Strategie des Terrors

In Venezuela ist die Zahl der in Folge der Gewaltwelle in den vergangenen Wochen getöteten Menschen auf 21 gestiegen. Am Sonntag (Ortszeit) erlag Almelina Carrillo im Krankenhaus den schweren Verletzungen, die sie am vergangenen Mittwoch am Rande einer Demonstration von Chavistas erlitten hatte. Aus einem nahen Hochhaus hatten mutmaßliche Regierungsgegner Flaschen und andere Gegenstände aus den Fenstern auf die Demonstranten geworfen, eine traf die 47jährige.

Die Bilder der schwer verletzten Frau kursierten schon unmittelbar nach dem Ereignis im Internet. So veröffentlichte das Portal El Cooperante das Foto unter der Überschrift »Angriff auf das Volk« – und behauptete, dass die Attacke einer »Oppositionsdemonstration« gegolten habe. Ähnlich berichtete auch der von Kolumbien aus gegen Venezuelas Regierung hetzende Propagandasender NTN24. Die Nachrichtenagentur AFP meldete am Montag zwar, dass die Getötete eine Anhängerin von Präsident Nicolás Maduro war, unterschlug jedoch die Hintergründe. Sie sei »durch einen Flaschenwurf bei einer Demonstration am 19. April« verletzt worden, hieß es in der Meldung lediglich. Reuters und dpa hielten den Tod der Frau nicht für wichtig genug, um sie in einer Nachricht zu erwähnen.

Ein genauerer Blick auf die Bilanz der Gewalt ist bei den bürgerlichen Medien unerwünscht, denn das Ergebnis würde der allgemein verbreiteten Darstellung widersprechen, es handle sich vor allem um oppositionelle Demonstranten, die Opfer von Polizei und chavistischen Gruppen wurden. Wie aus einer Aufstellung des vom Kulturministerium betriebenen Rundfunksenders Alba Ciudad hervorgeht, starben 13 der 21 bekannten Opfer bei der Plünderung von Geschäften, neun von ihnen durch Stromschläge. Andere Opfer waren unter anderem ein aus dem Hinterhalt erschossener Beamter der Nationalgarde oder ein Motorradfahrer, der von militanten Regierungsgegnern ermordet wurde, weil er eine Barrikade ignoriert hatte. Nur in zwei Fällen wird bislang davon ausgegangen, dass die Sicherheitskräfte für den Tod der Demonstranten verantwortlich waren. Als Reaktion darauf wurden 16 Polizisten in Haft genommen, die Untersuchungen laufen.

Mit Schweigen überging der internationale Mainstream auch den Tod von zwei weiteren Regierungsanhängern, die am Wochenende Opfer von Gewalttaten wurden. Am Sonntag wurde in Ciudad Guayana der Leichnam von Esmín Ramírez entdeckt. Wie das Onlineportal Primicia berichtete, hatte der Gewerkschafter, der im staatlichen Bergbauunternehmen Ferrominera beschäftigt war, zusammen mit einem Kollegen nach einem Treffen von Funktionären der Arbeitervertretung in einem Geschäft Hühnchen kaufen wollen. Dort wurden sie von den Tätern überwältigt und entführt. Kurz darauf wurde Ramírez’ Begleiter aufgefordert, den Wagen zu verlassen, denn »Es geht nicht um dich«. Zwar holte er sofort Hilfe, doch Ramírez konnte nur noch ermordet aufgefunden werden. Die Umstände sprechen dafür, dass der als Linker bekannte und bei den Rechten verhasste Gewerkschafter das Opfer eines politisch motivierten Verbrechens wurde.

Ebenfalls am Wochenende wurde in Valles del Tuy die 48jährige Jackeline Ortega ermordet. Wie die Tageszeitung El Universal informierte, befand sich die Aktivistin der Regierungspartei PSUV mit rund 30 weiteren Menschen in der Umgebung ihres Hauses, als sich vier maskierte Männer auf zwei Motorrädern näherten und das Feuer auf die Frau eröffneten. Die Hintergründe dieses Verbrechens sind noch unklar. Der Informationsdienst Resumen Latinoamericano kommentierte, die rechte Opposition sei dazu übergegangen, gezielt bekannte Vertreter des Regierungslagers umzubringen. Anhänger der Regierung machen aus Kolumbien nach Venezuela eingedrungene Paramilitärs für die Zunahme von Gewaltverbrechen verantwortlich. Die Hauptstadt Caracas gilt als die gefährlichste Metropole des Kontinents.

Erschienen am 25. April 2017 in der Tageszeitung junge Welt