»Wir waren nie das Sprachrohr der FARC«

Joaquín Pérez Becerra ist Direktor der seit 1996 von Schweden aus arbeitenden Alternativen Nachrichtenagentur Neues Kolumbien, Anncol (www.anncol.eu)

Sie betreiben die Alternative Nachrichtenagentur Neues Kolumbien, Anncol. Sie war besonders während der Friedensverhandlungen zwischen der Regierung in Bogotá und der FARC-Guerilla wichtig. Welche Rolle spielt sie nun?

Wir berichten für jeden zugänglich über aktuelle Ereignisse. Damit verändert sich unsere Aufgabe nicht, auch wenn es keine Friedensverhandlungen mehr gibt. Die Bürger haben ein Recht auf Information, das gilt in Zeiten des Friedens ebenso wie in Zeiten des Krieges. Heute sehen wir unsere Aufgabe darin, konstruktiv und zugleich kritisch die Umsetzung des zwischen den FARC und der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos ausgehandelten Abkommens zu begleiten. Unsere Leser sollen dabei Inhalte vermittelt bekommen, die den Weg zu einer gerechten Gesellschaft ohne Ausgrenzung unterstützen.

Lange Zeit wurde Anncol in den internationalen Medien als Sprachrohr der FARC betrachtet. Waren Sie das?

Wir waren niemals das Sprachrohr von irgend jemanden, von keiner Partei oder Organisation. Wir sind eine Brücke zwischen den Kämpfen des kolumbianischen Volkes in seinen verschiedenen Ausdrucksformen und der nationalen wie internationalen Gemeinschaft. Der kolumbianische Staat nutzt allerdings viele Methoden, um Medien zum Schweigen zu bringen, die nicht in seinem Sinne arbeiten. Dazu gehört auch Hetze, um das Opfer später juristisch verfolgen zu können. So saß ich selbst als Direktor von Anncol 39 Monate lang in Kolumbien im Gefängnis.

Wie hat es die Agentur trotzdem geschafft, die ständigen Angriffe zu überstehen?

Entscheidend dafür waren unsere Standfestigkeit, die Treue zu unseren Ideen und unsere politische Ausbildung. Hinzu kommt die internationale Solidarität und Unterstützung. Wir können stolz darauf sein, dass der kolumbianische Staat sein Hauptziel nicht erreicht hat, nämlich die Agentur Anncol so lange unter Druck zu setzen, bis sie vollständig verschwunden wäre.

Anncol ist jedoch nicht das einzige Alternativmedium in Kolumbien. Wie unterscheiden Sie sich von anderen Angeboten? Und ist es kein Problem, dass Sie vom europäischen Exil aus arbeiten?

Jedes Portal macht seine Arbeit und unterscheidet sich von anderen durch seine ideologischen Grundlage und seinen politischen Kontext. In unserem Fall ist das der Marxismus-Leninismus und das bolivarische Gedankengut. Anncol gehört zu den Pionieren der digitalen Informationsarbeit, und unsere Beharrlichkeit hat dazu geführt, dass wir viele Schichten der Gesellschaft erreicht haben. Wir konnten die Mauer der manipulierten Desinformation aus der Casa de Nariño, dem Sitz der Regierung, und aus den Botschaften Kolumbiens in aller Welt durchbrechen. Es war für uns dabei kein Hindernis, dass wir unsere Arbeit aus dem Exil in Europa leisten mussten.

Vor wenigen Tagen haben deutsche Unterstützer eine Solidaritätskampagne für Anncol gestartet. Worum geht es dabei?

Das Betreiben einer Internetseite verursacht Kosten, nicht nur für den Server, sondern auch für die Aktualisierung der Gestaltung und neue Technik, etwa Multimedia-Inhalte, sowie für die Präsenz in den sozialen Netzwerken. Die Stigmatisierung von Anncol aufgrund ihrer angeblichen Verbindungen zu den aufständischen Organisationen hat uns viele Möglichkeiten verschlossen, Geld einzunehmen. Deshalb haben wir unsere Freundinnen und Freunde um Unterstützung gebeten, denn Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.

Solikampagne: kurzlink.de/anncol