Comandante im Originalton

Mit seinem dicken Interviewbuch »Hundert Stunden mit Fidel«, das 2008 in deutscher Sprache unter dem Titel »Fidel Castro – Mein Leben« erschien, hat der französische Journalist Ignacio Ramonet Maßstäbe gesetzt. Kaum war dieses umfangreiche Projekt vollendet, nahm er sich die nächste Mammutaufgabe vor: Gespräche mit dem damaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez. Auf der Grundlage von 200 Stunden Interviews ist so die bislang umfassendste Biographie des im vergangenen Jahr verstorbenen Staatsmannes entstanden, die Mitte 2013 in Lateinamerika und Anfang 2014 in Spanien in spanischer Sprache erschien. Nun liegt unter dem Namen »Mein erstes Leben« die deutschsprachige Fassung vor.

Hugo Chávez berichtet in dem mehr als 600 Seiten starken Werk detailliert über seine Entwicklung vom kleinen Jungen, der in dem Örtchen Sabaneta durch den Verkauf von Süßigkeiten zum Lebensunterhalt seiner Familie beiträgt, zum bolivarischen Revolutionär, der 1992 versucht, die Regierung zu stürzen und 1998 selbst zum Präsidenten gewählt wird. Vor uns liegt die Autobiographie des Comandante, die es ohne die Arbeit Ramonets mit Sicherheit nicht gegeben hätte. Selbst wenn Chávez die Zeit noch geblieben wäre – auch Fidel Castro hat bislang keine echte Autobiographie vorgelegt -, hätte er sich vermutlich niemals für Monate ins stille Kämmerlein zurückgezogen, um seine Erinnerungen zu sortieren. Es wäre bei den Erzählungen geblieben, die er immer wieder in seine langen Reden eingeflochten hat.

Davor hat uns Ramonet mit seinen Fragen und mit dem Redigieren des Textes bewahrt. Vor uns liegt Chávez im Originalton. Das ist zugleich die Stärke wie auch die Schwäche des Buches. Dokumentarisch ist das Werk ebenso wie die in Venezuela herausgegebenen Sammelbände seiner Reden von unschätzbarem Wert. Doch dieser Lebensbericht unterscheidet sich eben doch grundsätzlich von einer Autobiographie – er bleibt ein Interview. Ramonet schreibt in seiner Einleitung zu dem Buch selbst, dass Chávez den Text nicht mehr redigiert hat: »Wir sprachen auch über das Buch. Er hatte es offensichtlich wiederholt gelesen, denn er merkte an, dass >es sehr schön geworden ist, aber vielleicht doch ein bisschen lang, oder?< Er hatte es auch Fidel Castro zu lesen gegeben und berichtete mir: >Weißt du, was mir Fidel gesagt hat? Als wir über das Buch sprachen, berichtete ich ihm, dass du noch einmal kommen würdest, und er sagte: >Chávez, mach’ nicht das Gleiche wie ich. Lass’ Ramonet seine Arbeit machen. Denn ich kenne dich, du wirst keine Zeit dafür haben. Wenn sie dir diese Druckfahnen geben, wirst du ein anderes Buch schreiben. Überlass’ das ihm und seiner Kreativität.< (…) Also werde ich seinem klugen Rat folgen, denn mir fehlt wirklich die Zeit. Du hast großartige Arbeit geleistet und schreibst sehr gut. Aber ich bin so pingelig, dass ich dich verrückt machen würde, wenn ich mit dem Korrigieren anfange. Und außerdem bleibt mir keine Zeit mehr.«

Durch diese Unmittelbarkeit ist viel vom echten Chávez erhalten geblieben. Aber das Buch spiegelt so auch die jeweilige Tagesstimmung des venezolanischen Präsidenten wider. So liefert er – von Ramonet bestärkt – sehr kritische Einschätzungen über die mit seiner eigenen Organisation verbündeten Linksparteien, etwa die Kommunistische Partei Venezuelas (PCV), Heimatland für alle (PPT) und andere. So heißt es, diese hätten sich seinem Wahlkampf 1998 erst angeschlossen, als sich sein Sieg abgezeichnet habe, um Pöstchen in seinem Kabinett zu ergattern. Die Kommunisten seien sogar nur deshalb aus der Regierung des Präsidenten Rafael Caldera ausgestiegen.

Hätte Chávez diesen Text noch einmal überarbeitet oder hätte Ramonet in diesem und anderen Punkten kritischer nachgefragt, hätten historische Ungenauigkeiten korrigiert werden können. Die PCV hatte 1993, wie ein Großteil der venezolanischen Linken, die Kandidatur des damals schon alten Politveterans Caldera unterstützt, der mit einem progressiven Programm antrat und unter anderem eine Amnestie für Hugo Chávez und dessen Mitkämpfer versprochen hatte, die nach dem gescheiterten Aufstand vom 4. Februar 1992 im Gefängnis saßen. Die PCV kündigte die parlamentarische Unterstützung Calderas jedoch schon wenige Monate nach dessen Amtsübernahme auf, als dieser einen neoliberalen Schwenk vollzog. An anderen Stellen des Interviews erkennt Chávez dagegen durchaus die revolutionäre Rolle der venezolanischen Kommunisten an, von denen seine eigene MBR-200 im Untergrund sogar die Organisationsweise abgeguckt habe.

Für Historiker und andere an der jüngeren Geschichte Venezuelas interessierte Leser ist »Mein erstes Leben« auf diese Weise eine große Fundgrube für Informationen. Trotzdem sollte nicht jede einzelne Aussage in diesem Buch mit einer wissenschaftlich gesicherten Wiedergabe historischer Fakten verwechselt werden. Es sind die Erinnerungen eines Mannes – nicht mehr und nicht weniger. Und gerade deshalb sehr lesenswert.

Dazu trägt auch die Qualität der Übersetzung und des Lektorats des Buches bei. Unverständlich ist allerdings, warum in der deutschen Fassung einige Namen und Daten falsch geschrieben sind, die im spanischsprachigen Original korrekt zu finden sind. So heißt Caldera in der deutschsprachigen Einleitung »Raphael«, während er im hinteren Teil des Werks korrekt »Rafael« geschrieben wird. In der Originalausgabe ist auch in der Einleitung die richtige Schreibweise gebraucht worden. Ein einheitliches Herangehen an die Namen der venezolanischen Parteien ist ebenfalls nicht erkennbar. So wird »La Causa R« durchgehend mit ihrem spanischsprachigen Namen bezeichnet, während die maoistische »Bandera Roja« immer – korrekt übersetzt – als »Rote Fahne« erscheint. Auch fand der Putsch gegen Chávez nicht am 12. April 2002 statt, sondern bereits einen Tag früher. Trotzdem: Wer in den vergangenen Jahren die Entwicklungen in Venezuela verfolgt hat, wird sich in diesem Buch schnell festlesen.

Ignacio Ramonet: Hugo Chávez. Mein erstes Leben. Gespräche. Aus dem Spanischen von Harald Neuber. Verlag Neues Leben: Berlin 2014, 640 S., geb., mit Schutzumschlag, mit Bildteil, 24,99 Euro

Erschienen am 15. Dezember 2014 in der Tageszeitung junge Welt