Andrés Blog
Ein paar Notizen aus dem Alltag
Montag 27 Dezember 2010
Erster Teil (27.12.2010, 15.46 Uhr, mehr oder weniger kurz vor Göttingen)
Stolz vermeldete die Bahn am 27. Dezember im „Hamburger Abendblatt“, der Zugverkehr habe sich über die Weihnachtsfeiertage wieder normalisiert, am Vortag seien die meisten Züge vom Hamburger Hauptbahnhof aus pünktlich abgefahren. Das setzte sich am 27.12. durchaus fort: unser Zug fuhr nahezu pünktlich ab. Aber eine Verspätung war bereits einkalkuliert, denn der Zug sollte zusätzlich in Lüneburg, Celle und Uelzen halten. Der Grund wurde nicht mitgeteilt, aber offenbar sollten Fahrgäste aus einem ausgefallenen Zug mitgenommen werden.
Wer in diesem ausgefallenen Zug gesessen hat, und sich nun über die neue Reisemöglichkeit freute, geriet vom Regen (Schnee) in die Traufe. Noch vor Göttingen setzte ein Eiszapfen dem ICE von Hamburg nach München über Augsburg außer Betrieb. Der herunterfallene Zapfen hatte offenbar einen Luftschlauch erwischt, den die ICE-Lok zum Hochfahren des Stromabnehmers braucht. Zunächst probierte der Lokführer selbst, den Schaden zu operieren. Als das nicht gelang, begannen die Verhandlungen zwischen Zug und Betriebsleitung. Zunächst hieß es, der Zug werde durch eine
Diesellok nach Göttingen abgeschleppt, dort könne man dann in einen „bereitstehenden Ersatzzug“ umsteigen. Doch das wäre wohl zu einfach gewesen. So entschied sich die Bahn für die spektakuläre Variante. Ein anderer ICE wurde neben unserem Zug zum Halten gebracht – nicht etwa ein leerer Ersatzzug, sondern ein anderer regulärer Zug nach München. Zwischen beiden Zügen wurden Brücken ausgeklappt, über die jeder einzelne Passagier nebst Gepäck (wir hatten gerade Weihnachten) spazieren durfte: Kinder, Alte, Vielreisende, Anfänger, Hektiker, Ruhepole,...
Wie gesagt, der andere Zug war bereits gut gefüllt, nur in der 1. Klasse gab es noch ein paar Sitzplätze – und immerhin Strom für diesen Eintrag, denn der andere hatte keine Steckdosen.
Übrigens fährt der Zug, in dem ich jetzt sitze, gar nicht über Augsburg, sondern über Ingolstadt und München. Also dürfte sich das Abenteuer Bahn AG noch einige Zeit fortsetzen. Das Management dieses Unternehmens hat sich jedenfalls bereits den goldenen Eiszapfen verdient.
Zweiter Teil (27.12., ca. 18 Uhr, zwischen Fulda und Würzburg)
Wo steige ich in einen Zug nach Augsburg um? Der, in dem ich dank Brückenbalancieren gelandet war, fuhr ja mal wieder in großem Bogen an meinem Ziel vorbei, um der zwei Jahre nach ihrer Einweihung schon wieder maroden „Hochgeschwindigkeitsstrecke“ über Ingolstadt den letzten Rest zu geben. Der Schaffner war auch keine große Hilfe: in Fulda, in Würzburg oder in Nürnberg gibt es Möglichkeiten. Was der Mensch ebensowenig wusste wie das Internetportal der Bahn: Der eigentlich um 17.56 Uhr in Fulda haltende ICE nach Augsburg hatte – wie so ziemlich alle Züge im Moment – ebenfalls 60 Minuten Verspätung. Als diese Ansage am Bahnsteig ertönte, war mein Zug natürlich längst weitergefahren. Also nahm ich einen anderen Zug nach München, der mit ebenfalls einer knappen Stunde Verspätung am selben Bahnsteig hielt. Und jetzt? Ich werde wohl in Nürnberg umsteigen, von dort müsste es ja irgendeine Regionalbahn geben...
Immerhin habe ich wieder einen Sitzplatz und Strom und die Heizung funktioniert – bei der Bahn ist man ja mittlerweile schon mit den kleinen Dingen zufrieden. Aber noch bin ich ja nicht angekommen...
Epilog
… Angekommen bin ich dann nach weiterem Umsteigen in Nürnberg und Treuchtlingen per Regionalbahn um 21.30 Uhr in Augsburg Hauptbahnhof. Zehneinhalb Stunden Fahrtzeit, fünf Stunden länger als geplant. Aber hauptsache, die Deutsche Börse ist warm und pünktlich...
Donnerstag 09 Dezember 2010
Natürlich kann niemand damit rechnen, dass es im Dezember schneit, es sind ja sogar noch zwei Wochen bis Weihnachten. Und wenn es schon schneit, dass dann auch noch Minusgrade herrschen. Die Bahn hat heute mal wieder demonstriert, warum sie ihr altes Werbeplakat mit dem durch den Schnee fahrenden Zug und dem Slogan „Alle reden vom Wetter – wir nicht“ schon länger nicht mehr einsetzt.
Ich bin heute mal wieder nach Augsburg gefahren. Während im Internet überraschenderweise versprochen wurde, der ICE werde pünktlich abfahren (für den Rest der Strecke gab es „keine Angaben“), hieß es am Berliner Hauptbahnhof dann schon mal 30 Minuten Verspätung. Einen Kaffee in der VIP-Lounge? Nö, die hatte heute „wegen Umbau“ geschlossen, zwei Bedienstete standen mit Kaffeepötten in der zugigen Halle vor der Tür – ein dürftiger Ersatz. Das Timing der Bahn mal wieder brilliant.
Statt um 15.52 Uhr versammelten sich also eine halbe Stunde später Hunderte Menschen am Bahnsteig 2 um des Zuges zu harren, der dort kommen sollte. Der letzte Zug am Tag, mit dem Augsburg ohne Umsteigen zu erreichen ist. Auch nach einer Verspätung von über 40 Minuten versprach die Anzeigentafel nach wie vor „30 Minuten Verspätung“, und zwar wegen „verspäteter Abfahrt“ - und wegen „Wendeleistung“. Was auch immer das heißen mag. Gibt die Bahn AG endlich zu, dass Zugfahren zu Zeiten der DDR-Reichsbahn vernünftiger lief? Tatsächlich ist das voll auf Börsenkurs getrimmte „Unternehmen Zukunft“ eine echte „Wendeleistung“. Da braucht's auch keine Mauer mehr.
Irgendwann lief ein Zug ein, der ICE aus München, laut Anzeigentafel mit „zwei Stunden Verspätung“, tatsächlich hätte er schon vor über drei Stunden Berlin erreichen sollen. Dazu Verwirrung auf dem Gleis: Sollen wir in den einsteigen, obwohl „Zug endet hier, bitte nicht einsteigen“ eingeblendet war? Die Ansagestimme war seit einer Viertelstunde damit beschäftigt, in Deutsch und Englisch ein- ums andere Mal zu verkünden, dass der Zug nach Prag heute von Gleis 3 fährt und der Zug aus Hamburg eine Viertelstunde später eintreffen würde, weil man noch auf Anschlussreisende gewartet habe. Irgendwann dann doch der Hinweis, dass der eingefahrene Zug ungereinigt und ohne Pause für das Personal direkt wieder nach München zurückfahren werde.
Mittlerweile hatte die Verspätung bereits eine knappe Stunde erreicht. Doch endlich ging es los, und sogar die Toiletten waren noch funktionstüchtig, am Platz funktionierte die Stromversorgung für den Laptop und sogar die Heizung war nicht ausgefallen. Man freut sich heutzutage ja über die kleinen Dinge...
...bis die Bahn dann in Leipzig mit einer neuen Überraschung aufwartete. Wörtlich erklang die Ansage: „Der wichtigste Mann ist noch nicht da, der Lokführer. Deshalb verzögert sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit.“ Die Verspätung wuchs weiter und weiter, als wir Leipzig verließen, waren wir schon bei über 90 Minuten angelangt. Was der Schnee, vulgo „die Witterungsverhältnisse“, damit zu tun haben, dass die Bahn nicht genügend Züge hat, um am Berliner Hauptbahnhof einen Ersatzzug einsetzen zu können, wenn der andere drei Stunden Verspätung hat, und warum das Unternehmen nicht in der Lage ist, einen Lokführer pünktlich zu seinem Zug zu bekommen, wurde uns leider nicht mitgeteilt.
Weiter tuckerte der „Hochgeschwindigkeitszug“ durch die Winterlandschaft, von der man mangels Tageslicht natürlich nichts sehen konnte. Allmählich, ganz allmählich, schien ein Ende der Fahrt absehbar zu werden. Dann, kurz vor Erlangen, die nächste Überraschung. Der Zug wird umgeleitet von Nürnberg über Ingolstadt direkt nach München, nicht jedoch über Augsburg. Viele Passagiere nutzen den Zug um „planmäßig 15.52 Uhr“, weil er, wie gesagt, der letzte ist, der von Berlin aus ohne Umsteigen nach Augsburg fährt. Nun aber wurden alle, die nicht nach München wollten, einfach ins Schneetreiben aus dem Zug geworfen. Bitte Umsteigen in die Regionalbahn. Die sei genauso schnell wie der ICE, wenn er nach Augsburg fahren würde. Das ist also der Grund, warum der ICE deutlich teurer ist?
Also rein in die Winterklamotten, alles zusammengepackt, raus auf den Bahnsteig, rüber zum anderen Gleis und rein in die Regionalbahn. Dann die Ansage: Die Abfahrt des Zuges verzögert sich um etwa zehn Minuten, wir warten noch auf Anschlussreisende. Die zehn Minuten sind mittlerweile seit einiger Zeit verstrichen, aber wir stehen noch immer in Nürnberg...
Die Deutsche Bahn macht sich immer mehr Freunde...
Freitag 15 Oktober 2010
Der Zug, der mich von Berlin nach Hamburg bringen soll, ist ein ICE. Angeblich jedenfalls. Tatsächlich strahlen die von einer roten Diesellok gezogenen Wagen eher eine Atmosphäre aus, die an alte Transitzeiten erinnern. Hübsch in braun getäfelt und mit Aschenbechern in den Armlehnen. Ob die Deutsche Bahn AG versehentlich Waggons aus dem Orientexpress angekoppelt hat? Trotzdem will man natürlich den vollen ICE-Preis haben...
Der Zug ist so alt, dass er noch nicht über diese herzallerliebst flimmernden Anzeigetafeln für Platzreservierungen verfügt, diese wurden wie anno dazumal auf kleinen Papierschnipseln angezeigt. Wohl dem, der eine Brille auf der kurzsichtigen Nase sitzen hat. Meine Reservierung war brav angeschlagen, aber das war offenbar nicht an allen Plätzen der Fall. Unmittelbar hinter mir lieferten sich zwei Fahrgäste einen äußerst amüsantes Showkampf. Der eine hatte sich auf den Platz gesetzt, an dem keine Reservierung angezeigt war. Kurz darauf kam der andere, der diesen Platz für teures Geld reserviert hatte und bat darum, den Platz freizugeben. Doch der Sitzende stellte sich stur und behauptete: Wenn nichts angezeigt ist, kann ich mich hier hinsetzen. Obwohl um diesen Doppelsitz herum wohl ein halbes Dutzend Sitze frei war, steigerte sich die Diskussion in zunehmende Lautststärke, und sogar zwei Schaffner konnten die Gemüter nicht beruhigen.
Das sind wohl die berühmten Sekundärtugenden, mit denen man auch ein KZ führen kann, wie Oskar Lafontaine einst mal formuliert hat. Treue zur heiligen Schrift und eisernes Beharren auf die erkämpften Positionen – der Dschihad des gemeinen Bahnreisenden.
Übrigens: Wir waren gerade losgefahren, da kam eine Ansage durch den Zug. Die Bundespolizei habe sich gemeldet, auf dem Bahnsteig in Berlin-Hauptbahnhof sei ein herrenloses Gepäckstück gefunden worden. Alle Passagiere möchten doch bitte nachsehen, ob sie ihr Gepäck vollständig dabei haben und sich ggf. melden, denn: „Der Berliner Hauptbahnhof steht kurz vor einer Vollsperrung“!
by JooForge