing vor das »Komitee für unamerikanische Umtriebe« zitieren, weil er ihm unterstellte, den Aufstand nicht genügend unterstützt zu haben. Das sorgte für Bestürzung und Empörung unter anderem in Westberlin, dessen Bürgermeister Ernst Reuter sogar anbot, in einem offenen Brief die antikommunistische Haltung Ewings zu bezeugen.¹⁶ Letztlich entging Ewing dem vor allem für die US-Administration peinlichen Ansinnen McCarthys. Eine Anhörung hätte letztlich nur ergeben können, dass es den »Volksaufstand« in der DDR ohne den <em>RIAS</em> so nie gegeben hätte. Das räumten Jahrzehnte später auch führende Mitarbeiter wie der damalige Chefkommentator Egon Bahr ein.</p>
<p>Bereits am 15. Juni 1953 hatte der <em>RIAS</em> als erster und zunächst einziger Rundfunksender begonnen, über Proteste auf Baustellen in Ostberlin zu berichten. Die Informationen darüber habe man telefonisch erhalten, hieß es später. Am folgenden Tag berichtete der Sender ausführlich über den Streik der Bauarbeiter in der Stalinallee und über deren Demonstration zum Haus der Ministerien. Die Reporter machten keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für die Aktionen und verbreiteten immer wieder, dass sich die Forderungen der Demonstranten nicht mehr auf den Protest gegen die bereits zurückgenommenen Normerhöhungen beschränkten, sondern inzwischen Rufe nach dem Rücktritt der SED-Regierung und freien Wahlen laut geworden seien. Außerdem meldete der <em>RIAS</em>, dass am Nachmittag eine dreiköpfige Delegation der Demonstranten im Sender erschienen sei und um die Verbreitung ihrer Forderungen gebeten habe. Was der <em>RIAS</em> damals nicht mitteilte war, dass diese Forderungen überhaupt erst im Studio des Senders mit Hilfe der Redakteure formuliert wurden. Egon Bahr berichtete Jahrzehnte später im Gespräch mit dem <em>Deutschlandfunk</em>: »Und dann haben wir uns hingesetzt, ich habe gefragt: Nun sagen Sie doch erst mal Ihre Forderungen. Und dann sprudelte eine Reihe von Forderungen. Dann haben wir uns hingesetzt und haben diese Forderungen in ein vernünftiges Deutsch gebracht, in eine Reihenfolge gebracht und dann haben wir das gesendet. Punkt. Aus. Schluss.«¹⁷</p>
<p>Ab dem Nachmittag des 16. Juni konzentrierte sich das Programm des <em>RIAS</em> vollständig auf die Entwicklungen in der DDR. Mehrfach wurde ein Aufruf von Programmdirektor Eberhard Schütz an die Bevölkerung in der »Sowjetzone« ausgestrahlt: »Macht euch die Ungewissheit, die Unsicherheit der Funktionäre zunutze. Verlangt das Mögliche – wer von uns in Westberlin wäre bereit, heute zu sagen, dass das, was vor acht Tagen noch unmöglich schien, heute nicht möglich wäre.« Stündlich wurde in den Nachrichten kaum verklausuliert der Treffpunkt für den kommenden Tag verbreitet: »Arbeiter aller Industriezweige forderten in den Abendstunden besonders nachdrücklich, dass die Ostberliner sich am Mittwoch früh um sieben Uhr am Strausberger Platz zu einer gemeinsamen Demonstration versammeln sollen.« Es folgten Aufrufe der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« und des ebenfalls von der CIA gegründeten und finanzierten »Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen«. Der Schriftsteller Erich Loest, der die Ereignisse damals in der DDR am Rundfunkgerät verfolgte, war von der entscheidenden Wirkung dieser Sendungen überzeugt: »Wenn der <em>RIAS</em> nicht vom Nachmittag des 16. Juni an stündlich von den Ereignissen im Ostteil Berlins berichtet hätte, wenn nicht vom bevorstehenden Generalstreik die Rede gewesen wäre und von einem Aufruf, den Arbeiter aller Industriezweige angeblich an die Ostberliner gerichtet haben sollten, sich am 17. Juni um sieben Uhr auf dem Strausberger Platz zu versammeln, wäre die Kunde nicht über die DDR hinausgeflogen. Ohne den <em>RIAS</em>, das war keine Frage, wäre es in Magdeburg und Leipzig, Halle und Görlitz still geblieben.«¹⁸</p>
<p>Die Mobilisierung lief weiter, bis man das Programm um 13.44 Uhr mit der Sondermeldung unterbrach, dass die sowjetische Militäradministration den Ausnahmezustand verhängt habe. Von jetzt an verbreitete der <em>RIAS</em> den »dringenden Hinweis, sich jeder Handlung gegen die sowjetische Besatzungsmacht zu enthalten« und konnte im folgenden nur noch über die Niederschlagung der Rebellion berichten.¹⁹</p>
<p>Im Rundfunk der DDR hatte man die Ereignisse bis dahin weitgehend ignoriert, im Radio lief das in den Programmzeitschriften ausgedruckte Programm, und auch die Nachrichten verschwiegen die Proteste in der Hauptstadt. Ab 13 Uhr wurde dann wiederholt über die Verhängung des Ausnahmezustands informiert und weiter Musik gesendet, um 14 Uhr folgt die erste öffentliche Bekanntmachung von Ministerpräsident Otto Grotewohl, in der die Bevölkerung zur Wiederherstellung der Ordnung, der Wiederaufnahme der Arbeit in den Betrieben und zur Ergreifung von Provokateuren aufgerufen wurde. Die Unruhen seien das Werk von »Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer aus westdeutschen kapitalistischen Monopolen gewesen«. Es folgte ein Kommentar von Karl-Eduard von Schnitzler, der unter der Überschrift »Saboteure am Werk!« betonte, dass die demonstrierenden Bauarbeiter nichts mit den »Westberliner Brandstiftern« gemein hätten, von denen die Unruhen angefacht worden seien.²⁰</p>
<p>Am folgenden Tag erklärte er in einem weiteren Kommentar: »Es ging nicht um Normen, nicht um freie Wahlen, nicht um die Verbesserung des Lebensstandards, nicht um eine – wie immer geartete – Freiheit; sondern unter Missbrauch des guten Glaubens eines Teils der Berliner Arbeiter und Angestellten, gegen grobe Fehler bei der Normerhöhung mit Arbeitsniederlegung und Demonstrationen antworten zu müssen, wurde von bezahlten Provokateuren, vom gekauften Abschaum der Westberliner Unterwelt ein Anschlag auf die Freiheit, ein Anschlag auf die Existenz, auf die Arbeitsplätze, auf die Familien unserer Werktätigen versucht. (…)«²¹</p>
<h3>Die CIA sendet</h3>
<p>Die Rolle des <em>RIAS</em> war für die US-Administration Vorbild für weitere Propagandasender, die sich gegen das sozialistische Lager wendeten. Von München aus sendete seit 1950 <em>Radio Free Europe</em> (<em>RFE</em>) in den Sprachen der zum »Ostblock« gezählten Länder Mittel- und Osteuropas, 1953 folgte das gegen die Sowjetunion gerichtete <em>Radio Liberation</em>, das sich später in <em>Radio Liberty</em> (<em>RL</em>) umbenannte. Die bundesdeutschen Behörden hatten bei der Einrichtung der beiden Sender aufgrund des Besatzungsstatuts nichts zu melden gehabt. Erst 1955 erteilten sie die entsprechende Lizenz. Formell ist das überraschend, denn Privatsender waren damals in der Bundesrepublik nicht zugelassen, doch <em>RFE</em> und <em>RL</em> beriefen sich darauf, von US-amerikanischen Nichtregierungsorganisationen betrieben zu werden. Hinter <em>RFE</em> etwa stand offiziell die Vereinigung »Kreuzzug für die Freiheit«, der 26 Millionen US-Bürger angehört haben sollen. »Es ist eine finanziell gut fundierte Organisation, die dem Weltkommunismus entgegenwirken will«, behauptete die Hamburger Wochenzeitung <em>Die Zeit</em> 1956 in einem Artikel, in dem es um die Einflussnahme des Senders auf die Unruhen in Ungarn ging.²²</p>
<p>Erst Anfang der 1970er Jahre räumte Washington ein, dass <em>RFE</em> und <em>RL</em> von Anfang an vor allem von der CIA finanziert worden waren und private Spenden nie mehr als einen Bruchteil der Einnahmen ausmachten. Der US-Senat entzog dem Geheimdienst daraufhin die Zuständigkeit für beide Sender. Von nun an kam das Geld direkt vom Kongress. An der Einmischung in Osteuropa änderte das nichts.</p>
<p>Die DDR ihrerseits hatte bereits 1948 begonnen, gezielt Sendungen für Westberlin und die Westzonen auszustrahlen. Insbesondere der im Oktober 1948 über die instandgesetzten Anlagen in Königs Wusterhausen in Betrieb genommene <em>Deutschlandsender</em> richtete sich ganz offiziell auch an Hörer in Westdeutschland. 1959 kam mit der <em>Berliner Welle</em> ein Programm hinzu, das sich über UKW und Mittelwelle speziell an die Menschen in Westberlin wandte. Die eigenen Sendungen wie »Von Berlin – für Berlin« oder »Rund um den Ku-Damm« wurden nur am Nachmittag und Abend ausgestrahlt, zu den übrigen Zeiten übernahm man das Programm des <em>Berliner Rundfunks</em>.</p>
<p>Am 26. August 1961, knapp zwei Wochen nach der Schließung der Grenzen in Berlin, überraschte die <em>Berliner Welle</em> spätabends um 23.45 Uhr mit ungewohnten Klängen. Zu hören waren Hits aus US-amerikanischer Produktion, und in englischer Sprache richteten »Bob« und »Barbara« Grüße an die GIs aus, die an der seit dem 13. August abgeriegelten Grenze zu patrouillieren hatten. Dabei wurden die nordamerikanischen Soldaten manchmal sogar mit Name und Dienstgrad angesprochen und aufgefordert, die sie begleitenden »Westberliner Polypen« doch mal zu fragen, »was sie im letzten Krieg gemacht haben«.</p>
<p>Das Programm nannte sich OPS und war in den folgenden Monaten täglich rund 30 Minuten auf UKW und Mittelwelle in Berlin zu hören. Nicht nur die Musik glich der des US-Soldatensenders <em>AFN</em>, auch der Slogan war dem gegnerischen Kanal nachempfunden. Meldete sich dieser als »Stimme der Information und Bildung«, nahm OPS für sich in Anspruch, die »echte Stimme« zu sein. Als Erkennungszeichen nutzte man bewusst ironisch einen alten Song von Cole Porter: »Don’t Fence Me In« – Zäune mich nicht ein. Und den Hörern wurde ein »schöner Preis« versprochen, wenn sie errieten, wofür das Kürzel OPS stehen könnte.</p>
<p>Die Auflösung war »Out Post Station«, was man mit »Außenposten« übersetzen könnte. Und auch die Antwort auf die Frage, warum die Moderatoren ihre erhofften Hörer namentlich begrüßen konnten, stellte sich als recht einfach heraus, wie der <em>Spiegel</em> im Januar 1962 schrieb: Die US-Soldaten trugen ihren Namen deutlich lesbar an der Uniform, und »Volkspolizisten an der Friedrichstraße bekämpften ihre Langeweile gelegentlich damit, die Namen der US-Besatzung am Checkpoint Charlie mit Feldstechern auszuspähen und an den Soldatensender weiterzuleiten«.²³</p>
<p>OPS blieb nur wenige Monate auf Sendung, und das Echo unter den US-Soldaten blieb offenbar verhalten. Mit anderen Sendern hatte die DDR deutlich mehr Erfolg.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 <em>Berliner Zeitung</em>, 16. November 1946, S. 4</p>
<p>2 <em>Neues Deutschland</em>, 24. April 1947, S. 3</p>
<p>3 <em>Neues Deutschland</em>, 30. Juli 1947, S. 2</p>
<p>4 <em>Neues Deutschland</em>, 8. August 1947, S. 2</p>
<p>5 Wilfried Rogasch: Ätherkrieg über Berlin; in: Deutsches Historisches Museum: Deutschland im Kalten Krieg, 1945 bis 1963; <a href="http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/kalter_krieg/aet_03.htm" target="_blank" rel="noopener">www.dhm.de/archiv/ausstellungen/kalter_krieg/aet_03.htm</a></p>
<p>6 Zit. nach: WDR Profil; <a href="http://www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/profil/chronik/max-burghardt-102.html" target="_blank" rel="noopener">www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/profil/chronik/max-burghardt-102.htm</a></p>
<p>7 Bundesarchiv: Nachlass Max Burghardt; BA NY 4199/98</p>
<p>8 Robert Heinze: Radio Stuttgart, 1945-47 – Ein Rundfunk im Aufbau. Konstanz 2004, S. 60</p>
<p>9 Ebenda, S. 93</p>
<p>10 Wilfried Rogasch, a. a. O., <a href="http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/kalter_krieg/aet_05.htm" target="_blank" rel="noopener">www.dhm.de/archiv/ausstellungen/kalter_krieg/aet_05.htm</a></p>
<p>11 Thomas Gaevert: Kalter Krieg im Radio; Sendung am 30. Oktober 2019 auf <em>SWR 2</em>; Manuskript: <a href="http://www.swr.de/swr2/doku-und-feature/swr2-feature-2019-10-30-104.pdf" target="_blank" rel="noopener">www.swr.de/swr2/doku-und-feature/swr2-feature-2019-10-30-104.pdf</a></p>
<p>12 Vgl. <em>Spiegel online</em>: CIA finanzierte Sabotage und Anschläge in der DDR; <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/ddr-cia-finanzierte-sabotage-und-anschlaege-a-1019554.html" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/politik/ausland/ddr-cia-finanzierte-sabotage-und-anschlaege-a-1019554.html</a></p>
<p>13 Bundesminister Kaiser, Deutscher Bundestag — 85. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 14. September 1950, S. 3185; <a href="http://dserver.bundestag.de/btp/01/01085.pdf" target="_blank" rel="noopener">dserver.bundestag.de/btp/01/01085.pdf</a></p>
<p>14 Sina Rosenkranz und Sarah Renner: »Sie stehen nicht allein da in der Zone«; in: <em>Rundfunk und Geschichte</em> Nr. 1–2/2007, S. 15 ff.; <a href="http://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2007_1-2.pdf" target="_blank" rel="noopener">rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2007_1-2.pdf</a></p>
<p>15 Schreiben von Generalmajor R. C. Partridge an Alen Dulles, 3. August 1953; <a href="http://www.cia.gov/readingroom/docs/CIA-RDP80R01731R000800130014-9.pdf" target="_blank" rel="noopener">www.cia.gov/readingroom/docs/CIA-RDP80R01731R000800130014-9.pdf</a></p>
<p>16 Stefanie Eisenhuth, Scott H. Krause: Inventing the »Outpost of Freedom «; in: <em>Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History</em> 11 (2014), S. 205 f.; <a href="http://zeithistorische-forschungen.de/2-2014/5093" target="_blank" rel="noopener">zeithistorische-forschungen.de/2-2014/5093</a></p>
<p>17 <em>Deutschlandfunk Kultur</em>: Bahr: <em>RIAS</em> war Katalysator des Aufstandes (9. Januar 2006); <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/bahr-rias-war-katalysator-des-aufstandes-100.html">https://www.deutschlandfunkkultur.de/bahr-rias-war-katalysator-des-aufstandes-100.html</a></p>
<p>18 Wilfried Rogasch, a. a. O., <a href="http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/kalter_krieg/aet_06.htm" target="_blank" rel="noopener">www.dhm.de/archiv/ausstellungen/kalter_krieg/aet_06.htm</a></p>
<p>19 Vgl. ebd.</p>
<p>20 Ingrid Pietrzynski: »Eine Republikparteischule, noch dazu eine schlechte …«; in: <em>Rundfunk und Geschichte</em>, Nr. 1/2/2003, S. 21; <a href="http://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2003_1-2.pdf" target="_blank" rel="noopener">rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2003_1-2.pdf</a></p>
<p>21 Karl Eduard von Schnitzler: Der Anschlag auf den Frieden ist gescheitert (DDR-Rundfunk, 18.6.1953); <a href="http://www.17juni53.de/chronik/530618/doc_4.html" target="_blank" rel="noopener">www.17juni53.de/chronik/530618/doc_4.html</a></p>
<p>22 Was tat <em>Radio Free Europe</em>?; in: <em>Die Zeit</em> Nr. 48/1956; <a href="http://www.zeit.de/1956/48/was-tat-radio-fee-europe/komplettansicht" target="_blank" rel="noopener">www.zeit.de/1956/48/was-tat-radio-fee-europe/komplettansicht</a></p>
<p>23 Don’t Fence Me In; in: <em>Der Spiegel</em> Nr. 4/1962; <a href="http://www.spiegel.de/politik/dont-fence-me-in-a-48e87747-0002-0001-0000-000045138058" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/politik/dont-fence-me-in-a-48e87747-0002-0001-0000-000045138058</a></p>
<p>Erschienen am 5. August 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/456280.rundfunkgeschichte-auftrag-antikommunismus.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>»Es gibt keinen unpolitischen Rundfunk«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/es-gibt-keinen-unpolitischen-rundfunk/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Jul 2023 19:23:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[8. Mai 1945]]></category>
		<category><![CDATA[Befreiung]]></category>
		<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 7: 1945 – Befreiung und Neubeginn In den frühen[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 7: 1945 – Befreiung und Neubeginn</strong></p>
<p>In den frühen Morgenstunden des 28. April 1945 war auf der Wellenlänge des bisherigen <em>Reichssenders München</em> Ungewöhnliches zu hören: »Achtung, Achtung! Hier spricht die Freiheitsaktion Bayern. Arbeiter, schützt eure Betriebe gegen Sabotage durch die Nazis! Sichert Arbeit und Brot für die Zukunft! Beseitigt die Funktionäre der nationalsozialistischen Partei! Die FAB hat heute Nacht die Regierungsgewalt erstritten.«</p>
<p>Angesichts der unaufhaltsam auf München vorrückenden Truppen der US-Armee hatten mehrere hundert Soldaten aus einer Jagdpanzerkompanie beschlossen, dem Krieg ein Ende zu setzen, um zumindest noch einen zerstörerischen Häuserkampf um die bayerische Landeshauptstadt zu verhindern. In der Nacht zum 28. April 1945 besetzten sie zwei Rundfunksender, verkündeten den Sturz von Gauleiter Paul Giesler und riefen zur »Fasanenjagd« auf – »Goldfasanen« war der Spottname für die mit unzähligen Orden und Abzeichen behängten Nazifunktionäre. Aufrufe richteten sie unter anderem in französischer Sprache an die Zwangsarbeiter, sich dem Aufstand anzuschließen.¹</p>
<h3>Gescheiterter Aufstand</h3>
<p>Der Aufstand scheiterte. Den Verschwörern gelang es nicht, die militärischen und politischen Schlüsselstellungen Bayerns zu besetzen, nur die Sender waren zunächst in den Händen der Freiheitsaktion. Doch schon am Vormittag rückten Einheiten der SS auf den Sender Ismaning vor. Um 10.46 Uhr war der letzte Aufruf der Freiheitsaktion zu hören, dann folgte nur noch Musik. Insgesamt wurden in der Folge der Ereignisse mindestens 100 Menschen von den Nazis als Beteiligte an dem Aufstand ermordet. Gegen Mittag verkündete Giesler dann, die Revolte der »Drückeberger«, die »nie Pulver gerochen haben in diesem Krieg«, sei »im Keim erstickt«. Er warnte: »Lasst euch darum in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen niemals mehr auch nur für wenige Augenblicke durch einen solchen verbrecherischen Missbrauch irgendeiner Ätherwelle in Verwirrung bringen.«²</p>
<p>Nur einen Tag nach der gescheiterten Rebellion wurde der <em>Reichssender München</em> endgültig abgeschaltet, am 30. April 1945 rückte die US-Armee in München ein.³ In der bayerischen Landeshauptstadt erinnert heute der Straßenname »Münchner Freiheit« im Stadtteil Schwabing an die Rebellion der Freiheitsaktion Bayern.</p>
<h3>Kampf um die Sender</h3>
<p>Der Rundfunk war nicht nur in München bis in die letzten Stunden des Krieges und noch darüber hinaus Schauplatz heftiger Kämpfe. Von dem 1939 als Einheitsprogramm geschaffenen <em>Großdeutschen Rundfunk</em> waren Anfang Mai 1945 nur noch Restbestände übrig. Der letzte funktionierende »Reichssender« war Hamburg, dessen Programm von den noch von den Deutschen besetzten Stationen in Oslo, Kopenhagen und Prag übernommen wurde.⁴ Auf diesem Weg erfuhren die verbliebenen Hörer am 1. Mai 1945 vom Selbstmord Hitlers und der Machtübernahme durch Karl Dönitz. Dieser meldete sich unmittelbar nach der verlogenen Todesmeldung, der »Führer« sei »bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen«, mit einer rund siebenminütigen Ansprache zu Wort, in der er die deutschen Soldaten zur Fortsetzung des Kampfes aufrief. Die Parolen des Großadmirals blieben nicht unwidersprochen. Offenbar schaltete sich auch in diese Ansprache die von Moskau aus betriebene »Geisterstimme« mit Zwischenrufen ein und forderte die Deutschen zu Streiks und zur Beendigung des sinnlosen Krieges auf.</p>
<p>Auch die Stunden des <em>Reichssenders Hamburg</em> waren angesichts der auf die Hansestadt vorrückenden britischen Truppen gezählt. Wenige Stunden bevor die Engländer die Elbe überquerten, hatte man in den Mittagsstunden des 3. Mai 1945 letzte Aufrufe des damaligen Staatsrats Georg Ahrens und von Gauleiter Karl Kaufmann gesendet. Es folgte das Deutschlandlied, dann war Stille. Nur 23 Stunden später meldete sich aus dem unzerstörten Funkhaus in der Rothenbaumchaussee dann »<em>Radio Hamburg</em> – ein Sender der alliierten Militärregierung«.</p>
<p>Dönitz hatte sich inzwischen mit seinem Stab nach Schleswig-Holstein abgesetzt und im Marinestützpunkt Flensburg-Mürwik auf dem Passagierschiff »Patria« sein Hauptquartier eingerichtet. Um noch ein Sprachrohr zu haben, bediente man sich eines drei Kilowatt starken Mittelwellensenders, den man großspurig <em>Reichssender Flensburg</em> nannte. Schon gut zwei Stunden nach der Abschaltung des Hamburger Senders am 3. Mai 1945 um 17.15 Uhr konnten so Sendungen der neuen »Reichsregierung« verbreitet werden. Als erster sprach Reichsrüstungsminister Albert Speer live gegen 20.30 Uhr, im Hintergrund waren die Sirenen des Bombenalarms zu hören. Noch immer rief er zur Fortsetzung des Krieges auf: »Es ist der einzige Sinn des Kampfes, der jetzt noch geführt wird, deutsche Menschen, die vor den Sowjetarmeen auf der Flucht oder von ihnen bedroht sind, nicht sterben zu lassen.«⁵</p>
<p>Solche Durchhalteparolen richteten sich unter anderem an die deutschen Besatzungstruppen in Prag. Rund 800.000 Soldaten der Heeresgruppe Mitte sahen sich einer mehr als doppelt so starken Roten Armee gegenüber, die auf die tschechoslowakische Hauptstadt vorrückte. Den Westen des Landes hatten bereits US-Truppen befreit.</p>
<p>Am 5. Mai 1945 erhob sich die Prager Bevölkerung bewaffnet gegen die deutsche Besatzung. Das Signal gab am frühen Morgen der Sprecher des Prager Senders, Zdenek Mancal, der sich mit einer in die Geschichtsbücher eingegangenen Mischung aus Deutsch und Tschechisch meldete: »Je prave sechs hodin« (Es ist genau sechs Uhr). Es war das letzte Zugeständnis an die Besatzer, die strikt ein zweisprachiges Programm verlangt hatten. Doch von nun an sendete Prag nur noch in tschechischer Sprache. Zu hören waren unter anderem bisher verbotene Lieder und Appelle, dem befreiten Rundfunk zu Hilfe zu kommen: »Wir bitten die tschechische Polizei, wir rufen die tschechische Armee, wir rufen alle Tschechen, kommt dem Rundfunk zu Hilfe. Kommt, so schnell ihr könnt. Wir rufen die tschechische Gendarmerie, Regierungstruppen, alles, was tschechisch ist, kommt zum Rundfunkgebäude. Die SS schießt auf Tschechen.« Auf Russisch und Englisch wandte man sich an die Alliierten: »Govorit Praga! Praga govorit! Prag ruft die Rote Armee! Wir brauchen eure Hilfe! Here is Prague! Here is Prague! Amerikaner und Engländer, helft uns! Wir brauchen Gewehre, die Deutschen sind zu viele!«⁶</p>
<p>Die Vorbereitungen für den Aufstand und die Befreiung des Senders hatten bereits im Herbst 1944 begonnen. Bei Außeneinsätzen, etwa bei der Übertragung von Orgelkonzerten aus einer Kirche, »vergaßen« die Techniker immer wieder Teile ihrer Ausrüstung. »So sammelte sich mit der Zeit das nötige Zubehör für ein Ersatzstudio an, das funktionieren würde, sollte es nicht möglich sein, vom Hauptgebäude zu senden.«⁷ Tatsächlich konnte so sichergestellt werden, dass das Radio sogar nach Luftangriffen der Deutschen auf das Rundfunkgebäude nach kurzer Unterbrechung weitersenden konnte.</p>
<h3>Doppelherrschaft im Äther</h3>
<p>Der Aufstand dauerte noch mehrere Tage, in den Straßen Prags wurde gekämpft. Während die Befreier den Sender Strasnice (<em>Prag II</em>) kontrollierten und damit weiter ihre Durchsagen verbreiten konnten, hatten die Deutschen die Station Liblice (<em>Prag I</em>) in ihrer Hand. So bestand auch im Äther eine Doppelherrschaft. Während die Besatzer über ihren Sender verkündeten, man kämpfe »gegen die Verrohung, die Versklavung, gegen den Bolschewismus und für die Kultur Europas«, kündigten die Tschechen die unmittelbar bevorstehende Befreiung an: »Sowjetische Panzer schlagen den letzten deutschen Widerstand nieder und nähern sich schnell dem Prager Zentrum. Die Bevölkerung bereitet ihre Begrüßung vor.«⁸</p>
<p>In der Nacht zum 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims die bedingungslose Kapitulation zum 8. Mai um 23 Uhr. Rund zehn Stunden später, um 12.45 Uhr, verkündete Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk als Mitglied der »Reichsregierung« über den Flensburger Sender das Kriegsende: »Nach einem fast sechsjährigen heldenmütigen Kampf von unvergleichlicher Härte ist die Kraft Deutschlands der überwältigenden Macht unserer Gegner erlegen.«⁹</p>
<p>Von sowjetischer Seite gab es für das Ende des Krieges zunächst keine Bestätigung, denn Moskau verlangte eine Ratifizierung der Kapitulationsurkunde durch den Oberkommandierenden der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, und die Chefs der deutschen Kriegsmarine und Luftwaffe. Diese Zeremonie fand erst in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst statt. Das mag die deutschen Besatzer in Prag dazu gebracht haben, die Ansprache von Krosigks für einen Trick der Alliierten zu halten. Über die von ihnen noch kontrollierte Prager Station verbreiteten sie am Abend des 7. Mai, die vom »Feindsender Flensburg« verbreitete Meldung, wonach die Reichsregierung bedingungslos gegenüber der Sowjetunion kapituliert habe, entspreche »in keiner Weise den Tatsachen«. Es handle sich »klar um feindliche Propaganda (…). In unserem Bereich wird der Kampf so lange fortgesetzt werden, bis die Deutschen im Osten gerettet sind und unser Weg zurück in die Heimat gesichert ist«.¹⁰ Erst in der Nacht zum 9. Mai 1945 zogen die sowjetischen Truppen in Prag ein, und der Krieg war auch hier beendet.</p>
<p>Am 9. Mai um 20.03 Uhr wurde über den Flensburger Sender der »letzte Wehrmachtsbericht dieses Krieges« verbreitet: »Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. Auf Befehl des Großadmirals hat die Wehrmacht den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt. (…) Wir brachten den Wortlaut des letzten Wehrmachtsberichts dieses Krieges. Es tritt eine Funkstille von drei Minuten ein.«¹¹ Anschließend ging der Spuk weiter. Obwohl inzwischen britische Offiziere in Flensburg präsent waren, tagten im Machtbereich der »Reichsregierung Dönitz« noch immer Kriegsgerichte, wurden Marineangehörige wegen »Fahnenflucht« zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auch der <em>Reichssender Flensburg</em> blieb auf Sendung. Die Briten erlaubten den Deutschen den Weiterbetrieb und verlangten nur, dass ihnen die Manuskripte der Sendungen zur Genehmigung vorzulegen seien. Erst am 13. Mai 1945 wurde die letzte Stimme Nazideutschlands endgültig abgeschaltet.¹²</p>
<h3>Neubeginn auf Wellenlänge 356</h3>
<p>Am gleichen Tag begann in Berlin ein neuer Abschnitt der Geschichte. Mit der Ansage »Achtung, Achtung! Hier spricht Berlin auf Wellenlänge 356 Meter« und den Nationalhymnen der Siegermächte ging der <em>Berliner Rundfunk</em> am 13. Mai, nur elf Tage nach der endgültigen Besetzung der Hauptstadt durch die Rote Armee und fünf Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, auf Sendung. Mit der Leitung war Hans Mahle beauftragt worden. Der 1911 in Hamburg geborene Funktionär des Kommunistischen Jugendverbandes hatte nach seiner Emigration in die Sowjetunion für das Jugendprogramm von <em>Radio Moskau</em> gearbeitet und ab 1941 die Leitung des Senders <em>Sturmadler</em>, des Jugendprogramms des <em>Deutschen Volkssenders</em>, übernommen. 1943 war er schließlich technischer Leiter des <em>Senders Freies Deutschland</em> geworden. Bereits am 30. April 1945 wurde er zusammen mit neun weiteren Genossen der »Gruppe Ulbricht« nach Berlin gebracht, um sofort nach Kriegsende den Wiederaufbau in Angriff zu nehmen.</p>
<p>Da der große Sender Königs Wusterhausen, über den die Nazis den <em>Deutschlandsender</em> übertragen hatten, durch die Kämpfe zerstört worden war, musste man auf den deutlich kleineren 100-Kilowatt-Sender in Tegel zurückgreifen. Die sowjetischen Truppen hatten ihn bereits am 24. April besetzt und damit den Nazirundfunk zum Schweigen gebracht. Auch das Funkhaus in der Masurenallee war nicht betriebsbereit, die Verbindungskabel zum Sender in Tegel waren defekt. Die Lösung waren ein Raum direkt am Sender und ein notdürftig hergerichteter Übertragungswagen, um direkt von der Anlage aus senden zu können.</p>
<p>Am 13. Mai riegelte eine Postenkette sowjetischer Soldaten das Gebiet um Studio und Sendemast weiträumig ab, um Störungen zu verhindern, denn schalldicht war das provisorische Studio nicht. Die Türen fehlten und waren notdürftig mit Pappe verschlossen worden, in den Fenstern fehlte das Glas. Doch das Wagnis gelang, pünktlich um 20 Uhr sprach Pfarrer Matthäus Klein die ersten Worte. Er war als Unteroffizier der Wehrmacht in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten, hatte sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland angeschlossen und der Redaktion von dessen Sender angehört. Neben ihm saß Artur Mannbar, der von den sowjetischen Truppen erst kurz zuvor aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden befreit worden war. Abwechselnd verlasen beide die Botschaft Josef Stalins an die Völker der Sowjetunion aus Anlass der siegreichen Beendigung des Krieges, den Wortlaut der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte, die Proklamationen der Besatzungsmächte, die Rede des sowjetischen Vertreters auf der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen in San Francisco und schließlich Nachrichten aus aller Welt, die man in der Nacht zuvor bei anderen Sendern abgehört hatte. Die letzten Minuten füllte eine Reportage vom Volksfest der Moskauer auf dem Roten Platz.¹³ Was zunächst in der Anspannung niemandem aufgefallen war: In der ersten Ausstrahlung wurde kein Name für den neuen Sender genannt. In der ab dem 21. Mai 1945 erscheinenden <em>Berliner Zeitung</em> wurde das Programm zunächst unter dem Namen »Rundfunksender Berlin« abgedruckt, erst nach und nach setzte sich der Namen <em>Berliner Rundfunk</em> durch.</p>
<p>In den folgenden Tagen wurde das Programm ständig weiter ausgedehnt, schon nach einer Woche wurde 19 Stunden pro Tag gesendet, von sechs Uhr morgens bis nachts um ein Uhr. Um das möglich zu machen, hatten sowjetische Soldaten eine Feldtelefonleitung vom Funkhaus in der Masurenallee über die Trümmer hinweg bis zum Sender in Tegel gespannt. Mehrere Wochen lang konnte so der Betrieb aufrechterhalten werden, bis die regulären Kabelwege wieder instand gesetzt waren.¹⁴</p>
<p>Gemeinsam hatten die vier Siegermächte zunächst beschlossen, den Deutschen jeden Betrieb eigener Rundfunksender zu verbieten. Deswegen stieß die Tatsache, dass der Betrieb des <em>Berliner Rundfunks</em> offenkundig von Deutschen kontrolliert wurde, bei den Westmächten auf Protest. Daraufhin stellte die Rote Armee ab Anfang Juni 1945 Kontrolloffiziere ab. In ihren Erinnerungen waren die Berliner Rundfunkpioniere noch Jahrzehnte später voll des Lobes für diese uniformierten Kollegen, die sich nicht als Zensoren verstanden hätten, sondern mit freundschaftlichen Ratschlägen zu einem besseren Programm beigetragen hätten. Zu diesem Zeitpunkt sendete der <em>Berliner Rundfunk</em> bereits ein Vollprogramm mit Musik, Nachrichten aus aller Welt und Informationen aus Berlin. Eine wichtige Funktion hatte der Rundfunk auch dabei, durch den Krieg auseinandergerissene Familien wieder zusammenzubringen. Werner Klein etwa, der als Reporter von unzähligen Veranstaltungen berichtete, erinnerte sich Jahrzehnte später an eine, die am 11. November 1945 im Großen Sendesaal des Funkhauses stattfand: »Ich interviewte bei dieser Veranstaltung Waisenkinder, deren Eltern im KZ umgekommen waren. Da stand auch ein kleines Menschlein vor dem Mikrofon und sagte (…): ›Die Mutter starb an Typhus im KZ. Vater und ich kamen durch. Von Stettin aus bin ich zu Fuß gelaufen.‹ Und dann mit aufflackernder Hoffnung: ›Vielleicht hört mein Vater mich …‹ Erich Herrmann hieß dieser elfjährige Junge, der mit seiner Mutter zugleich seine vier Geschwister im KZ Sachsenhausen verloren hatte. Und tatsächlich, sein Vater hörte ihn und erfuhr so, dass sein Sohn lebte.«¹⁵</p>
<h3>Kein Privatfunk</h3>
<p>Die Vorstellungen über den künftigen Rundfunk in Deutschland gingen unter den Alliierten spürbar auseinander. Einig war man sich, dass es einen grundlegenden Bruch nicht nur mit den Strukturen der Nazipropaganda geben müsse, sondern auch mit dem staatlich organisierten Rundfunk der Weimarer Republik. Das Oberkommando der Alliierten Streitkräfte erließ bereits am 24. November 1944 das Gesetz Nr. 191, das zunächst den Deutschen den Betrieb aller Rundfunksender und anderer Medien untersagte, aber bereits erste Pflöcke für die Nachkriegsordnung einschlug. So wurde die Zuständigkeit der Post, die sich in der Weimarer Republik als Einfallstor für die Einflussnahme von Staat und Regierung auf den Rundfunk erwiesen hatte, stark beschränkt. Die Sendeanlagen sollten in den Besitz der einzelnen Rundfunkanstalten übergehen, die auch für Betrieb und Technik zuständig sein sollten. Die Tätigkeit der Post sollte sich auf den Einzug der Gebühren (nicht deren Verwendung), die Sicherung eines störungsfreien Empfangs und die Bekämpfung des Schwarzhörens beschränken.¹⁶</p>
<p>Die Briten präferierten das ihnen von der <em>BBC</em> bekannte Modell öffentlich-rechtlicher Anstalten, die von Staat und Regierung weitgehend unabhängig funktionieren sollten. Auch die französische Besatzungsmacht orientierte sich am Modell öffentlich-rechtlicher Anstalten, zögerte aber spürbar länger als die Briten, den Deutschen unkontrollierten Zugriff auf den Rundfunk zu gewähren. Den US-Amerikanern hingegen war das öffentlich-rechtliche Modell fremd. In ihrem Land war der Rundfunk von Anfang an privatrechtlich und kommerziell organisiert worden, staatliche Einflussnahme hatte kaum stattgefunden. Erst während des Krieges war mit der <em>Stimme Amerikas</em> ein staatlicher Sender geschaffen worden. Doch in Deutschland nach US-Vorbild Privatsender aufzubauen, kam nicht in Frage. Sollte in Deutschland überhaupt jemand über die für den Betrieb notwendigen Mittel verfügen, müsste die Frage gestellt werden, wie er in deren Besitz gekommen war und ob er im Sinne des Aufbaus eines demokratischen Rundfunks geeignet sein könnte. Noch bestritt in Deutschland niemand ernsthaft die Verantwortung des Großkapitals für die Machtübertragung an die Faschisten.</p>
<p>Die Sowjetunion und die aus der Emigration zurückkehrenden deutschen Kommunisten ihrerseits griffen auf die inzwischen gesammelten Erfahrungen zurück und strebten einen parteilichen antifaschistisch-demokratischen Rundfunk an. So erklärte Hans Mahle im Mai 1946 bei einer Festveranstaltung zum ersten Jahrestag der Gründung des <em>Berliner Rundfunks</em> mit Blick auf Vorwürfe, dass sein Sender zu politisch sei: »Ja, wir sind politisch. Es gibt keinen unpolitischen Rundfunk.« Die einzige Orientierung des größten Senders in der sowjetischen Zone sei »Deutschland«, er diene keiner Partei, sondern »will nur der Nation dienen, und er will denen Helfer, Berater und Unterhalter sein, die am Neubau Deutschlands tätig sind«.¹⁷ An die Organisation und Trägerschaft des Rundfunks ging man in der sowjetischen Zone zunächst pragmatisch heran. Am 21. Dezember 1945 übertrug die Sowjetische Militäradministration die Zuständigkeit für den <em>Berliner Rundfunk</em>, den inzwischen in Leipzig gestarteten <em>Mitteldeutsche</em><em>n</em> <em>Rundfunk</em> und alle weiteren Sender der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung.¹⁸</p>
<p>Es fehlte zunächst auch nicht an Versuchen, eine Zusammenarbeit zwischen den Rundfunksendern in den verschiedenen Besatzungszonen zu entwickeln. Zu gemeinsamen Sendungen kam es nach einem ersten Auftakt 1946 mit der Übertragung der deutschen Boxmeisterschaft im Schwergewicht¹⁹ allerdings nur noch zu besonderen Anlässen. So ordneten die vier Besatzungsmächte 1946 an, dass alle deutschen Rundfunkstationen die zwei Tage dauernde Urteilsverkündung im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in einer gemeinsamen Ringsendung zu übertragen hatten. Jede Besatzungszone stellte dafür je einen Reporter, die Sendezeiten für Berichte, Reportage und Abschlusskommentar waren genau aufgeteilt.²⁰ Der junge Reporter, der für den <em>Berliner Rundfunk</em> aus Nürnberg berichtete, war Markus Wolf, der spätere Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes. Hans Mahle, der als Generalintendant für alle Sender in der sowjetischen Zone verantwortlich war, würdigte die gemeinsame Ringsendung bei einer Zusammenkunft mit Vertretern der Rundfunkstationen in allen vier Besatzungszonen, die vom 25. bis 27. November 1946 in Berlin stattfand, um wirtschaftliche und finanzielle Fragen zu diskutieren. In seiner Begrüßungsansprache als Gastgeber äußerte Mahle den Wunsch, dass es künftig möglich sein möge, »nicht nur die kaufmännischen Vertreter zwecks Erfahrungsaustausch zusammenzubringen, sondern auch die Intendanten und Programmgestalter, mit dem Ziel, dem neuen deutschen Rundfunk ein einheitliches demokratisches Gesicht zu geben«.²¹</p>
<h3><strong>Der Kalte Krieg zieht ein</strong></h3>
<p>Das gelang auch weiterhin nur selten, etwa als von April bis August 1947 vor einem US-Militärgericht, das im ehemaligen KZ Dachau tagte, der Prozess gegen die SS-Wachmannschaften des Konzentrationslagers Buchenwald geführt wurde. Für alle Sender, auch die in den westlichen Zonen, berichtete Werner Klein vom <em>Berliner Rundfunk</em> in 35 Reportagen unter dem Titel »Prozesse der Zeit« über die Untersuchungen und das Urteil – von den 31 Angeklagten wurden 22 zum Tode verurteilt. Allerdings wurden die meisten dieser verurteilten Mörder spätestens von westlichen Gerichten begnadigt.²²</p>
<p>Doch das Tischtuch zwischen beiden Seiten war zu diesem Zeitpunkt praktisch schon zerschnitten. Bereits ab 1947 hatten die Sender in den Westzonen begonnen, linke und vor allem kommunistische Redakteure hinauszudrängen. Umgekehrt hatten im Osten diejenigen keinen Platz mehr im Rundfunk, die sich zu sehr gegen den von der Sowjetunion und der SED eingeschlagenen Kurs stellten. Der Kalte Krieg hatte auch im Äther begonnen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 <a class="western" href="https://www.br.de/import/audiovideo/sendung-freiheitsaktion-bayern-100.html">https://www.br.de/import/audiovideo/sendung-freiheitsaktion-bayern-100.html</a></p>
<p>2 <a class="western" href="https://www.spiegel.de/geschichte/widerstand-zum-kriegsende-1945-muenchner-freiheit-die-freiheitsaktion-bayern-a-ef0cace2-7070-4290-bf9d-ef2739bbed67">Christoph Gunkel: Jagd auf die Goldfasane, in: <em>Spiegel Geschichte</em>, 27. April 2020</a></p>
<p>3 Petra Behrens u. a.: »Tod den Nazi-Verbrechern!« Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Kriegsende, Berlin 2020, S. 75 ff., <a class="western" href="https://kurzelinks.de/widerstand_kriegsende" target="_blank" rel="noopener">https://kurzelinks.de/widerstand_kriegsende</a></p>
<p>4 Gerhard Paul: »Wir brachten den letzten Wehrmachtsbericht dieses Krieges«; in: <em>Rundfunk und Geschichte</em> (2000), H. 3, S. 127</p>
<p>5 Zit. n. ebd., S. 129</p>
<p>6 Radio Prague International: The Battle of the Airwaves: the extraordinary story of Czechoslovak Radio and the 1945 Prague Uprising; https://english.radio.cz/battle-airwaves-extraordinary-story-czechoslovak-radio-and-1945-prague-uprising-8073626; abgerufen am 31. Mai 2023</p>
<p>7 Katrin Bock: Der Kampf um den Rundfunk (7. Mai 2005), <a class="western" href="https://deutsch.radio.cz/der-kampf-um-den-rundfunk-8098634">https://deutsch.radio.cz/der-kampf-um-den-rundfunk-8098634</a></p>
<p>8 Zit. n. Bock, ebd.</p>
<p>9 Zit n. Paul, (Anm. 4), S. 131</p>
<p>10 Das Kriegsende 1945 …, a.a.O., S. 147 (?)</p>
<p>11 Zit. n. Paul (Anm. 4), S. 132</p>
<p>12 Ebd., S. 133</p>
<p>13 Katharina Riege: <a class="western" href="https://www.vsa-verlag.de/uploads/media/VSA_Riege_Einem_Traum_verpflichtet.pdf">Einem Traum verpflichtet. Hans Mahle – eine Biographie</a>, Hamburg 2003, S. 199 ff.</p>
<p>14 Hans Mahle: So fing es an; in: Erinnerungen sozialistischer Rundfunkpioniere, Berlin 1975, S. 15</p>
<p>15 Werner Klein: Reportagen, von denen man sprach; in: ebd., S. 43</p>
<p>16 Robert Heinze: <a class="western" href="https://kops.uni-konstanz.de/server/api/core/bitstreams/97512741-199d-48b8-a6eb-d05fe0f51f98/content">Radio Stuttgart, 1945–47. Ein Rundfunk im Aufbau</a>, Konstanz 2004, S. 57</p>
<p>17 <em>Neues Deutschland</em>, 14.5.1946, S. 1</p>
<p>18 Mahle (Anm. 14), S. 19</p>
<p>19 Willi A. Boelcke: Die Macht des Radios, Frankfurt/M. 1977, S. 533</p>
<p>20 Markus Wolf: Nürnberg bleibt aktuell; in: Erinnerungen sozialistischer Rundfunkpioniere (Anm. 14), S. 55; siehe auch: <em>Berliner Zeitung</em>, 28.9.1946, S. 2</p>
<p>21 Niederschrift über die 1. Zusammenkunft von Vertretern der Rundfunkstationen in der englischen, amerikanischen, französischen und sowjetischen Besatzungszone Deutschlands vom 25.–27.11.1946 im Hause des Berliner Rundfunks, Berlin-Charlottenburg, Masuren-Allee, Bundesarchiv: BA DR 2/1090, S. 133, <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/3f60f6a2-ad75-4188-b19b-959a13ad9ae7/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/3f60f6a2-ad75-4188-b19b-959a13ad9ae7/</a></p>
<p>22 Klein (Anm. 15), S. 44</p>
<p>Erschienen am 5. Juli 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/454137.radiogeschichte-es-gibt-keinen-unpolitischen-rundfunk.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>»Niemand wird vergessen und nichts«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/niemand-wird-vergessen-und-nichts/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Jun 2023 11:29:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Leningrad]]></category>
		<category><![CDATA[Radio Leningrad]]></category>
		<category><![CDATA[Radiogeschichte(n)]]></category>
		<category><![CDATA[Zweiter Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 6: Während der Blockade Leningrads wandte sich der Sender[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 6: Während der Blockade Leningrads wandte sich der Sender der Stadt auch an die deutschen Soldaten</strong></p>
<p>Die 872 Tage dauernde Blockade der Millionenstadt Leningrad durch die Wehrmacht war eines der großen Verbrechen der deutschen Faschisten im Zweiten Weltkrieg. Im heutigen St. Petersburg, der zweitgrößten Metropole Russlands, lebten damals mehr als drei Millionen Menschen. Als Hafenstadt am Finnischen Meerbusen war sie über Jahrhunderte eine wichtige Handelsmetropole und Standort der russischen bzw. sowjetischen Marine gewesen, galt als »Wiege« der Oktoberrevolution von 1917 und hatte auch 1941 eine wichtige strategische Bedeutung als Tor zur Ostsee.</p>
<p>Schon wenige Wochen nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 rückte die faschistische Wehrmacht im August auf Leningrad vor. Als am 8. September das am Ufer des Ladogasees gelegene Schlüsselburg von den deutschen Truppen besetzt wurde, war Leningrad umstellt, alle Landverbindungen unterbrochen. Es folgten schwere Luftangriffe auf zivile Ziele in der Stadt, etwa Wasser- und Elektrizitätswerke oder Lebensmittellager, aber auch Schulen und Krankenhäuser. Eine Besetzung Leningrads strebten die Nazis allerdings nicht an, wie Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch schrieb: »Es erscheint notwendig, dass diese Stadt überhaupt verschwindet. Wir könnten auch, wenn wir diese Stadt eroberten, gar nicht die dort zusammengepferchte Fünf-Millionen-Masse überhaupt ernähren. Woher sollten wir die Lebens- und Transportmittel dazu nehmen? Von dieser Stadt ist der Bolschewismus ausgegangen, und in dieser Stadt wird der Bolschewismus endgültig zerschmettert werden.«¹ Und der Stab der deutschen Kriegsmarine ordnete am 22. September 1941 in einer geheimen Direktive an: »Sich aus der Lage der Stadt ergebenden Bitten um Übergabe werden abgeschlagen werden. Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht (…) unsererseits nicht.«²</p>
<h3>Eine Million Tote</h3>
<p>Die Blockade dauerte insgesamt 872 Tage, rund zweieinhalb Jahre. Schätzungen zufolge starben mindestens eine Million Menschen, die meisten von ihnen verhungerten oder fielen den Bombenangriffen der Nazis zum Opfer. Auf dem Gedenkfriedhof Piskarjowskoje in St. Petersburg sind rund eine halbe Million Opfer der Blockade in Massengräbern beigesetzt. Ihre letzte Ruhestätte ist ein Mahnmal, das an die unmenschlichen Verbrechen der Faschisten erinnert. Die Gräber liegen an einer langen Allee, an deren Ende sich die Statue der »Mutter Heimat« erhebt. Hinter dem Denkmal zieht sich eine Granitmauer entlang, auf dem das Gedicht »Hier liegen Leningrader« zu lesen ist:</p>
<p>»Hier sind die Bürger, Männer, Frauen, Kinder. / Neben ihnen Soldaten der Roten Armee … / Mein ganzes Leben / Sie haben dich beschützt, Leningrad, / Wiege der Revolution / Wir können ihre edlen Namen hier nicht auflisten: / Viele von ihnen stehen also unter dem ewigen Schutz des Granits. / Aber wisse, höre diesen Steinen zu, / Niemand wird vergessen, und nichts wird vergessen!«³</p>
<p>Die Verfasserin dieser Verse war Olga Bergholz. Sie wurde 1910 im damaligen St. Petersburg geboren und arbeitete als Schriftstellerin und Journalistin. Unmittelbar nach Kriegsbeginn 1941 begann sie, für den Rundfunk zu arbeiten, wo Ersatz für Redakteure benötigt wurde, die zur Armee einberufen worden waren. In den langen Monaten der Blockade wurde ihre Stimme für die Eingeschlossenen zu einer Stimme des Lebens und der Hoffnung. Fast täglich machte sie ihren Hörerinnen und Hörern mit ihren Gedichten und Ansprachen Mut, unterbrochen nur wenige Wochen im März und April 1942, als sie gegen ihren Willen zur ärztlichen Behandlung nach Moskau gebracht wurde, von wo sie so schnell wie möglich zurückkehrte. Während sie überlebte, gehörte ihr Mann Nikolai Molchanow zu den Opfern der Blockade, er starb im Januar 1942.</p>
<p>Seit 1931 nutzte <em>Radio Leningrad</em> einen 100 Kilowatt starken Langwellensender, der in der 15 Kilometer südöstlich der Millionenmetropole gelegenen Stadt Kolpino stand.⁴ Der Ort mit seinen ursprünglich etwa 37.000 Einwohnern und damit auch der Rundfunksender lagen während der Blockade innerhalb des von den deutschen Besatzern gezogenen Belagerungsrings. Deshalb konnte er rechtzeitig in Sicherheit gebracht und am Primorski-Prospekt im Nordwesten Leningrads gut getarnt wieder in Betrieb genommen werden.⁵</p>
<p>Das war für die Menschen in der eingeschlossenen Stadt lebenswichtig, auch wenn sie das Programm zumeist über Lautsprecher oder im Drahtfunk über die Telefonleitungen empfingen. Bereits ab dem 26. Juni schaltete <em>Radio Leningrad</em> nicht mehr, wie bis dahin üblich, um Mitternacht ab, sondern blieb in Betrieb. Wenn das reguläre Programm beendet war, hörte man rund um die Uhr das Ticken eines Metronoms, wie es sonst Musikern den Taktrhythmus angibt. Wurde die Geschwindigkeit des Taktgebers schneller, drohte Gefahr durch deutsche Flugzeuge oder Artilleriebeschuss – die Menschen suchten Schutz in Kellern und Bunkern. War der Angriff vorüber, verlangsamte sich der Rhythmus wieder. Später verglichen die Leningrader das ständige Ticken mit einem Herzschlag, der ihnen zeigte, dass ihre Stadt noch am Leben war.</p>
<p><em>Radio Leningrad</em> war in dieser Zeit praktisch die einzige Verbindung der Bürger zum Rest der Welt. Zeitungen kamen nur noch selten und mit langen Verspätungen an. Doch über den Sender erfuhr die Stadt, was an den Fronten und in ihrem Land passierte. Und umgekehrt war <em>Radio Leningrad</em> die Stimme, die den Menschen in der Sowjetunion zeigte, dass die Stadt nicht gefallen war und Widerstand leistete. Regelmäßig übertrug man Programme, die sich an das ganze Land richteten und von <em>Radio Moskau</em> mit seinen starken Anlagen übernommen und weiterverbreitet wurden. Sie begannen stets mit den gleichen Worten: »Hier ist <em>Radio Leningrad</em>! Die Stadt Lenins ruft das Land.« Olga Bergholz erinnerte sich später: »Das war in der verzweifeltsten Phase des Krieges, als die deutschen Armeen vorwärts stürmten und wir gezwungen waren, eine Stadt nach der anderen aufzugeben. Doch da war Leningrad, das die Deutschen zum Stehen brachte. Leningrad hielt stand, und live übertragene Stimmen von Leningradern verkündeten, dass die Stadt weder heute noch morgen noch jemals kapitulieren werde. Und am nächsten Tag sprach die Stadt erneut.«⁶</p>
<p>Im Dezember 1941 musste <em>Radio Leningrad</em> zeitweilig abgeschaltet werden, weil die Stromversorgung unterbrochen war. Nur in einigen Vierteln der Stadt funktionierte die Übertragung per Lautsprecher noch. In dieser Zeit schleppte sich einem Bericht zufolge ein alter Mann auf zwei Stöcke gestützt zum Rundfunkgebäude, um eine Wiederaufnahme der Sendungen zu erreichen: »Solange es sich nur darum handelt, mutig zu sein, ist alles gut. Auch eine Kürzung der Lebensmittelrationen lässt sich ertragen. Aber lassen Sie das Radio sprechen. Wenn das aufhört, ist das Leben zu fürchterlich. Dann ist es, als läge man im Grab.«⁷</p>
<h3>»Man muss lesen«</h3>
<p>Ab Februar 1942 sprach das Radio wieder. Ein auf dem Grund des Lagodasees verlegtes Kabel stellte die Stromversorgung sicher. Aber die Arbeits- und Lebensbedingungen waren auch für die Beschäftigten des Senders dramatisch. Sie litten und hungerten ebenso wie die, für die sie Programm machten. Weil sich viele Sprecher kaum noch auf den Beinen halten konnten, wurde im Studio ein hölzernes Gestell in T-Form errichtet, das an eine Harke ohne Zähne erinnerte. Vom Schriftsteller Lew Uspenski darauf angesprochen, erläuterte der Direktor des Senders, Jakow Babuschkin, dass dies eine Stütze sei, um sich vor dem Mikrofon aufrecht halten zu können, wenn man zu schwach war, um noch alleine stehen zu können. Doch das Programm müsse weitergehen, so Babuschkin: »Man muss lesen. In vielen tausend Wohnungen warten die Menschen auf die Stimme des Sprechers, und diese Stimme erhält sie vielleicht am Leben.«⁸</p>
<p>Zu denen, die sich in Leningrad zu Wort meldeten, gehörte Dmitri Schostakowitsch. Der 1906 in St. Petersburg geborene Komponist hatte sich bei Kriegsbeginn als Freiwilliger zu den Milizen gemeldet, um sich an der Verteidigung seiner Heimatstadt zu beteiligen. »Man sagte mir jedoch, ich solle warten«, erinnerte er sich am 19. April 1942 in einem Beitrag für den <em>Moskowski Bolschewik</em>. »Ein Kommissar sprach mit mir. Er meinte, dass sich meine Tätigkeit auf das Schreiben von Musik beschränken sollte.«⁹ So konzentrierte er sich auf seine musikalische Arbeit, während er zugleich als Mitglied der Feuerwehr bei der Brandbekämpfung half. Mitte September 1941, als der Lärm von Bomben und Flugabwehrgeschützen durch die Straßen hallte und die <em>Leningradskaja Prawda</em> vor dem unmittelbar bevorstehenden Sturm der Faschisten auf die Stadt warnte, sprach der Komponist über das Mikrofon. Er berichtete von der Arbeit an seiner 7. Sinfonie, die später als die »Leningrader« in die Geschichte einging: »Vor einer Stunde habe ich die Partitur von zwei Sätzen einer großen Sinfonie fertiggestellt. Wenn ich beim Schreiben dieser Komposition gut vorankomme und ich den dritten und vierten Satz vollenden kann, wird es möglich sein, sie die siebte Sinfonie zu nennen. Warum sage ich das? Damit die Radiohörer, die mich jetzt hören, wissen, dass das Leben in unserer Stadt normal verläuft. Wir erfüllen jetzt alle unsere militärische Pflicht.«¹⁰</p>
<p>Obwohl er lieber in Leningrad geblieben wäre, wurde Schostakowitsch mit seiner Familie im Oktober 1941 aus der Stadt ausgeflogen und setzte seine Arbeit in Kuibyschew, dem heutigen Samara, fort. Die Zeit in der Stadt nutzte der Komponist, um seine Sinfonie zu vollenden. Am 5. März 1942 wurde sie durch das ebenfalls evakuierte Orchester des Bolschoi-Theaters in Kuibyschew uraufgeführt, wenige Wochen später folgten Aufführungen in Moskau und in Nowosibirsk, wohin man das Orchester der Leningrader Philharmonie in Sicherheit gebracht hatte. Auch in London erklang die Sinfonie, und in New York führte das Rundfunkorchester der <em>NBC</em> unter der Leitung von Arturo Toscanini das Stück auf, live übertragen über die Sender der Gesellschaft. Doch am wichtigsten wurde die Premiere im belagerten Leningrad.</p>
<p>Ein Flugzeug der sowjetischen Luftwaffe durchbrach den Belagerungsring der Deutschen und brachte die Partitur in die Stadt. Der Leiter des Leningrader Rundfunkorchesters, Karl Elias­berg, erhielt die Aufgabe, die Sinfonie einzustudieren. Doch den Musikern fehlte die Kraft, und anstatt der fast 100 Musiker, die für eine Aufführung von Schostakowitschs Sinfonie notwendig waren, hatte Eliasberg nur noch 15 zur Verfügung. Um das Orchester aufzufüllen, wurden Bürger, die ein Instrument spielen konnten, über <em>Radio Leningrad</em> aufgerufen, sich beim Rundfunkkomitee zu melden, es winkte eine Sonderration Haferbrei. Zudem wurden Soldaten von der Front zum Musizieren abkommandiert.</p>
<p>Am 9. August schließlich erklang die Sinfonie erstmals im vollen Saal der Philharmonie, übertragen von <em>Radio Leningrad</em>. »Das Publikum bestand aus Arbeitern, die die Waffen zur Verteidigung geschmiedet hatten, Architekten, die bereits die Auferstehung der Stadt planten, Lehrern, die Kinder in den Luftschutzkellern unterrichteten, Schriftstellern und Dichtern, die auch in den herausfordernden Monaten des vergangenen Winters ihre Stifte nicht aus der Hand gelegt hatten, Soldaten, Offizieren, Parteifunktionären und Vertretern der Stadtverwaltung«, berichtete Bergholz. »Die Musiker des zusammengewürfelten Orchesters kamen auf die riesige Bühne der Philharmonischen Gesellschaft und füllten sie aus. Wir konnten in seiner Mitte die Musiker des Rundfunkorchesters sehen, Musiker in Armeeuniformen und Jacken der Marine. Wir sahen vor uns die Verteidiger von Leningrad, immer bereit, jederzeit ihr Leben für ihre Heimatstadt, ihr Land und ihr Volk zu geben.«¹¹</p>
<h3>Wichtiges Lebenszeichen</h3>
<p>Schon in den Monaten zuvor waren die im Radio übertragenen Konzerte wichtige Lebenszeichen gewesen. So spielten die Musiker am 7. Dezember 1941 Beethovens 5. Sinfonie – ein mutiges Statement, dass man den deutschen Komponisten nicht den deutschen Faschisten überlassen wollte.¹² Über den Leningrader Sender und die Lautsprecher nahe der Front waren die Konzerte auch bei den deutschen Soldaten in den Schützengräben zu hören. Elias­berg wurde Jahre nach Kriegsende von einem inzwischen älteren Deutschen angesprochen, der in jenen Monaten in den Schützengräben vor Leningrad gelegen hatte. Er zeigte dem Dirigenten ein kleines Tagebuch, in dem die übertragenen Konzerte des Leningrader Rundfunkorchesters verzeichnet waren, Beethoven besonders hervorgehoben. »Wissen Sie, als ich all das hörte, habe ich schon am Ende dieses Jahres begriffen, wir werden Leningrad niemals nehmen. Wenn in einer belagerten Stadt so etwas passieren kann, werden wir niemals in Leningrad einmarschieren.«¹³</p>
<p><em>Radio Leningrad</em> wandte sich auch in deutscher Sprache an die Soldaten der Wehrmacht. Bereits seit Herbst 1939 hatte man eine Nachrichtensendung in deutscher Sprache eingeführt, die täglich ab 23 Uhr für 20 Minuten ausgestrahlt wurde. Nach Beginn der Blockade wurden die deutschsprachigen Sendungen ab Oktober 1941 ausgebaut. Elfmal täglich wandte man sich nun mit jeweils zehn- bis 15minütigen Sendungen vor allem an die deutschen Soldaten:¹⁴ »Achtung! Achtung! Deutsches Volk und deutsche Soldaten! Hört uns an! Wir sagen euch die Wahrheit!«¹⁵</p>
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<p>Die Gestapo notierte in ihren Abhörprotokollen, der Leningrader »Hetzsender«, der sich mit der Bezeichnung »Deutscher Soldat! Höre uns!« melde und vor allem in der Nacht und am frühen Morgen aktiv sei, ziele auf die »Untergrabung der Autorität in der Wehrmacht und der Kampfmoral der deutschen Soldaten im Osten« ab. »So werden mehrfach Hinweise auf die Aussichtslosigkeit des Kampfes der deutschen Armee gebracht, das Kriegspotential der Gegner herausgestellt und riesige Menschenverluste im Operationsgebiet im Osten behauptet. Der Beeinflussung der Stimmung dient weiter die Verlesung erbeuteter Feldpostbriefe, in denen über angebliche Kriegsmüdigkeit, wirtschaftliche Not und seelische Niedergeschlagenheit in der Heimat berichtet wird.«¹⁶</p>
<p>Chefredakteur und Hauptsprecher der deutschsprachigen Sendungen war der Österreicher Friedrich »Fritz« Fuchs. Nach der Niederlage der Antifaschisten seines Heimatlandes bei den Februarkämpfen 1934 war er in die Sowjetunion gegangen, wo er von den Behörden ebenso wie sein Bruder Ernst nach Leningrad geschickt wurde. Als ausgebildete Zahntechniker arbeiteten sie im Stomatologischen Institut der Stadt und lernten im Kontakt mit ihren Kollegen die russische Sprache.</p>
<p>Was dann geschah, beschrieb Fuchs in einem kurz nach seinem Tod 1988 veröffentlichten Artikel in der Wiener Zeitschrift <em>Medien &amp; Zeit</em>: »Am 22. Juni 1941 drangen deutsche Truppen ohne Kriegserklärung in die Sowjetunion ein. (…) Anfang August kam ein Vertreter aus dem Smolny in unser Institut und ließ mich zum Direktor rufen. Dort gab er mir bekannt, dass die Kommunistische Partei Leningrads von mir verlange, meine Arbeit hier im Institut aufzugeben und in den Leningrader Rundfunk zu übersiedeln, um dort die Arbeit des Chefredakteurs der deutschsprachigen Sendung zu übernehmen. Auf meinen Einwand, ich hätte doch keine Ahnung, welche Arbeit man im Rundfunk ausüben müsse, ja ich wisse nicht einmal, wie man ein Mikrophon halten müsse, erwiderte er, all das seien Kleinigkeiten, die ich in einer Minute lösen werde. Ich möge mich schon morgen früh im Rundfunk melden. Man erwarte mich dort zu einer sehr wichtigen Arbeit. Ich möge also nicht absagen, sondern meine Pflicht als österreichischer Kommunist in der Sowjetunion erfüllen.«¹⁷</p>
<p>In der Anfangszeit bestanden die Sendungen aus Übersetzungen sowjetischer Zeitungsartikel und Zusammenfassungen von Flugblättern, die über den deutschen Stellungen abgeworfen wurden. Das Material musste von der Parteileitung im Smolny freigegeben werden und durfte erst dann über den Sender gehen. Das stellte sich aber als wenig praktikabel heraus, wollte man schnell auf aktuelle Nachrichten reagieren. Fuchs erinnerte sich: »Am Vormittag hörte ich aus dem Radioapparat, den man mir gegeben hatte, eine Rede des deutschen Propagandaministers Goebbels. Sie war so aufreizend und blöde, dass ich mich hinsetzte und darauf eine Antwort schrieb, in der ich die ganzen Dummheiten der Rede aufzeigte und den Hörern meiner Sendung klarmachte, wie die Lage an der Front tatsächlich war und was sie zu erwarten hätten, wenn sie nicht bald die Gefangenschaft als Rettungslager für ihr Leben in Anspruch nehmen würden.« Der Österreicher ließ seinen Kommentar ins Russische übersetzen und brachte ihn zu seinem Vorgesetzten, dem stellvertretenden Chefredakteur Viktor Chodarenko. Dieser sagte zu, den Beitrag zur Bestätigung der Parteileitung vorzulegen. »Also begab ich mich wieder in mein Zimmer und wartete. Eine halbe Stunde vor Beginn meiner Sendung ging ich wieder in die Direktionsetage, wo mir Viktor Antonowitsch sagte, es sei aus dem Smolny noch keine Antwort gekommen.«</p>
<p>Daraufhin sagte Fuchs seinem Chef, dass die Sendung in wenigen Minuten beginne. »Ich muss meinen Artikel heute bringen, denn morgen oder übermorgen weiß kein Deutscher mehr, was Goebbels im Rundfunk gesagt hat. Sie und der Direktor haben meinen Artikel für gut befunden. Ich übernehme daher allein die Verantwortung dafür, dass ich ihn heute veröffentliche.« Damit war der Bann gebrochen, und Fuchs konnte von nun an schreiben, was er für richtig und wichtig hielt.«¹⁸</p>
<p>In Berlin beobachtete man mit Sorge den möglichen Einfluss der Sendungen aus Leningrad auf die Moral der Truppe. Eberhard Taubert – damals unter anderem Leiter der »Abteilung Ost« des Propagandaministeriums und Chef der »Antikomintern«, nach dem Krieg Vizechef des vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen finanzierten antikommunistischen »Volksbundes für Frieden und Freiheit«¹⁹ – verlangte im Namen von Goebbels vom Oberkommando der Wehrmacht, zumindest die Sendeanlagen von <em>Radio Leningrad</em> zum Schweigen zu bringen. Doch das OKW teilte am 3. September 1942 mit, dass »eine wirksame Bekämpfung des Senders Leningrad zur Zeit aus militärischen Gründen weder von der Erde aus noch aus der Luft möglich ist«.²⁰</p>
<h3>Belagerung durchbrochen</h3>
<p>Und so konnte <em>Radio Leningrad</em> in der Nacht zum 19. Januar 1943 melden, dass der Blockadering der Deutschen durch die Rote Armee durchbrochen worden sei. Alles, was dann geschah, war »spontan, unvorbereitet und ungeplant«, erinnerte sich Olga Bergholz an diese Stunden. »Musik, hier und dort geschriebene Gedichte, Reden – es war ein beständiger, unaufhörlicher Strom freudiger Erregung, der von der Wolchow-Front, dem ganzen Land, der ganzen Welt gehört wurde. Und die größte Auszeichnung für uns im Studio war in dieser Nacht des Feierns, dass die Leningrader in Scharen zu uns strömten. (…) Obwohl die ­Blockade noch ein weiteres Jahr anhielt, nachdem der Durchbruch erreicht worden war, mit weiteren erschöpfenden Angriffen, Bombardierungen und neuen Prüfungen für die Menschen, obwohl der glückliche Tag der letzten Erlösung der Stadt erst ein Jahr später kam, erinnern sich die Leningrader der Nacht des 18. Januar 1943 als des Gipfels der Freude, als einer Nacht, in der sich alle Herzen einander geöffnet haben«, schrieb Olga Bergholz. »Und einen unverzichtbaren Anteil an dieser Nacht hatte die Stimme des Radios, das zum ersten Mal nach langen Monaten die Nacht hindurch bis zum Morgengrauen sang und sprach, damit alle Welt den Jubel Leningrads hören konnte.«²¹</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Joseph Goebbels: Tagebücher, Bd. IV, München 2003, S. 1671 (­Eintrag v. 24. September 1941)</p>
<p>2 <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/340408/leningrad-niemand-ist-vergessen/">https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/340408/leningrad-niemand-ist-vergessen/</a></p>
<p>3 <a href="https://ik-ptz.ru/de/literature/ya-govoryu-nas-grazhdan-leningrada-ya-govoryu-s-toboi-pod-svist.html">https://ik-ptz.ru/de/literature/ya-govoryu-nas-grazhdan-leningrada-ya-govoryu-s-toboi-pod-svist.html</a></p>
<p>4 Hansjörg Biener: »Goworit Leningrad« (1941–1944). In: <em>Rundfunk und Museum</em> (2021), H. 101, S. 28–37</p>
<p>5 Ebd., S. 29</p>
<p>6 Olga Bergholz: »This is Radio Leningrad«. In: Moscow – Stalingrad, 1941–1942, Moskau 1970, S. 166</p>
<p>7 Biener (Anm. 4), S. 32</p>
<p>8 Ebd., S. 31</p>
<p>9 Jürgen Meier: »Für alle ist irgendwo ein Lächeln …«. In: <em>Streifzüge</em>, 9. September 2006. <a href="https://www.streifzuege.org/2006/fuer-alle-ist-irgendwo-ein-laecheln">https://www.streifzuege.org/2006/­fuer-alle-ist-irgendwo-ein-laecheln</a></p>
<p>10 <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Khby544gyGw">https://www.youtube.com/watch?v=Khby544gyGw</a></p>
<p>11 Bergholz (Anm. 6), S. 176</p>
<p>12 David B. Dennis: Beethoven in German Politics, 1870–1989, New Haven 1996, S. 170</p>
<p>13 Lev S. Marchasev, Marianna Butenschön, Gabriele Leupold: Beethoven gegen Hitler: Das Leningrader Radio in der Blockade. In: <em>Osteuropa</em> 61 (2011), H. 8/9, S. 223 f.</p>
<p>14 Conrad Pütter: Rundfunk gegen das »Dritte Reich«, München 1986, S. 270</p>
<p>15 <a href="http://militera.lib.ru/h/rubashkin_ai/09.html">http://militera.lib.ru/h/rubashkin_ai/09.html</a></p>
<p>16 Bundesarchiv, R 58/3106, S. 111f.; <a href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/09aa4381-05b5-435e-b240-d6f7cf728468/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/09aa4381-05b5-435e-b240-d6f7cf728468/</a></p>
<p>17 Friedrich Fuchs: Wie ich ein Leningrader wurde. In: <em>Medien &amp; Zeit,</em> 2/88, S. 14, <a href="https://medienundzeit.at/wp-content/uploads/2015/02/MZ_digital_1988-02_ocr-.pdf">https://medienundzeit.at/wp-content/uploads/2015/02/MZ_digital_1988-02_ocr-.pdf</a></p>
<p>18 Ebd., S. 15 f.</p>
<p>19 Vgl. Klaus Körner: Erst in Goebbels’, dann in Adenauers Diensten, <em>Die Zeit</em><em>,</em> Nr. 35/1990, <a href="https://www.zeit.de/1990/35/erst-in-goebbels-dann-in-adenauers-diensten/komplettansicht">https://www.zeit.de/1990/35/erst-in-­goebbels-dann-in-adenauers-diensten/komplettansicht</a></p>
<p>20 Willi A. Boelcke: Die Macht des Radios, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1977, S. 272</p>
<p>21 Bergholz (Anm. 6), S. 176 f.</p>
<p>Erschienen am 3. Juni 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/451733.rundfunkgeschichte-niemand-wird-vergessen-und-nichts.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>»Wo ist der Rommel?«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/wo-ist-der-rommel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 May 2023 08:58:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rundfunkgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Zweiter Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 5: Antifaschistische »Feindsender« während des Zweiten Weltkriegs Die Phrasen[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="row mt-5">
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<div class="teaser lead"><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 5: Antifaschistische »Feindsender« während des Zweiten Weltkriegs</strong></div>
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<p>Die Phrasen waren bis zum Überdruss bekannt. »Wem die Vorsehung so schwere Prüfungen auferlegt, den hat sie zu Höchstem berufen«, tönte Adolf Hitler am 31. Dezember 1944 in seiner vom <em>Großdeutschen Rundfunk</em> übertragenen Silvesteransprache. »In dieser Stunde will ich daher als Sprecher Großdeutschlands gegenüber dem Allmächtigen das feierliche Gelöbnis ablegen, dass wir treu und unerschütterlich unsere Pflicht auch im neuen Jahr erfüllen werden …« Doch diesmal wurde dem »Führer und Reichskanzler« widersprochen. »Das Jahr 1945 muss das Ende der Hitlertyrannei sein!« rief plötzlich eine Stimme dazwischen. Und mitten in das folgende Horst-Wessel-Lied noch einmal: »Nieder mit Hitler und seiner Bande! Weg mit den Nazis!«</p>
<h3>»Feindsprüche«</h3>
<p>Nicht nur bei den Faschisten, sondern auch bei vielen Hörern rief diese »Geisterstimme« Aufregung hervor. Wie war so etwas möglich? Waren die alliierten Truppen schon so weit vorgestoßen, dass sie bereits im deutschen Rundfunk zu hören waren?</p>
<p>Tatsächlich saß der Sprecher der antifaschistischen Kommentare in einem Studio in Moskau und verfolgte aufmerksam die Parolen aus Berlin. War der richtige Zeitpunkt gekommen, um mit kurzen Sätzen die Lügen zu kommentieren, verstärkten die sowjetischen Techniker kurzfristig die Leistung ihrer Sender und überlagerten so die Frequenz, auf der das deutsche Programm lief. Vor allem im Norden und Osten Deutschlands war dann für einen kurzen Augenblick nicht mehr Hitler zu hören, sondern die Stimme eines deutschen Kommunisten.</p>
<p>Bereits kurz nach dem deutschen Überfall 1941 hatten die sowjetischen Propagandisten begonnen, mit »Feindeinsprüchen«, wie es im Beamtendeutsch der Gestapo hieß, den deutschen Rundfunk zu stören. Die Nazis stellte das vor Probleme, denn ihre Störsender waren gegen diese Waffe wirkungslos, wenn sie nicht ihre eigenen Programme unhörbar machen wollten. Die Aufgabe der kurzen Zwischenrufe war es allerdings nicht, die Hörer zu informieren, was auf diese Weise kaum möglich gewesen wäre. Aber sie konnten auf Widersprüche der Nazipropaganda hinweisen, etwa wenn die »Geisterstimme« am 8. Dezember 1942 mitten in der Nachrichtensendung des <em>Großdeutschen Rundfunks</em> fragte: »Wo ist der Rommel?« und kurz darauf warnte: »In Italien geht es drunter und drüber!« Schließlich dann die kurze Feststellung: »Mit der Schnauze haben wir längst gesiegt!«¹</p>
<p>Wer sich ausführlicher über die tatsächliche Kriegslage informieren wollte, musste auf die sogenannten Feindsender ausweichen. Zwar war das seit dem 1. September 1939 in Deutschland offiziell verboten und es drohten drastische Strafen bis hin zur Hinrichtung, doch Millionen Menschen wagten es, auf die Sender der gegnerischen Mächte umzuschalten, etwa auf <em>Radio Moskau</em> oder die <em>BBC London</em>. Deren Inhalte wurden aber von den Behörden kontrolliert, deutsche Emigranten hatten auf die offiziellen Programme wenig bis keinen Einfluss. In dem erst 1938 hektisch eingerichteten deutschsprachigen Dienst der <em>BBC London</em> waren sie nur als Sprecher und Übersetzer willkommen, eigenständige redaktionelle Arbeit durften sie nicht leisten.</p>
<p>Einen gewissen Freiraum für deutsche Antifaschisten in Großbritannien hatte es nur zu Beginn des Krieges gegeben. Zwischen 1939 und 1941 verfolgte die Londoner Regierung noch keine einheitliche Strategie, wie man auf die Bevölkerung der feindlichen Länder einwirken wollte. Mehrere Ministerien und Behörden machten sich gegenseitig Kompetenzen streitig. Davon konnten Emigranten profitieren, die über Verbindungen in Behörden und Ministerien verfügten. Einer von ihnen war der ehemalige Reichstagsabgeordnete der katholischen Zentrumspartei Carl Spiecker. Er hatte bereits Anfang 1938 im Namen einer von ihm gegründeten konservativen Emigrantengruppe mehrere Monate lang von einem unter britischer Flagge in den internationalen Gewässern des Ärmelkanals kreuzenden Fischkutter aus den <em>Sender der Deutschen Freiheitspartei</em> betrieben und zum Widerstand gegen das Hitlerregime aufgerufen.² 1940 gelang es Spiecker dann, die britischen Behörden zur Einrichtung eines neuen Geheimsenders zu bewegen, der sich Ende Mai 1940 erstmals mit der Ansage »Hier spricht Deutschland« auf Kurzwelle meldete. Die einzigen Redakteure und Sprecher waren Spiecker selbst und der Journalist Hans Albert Kluthe, der in der Weimarer Republik für liberale Zeitungen und Zeitschriften geschrieben hatte. Sie versuchten, Angehörige der Mittelschicht davon zu überzeugen, dass es für einen »echten Deutschen unmöglich sein (müsse), ein Nazi zu sein«. Zugleich übernahmen sie allerdings die Naziparole vom »Bedarf an Lebensraum« und forderten sogar noch im Februar 1941 ein »starkes Deutschland unter Beibehaltung seiner militärischen Gebietsgewinne«.³</p>
<p>Das kollidierte zusehends mit den britischen Kriegszielen. Am 15. März 1941 musste Spiecker den Betrieb seines Senders einstellen. Weiter arbeiten konnte dagegen vorerst der <em>Sender der Europäischen Revolution</em>, der sich erstmals am 7. Oktober 1940 auf Kurzwelle im 30-Meter-Band gemeldet hatte: »Wir sprechen für alle, die zum Schweigen verdammt sind! Wir rufen die Massen zur politischen und sozialen Revolution! Wir kämpfen für ein Europa des Friedens!«⁴</p>
<p>Initiiert hatten den Sender linkssozialistisch orientierte deutsche Emigranten, die dabei von britischen Gewerkschaften und der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) unterstützt wurden. Ihr wichtigster Verbündeter im britischen Staatsapparat war der Labour-Politiker Richard Crossman, der nach dem Krieg lange Jahre Abgeordneter im Unterhaus war, Ministerposten bekleidete und dem Vorstand seiner Partei angehörte. Er setzte den Sender gegen Vorbehalte seiner Kollegen durch.</p>
<h3>Sozialistisch und antikommunistisch</h3>
<p>Die Redaktion des <em>Senders der Europäischen Revolution</em> bildete sich um den bayerischen Sozialdemokraten Waldemar von Knoeringen, das Ehepaar Evelyn und Paul Anderson sowie den Journalisten Fritz Eberhard und einige weitere. Sie genossen weitgehende politische und journalistische Freiheit, eine vorherige institutionalisierte Zensur gab es nicht. Die Programme propagierten eine sozialistische, zugleich aber auch antikommunistische Position. So nutzte man am 21. Januar 1941 – als der Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion noch in Kraft war – den Todestag von Wladimir Iljitsch Lenin für einen Kommentar, dass dieser den »Weg zum Bündnis mit Hitler niemals gegangen« wäre. Er habe aber »die Wurzeln des Stalinismus nicht rechtzeitig erkannt«. Dann spannte man den Bogen zur Situation in Hitlerdeutschland: »Unter seiner Diktatur gibt es zwar keine offenen innenpolitischen Krisen mehr, dafür hat er aber durch seine imperialistische Außenpolitik eine Krise furchtbarsten Ausmaßes heraufbeschworen: den Zweiten Weltkrieg. Er hat zwar durch die Beschäftigung der Arbeiter in der Rüstungsproduktion die Existenzfrage des Einzelnen vorübergehend gelöst, aber er hat dadurch einen Krieg vorbereitet und führt nun diesen Krieg, der die Existenz des ganzen deutschen Volkes aufs Spiel setzt.«⁵</p>
<p>Die Aufzeichnungen der in die Mikrofone gesprochenen Kommentare verdanken wir unter anderem der Gestapo, deren Schergen die Programme dieses und anderer »Feindsender« eifrig mitprotokollierten und in dicken, als »Geheim!« klassifizierten Akten archivierten. So findet sich in den Unterlagen auch eine weitere Notiz aus dem Februar 1941, in der die »Polemik des <em>Senders der Europäischen Revolution</em> gegen die Diplomatie der Sowjetunion« hervorgehoben wird: »Ihre Haltung könne nicht mehr mit Gerissenheit, mit Schwäche oder gar mit verschleierter Feindschaft gegen den nationalsozialistischen Imperialismus erklärt werden. Das Stalin-Regime sei offen in die faschistische Weltfront eingerückt: ›Niemals soll die revolutionäre Arbeiterschaft vergessen, dass dieser Krieg vielleicht nie möglich gewesen wäre ohne die Hilfe Stalins für Hitler, und dass auch noch nach dem Russenpakt von 1939 eine hitlerfeindliche Neutralität der Sowjetunion viele Völker Europas vor dem Schicksal der Sklaverei hätte bewahren können‹.«⁶</p>
<p>Spätestens mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und der Bildung einer antifaschistischen Koalition zwischen Moskau, London und Washington passten solche Töne nicht mehr in das politische Konzept der britischen Regierung. Am 30. April 1942 musste der <em>Sender der Europäischen Revolution</em> den Betrieb einstellen. Wenige Tage später meldete sich auf ähnlichen Kurzwellenfrequenzen ein <em>Arbeitersender</em>. Wie sein Vorgänger präsentierte er sich als Sprachrohr einer linken Untergrundorganisation in Deutschland.⁷ Allerdings standen hinter diesem Programm nun keine Emigranten mehr, sondern die Londoner Propagandisten, und es ging auch nicht mehr um die Propagierung von Vorstellungen über die zukünftige Gestalt eines befreiten Deutschlands, sondern um Zersetzung und Zermürbung des Feindes. »In meinen Augen waren alle diese Versuche, die Deutschen durch Aufrufe und Kritik zum Aufstand gegen Hitler zu bekehren, eine Verschwendung von Atem und elektrischem Strom«, schrieb der Leiter der britischen Schwarzsender, Sefton Delmer, dazu in seinen Erinnerungen. »Wer in dem damaligen Stadium des Krieges die Deutschen zu hitlerfeindlichen Gedanken und Handlungen veranlassen wollte, musste sich des Mittels der Irreführung bedienen.«⁸</p>
<p>Ein Beispiel dafür war der im Oktober 1943 gestartete <em>Soldatensender Calais</em>, die nahezu perfekte Kopie eines deutschen Wehrmachtssenders in den besetzten Gebieten. Natürlich stand er nicht in der nordfranzösischen Hafenstadt, sondern kam über den britischen Mittelwellensender »Aspidistra«, der mit einer Sendeleistung von 600 Kilowatt als die stärkste Station seiner Zeit galt. Wie die echten Soldatensender der Nazis, die die Landser bei Laune halten sollten, verbreitete <em>Calais</em> flotte Musik und offizielle Meldungen der Wehrmachtsführung. Dazwischen wurden jedoch immer wieder Meldungen über Niederlagen der Deutschen, Materialmangel an den Fronten oder Zerstörungen in Deutschland eingestreut, die den Durchhalteparolen des Propagandaministeriums widersprachen.</p>
<h3>Stimmen der Komintern</h3>
<p>In der Sowjetunion beschloss die Kommunistische Internationale nach dem deutschen Überfall die Einrichtung von Freiheitssendern vor allem für die von den Faschisten besetzten Länder. Anfang August 1941 waren bereits sechs von ihnen in Betrieb: Radio <em>Tadeusz Kosciuszko</em> auf polnisch, »Für die nationale Befreiung« auf tschechisch, <em>Milano Libertà</em> auf italienisch, <em>Radio España Independiente</em> auf spanisch, <em>Christo Botew</em> auf bulgarisch und <em>Romania Libera</em> auf rumänisch.⁹ In den folgenden Wochen kamen weitere hinzu, etwa <em>Za slovensku slobodu</em> (Für die slowakische Freiheit) in slowakischer und der <em>Sudentendeutsche Freiheitssender</em> in deutscher Sprache.¹⁰ Im November 1941 folgte der <em>Sender Österreich</em>, der von dem KPÖ-Mitglied und Journalisten Erwin Zucker-Schilling geleitet wurde. Auch Programme für Griechenland, Jugoslawien und weitere Länder wurden verbreitet.</p>
<p>Eingeleitet mit der Melodie von »Die Gedanken sind frei« als Pausenzeichen meldete sich ab dem 10. September 1941 der <em>Deutsche Volkssender</em> als »Stimme der nationalen Friedensbewegung«, wie es in der Ansage hieß. »Hitler hat den Krieg begonnen, Hitlers Sturz wird ihn beenden.«¹¹</p>
<p>In der Anfangszeit versuchte man den Eindruck zu erwecken, dass die Sendungen von einer geheimen Funkstation innerhalb Deutschlands verbreitet würden. »Wir sprechen mitten aus dem Erleben unseres Volkes heraus«, hieß es in der ersten Sendung am 10. September 1941. »Wir sind seine Stimme. Das Anhören und Verbreiten unserer Sendungen ist ein echter nationaler Dienst am Volke.«¹² Schon nach einem halben Jahr wurde diese Legende jedoch aufgegeben, der <em>Deutsche Volkssender</em> trat nun offen als Stimme der in die Sowjetunion emigrierten Führung der KPD auf.¹³ Damit ergänzte er die deutschsprachigen Sendungen von <em>Radio Moskau</em>, in denen zwar führende Vertreter der KPD zu Wort kamen, die aber doch immer die offizielle Stimme der UdSSR waren. »Unser Sender hatte die Aufgabe, nicht nur die politische Linie und die Argumente für die vielschichtige Arbeit im Land aktuell, treffend, überzeugend und lebendig zu verbreiten, sondern vor allem auch eine möglichst konkrete, den schweren Bedingungen angepasste Anleitung für den praktischen illegalen Kampf, für dessen Organisationsformen, seine Methoden zu geben.«¹⁴</p>
<p>So fasste Markus Wolf die Arbeit zusammen. Der spätere Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Auslandsgeheimdienstes der DDR hatte als 20jähriger Ende August 1943 als Sprecher und Redakteur beim <em>Deutschen Volkssender</em> angefangen. Im Gespräch mit der Redaktion der <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> führte er 1977 weiter aus: »Diese Aufgabenstellung stieß auf vielfältige Schwierigkeiten. Denn der Gestapo-Terror und die enormen Verluste unserer Partei, die notwendige Dezentralisierung der Organisation und auch die Konspiration sicherten keinen systematischen Informationsfluss aus dem Lande mehr. Wir waren also darauf angewiesen, gestützt auf das Wissen und die Hinweise unserer Parteiführung über den Kampf im Lande, uns aus den vielfältigsten Quellen ein solches Faktenwissen zu erarbeiten, das eine wirklichkeitsnahe, den Aufgaben entsprechende aktuelle Sendetätigkeit jeden Tag und mehrmals am Tag ermöglichte.«¹⁵</p>
<p>Die Gestapo verfolgte die Programme des <em>Deutschen Volkssenders</em> mit größter Aufmerksamkeit. In einem Lagebericht des Reichssicherheitshauptamtes vom 1. April 1942 etwa wurde ein Kommentar zur Ernährungslage in Deutschland mitgeschrieben: »Bis ins einzelne gehende Anweisungen gab auch der <em>Deutsche Volkssender</em>, der u. a. aufforderte, auf den Märkten, vor den Ernährungsämtern, vor den Kreisleitungen und den Bürgermeistereien für die sofortige Freigabe der für die Kriegsverlängerung angehäuften Vorräte zu demonstrieren. Die Arbeiter in den Rüstungsbetrieben sollten es ablehnen, mit leerem Magen für Hitlers Krieg zu schuften. Die Eisenbahner sollten erklären, dass sie nur noch Lebensmitteltransporte, aber keine Kriegstransporte mehr fahren.«¹⁶</p>
<h3>Friedenspropaganda</h3>
<p>Der <em>Deutsche Volkssender</em> propagierte auch die Bildung einer breiten nationalen Sammlungsbewegung gegen Krieg und Faschismus. So notierten die Abhörer der Gestapo am 17. Dezember 1942, dass er über ein »Friedensmanifest oppositioneller Kreise aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet« berichtet habe, demzufolge sich »zahlreiche oppositionell eingestellte Männer und Frauen aus allen Schichten der Bevölkerung zur Manifestierung des Friedens zusammengeschlossen« hätten. Knapp zwei Wochen später hielten die Agenten die Verbreitung eines »Aktionsprogramms der nationalen Friedensbewegung« fest, in dessen zehn Punkten unter anderem die sofortige Einstellung der Kriegshandlungen, die Schaffung einer national-demokratischen Friedensregierung und die Auflösung von SS und Gestapo gefordert worden seien.¹⁷</p>
<p>Konkrete Gestalt nahm diese nationale Sammlungsbewegung im Mai 1943 an, als das Politbüro des KPD-Zentralkomitees in Moskau den »Vorschlag zur Bildung eines deutschen Komitees zum Kampf gegen Hitlerkrieg und Nazityrannei« fasste, der schließlich zur Gründungsversammlung des »Nationalkomitees Freies Deutschland« (NKFD) im Juli 1943 führte. Das Gründungsmanifest wurde von 21 kriegsgefangenen Soldaten und Offizieren sowie zwölf emigrierten Zivilistinnen und Zivilisten unterzeichnet. Im September folgte dann die Konstituierung des »Bundes Deutscher Offiziere«, über den mehrere Wehrmachtsgeneräle an das NKFD herangeführt werden konnten.</p>
<p>Die Nazis registrierten die Gründung über eine Rundfunkmeldung vom 20. Juli 1943, die sie dem <em>Sender Moskau</em> zuschrieben.¹⁸ Zu vermuten ist, dass die Abhörer der Gestapo nicht das offizielle sowjetische Rundfunkprogramm erwischt hatten, sondern die erste Ausstrahlung des <em>Senders Freies Deutschland</em>, der an jenem Tag den Betrieb aufnahm. Schon unmittelbar nach der Gründung des Nationalkomitees waren in Moskau konspirativ arbeitende Redaktionen für die Zeitung <em>Freies Deutschland</em> und den gleichnamigen Rundfunksender eingerichtet worden. Dem Sender standen zunächst eine Mittelwellen- und mehrere Kurzwellenfrequenzen zur Verfügung, im September 1944 kam noch die Langwelle hinzu. So war man nicht nur an der gesamten Front, sondern auch in Deutschland gut zu empfangen, sofern die Störungen durch die Nazis nicht zu stark waren. Meldete man sich anfangs dreimal täglich, wurde die Zahl der Sendungen bis Juli 1944 auf acht Sendungen von jeweils zwischen 15 und 80 Minuten Dauer ausgeweitet. Entgegen mancher späterer Berichte ersetzte der Sender des NKFD jedoch nicht den <em>Deutschen Volkssender</em>, auch wenn dieser einige Mitarbeiter an das Nationalkomitee abgeben musste. Beide Stationen stellten ihre Arbeit erst nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus ein.</p>
<p>Der Sender des NKFD meldete sich nach der Erkennungsmelodie »Der Gott, der Eisen wachsen ließ« mit der Ansage »Achtung, Achtung, hier spricht der Sender des Nationalkomitees Freies Deutschland! Wir sprechen im Namen des deutschen Volkes! Wir rufen zur Rettung des Reiches!«¹⁹ Die Sendungen richteten sich in erster Linie an die deutschen Soldaten an der Ostfront, aber auch an Hörer im Reich selbst. So verbreitete man am 17. August 1943 einen »Appell an das deutsche Volk und an die deutsche Wehrmacht«, in dem es der Mitschrift durch die Gestapo zufolge hieß: »Die Fortsetzung des Krieges bedeutet Selbstmord der Nation und der Wehrmacht. Mit jedem Tag wird die Lage aussichtsloser, mit jedem Tag wird Deutschland ohnmächtiger, mit jedem Tag müssen sich die Friedensbedingungen verschlimmern, mit jedem Tag, den die deutschen Armeen auf russischem Boden stehen, vergrößern sie die Wut ihres mächtigsten Gegners, des russischen Volkes. Nur durch die Beseitigung des Hitlerregimes kann das Vertrauen des russischen Volkes und aller demokratischen Mächte wiedergewonnen werden. In dieser gefährlichen Stunde wiederholt das Nationalkomitee noch einmal dringlich seinen Aufruf: Macht mit dem Krieg sofort ein Ende! Alle Volkskräfte gegen die Kriegsregierung Hitlers und für die Rettung unserer Nation vor der nahenden Katastrophe! Erkämpft euch eine wahrhaft nationale Regierung, die unserem Lande die Freiheit und den Frieden bringt!«²⁰</p>
<h3>Kontakt per Funk</h3>
<p>Zu Wort kamen im Sender kriegsgefangene Soldaten und Offiziere, deren Statements vor allem im Lager Lunjowo auf Schallplatten aufgenommen und dann nach Moskau gebracht wurden. Die »Lagerredaktion« wurde von Hans Mahle geleitet, der auch die Aufnahmen überwachte. Das letzte Wort hatte eine »Stadtredaktion« in Moskau unter der Leitung von Anton Ackermann und Walter ­Ulbricht. Zensur fand allerdings kaum statt. Sowohl die uniformierten als auch die zivilen Mitglieder des Nationalkomitees verfügten über einen relativ großen redaktionellen Freiraum, dessen Grenzen die Erfordernisse der militärischen Geheimhaltung waren. Hielten die sowjetischen Kontrolloffiziere doch einmal Änderungen für notwendig, wurden diese offenbar mit den betroffenen Soldaten abgesprochen.²¹</p>
<p>Neben seinem zentralen Sender gab es im Namen des Nationalkomitees eine Reihe kleinerer Stationen, die in Frontnähe von Beauftragten des NKFD betrieben wurden und sich meist an eingeschlossene Truppenteile richteten. So meldete sich im März 1945 ein <em>Soldatensender Ostpreußen</em>, der sich offen als Stimme des Nationalkomitees zu erkennen gab. Er wandte sich an die Soldaten im belagerten Königsberg, dem heutigen Kaliningrad.²² An die eingeschlossenen Soldaten im Kessel Kurland richtete sich im Frühjahr 1945 der <em>Sender Baltikum</em>. Eine Besonderheit dieser Station war, dass sie kapitulationswilligen Soldaten die Möglichkeit gab, sie per Funk zu kontaktieren: »Kameraden, wenn ihr uns verstanden habt, wenn unsere Sendung bei euch angekommen ist, dann gebt auf gleicher Frequenz, auf dem 42,7-Meter-Band, das Rufzeichen ›di di da di, da di di‹ – F, D, FD, Freies Deutschland! Wir gehen auf Empfang!«²³ Gefunkt wurde über einen mobilen, 1,5 Kilowatt starken Sender der sowjetischen Armee.²⁴</p>
<p>Am 8. Mai 1945, als im Westen die Kapitulation der Wehrmacht gefeiert wurde, kommentierte der Hamburger Schriftsteller Willi Bredel um 23.15 Uhr über den <em>Sender Freies Deutschland</em>: »›Wir kapitulieren nie‹, brüllten die Hitlerschurken noch vor wenigen Wochen. Und jetzt haben sie zu Hunderttausenden, zu Millionen kapituliert. Die Parole Goebbels hat schmählich versagt. Niederträchtiger hat noch niemand gehandelt als das Hitlergesindel. Es hat sich feige aus dem Staube gemacht und hat die Soldaten in Berlin sterben lassen. Einmalig ist diese Feigheit und Niederträchtigkeit der Nazibande. In Lüge und Schmach sind sie zusammengebrochen.«²⁵</p>
<h3>Tag des Jubels</h3>
<p>Am nächsten Morgen verbreitete der Sender dann den Wortlaut der deutschen Kapitulation und kommentierte: »Die Vernichtung des Hitlertums ist vollständig. Der Untergang war jämmerlich. (…) Das deutsche Volk steht vor einem Trümmerfeld.« Und über den <em>Deutschen Volkssender</em> hieß es: »Der Krieg ist beendet, und die Wehrmacht hat den Schritt getan, den sie schon nach Stalingrad hätte unternehmen sollen. Es muss nun das deutsche Volk gesäubert werden, weil es noch stark mit einer verbrecherischen Bande durchseucht ist. Diese wartet, um von neuem Unheil zu stiften. Erst wenn diese Elemente verschwunden sind, können wir unser Land wieder aufbauen. Im neuen Deutschland darf kein Platz sein für Rüstungsplutokraten und andere Kriegstreiber. (…) Für friedliche Menschen ist heute ein Tag des Jubels und der Siegesfreude, weil wir vom Verbrecher Hitler befreit sind.«²⁶</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Hans Sarkowicz, Michael Crone (Hg.): Der Kampf um die Ätherwellen. Feindpropaganda im Zweiten Weltkrieg (Tondokumentation), Frankfurt am Main 1990</p>
<p>2 Conrad Pütter: Rundfunk gegen das »Dritte Reich«. Ein Handbuch, München 1986, S. 38 f.</p>
<p>3 Ebd., S. 104 f.</p>
<p>4 Ebd., S. 106</p>
<p>5 BArch R 58/2333, S. 8; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/dff8b1da-14e6-4ba2-8f7d-d282529d4340/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/dff8b1da-14e6-4ba2-8f7d-d282529d4340/</a></p>
<p>6 Ebd., S. 64</p>
<p>7 Conrad Pütter, a. a. O., S. 119</p>
<p>8 Sefton Delmer: Die Deutschen und ich, Hamburg 1963, S. 445</p>
<p>9 Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein (Hg.): <a href="https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110339789/html#contents">Deutschland, Russland, Komintern, Band II: Dokumente ­(1918–1943). Nach der Archivrevolution: Neuerschlossene Quellen zu der Geschichte der KPD und den deutsch-russischen Beziehungen</a>, Berlin/München/Boston 2015, S. 1688 (Fußnote 86)</p>
<p>10 Tereza Maskova: Rozhlasove vysilani do okupovaného Ceskoslovenska, <em>Cesky rozhlas</em>, 30. April 2015; <a class="western" href="https://temata.rozhlas.cz/rozhlasove-vysilani-do-okupovaneho-ceskoslovenska-8044759">https://temata.rozhlas.cz/rozhlasove-vysilani-do-okupovaneho-ceskoslovenska-8044759</a></p>
<p>11 Markus Wolf: Das antifaschistische Deutschland hatte Stimme und Heimat. Erinnerungen an die Arbeit des <em>Deutschen Volkssenders</em>, in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1977), Nr. 2, S. 6</p>
<p>12 Zit. n. ebd., S. 5</p>
<p>13 Conrad Pütter, a. a. O., S. 289 f.</p>
<p>14 Markus Wolf, a. a. O., S. 8 f.</p>
<p>15 Ebd., S. 9</p>
<p>16 Reichssicherheitshauptamt: Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, 1. April 1942, S. 3; in: BArch R 58/3113, S. 5; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/f83575b9-9f20-4240-9bf2-ee9aa4d5357b/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/f83575b9-9f20-4240-9bf2-ee9aa4d5357b/</a></p>
<p>17 Reichssicherheitshauptamt: Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, 5. Januar 1943, S. 3 f.; BArch R 58/209; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/d3eaf310-b345-487a-adbb-2e80d23ba420/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/d3eaf310-b345-487a-adbb-2e80d23ba420/</a></p>
<p>18 Reichssicherheitshauptamt: Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, 23. Juli 1943, S. 1; BArch R 58/211; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/34161ced-e764-4777-aecd-240616f518a6/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/34161ced-e764-4777-aecd-240616f518a6/</a></p>
<p>19 Katharina Riege: Einem Traum verpflichtet. Hans Mahle – eine Biographie, Hamburg 2003, S. 157 ff.</p>
<p>20 Reichssicherheitshauptamt: Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, 27. August 1943, S. 1; BArch R 58/211; <a class="western" href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/34161ced-e764-4777-aecd-240616f518a6/">https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/34161ced-e764-4777-aecd-240616f518a6/</a> (Seite 43); abgerufen am 2. Mai 2023</p>
<p>21 Conrad Pütter, a. a. O., S. 280 ff.</p>
<p>22 Ebd., S. 316</p>
<p>23 Ebd., S. 317</p>
<p>24 Rudi Bunzel: Antifaschistische Rundfunksender im Kampf gegen Faschismus. In: Karl-Heinz Schubert (Hg.): Jahrbuch für den Funkamateur 1969, Berlin (DDR) 1968, S. 22 f.; <a class="western" href="https://archive.org/details/elektronischesjahrbuch/Elektronisches%20Jahrbuch%201969/page/n5/mode/2up?view=theater">https://archive.org/details/elektronischesjahrbuch/Elektronisches%20Jahrbuch%201969/page/n5/mode/2up?view=theater</a></p>
<p>25 Zit. n. Ansgar Diller: Das Kriegsende 1945 im europäischen Rundfunk. Aus den Berichten der schweizerischen Abhör-»Gruppe Ohr«, in: <em>Rundfunk und Geschichte</em> (1995), Nr. 2/3, S. 152; <a class="western" href="https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_1995_2-3.pdf">https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_1995_2-3.pdf</a></p>
<p>26 Ebd., S. 154</p>
<p>Erschienen am 17. Mai 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/450870.radiogeschichte-wo-ist-der-rommel.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>Unter falscher Flagge</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/unter-falscher-flagge/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Apr 2023 09:00:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
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					<description><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 4: »Linke« Nazipropaganda gegen Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="row mt-5">
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<div class="teaser lead"><strong>Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 4: »Linke« Nazipropaganda gegen Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion</strong></div>
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<p>Mitte Januar 1940. Deutschland und Frankreich befinden sich seit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 im Kriegszustand. Doch an der Grenze zwischen beiden Ländern herrscht weitgehend Ruhe. Zwar hatten französische Truppen am 9. September 1939 die Grenze überschritten und waren im Saarland einige Kilometer weit auf deutsches Gebiet vorgerückt, aber bereits am 21. September ordnete das französische Oberkommando den Rückzug der Truppen auf das eigene Staatsgebiet an. Seither herrschte an der Grenze ein »Sitzkrieg«, der als »Drôle de ­guerre« (»Seltsamer Krieg«) in die Geschichte einging. Auf deutscher Seite war der Entschluss zum Überfall auf Frankreich jedoch längst gefallen.</p>
<h3>»Radio Humanité«</h3>
<p>Die Aggression wurde propagandistisch vorbereitet. Neben den offiziellen Sendungen aus Deutschland für Frankreich, die von <em>Radio Stuttgart</em> ausgestrahlt wurden, meldeten sich ab Dezember 1939 mehrere Schwarzsender, die vorgaben, illegal von Frankreich aus zu arbeiten. Neben einer vorgeblich pazifistischen »Stimme des Friedens« (La Voix de la Paix) und einem antienglischen Sender namens »Erwachen Frankreichs« (Poste du Réveil de la France) gewann »Radio Humanité« eine besondere Bedeutung. Nicht zufällig hatte dieser den Namen der Zeitung der Französischen KP gewählt, denn man gab sich als Sender der Kommunistischen Partei aus. Diese Maskerade funktionierte, weil die Partei am 26. September 1939 von der Regierung in Paris verboten und in den Untergrund gedrängt worden war. Begründet worden war das mit der Unterstützung der Französischen KP für den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und den Einmarsch sowjetischer Truppen im Osten Polens.</p>
<p>Tatsächlich stand »Radio Humanité« natürlich nicht in Frankreich, sondern arbeitete zunächst über einen mobilen Sender, der in Schopfheim nahe der Schweizer und französischen Grenze stationiert worden war. Am 14. Januar 1940 hieß es dort: »Genossen, dieser Krieg ist nicht unser Krieg. Es ist im Gegenteil ein Krieg gegen uns, gegen unsere Ideen, gegen unsere materiellen Interessen, gegen unsere Familien, gegen alles, was den Armen wert ist, gegen alles, worauf die werktätigen Massen stolz sind. (…) Sie appellieren an unseren guten Willen und unsere Geduld, um die Demokratie zu retten. Es handelt sich um die gleiche Demokratie, in deren Namen dem Parlament das Maul gestopft, die Kommunistische Partei verboten, die organisierten Arbeiter geschlagen, die Gewerkschaften zerbrochen und die Armen verraten werden. Nein, Daladiers und Chamberlains Krieg hat nichts mit der Verteidigung der Freiheit zu tun. Es ist ein Krieg unter imperialistischen Räubern, die sich um die Beute ihrer Plünderung und ihrer Ausbeutung streiten.«¹</p>
<p>Diese Argumentation war für sich genommen nicht weit entfernt von der Linie der Kommunistischen Internationale, die den Krieg zu diesem Zeitpunkt analog zum Ersten Weltkrieg als Auseinandersetzung zwischen imperialistischen Mächten bewertete. Genutzt wurde eine Langwellenfrequenz, die nach internationaler Vereinbarung der Sowjetunion zugeteilt worden war. Prompt machte die rechtsnationalistische Wochenzeitung <em>Gringoire</em> ein geheimes Abkommen zwischen Moskau und Berlin über gemeinsame Radiopropaganda aus: Die Sowjetunion nutze einen Standort im Schwarzwald, also in Deutschland, weil sie sonst nicht per Langwelle Frankreich erreichen könne: »Einen deutlicheren Beweis für ihre Absprachen kann man sich kaum vorstellen.«² Auch die Tageszeitung <em>Le Matin</em> schrieb am 17. Januar 1940 von »abscheulicher antifranzösischer Propaganda« des Senders, der »sich von den Doktrinen der Dritten Internationale inspirieren« lasse und Argumente verbreite, »in denen man sowohl die widerliche Verherrlichung des Naziregimes als auch die des Kommunismus durchscheinen spürt«.³</p>
<p>Die in den Untergrund gedrängte Kommunistische Partei distanzierte sich dagegen klar von dem Sender. In einer illegalen Ausgabe der <em>Humanité</em> vom 2. Februar 1940 hieß es unter der Überschrift »Warnung«: »Der auf Langwellen (1.180 Meter) arbeitende Sender mit dem Namen Radio-Huma hat keinerlei Verbindung zu unserer Zeitung oder der Partei. Jeder halbwegs gebildete Genosse wird bereits verstanden haben, dass es sich um einen deutschen oder um einen von der französischen Polizei zu Provokationszwecken aufgebauten Sender handelt. Diejenigen, die darauf hereinfallen könnten, sollten gewarnt werden!«⁴</p>
<h3>Kollaborateure</h3>
<p>Um die Glaubwürdigkeit seines Schwarzsenders zu erhöhen, griff Goebbels auch auf ehemalige Kommunisten zurück, die zu den Nazis übergelaufen waren. Am 2. Juni 1940 schlug der Propagandaminister bei der fast täglich stattfindenden Konferenz mit seinen Mitarbeitern vor, den ehemaligen KPD-Abgeordneten Ernst Torgler und dessen »Mitarbeiterin« Maria Reese zur Mitarbeit beim französischen Schwarzsender heranzuziehen, weil die bisher an den Programmen Beteiligten lediglich an das Hirn von Intellektuellen, nicht aber an »die primitiven Masseninstinkte appellieren« würden.</p>
<p>Der 1893 in Berlin geborene Torgler war ab 1929 Vorsitzender der KPD-Fraktion im Reichstag gewesen und gehörte damit zu den prominentesten Kommunisten in Deutschland. Nach dem Reichstagsbrand stellte er sich am 28. Februar 1933 freiwillig der Polizei, um, wie er 1948 in einer Artikelserie für die Hamburger Wochenzeitung <em>Die Zeit</em> argumentierte, »auf diese Weise die niederträchtige Lüge vor der Weltöffentlichkeit zu entlarven und die satanische Absicht der Nazis, für ihre Tat andere verantwortlich machen zu wollen, zu zerschlagen«.⁵ Bei seiner Partei stieß das auf scharfe Kritik, er habe sich »freiwillig dem Faschismus ausgeliefert«, hieß es später. Torgler wies das zurück: »Was ich tat, war mindestens ein Versuch, einem anrollenden Verhängnis Widerstand entgegenzusetzen, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo der Nationalsozialismus erst im Aufmarsch begriffen war und wo von den Widerstandskämpfern der späteren Verfallszeit und des schon verlorenen Krieges noch nichts zu bemerken war.«⁶</p>
<p>Da er für seine Verteidigung im Prozess keinen der KPD nahestehenden Verteidiger gewinnen konnte, engagierte Torgler schließlich den Nazijuristen Alfons Sack, der in der Weimarer Republik zahlreiche Faschisten verteidigt hatte. Dieser nutzte seine Beteiligung an dem Prozess später dazu, den Reichstagsbrandprozess in einem Buch als Ergebnis »rechtsstaatlichen Wirkens« der Nazijustiz darzustellen. Als Beleg dafür diente ihm, dass sein Mandant Torgler ebenso wie drei weitere Angeklagte – unter ihnen der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff – freigesprochen wurden. Zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde dagegen Marinus van der Lubbe.</p>
<p>Wegen seines Verhaltens gegenüber der Nazijustiz wurde Torgler 1935 aus der KPD ausgeschlossen. Er sei »zwischen die Mühlsteine zweier großer Bewegungen (…), nämlich des Nationalsozialismus und des Bolschewismus«⁷ geraten, beklagte er später. Ab 1935 unterstützte er offenbar seine frühere Genossin und Geliebte Maria Reese, die ebenfalls für die KPD im Reichstag gesessen hatte, bei der Arbeit an einem von den Nazis gewünschten Buch über ihren Bruch mit dem Kommunismus.⁸ Reese war 1933 im französischen Exil aus der KPD ausgetreten und 1935 nach Deutschland zurückgekehrt, nachdem sie sich zuvor im Saargebiet an der Nazipropaganda für eine Rückkehr des unter Verwaltung des Völkerbundes stehenden Gebiets nach Deutschland beteiligt hatte. Offenbar ist das von beiden verfasste Werk nie über das Stadium eines Manuskripts hinausgekommen, allerdings erschien 1938 eine von Reese verfasste, antisemitisch geprägte Schrift unter dem Titel »Abrechnung mit Moskau«.</p>
<p>Ein Grund für Torglers Kollaboration mit dem Naziregime könnte die Sorge um seinen Sohn gewesen sein. Kurt Torgler war 1933 in die So­wjetunion emigriert. Dort wurde er 1936 verhaftet und wegen »trotzkistischer Aktivitäten« zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt.⁹ Nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er von Moskau an Nazideutschland ausgeliefert.¹⁰</p>
<p>Am 8. Juni 1940 begann Ernst Torgler, für »Radio Humanité« zu arbeiten. Zur Redaktion gehörte auch Wilhelm »Willi« Kasper, der vor der Nazidiktatur dem Zentralkomitee der KPD angehört hatte und Abgeordneter des preußischen Landtags gewesen war. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand war auch er verhaftet und in einem Konzentrationslager misshandelt worden. 1935 wurde er schließlich zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, nach Verbüßung der Haft aber freigelassen.</p>
<p>Torgler räumte die Mitarbeit bei »Radio Humanité« nach dem Krieg ein. Kasper und er hätten sich »nach Ausbruch des Frankreich-Feldzuges unter Druck bereit« gefunden, »für die gegen Frankreich operierenden Geheimsender des Propagandaministeriums einige Entwürfe für Aufrufe an die französischen Werktätigen zu liefern, den Widerstand gegen den übermächtigen deutschen Feind einzustellen und überflüssiges Blutvergießen zu vermeiden«. Reese sei jedoch nicht an dem Sender beteiligt gewesen.¹¹</p>
<p>Der vorgeblich kommunistische Schwarzsender wurde von einer wachsenden Zahl französischer Hörerinnen und Hörer empfangen. Besonders nachdem die deutschen Truppen am 10. Mai 1940 ihre Offensive gegen Frankreich gestartet hatten, schalteten viele Menschen den angeblichen Untergrundsender ein, weil sie sich vom offiziellen Pariser Rundfunk im Stich gelassen fühlten. Während dort Armeesprecher teilweise veraltete Kommuniqués verlasen, beeindruckten »Radio Humanité« und die anderen Propagandasender mit dramatischen Schilderungen der Lage. Sie folgten damit Nazipropagandaminister Joseph Goebbels, der am 17. Mai 1940 die Weisung ausgegeben hatte, unter der französischen Zivilbevölkerung Panik zu schüren und sie zur Flucht vor den anrückenden Truppen der Wehrmacht zu bewegen.</p>
<p>Tatsächlich versuchten Zehntausende Menschen, sich vor der sich nähernden Front in Sicherheit zu bringen. Ganze Familien flohen in Richtung Westen und Süden, wohlhabendere mit Autos oder Pferde- und Ochsenwagen, andere zu Fuß. Schnell waren die Straßen verstopft, mehr als fünf Millionen Menschen sollen sich auf den Weg gemacht haben. Die deutschen Truppen hatten Befehl, auf die wehrlosen Menschen keine Rücksicht zu nehmen, während die Bewegungsfreiheit der französischen Armee und ihrer englischen Verbündeten erheblich eingeschränkt wurde.</p>
<p>Diese Fluchtbewegung dürfte allerdings nicht allein oder vor allem durch die deutschen Schwarzsender ausgelöst worden sein. Vielmehr hatte die deutsche Luftwaffe planmäßig französische Städte bombardiert, so dass zwangsläufig eine Massenflucht ausgelöst wurde. Gezielte Attacken lenkten die Menschenmassen in die gewünschte Richtung. Trotzdem war Goebbels mit dem Erfolg seiner Propaganda zufrieden. Nach der Besetzung von Paris durch deutsche Truppen und der Unterzeichnung eines Waffenstillstands ordnete Goebbels die Einstellung von »Radio Humanité« und der anderen gegen Frankreich gerichteten Schwarzsender an. In seinem Tagebuch notierte er am 23. Juni 1940: »Französische Geheimsender wollen wir nun langsam abklingen lassen. Sie haben ihre Schuldigkeit getan. Jetzt werden sie nach England umgestellt, das nun an die Reihe kommt. Im Ganzen 4 Sender mit verschiedenen Tendenzen und immer als englische getarnt.«</p>
<h3>»Worker’s Challenge«</h3>
<p>Bereits im Februar 1940 hatte ein erster Geheimsender in englischer Sprache den Betrieb aufgenommen, die »New British Broadcasting Station« (NBBS). Zunächst sendete man jeden Abend für eine halbe Stunde auf Kurzwelle. Nach der Niederlage Frankreichs griff Goebbels dann den Erfolg von »Radio Humanité« auf und ließ Anfang Juli 1940 einen angeblich von sozialistischen Arbeitern betriebenen Sender starten, »Worker’s Challenge«. Er sollte eine »sozialrevolutionäre Arbeiterpropaganda« verbreiten, wie es in einem Dokument des für die Nazischwarzsender zuständigen »Büros Concordia« hieß: »antikapitalistische Zersetzungspropaganda, die sich an die radikalen Schichten der britischen Arbeiterschaft wendet und versucht, Unruhe und Unfrieden zu stiften«.¹²</p>
<p>Genutzt wurde für die täglich 15 Minuten dauernden Programme zunächst ein transportabler Sender im Rheinland und später in den besetzten Niederlanden. Da die Sendungen auf Mittelwelle verbreitet wurden, konnten sie in England auch mit einfachen, handelsüblichen Rundfunkgeräten empfangen werden. Wie zeitgenössische Umfragen nahelegten, wurde »Worker’s Challenge« vor allem zu Beginn von relativ vielen Menschen eingeschaltet. Der Grund dafür dürften jedoch weniger die verbreiteten Inhalte gewesen sein als vielmehr die derbe Sprache mit Ausdrücken, die man nie zuvor im Radio hatte hören können. Dazu trug auch die britische Presse ihren Teil bei, die sich in zahlreichen Artikeln über die Ausdrucksweise des Untergrundsenders mokierte.</p>
<p>So hieß es am 9. Juli 1940 auf Mittelwelle 213 Meter (1407 kHz): »Der Kapitalismus ist mausetot, und wir wollen nicht durch seinen dreckigen Kadaver vergiftet werden. Niemand hat sich je um uns gekümmert, also müssen wir uns selbst um uns kümmern. Diesmal müssen wir bereit sein, nicht in einen kapitalistischen und imperialistischen Krieg zu ziehen, sondern in einen Krieg gegen unsere eigenen Feinde hier zu Hause. Entweder retten wir Großbritannien in diesem kritischen Moment unserer Geschichte für die Arbeiterklasse, oder wir verlieren es. Die Kapitalisten haben es bereits verloren, und sie zittern vor Angst. Entweder die Nazis übernehmen die Macht oder wir. Geht auf die Straße und setzt es in die Tat um! Arbeiter Großbritanniens, vereinigt euch! Ihr habt nichts zu verlieren als eure Ketten!«¹³</p>
<p>Hauptautor der gegen England gerichteten Schwarzsender und wichtigster Sprecher der offiziellen englischsprachigen Sendung »Germany Calling« war William Joyce. Der britische Faschist war zu Kriegsbeginn nach Deutschland emigriert und hatte sich dem Propagandaministerium zur Verfügung gestellt. Unter dem Pseudonym »Lord Haw-Haw«, das ihm von der britischen Presse verliehen worden war, gewann er eine gewisse Bekanntheit. Neben ihm wurden offenbar auch Torgler und Kasper wieder zur Arbeit herangezogen, die aber vermutlich nur einige Manuskripte beigesteuert haben. Sprecher waren vor allem britische Soldaten, die von Joyce in Kriegsgefangenenlagern angeworben wurden. Einer von ihnen, William Henry Humphrey »Bill« Griffiths, wurde nach Kriegsende wegen seiner Beteiligung an den Rundfunksendungen in Großbritannien zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er in Gefangenschaft freiwillig den Feind unterstützt habe. Er verteidigte sich später, dass ihm Joyce gedroht habe, ihn in ein Konzentrationslager bringen zu lassen, falls er sich weigere.¹⁴</p>
<h3>»Alte Garde Lenins«</h3>
<p>Aktiver wurde die Rolle ehemaliger deutscher Kommunisten nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. So plante das deutsche Propagandaministerium, einen von ehemaligen Kommunisten unterzeichneten Aufruf zu veröffentlichen, in dem der Krieg gegen die Sowjetunion unterstützt werden sollte. »Dieses Ansinnen lehnte ich wiederum ab«, berichtete Torgler nach 1945. »Was sie denn damit erreichen wollten? Auch der Dümmste in Deutschland würde doch bemerken, dass es keine freiwillige, sondern unter Zwang erpresste Unehrlichkeit wäre. Diesmal ließen sie sich überzeugen. Damit war die Sache leider noch nicht erledigt. Es blieb übrig, Aufrufe zu schreiben, in der ›alte Leninisten‹ die falsche Politik Stalins kritisieren, beispielsweise den deutsch-russischen Freundschaftspakt als Sünde wider den leninistischen Geist zu bezeichnen und den Einmarsch der Nazihorden als ›Erfolg‹ dieser falschen Politik zu kennzeichnen.«¹⁵</p>
<p>Diese Aufrufe Torglers wurden über einen deutschen Schwarzsender verbreitet, der sich »Alte Garde Lenins« nannte und im Büro Concordia unter dem Code »V« geführt wurde. Geleitet wurde der Sender von Karl Iwanowitsch Albrecht. Dieser Karl Albrecht, der eigentlich Karl Matthäus Low oder Löw hieß, war 1924 in die Sowjetunion emigriert, wo er im Staatsapparat Karriere machte und es bis zum stellvertretenden Volkskommissar für Wald- und Forstwirtschaft brachte. 1932 wurde er verhaftet und wegen »Unzucht« zu fünf Jahren Haft verurteilt. Als deutscher Staatsbürger wandte er sich in dieser Situation an die deutsche Botschaft, durch deren Vermittlung er 1934 nach Deutschland abgeschoben wurde. Dort wurde er von den Nazis verhört und inhaftiert, aber schon nach wenigen Wochen auf freien Fuß gesetzt und für die Nazipropaganda angeworben.</p>
<p>1938 erschien im Nibelungen-Verlag des Propagandaministeriums sein Buch »Der verratene Sozialismus«, ein antisemitisches und antikommunistisches Machwerk, in dem er zugleich die Nazis von allen international erhobenen Vorwürfen freisprach: »Ich habe keine nächtlichen Todesschreie gehört, keine Prügelszenen, keine Massenabschlachtungen in den Kellern und auf den Höfen des Lagers gesehen. Ich habe auch von keinem der Insassen, mit denen ich als Gefangener völlig ungehindert reden konnte, eine Andeutung vernommen, dass einer von ihnen geschlagen worden sei oder aber gesehen hätte, dass irgendwelche Greuelszenen jemals vorgekommen wären.« Über den Krieg gegen die Sowjetunion schwärmte Albrecht: »Wir alle, wir wissen: Wir kämpfen für eine gerechte Sache, für den Sozialismus gegen den Bolschewismus. Wir kämpfen für die Rettung von Millionen versklavter Menschen und für die Befreiung der vielen unterdrückten Völker der Sowjetunion vom jüdisch-bolschewistischen Joch. Wir, als Deutsche, kämpfen vor allem für die Sicherung unseres eigenen Volkes vor der furchtbaren Bedrohung aus dem Osten. Wir kämpfen unter der genialen Führung Adolf Hitlers, der nicht nur Feldherr und Staatsmann, sondern auch der größte Sozialist aller Zeiten ist.«¹⁶</p>
<p>Sein Auftrag für das Büro Concordia und das Propagandaministerium war es, mit einem pseudo-kommunistischen Sender Unruhe unter den sowjetischen Funktionären zu schüren. Goebbels Vorgabe lautete, einen »trotzkistischen«¹⁷ Sender zu betreiben. Die Hoffnung war, so der Historiker Boris Kowalew, die unter Stalin bereits in den 1930er Jahren betriebene Repression gegen echte oder vermeintliche Abweichler in den eigenen Reihen erneut anzuheizen und dadurch die Verteidigung der Sowjetunion zu schwächen.¹⁸</p>
<p>Betrieben wurde der Sender vorgeblich von einer Gruppe »treuer Leninisten«, die sich als »vorläufiges leninistisches Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion« bezeichneten. Regelmäßig wurden Passagen aus Lenins im Dezember 1922 verfassten »Brief an den Parteitag« zitiert, in denen dieser sich kritisch mit der Person Stalins auseinandergesetzt hatte.¹⁹ Zudem berief man sich darauf, dass Lenin im Unterschied zu Stalin eine »opportunistische Friedenspolitik« betrieben habe. In Berlin zeigte man sich mit dem Erfolg des Senders zufrieden, wie aus einem internen Bericht vom 8. Juli 1942 hervorgeht: »Die Wirksamkeit dieser Sendungen ergibt sich daraus, dass Losowski die Meldungen ausdrücklich dementierte und die Prawda sich gezwungen sah, gegen die Verbreitung dieser Meldungen in den Fabriken, Straßenbahnen und auf den Märkten zu polemisieren.«²⁰</p>
<p>Weniger erfreut war man allerdings, als 1943 schwedische Zeitungen über die Hintergründe des Senders aufklärten und die Welt darüber informierten, dass die »treuen Leninisten« von Nazischergen hinter deutschen Mikrofonen dargestellt wurden. Zu diesen gehörte auch Michail W. Tarnowski, ein Aktivist des von russischen Emigranten gegründeten antikommunistischen »Bundes der russischen Solidaristen« (NTS). Ab August 1941 arbeitete er für den deutschen Rundfunk und war schließlich ab 1942 Sprecher für den Sender »Alte Garde Lenins«. 1943 schloss er sich der »Russischen Befreiungsarmee« (ROA) an, die vom übergelaufenen russischen Generalleutnant Andrej Wlassow geführt wurde und an der Seite der Nazis gegen die sowjetische Armee kämpfte.²¹</p>
<h3>Weiterverwendung in US-Diensten</h3>
<p>Ein anderer Propagandist im Dienste Goebbels war Andrej Georgijewitsch Nerjanin, der 1942 als Oberst der Roten Armee in deutsche Gefangenschaft geraten war und sich dort den Nazis angeboten hatte. Ab 1944 gehörte er dem Hauptquartier der Wlassow-Armee an. Trotzdem wurde er 1945 von den US-Amerikanern nicht an die Sowjetunion ausgeliefert, sondern konnte unter dem Decknamen Michail Andrejewitsch Aldan unbehelligt in München leben, bevor er 1953 in die USA übersiedelte, wo er für das Pentagon arbeitete.</p>
<p>Er war nicht der einzige. So manche der im Krieg vom Nazipropagandaministerium gegen die Sowjetunion eingesetzten Emigranten konnten nach 1945 ihre Erfahrungen weiter nutzen. So rekrutierte der US-Geheimdienst CIA zahlreiche ehemalige Nazikollaborateure Anfang der 1950er Jahre für seine von München aus betriebenen Propagandasender »Radio Free Europe« und »Radio Liberation«, später »Radio Liberty«.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 »Radio Humanité, der Sender der revolutionären Arbeiterbewegung«, O-Ton des deutschen Geheimsenders gegen Frankreich im Zweiten Weltkrieg; in: <em>Rundfunk und Geschichte</em> 27 (2001), S. 62 ff.; <a href="https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2001_1-2.pdf">https://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2001_1-2.pdf</a></p>
<p>2 <em>Gringoire</em>, 1. Februar 1940, S. 2; <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k47474145/f2.item.r=%22Radio%20Humanit%C3%A9%22">https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k47474145/f2.item.r=%22Radio%20Humanit%C3%A9%22</a></p>
<p>3 <em>Le Matin</em>, 17. Januar 1940, S. 3; <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k586576t/f3.item.r=Radio%20Humanite.zoom">https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k586576t/f3.item.r=Radio%20Humanite.zoom</a></p>
<p>4 <em>L’Humanité</em>, 2. Februar 1940, S. 2; <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k879162x/f2.image.r=%22Radio%20Huma%22?rk=21459;2">https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k879162x/f2.image.r=%22Radio%20Huma%22?rk=21459;2</a></p>
<p>5 Ernst Torgler: Der Reichstagsbrand und was nachher geschah; in: <em>Die Zeit</em>, Nr. 43/1948, 21. Oktober 1948; <a href="https://www.zeit.de/1948/43/ernst-torgler-der-reichstagsbrand-und-was-nachher-geschah">https://www.zeit.de/1948/43/ernst-torgler-der-reichstagsbrand-und-was-nachher-geschah</a></p>
<p>6 Ebd.</p>
<p>7 Ebd.</p>
<p>8 Vgl. New Nazis? In: <em>Time</em>, 13. Januar 1936; <a href="https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,755623,00.html">https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,755623,00.html</a></p>
<p>9 Vgl. <em>Neues Deutschland</em>, 23. Februar 2013; <a href="https://www.nd-aktuell.de/artikel/813777.der-tag-an-dem-sein-glaube-zerbrach.html">https://www.nd-aktuell.de/artikel/813777.der-tag-an-dem-sein-glaube-zerbrach.html</a></p>
<p>10 Vgl. <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/ernst-torgler">https://www.dhm.de/lemo/biografie/ernst-torgler</a></p>
<p>11 Vgl. Willi A. Boelcke (Hg.): Wollt ihr den totalen Krieg? Die geheimen Goebbels-Konferenzen 1939–43. Herrsching 1989, S. 60; <a href="https://ulis-buecherecke.ch/pdf_neben_dem_krieg/goebbels_wollt_ihr_den_totalen_krieg.pdf">https://ulis-buecherecke.ch/pdf_neben_dem_krieg/goebbels_wollt_ihr_den_totalen_krieg.pdf</a></p>
<p>12 Übersicht über die am 25.6.42 in Betrieb befindlichen Concordia-Sender (26. Juni 1942); zit. nach: Reimund Schnabel: Mißbrauchte Mikrofone. Deutsche Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Wien 1967, S. 94</p>
<p>13 M. A. Doherty: German Wireless Propaganda in English: An Analysis of the Organisation, Content and Effectiveness of National Socialist Radio Broadcasts for the UK, 1939–1945, Volume II: Appendices. Canterbury 1998, S. 100; <a href="https://kar.kent.ac.uk/85988/2/DX202804_2.pdf">https://kar.kent.ac.uk/85988/2/DX202804_2.pdf</a></p>
<p>14 Vgl. ders.: Nazi Wireless Propaganda: Lord Haw-Haw and British Public Opinion in the Second World War, Edinburgh 2000, S. 23 f.</p>
<p>15 Ernst Torgler: Gestapo bestellte kommunistische Aufrufe; in: <em>Die Zeit</em> Nr. 46/1948, 11. November 1948; https://www.zeit.de/1948/46/gestapo-bestellte-kommunistische-aufrufe</p>
<p>16 Karl Iwanowitsch Albrecht: Der verratene Sozialismus; zit. nach: Peter Boris: Im Zickzack durch die Zeit, in: <em>Die Zeit</em> Nr. 37/1988, 9. September 1988; <a href="https://www.zeit.de/1988/37/im-zickzack-durch-die-zeit/komplettansicht">https://www.zeit.de/1988/37/im-zickzack-durch-die-zeit/komplettansicht</a></p>
<p>17 Joseph Goebbels: Tagebücher 1924–1945. Herausgegeben von Ralf Georg Reuth. München 1992, S. 1614 (30. Juni 1941)</p>
<p>18 Vgl. »Старая гвардия Ленина«: зачем Гитлер финансировал эту радиостанцию коммунистов (»Lenins alte Garde«: Warum Hitler diesen kommunistischen Radiosender finanzierte), in: Russkaja Semerka, 29. März 2021; <a href="https://russian7.ru/post/staraya-gvardiya-lenina-zachem-gitler/">https://russian7.ru/post/staraya-­gvardiya-lenina-zachem-gitler/</a></p>
<p>19 Vgl. W. I. Lenin: Brief an den Parteitag; <a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1922/12/brief.html">https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1922/12/brief.html</a></p>
<p>20 Betrifft: Überprüfung der Geheimsender (8. Juli 1942); zit. nach: Reimund Schnabel: Mißbrauchte Mikrofone. Deutsche Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Wien 1967, S. 123 f.</p>
<p>21 Vgl. <a href="http://www.hrono.ru/biograf/bio_t/tarnovsky_mv.php">http://www.hrono.ru/biograf/bio_t/tarnovsky_mv.php</a></p>
<p>Erschienen am 12. April 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/448683.100-jahre-radio-unter-falscher-flagge.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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		<title>»Die Kommunistische Partei spricht zu euch«</title>
		<link>https://www.andre-scheer.de/die-kommunistische-partei-spricht-zu-euch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Mar 2023 10:07:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serie: Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Freiheitssender 29]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rundfunkgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Spanien]]></category>
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					<description><![CDATA[Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 3.2: Der Deutsche Freiheitssender Seit dem 10. Januar 1937 war[...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="row mt-5">
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<div class="teaser lead"><strong>Klassenkampf im Äther – 100 Jahre Rundfunk in Deutschland. Teil 3.2: Der Deutsche Freiheitssender</strong></div>
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<p>Seit dem 10. Januar 1937 war auf der Kurzwelle 29,8 Meter (10.060 kHz) im Deutschen Reich ein neuer Sender zu empfangen, der offenkundig nicht unter Kontrolle der Nazis stand. Die Sendungen begannen mit den ersten Takten der »Internationale«, dann folgte die Ansage: »Achtung, Achtung! Hier spricht der antifaschistische Sender, die Stimme der Kommunistischen Partei Deutschlands! Trotz Gestapo!«¹</p>
<p>Im April 1937 übergab die KPD den Sender an den in Paris unter der Leitung von Heinrich Mann gebildeten »Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront«. Erst ab diesem Zeitpunkt nahm 29,8 auch den heute bekannten Namen <em>Deutscher Freiheitssender</em> an, um damit den neuen, überparteilichen Charakter zu unterstreichen.² Die <em>Deutsche Volks-Zeitung</em> (<em>DVZ</em>) meldete die Namensgebung in ihrer Ausgabe vom 18. April 1937: »Welle 29,8 wird zum Organisator aller Kräfte, die für die deutsche Freiheit kämpfen. Und es zeugt in hohem Maße von der tiefen Verbundenheit der deutschen Kommunisten mit den deutschen Freiheitskämpfern, wenn sie jetzt ihren Sender der sich bildenden deutschen Volksfront zur Verfügung stellen. ›Deutscher Freiheitssender‹, so taufte der Vertreter des Zentralkomitees der KPD den Sender 29,8 auf der Volksfrontkonferenz in Paris in einer Erklärung, mit der er der werdenden deutschen Volksfront dieses brüderliche Geschenk überbrachte.«³</p>
<h3>Kontrolle durch die KPD</h3>
<p>De facto behielt die KPD jedoch die Kontrolle über das Programm. Das ließ sich schon aus Gründen der Konspiration kaum vermeiden, denn die direkt an den Sendungen beteiligten Genossen waren Kommunisten, und der Kontakt zu ihnen lief über die illegalen Strukturen der KPD. Hinzu kam, dass der Volksfrontausschuss aufgrund der schweren Differenzen zwischen den beteiligten Parteien nie wirklich arbeitsfähig wurde und damit auch nicht in der Lage war, die Arbeit des Senders auszuwerten und zu bestimmen. Vor allem aber blieb die sozialdemokratische Führung demonstrativ auf Distanz zum <em>Freiheitssender</em>. Im <em>Neuen Vorwärts</em>, der vom Exilvorstand der SPD zunächst im tschechoslowakischen Karlsbad – dem heutigen Karlovy Vary – und dann in Paris herausgegebenen Wochenzeitung, findet sich in der Zeit der Existenz von 29,8 kein einziger Hinweis auf den Sender. Erst im Oktober 1939 wurde der »bolschewistische Schwarzsender« in einer Glosse beiläufig erwähnt.⁴ Der <em>Sozialdemokrat</em>, die in Prag erscheinende Zeitung der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik, ging dagegen bereits wenige Wochen nach dem Start auf den <em>Freiheitssender</em> ein. Am 27. März 1937 zitierte das Blatt zunächst eine nicht namentlich genannte Zeitung, die hinter dem Geheimsender »eine illegale Sendestation oppositioneller Reichswehrgruppen« vermutet habe, weil es ausgeschlossen sei, »dass zivile Kreise eine so genaue Kenntnis der militärischen Verhältnisse haben können, die der Sender äußert«. Dann allerdings bemühte man sich, den <em>Freiheitssender</em> zu demaskieren: »Hier in diesem Aufsatz soll nun das gezeigt werden, was Goebbels und die Gestapo längst wissen. Es ist technisch unmöglich, dass dieser Sender mit der Wellenlänge 29,8 Meter, der in ganz Deutschland gehört wird, in Deutschland auch sendet.« Nach einer längeren Erläuterung der Ausbreitungsbedingungen kurzer Wellen kam der Autor, ein Kurt Doberer, zu dem Schluss, dass »Valencia und Madrid (…) für diese Wellenlänge ideal« lägen, »und da, wie aus einem Betriebsunfall des Ansagers ersichtlich, der Sender auf Welle 29,8 zugleich der Sender der italienischen Kommunistischen Partei ist, dürfte nicht allzuviel Rätselraten über den Sendeort notwendig sein.«⁵</p>
<p>Der Autor hatte recht: Die Gestapo war dem Standort des Senders schnell auf die Spur gekommen. In einem »Jahreslagebericht« des »Sicherheitsdienstes« der SS für 1937 wurde festgehalten: »Dieser Sender, dessen Standort sehr bald in Spanien, in der Nähe von Madrid, ausgepeilt werden konnte, meldete sich in der ersten Zeit als ›Sender der Kommunistischen Partei Deutschlands‹ und behauptete an jedem Abend aus einem anderen Orte Deutschlands zu senden.«⁶</p>
<p>Der genaue Standort des Freiheitssenders war eine Anlage in Pozuelo del Rey unweit der spanischen Hauptstadt. Dort hatte das deutsche Unternehmen Siemens-Schuckert im Februar 1936 den damals zweitstärksten Sender Europas errichtet, der Rundfunkprogramme nach Südamerika und Asien ausstrahlen sollte. Als die Republikaner nach ihrem Erfolg bei den Parlamentswahlen am 19. Februar 1936 die Regierung in Spanien übernahmen, brach der deutsche Konzern die Arbeiten ab. Um die Anlagen trotzdem in Betrieb nehmen zu können, mussten fehlende Bauteile besorgt werden. Das gelang über den Beschaffungsapparat der KPD in Paris. So wurden unter anderem Kristalle zur Stabilisierung von Kurzwellensendungen organisiert, die Siemens-Schuckert erst kurz zuvor entwickelt hatte.⁷</p>
<p>Mit Zustimmung des für die Medien zuständigen Bildungs- und Kulturministers Jesús Hernández Tomás, einem Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens, wurde der Sender – der offiziell nie in Betrieb genommen wurde – den Verbündeten der Republik für antifaschistische Sendungen ins Ausland zur Verfügung gestellt. Neben dem <em>Deutschen Freiheitssender</em> 29,8 liefen von dort aus zu anderen Uhrzeiten und auf anderen Frequenzen auch Sendungen in italienischer, bulgarischer und portugiesischer Sprache.⁸</p>
<p>Ganz zu Beginn war für die Sendungen nur ein Techniker zuständig, dem die Beiträge aus der Redaktion per Telefon direkt nach Madrid in das Mikrofon übermittelt wurden. Dann übernahm zunächst Otto Wahls alias »Börner« die Aufgabe des Sprechers, im Juli 1938 wurde er von Hanns Maaßen abgelöst. Das getarnte Studio befand sich mitten in Madrid, im ehemaligen Gebäude des katholischen Verlags Editorial Católica. Das Haus war nach dem Franco-Putsch beschlagnahmt worden und diente nun den Zeitungen <em>Mundo Obrero</em> der spanischen KP und <em>Política</em> der Republikanischen Linken als Redaktionsraum. Schon dadurch war in dem Gebäude viel »Laufkundschaft« zu verzeichnen, so dass die Anwesenheit von Ausländern nicht weiter auffiel. In den oberen Stockwerken befanden sich Wohnungen, von denen eine das Studio des <em>Freiheitssenders</em> beherbergte, und eine Pension. In dieser quartierte sich auch Maaßen ein, so dass er zur Arbeit nur ein Stockwerk tiefer gehen musste, »um eine bekannte Familie zu besuchen«. Pünktlich um 20 Uhr Ortszeit – in Deutschland war es da schon 22 Uhr – spielte er die »Internationale« und meldete sich dann mit der Ansage: »Achtung, Achtung! Hier spricht der Deutsche Freiheitssender auf Welle 29,8 – trotz Gestapo!«</p>
<h3>Schwierige Bedingungen</h3>
<p>»Die Atmosphäre in der belagerten Stadt, in der unser Studio stand, war nur dazu angetan, den kämpferischen Geist der Sendungen, die ich täglich sprach, zu heben«, erinnerte sich Maaßen nach dem Krieg. »Wie oft ist es mir passiert, dass mitten in der Sendung die Sirenen aufheulten und das E-Werk den Strom abschaltete. Nun arbeitete unser Sender natürlich mit eigenem Aggregat, die Lichtleitung war aber dem Ortsnetz Madrid angeschlossen. Dann musste ich die Sendung um einige Sekunden unterbrechen, bis ich meine Notbeleuchtung angezündet hatte. In solchen Fällen pflegte ich mich nicht bei meinen Hörern in Deutschland zu entschuldigen. Wie hätten sie mich auch verstehen sollen, noch hatten sie ja den Krieg nicht im eigenen Hause! Ich setzte dann meine Sendung einfach mit dem nächsten Absatz des Manuskripts fort.«⁹</p>
<p>Die Redaktion allerdings befand sich Hunderte Kilometer entfernt in Valencia, in der nach der Iberischen Anarchistischen Föderation benannten Calle de la FAI im Stadtviertel L’Eixemple. Der Straßenname wurde nach dem Sieg der Faschisten natürlich geändert, heute trägt sie den Namen Carrer del Dr. Sumsi.¹⁰ Als die spanische Regierung Anfang 1938 angesichts der näherrückenden Franco-Truppen von Valencia nach Barcelona übersiedelte, folgte ihr die Redaktion in die katalanische Metropole und richtete sie in einem Hochhaus an der Avinguda Diagonal ein, die damals in Erinnerung an das Datum der Ausrufung der Zweiten Spanischen Republik den Namen »14. April« (Avinguda del Catorze d’Abril) trug. Hier hatte auch das »Deutsche Büro« unter der Leitung von Franz Dahlem seinen Sitz, das den Kontakt zwischen der spanischen Regierung und den Internationalen Brigaden sicherstellte.</p>
<p>Verantwortlicher und zunächst einziger Redakteur des <em>Freiheitssenders</em> in Valencia war zunächst Gerhart Eisler, der in der DDR später das Staatliche Rundfunkkomitee leitete. Mitte 1937 wurde Eisler dann vom ZK der KPD nach Paris abberufen, um die »Berner Konferenz« seiner Partei vorzubereiten, die Anfang 1939 in der Nähe von Paris stattfand. Für ihn kam im August 1937 der gerade aus einem Zuchthaus der Nazis entlassene und aus Deutschland geflüchtete Hans Teubner. Zusammen mit dem zweiten Redakteur Erich Glückauf, der langjährige Erfahrungen als Journalist der kommunistischen Presse hatte, und den Sekretärinnen Lotte Spangenberg (»Erika«), Anni Sager und Else Teubner bildete er die Redaktion. Die Beiträge wurden nun nur noch in ganz dringenden Fällen telefonisch durchgegeben, im Normalfall transportierten sie Motorradkuriere der Internationalen Brigaden nach Madrid. Nachdem im April 1938 die faschistischen Truppen zum Mittelmeer durchbrechen und damit das von der legitimen Regierung kontrollierte Gebiet in zwei Teile aufspalten konnten, wurden die Texte auf Booten entlang der Küste nach Valencia gebracht, von wo sie dann mit Motorrädern oder Flugzeugen in die Hauptstadt weitergeleitet wurden. Es war Aufgabe Maaßens, aus diesen nur noch stockend und verspätet eintreffenden Manuskripten möglichst aktuelle Sendungen herzustellen.¹¹</p>
<p>Die Meldungen aus Deutschland hatten zu diesem Zeitpunkt oft bereits eine monatelange Odyssee hinter sich. Trotzdem herrschte bei vielen Hörern und ausländischen Beobachtern der Eindruck, dass 29,8 über die inneren Verhältnisse im »Reich« äußerst gut informiert war und schnell über Geschehnisse berichtete. Das dürfte jedoch vor allem daran gelegen haben, dass sie selbst zum ersten Mal von den geschilderten Ereignissen erfuhren und ganz selbstverständlich davon ausgingen, dass sie erst vor Kurzem passiert seien – zumal der Sender genaue Datumsangaben vermied. Tatsächlich lagen die Geschehnisse jedoch manchmal schon Monate zurück.</p>
<p>So notierte die <em>DVZ</em> am 21. November 1937, dass der <em>Freiheitssender</em> den Wortlaut eines »kürzlich im Saargebiet erschienenen Flugblattes« übertragen habe, in dem vom Widerstand der Bevölkerung »in Frankenthal und in vielen anderen Saardörfern« berichtet wurde, wo die Nazis versucht hätten, das Kreuz aus den Schulen zu entfernen: »Das gelang jedoch nicht, weil sich beherzte Männer für ihren Glauben einsetzten und trotz aller Folgen auch einen Erfolg zu verzeichnen hatten.« Die Ereignisse in Frankenholz – nicht Frankenthal, wie die <em>DVZ</em> geschrieben hatte – waren jedoch schon rund zehn Monate früher, Ende Januar 1937, durch eine Entscheidung des neuen Schuldirektors ausgelöst worden, die christlichen Kreuze abzuhängen und durch Hitlerbilder zu ersetzen. Ab dem 8. Februar blieben deshalb Kinder dem Unterricht fern, und in der Folge kam es sogar zu einem Bummelstreik der örtlichen Bergleute.¹² Schon am 28. März 1937 hatte die DVZ über diesen »Sieg der Saar-Volksfront« berichtet.¹³</p>
<p>Schneller reagierte der Sender natürlich bei Großereignissen, die auch in der internationalen Presse Widerhall fanden. So verbreitete der <em>Freiheitssender</em> im November 1938 innerhalb weniger Tage nach den antisemitischen Pogromen, die als »Reichskristallnacht« in die Geschichte eingegangen sind, einen Aufruf der KPD: »An alle Deutschen! Achtung! Achtung! Die Kommunistische Partei spricht zu Euch. Sie wendet sich an jeden anständigen Deutschen. Nieder mit den abscheulichen Judenpogromen, die Deutschland entehren! Nieder mit den abscheulichen Judenpogromen, mit denen die nationalsozialistische Diktatur versucht, ihre eigenen Verbrechen gegen das deutsche Volk vergessen zu machen. (…) Sind die Juden in Deutschland unterjocht, so kann auch das gesamte deutsche Volk nicht frei sein. Mit der Stunde der Befreiung der Juden von nationalsozialistischem Joch wird auch die Stunde der Befreiung des deutschen Volkes von diesem unwürdigen Regime schlagen.«¹⁴</p>
<h3>Knappste Form</h3>
<p>Neben den Schwierigkeiten bei der Informationsbeschaffung hatten die Redakteure und Sprecher des <em>Freiheitssenders</em> auch mit den Besonderheiten ihres Mediums zu kämpfen. Sie konnten kaum auf Erfahrungen mit dem Rundfunk zurückgreifen, denn seit den ersten Sendungen in Deutschland waren gerade einmal anderthalb Jahrzehnte vergangen, und das neue Medium entwickelte seine besonderen Ausdrucksformen erst noch. Aus der Weimarer Republik waren die Hörer Vorträge gewohnt, die kaum anders als bei einer Hochschulvorlesung daherkamen. Mit illegalen Ausstrahlungen, die sich auch noch gegen Störsender durchsetzen mussten, gab es praktisch keine Erfahrungen. Außerdem konnten die Macher in Spanien ihre eigenen Sendungen aufgrund der Ausbreitungsbedingungen der Kurzwellen selbst nicht hören und sich somit auch kein eigenes Bild machen. Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass der Tonfall der Programme – wie sich aus den wenigen erhaltengebliebenen Aufnahmen rekonstruieren lässt – an Vorträge auf Parteiversammlungen erinnert.</p>
<p>Am 7. März 1937 wandte sich ein nicht namentlich vorgestellter Sprecher – vermutlich Otto Wahls alias »Otto Börner« – an die »Verehrten Hörer, Genossen und Genossinnen« mit der Ansage: »Hören Sie jetzt einen Vortrag, wie Goebbels die Kriegsoffensive gegen die Tschechoslowakei einleitet.« Es folgte ein rund fünf Minuten langer Beitrag, in dem der Sprecher vom Blatt eine Analyse der neuesten Presseveröffentlichungen der Nazis ablas. Schon die langen Zitate aus der faschistischen Presse machten das Zuhören selbst bei einigermaßen störungsfreiem Empfang ermüdend.¹⁵</p>
<p>Rückblickend wiesen die Redakteure in einer im März 1939 für das Zentralkomitee der KPD verfassten Analyse selbstkritisch auf diese Erfahrungen hin, konnten sich aber noch immer nicht von der Sichtweise des Schreibenden lösen: »Beim Schreiben von Radioberichten oder Vorträgen ist es ratsam, die Einfachheit der Sprache zu ergänzen durch die Einfachheit der Beispiele. Nicht zu viele Zahlen! (…) Für das Radio darf man keine langen Berichte oder Vorträge schreiben. Nach Möglichkeit nichts länger als anderthalb bis zwei Schreibmaschinenseiten.«¹⁶ Ungefähr zur gleichen Zeit beschrieb auch Bertolt Brecht die besondere Herausforderung der Arbeit für eine illegale Rundfunkstation und begründete, warum er in seinen Beiträgen auf Reime und regelmäßige Rhythmen verzichtet hatte: »Die ›Deutschen Satiren‹ wurden für den <em>Deutschen Freiheitssender</em> geschrieben. Es handelte sich darum, einzelne Sätze in ferne, künstlich zerstreute Hörerschaft zu werfen. Sie mussten auf die knappste Form gebracht sein, und Unterbrechungen (durch die Störsender) durften nicht allzuviel ausmachen. Der Reim schien mir nicht angebracht, da er dem Gedicht leicht etwas In-sich-Geschlossenes, am Ohr Vorübergehendes verleiht. Regelmäßige Rhythmen mit ihrem gleichmäßigen Fall haken sich ebenfalls nicht genügend ein und verlangen Umschreibungen, viele aktuelle Ausdrücke gehen nicht hinein: der Tonfall der direkten, momentanen Rede war nötig. Reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen schien mir geeignet.«¹⁷</p>
<p>Nicht nur Brecht hatte Beiträge für den <em>Freiheitssender</em> verfasst. Die Liste der Gastautoren (und wenigen Autorinnen) liest sich wie ein Who’s who der fortschrittlichen Künstler und Intellektuellen jener Zeit: Willi Bredel, Ernst Busch, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Ernest Hemingway, Stephan Hermlin, Egon Erwin Kisch, Heinrich und Thomas Mann, Jean Renoir, Erich Weinert und viele andere. Meist wurden die Statements schriftlich verfasst und dann vom Sprecher im Studio des Freiheitssenders verlesen, in einigen Fällen soll es aber auch in Paris angefertigte Schallplattenaufnahmen gegeben haben, die dann nach Spanien transportiert und über den Sender abgespielt wurden. So übermittelte der belgische Maler Frans Masereel über einen »ausländischen Vertrauensmann« eine »Ansprache an die Deutschen«, die von 29,8 verlesen wurde: »Deutsche Freunde, man kann nicht ohne Schmerz zu euch sprechen, aber noch weniger kann man schweigen und darauf verzichten, euch zu sagen, wie sehr die freien Menschen hoffen, dass ihr bald wieder ihr selbst sein werdet.«¹⁸ Ende 1938 strahlte 29,8 eine Botschaft des US-amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway aus: »Bis heute sprach ich gewöhnlich an Sendern, die in großen Häusern aufgestellt waren. Heute liest mich, wie man mir sagt, ein Mann, der den Mut hat, seinem Volk die ganze Wahrheit zu sagen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich bin glücklich, dass dies möglich ist und drücke diesem unbekannten Kameraden die Hand.«¹⁹</p>
<h3>Flucht im letzten Moment</h3>
<p>Der »unbekannte Kamerad« saß zwar nicht, wie Hemingway vielleicht annahm, versteckt in einem Keller in Nazideutschland, doch die Umstände in Spanien waren kaum weniger dramatisch. Als die Faschisten im Januar 1939 vor Barcelona standen und die republikanischen Truppen die Stadt verließen, wären die verbliebenen Redaktionsmitglieder fast zurückgeblieben, wie sich Hans Teubner erinnerte: »Wir hörten das Krachen der Bomben bei uns in Barcelona. Aber da wir daran gewöhnt waren und wenig darauf achteten, merkten wir gar nicht, wie Barcelona bereits von den Faschisten umzingelt wurde. Als die republikanischen Truppen aus Barcelona herausgezogen wurden, wurden wir das nicht gewahr. Man hatte uns bei der Evakuierung faktisch vergessen. So verdanken es Erich Glückauf, Lotte Spangenberg und ich einem glücklichen Umstand, dass wir, nachdem wir eiligst noch unsere Materialien vernichtet und unsere Geräte zerstört hatten, mit einem der allerletzten Lastwagen aus der Stadt herauskamen.«²⁰ Der Sprecher Hanns Maaßen in Madrid setzte die Arbeit noch einige Wochen fort, nun fast vollständig auf sich allein gestellt. Als die spanische Hauptstadt im März 1939 fiel, geriet er in Gefangenschaft der Franco-Faschisten, aus der er erst 1946 nach internationalem Druck freigelassen wurde. Es blieb aber unentdeckt, dass er etwas mit dem <em>Freiheitssender</em> zu tun gehabt hatte.</p>
<p>Anmerkungen:</p>
<p>1 Hans Maaßen: »29,8« in aller Munde; in: Erinnerungen sozialistischer Rundfunkpioniere, Berlin/DDR 1975, S. 191</p>
<p>2 Hans Teubner: In deutscher Nacht auf Welle 29,8; in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1971), Nr. 4, S. 30</p>
<p>3 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k86646765/f4.item" target="_blank" rel="noopener"><em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 18.4.1937, S. 4</a></p>
<p>4 <a href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=NV07041&amp;page=3" target="_blank" rel="noopener">Rotbart – Alte Sage, neu ausgerichtet, <em>Neuer Vorwärts</em>, 8.10.1939, S. 4</a></p>
<p>5 <a href="https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=st17074&amp;page=4" target="_blank" rel="noopener"><em>Sozialdemokrat</em>, 27.3.1937, S. 5</a></p>
<p>6 <a href="https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/be42c4cb-0a02-4ab5-a07c-2c97c7807175/" target="_blank" rel="noopener">Jahreslagebericht 1937 des SD, Abt. II 121, vom 2.2.1938, Bundsarchiv R 58/2456, Bl. 18F</a></p>
<p>7 Vgl. Teubner (Anm. 2), S. 9 f.</p>
<p>8 Ebd., S. 10</p>
<p>9 Maaßen (Anm. 1), S. 191 f.</p>
<p>10 Vgl. Valencia y la República: Callejero; <a href="https://www.uv.es/republica/plano/calle/calle3.htm" target="_blank" rel="noopener">https://www.uv.es/republica/plano/calle/calle3.htm</a></p>
<p>11 Vgl. Hans Teubner: In deutscher Nacht auf Welle 29,8; in: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1971), Nr. 4, S. 10f.</p>
<p>12 Der Schulstreik von Frankenholz, <a href="https://kurzelinks.de/Schulstreik" target="_blank" rel="noopener">https://kurzelinks.de/Schulstreik</a></p>
<p>13 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k93789039/f7.item" target="_blank" rel="noopener"><em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 28.3.1937, S. 7</a></p>
<p>14 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k93789462/f1.item" target="_blank" rel="noopener"><em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 20.11.1938, S. 1</a></p>
<p>15 Hans Sarkowicz; Michael Crone (Hg.): Der Kampf um die Ätherwellen (Tondokumente), Frankfurt/M. 1990, Kassette 1</p>
<p>16 Einige Hauptpunkte über das Schreiben von Radiovorträgen und Berichten. In: <em>Beiträge zur Geschichte des Rundfunks</em> (1971), Nr. 4, S. 48 ff.</p>
<p>17 Bertolt Brecht: Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen; in: ders., Gesammelte Werke, Frankfurt/M. 1967, Bd. 19, S. 403</p>
<p>18 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8664710r/f7.item" target="_blank" rel="noopener">Frans Masereel: Eine Ansprache an die Deutschen, <em>Deutsche Volks-Zeitung</em>, 7.8.1938, S. 7</a></p>
<p>19 <a href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8664719g/f1.item" target="_blank" rel="noopener">Ernest Hemingway: Man kann ein gescheites Volk nicht ewig verdummen, <em>Deutsche Volks-Zeitung</em> 11.12.1938, S. 1</a></p>
<p>20 Teubner (Anm. 2), S. 45</p>
<p>Erschienen am 23. März 2023 in der <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/447412.rundfunkgeschichte-die-kommunistische-partei-spricht-zu-euch.html" target="_blank" rel="noopener">Tageszeitung junge Welt</a></p>
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